In Valparaiso und anderswo

Aufzeichnungen

Monat: Mai, 2012

GENUG

‚Warum müssen wir das eigentlich alles wissen? Die ganzen letzten Wochen gab’s nur zwei Themen, die Finanzkrise und die amerikanischen Wahlen. Warum müssen wir das wissen, was haben wir damit zu tun?’, fragt Daniele im Englisch-Konversationskurs. Daniele ist Anfang dreissig, hat ein abgeschlossenes Studium hinter sich und arbeitet in einem grösseren Industriebetrieb in Santa Cruz do Sul, einer Stadt mit 120’000 Einwohnern im südlichsten brasilianischen Staat, Rio Grande do Sul, der so gross ist wie Italien, doch nur gerade eine Bevölkerung von 10 Millionen aufweist.

Die Antwort ist einfach: wir müssen das alles gar nicht wissen. Warum sollten wir auch? Weil es uns die Medien sagen? Nun ja, die Medien sagen uns, was den Medieneignern nützt. Weil wir davon betroffen sind? Die meisten hier im Süden Brasiliens sind es nicht. Und diejenigen, die es sind, können, auch wenn sie gut informiert sind, deswegen doch nicht viel tun. Aber weshalb glauben wir (okay: nicht alle, doch viele) eigentlich ständig, irgendwas zu müssen? Eine hellsichtige Erklärung lieferte Oswald Spengler in „Der Untergang des Abendlandes“:

„Nicht was wir tun, was wir erstreben, was wir werten sollen, führt auf das Problem, sondern die Einsicht, dass diese Fragestellung ihrer Form nach bereits ein Symptom ausschliesslich des abendländischen Wertgefühls ist. Der westeuropäische Mensch steht hier unter dem Einfluss einer ungeheuren optischen Täuschung, jeder ohne Ausnahme. Alle fordern etwas von den andern. Ein „Du sollst“ wird ausgesprochen in der Überzeugung, dass hier wirklich etwas in einheitlichem Sinne verändert, gestaltet, geordnet werden können und müsse. Der Glaube daran und an das Recht dazu ist unerschütterlich. Hier wird befohlen und Gehorsam verlangt. Das erst heisst uns Moral. Im Ethischen des Abendlandes ist alles Richtung, Machtanspruch, gewollte Wirkung in die Ferne. In diesem Punkt sind Luther und Nietzsche, Päpste und Darwinisten, Sozialisten und Jesuiten einander völlig gleich. Ihre Moral tritt mit dem Anspruch auf allgemeine und dauernde Gültigkeit auf. Das gehört zu den Notwendigkeiten faustischen Seins. Wer anders denkt, lehrt, will, ist sündhaft abtrünnig, ein Feind. Man bekämpft ihn ohne Gnade. Der Mensch soll. Der Staat soll. Die Gesellschaft soll. Diese Form der Moral ist uns selbstverständlich; sie repräsentiert uns den eigentlichen und einzigen Sinn der Moral. Aber das ist weder in Indien noch in China noch in der Antike so gewesen. Buddha gab ein freies Vorbild, Epikur erteilte einen guten Rat. Auch das sind Formen hoher – willensfreier – Moralen.“

Es liegt einige Zeit zurück, dass ich diesen Text zum ersten Mal las; die Einsichten, die er mir vermittelte, finde ich nach wie vor anregend, doch heutzutage genügen mir Einsichten nicht mehr, heutzutage