Die Entdeckungsreise

Eine Fotografie erlaube, ‘die Zeit zu sehen’, las er bei Aumont.

Er hielt inne, dachte an eine schwarz/weiss Aufnahme, auf die er beim Räumen der elterlichen Wohnung gestossen, und die seine Mutter zusammen mit ihren drei Geschwistern zeigte. Links aussen die grossgewachsene, ältere Schwester, Maria, mit dem ältesten Bruder, dem schlaksigen Robert, an ihrer Seite, gefolgt von Helena, der Mutter, ganz nahe bei Franz, dem Jüngsten, stehend. Nie war ihm bewusster, dass seine Mutter einmal ein junges Mädchen gewesen.
Er wusste, dass Maria, seine Gotte, Grossvaters Liebling war, und dass die Mutter sich schon früh hatte wehren müssen, um nicht, wie sie sagte, zu kurz zu kommen. Franz, sein Götti, stand Helena am nächsten, auch auf dem Foto.

Er hatte sich Helenas Aufwachsen aus bruchstückhaften Schilderungen, die sie meist widerstrebend und häufig erst auf Nachhaken preisgab, zusammengereimt. Sie mochte kein Aufhebens machen. Die Bilder, die sich nach und nach in seinem Kopf festgesetzt, sah er jetzt auch auf dem Foto.

Hubert erinnerte sich an eine Stelle in Robert Pirsigs ‘Lila’: Phaedrus, der Protagonist der Geschichte, stiess bei der Segel-Lektüre auf eine Beschreibung des green flash der Sonne. Er wunderte sich, was das nun wieder war. Wieso hatte er diesen nicht gesehen? Er war sich sicher, dass er diesen green flash der Sonne noch nie gesehen hatte. Doch er musste ihn gesehen haben. Doch wenn er ihn gesehen hatte, wie kam es dann, dass er ihn doch nicht sah? …Er sah den green flash nicht, weil ihm nie gesagt worden war, ihn zu sehen … Die Kultur hatte ihm von dem green flash nicht erzählt, und so hatte er ihn auch nicht gesehen. Hätte er dieses Buch übers Segeln nicht gelesen, da war er sich sicher, hätte er wohl auch nie diesen green flash gesehen.

Hubert schätzte Pirsig sehr, sein ‘Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten’ war eines der wenigen Bücher, das er mehrmals gelesen hatte. Es handelte von einer Motorradfahrt durch Amerika, einer Fahrt, die dem Autor den ruhigen Geist verschaffte, der nötig ist, wenn man den Versuch wagt, Qualität zu definieren. Er erkannte dabei, dass wir zwar alle instinktiv fühlen, was Qualität ist, doch nicht in der Lage sind, sie rational zu fassen.

Plötzlich durchfuhr Hubert ein eigenartiges Glücksgefühl. Bei seiner Beschäftigung mit Fotografie war er auch auf einen Gedanken gestossen, der gleichzeitig bestechend einfach und ihm so gänzlich neu war, dass er ihn in höchstem Grade verblüfft zur Kenntnis nahm: Verstehen sei ein Gefühl, hiess es da. Das war auch Pirsigs Wahrheit! Hubert konnte sich nicht erinnern, jemals reiner und klarer empfunden zu haben..

Das Glücksgefühl hielt Wochen und Monate an, erst als seine Arbeit über Dokumentar-Fotografie fertiggestellt und sein Geist sich wieder mit Anderem beschäftigte, begann es abzunehmen, bis es schliesslich fast gänzlich verschwand. Nur noch gelegentlich, und auch dann nur ganz flüchtig, erreichte ihn die Erkenntnis, dass, um eine Sache zu verstehen, man sie fühlen müsse.

Jetzt, wo er nicht mehr mit einer einzigen Sache befasst war, fiel er wieder auf sein altes Zweifeln zurück. Die Stimme in seinem Kopf war laut, auflehnend und sie war voller Ärger: ‘Ich will nicht sehen, was andere sagen, dass ich sehen soll. Ich will sehen, was ich will.’
Wenn er mit seiner Frau durch die Strassen von Bellinzona spazierte, entdeckte er regelmässig, auch nach einem Jahr Aufenthalt in der Stadt, immer wieder architektonische Besonderheiten, die ihn zum Staunen brachten, nicht weil diese so aussergewöhnlich gewesen wären, mehr weil er sie bis anhin, obwohl er doch schon unzählige Male diese Wege gegangen, noch nie bewusst wahrgenommen hatte. Seiner Frau ging es ebenso, und so machten sie es sich zum Spiel, einander auf Erker, Dächer, Fenster, Türen, Balkone, Treppen und andere Dinge mehr hinzuweisen, an denen sie vorher achtlos vorbeigegangen waren.

Einige Jahre zuvor, er war damals noch nicht verheiratet, machte Hubert zusammen mit einem Schulkameraden aus dem Gymnasium, der inzwischen Kunsthistoriker geworden und in Chur ein eigenes Büro betrieb, Ausflüge ins Bündnerland. Der Kunsthistoriker wies ihn auf Bauten hin, die Hubert wohl gar nie aufgefallen wären, vor allem jedoch erzählte er ihm Geschichten von Architekten, von Stilen, von Epochen; er liess Hubert an seiner Welt teilhaben, engagiert und eloquent, Hubert fühlte sich beschenkt.

An diese Zeit dachte Hubert manchmal, wenn er mit seiner Frau durch die Strassen von Bellinzona spazierte. Und so sehr ihn diese Gänge auch beglückten, er wusste, dass ihm allzuviel entging, weil er darauf beharrte, sich nichts zeigen zu lassen, die Dinge selber entdecken zu wollen.

In Cardiff war Hubert einmal mit Daniel, dem Fotografie-Dozenten, zum Mittagessen gegangen. Daniel redete von Greil Marcus, der Hubert bislang nur als Musik-Journalist ein Begriff war, und dessen Buch ‘The Dustbin of History’, einer Sammlung von Essays über Bücher, Musik und Filme. Dass Fotografie etwas mit Rockmusik, dem Ein und Alles seiner Jugend, zu tun haben könnte, war Hubert neu, es elektrisierte ihn.

Er solle seine eigene Geschichte in seine Arbeit einbringen, hatte ihm Daniel geraten. Und Hubert tat für einmal wie geheissen. Eine Welt tat sich ihm auf. Das Vorwort von Robert Franks ‘The Americans’ stammte von Jack Kerouac, Kerouac hatte er damals verschlungen, von Frank noch nie gehört.
Preisen will ich die grossen Männer’ von James Agee und Walker Evans befand sich sogar schon lange, ungelesen, in seinem Besitz. Der Autor Agee und der Fotograf Evans begaben sich 1936 in den Süden der Vereinigten Staaten, wo sie mehrere Wochen bei drei mausarmen Pächterfamilien verbrachten und deren Not dokumentierten. Hubert hatte das Buch einer lobenden Besprechung wegen erstanden, jetzt las er: ‘Vor allem: Haltet es in Gottes Namen nicht für Kunst. Jede Wut auf Erden ist mit der Zeit in der einen oder anderen Form als Kunst oder als Religion oder als Autorität aufgesaugt worden. Der vernichtendste Schlag, den der Feind der menschlichen Seele führen kann, ist der Wut Ehre zu erweisen. Swift, Blake, Beethoven, Christus, Joyce, Kafka, nennt mir einen, der nicht auf diese Weise verstümmelt wurde. Offizielle Billigung ist das eine unverkennbare Symptom, dass das Heil wieder Schläge einsteckt, und ist das sichere Zeichen für ein Missverständnis, und ist der Judaskuss.’

Da war sie wieder, diese radikale Subjektivität, die Hubert im Laufe der Jahre allmählich fast abhanden gekommen und die ihm doch immer so notwendiges Lebenselixier gewesen. Er empfand eine Energie in sich hochsteigen wie schon lange nicht mehr. Das hatte auch mit Daniel zu tun, hatte doch der ihn ermuntert, seine Arbeit zu einer Entdeckungsreise werden zu lassen.

In allem, was Hubert fortan sah, in allem, was er fortan las, sah er plötzlich einen Zusammenhang zur Fotografie. Er schrieb ohne Unterlass und zitierte aus der ‘Sun’ und aus der ‘Times’, von Szarkowski und von Seabrook, von Enzensberger und von Hobsbawm, aus ‘Visual Communication’ und aus ‘About this Life’.
Auf einmal fühlte er sich wieder aufgeregt wie als Kind. Und wollte davon erzählen, was er gefunden und entdeckt. Oft redete er auf Dimitrios von nebenan ein. Er kenne doch bestimmt diesen Satz, dass ein Bild mehr als tausend Worte sage? Also ein Schmarrn sei das, ein absoluter Schmarrn, denn es sei genau umgekehrt, man brauche in Tat und Wahrheit tausend Worte um ein Bild zu verstehen. Von dem Robert Capa gebe es doch dieses berühmte Bild aus dem spanischen Bürgerkrieg, wo ein Milizionär von einer Kugel tödlich getroffen zu Boden gehe. Wüssten wir das nicht, könnten wir das auch gar nicht sehen, vielleicht sähen wir dann einen Milizionär, der auf der glatten Erde ausrutscht.
Oder hier, ein anderes Beispiel. Im Buch von John Berger übers ‘Sehen’ zeige ein Gemälde eine Landschaft mit einem Kornfeld und auffliegenden Vögeln. Wende man die Seite um, sehe man wiederum dieselbe Reproduktion, doch diesmal begleitet von einem Text, der alles verändere: ‘Dieses Bild ist das letzte Werk Vincent van Goghs, bevor er Selbstmord verübte’. Nie mehr werde er jetzt dieses Bild mit denselben Augen wie noch gerade zuvor anschauen können, denn diese Information habe seine Wahrnehmung verändert, habe das Bild zur Illustration des Textes gemacht, führte Hubert triumphierend aus.

Im Fernsehen sah er einen Bericht über eine junge, an Aids erkrankte Mutter aus Malawi, deren kleiner Junge sich weinend an sie klammerte. Hubert trieb es die Tränen in die Augen. Hätte er nicht gewusst, dass die junge Frau bald sterben und der Bub dann ohne seine Mutter sein würde, hätte er das Bild wohl anders empfunden, hätte er womöglich einfach einen dieser unzähligen, quängelnden Buben wahrgenommen. Erst die Geschichte hinter dem Bild zeigte ihm das Foto, das er fühlen sollte.

Erwähnte Hubert Bekannten gegenüber, dass er sich für Fotografie interessiere, zeigten ihm diese manchmal voller Stolz ihre digitalen Geräte und was diese alles zu leisten vermochten. Und was man dann nachher alles noch am PC machen konnte. Für Hubert hatte das nichts mit Fotografie zu tun, das war Malerei, da ging es darum, die Welt am Bildschirm nach seinen eigenen Vorstellungen zu modellieren, während ihm selber darum zu tun war, aus seinem eigenen Kopf herauszukommen

Die Welt brauchte nicht erschaffen zu werden, sie war schon da, man brauchte sie nur entdecken zu wollen. Der Fotograf, den Hubert sich wünschte, hatte die Mentalität eines Kriegers, ob Mann oder Frau. Eine solche Person war ständig auf der Hut, aufmerksam und wach, schlief und ass nicht zuviel und nicht zuwenig, war da, gegenwärtig, hier und jetzt. Von einem solchen Menschen wollte sich Hubert Fotos ansehen.

Und auch von einem, der festhalten will, wie seine Familie aussieht. Damit er sich später erinnern konnte, wie es einmal gewesen.
Er griff von neuem zum Foto von seiner Mutter mit ihren Geschwistern. Er kannte die Geschichte hinter dem Bild. Und er fühlte, was er sah.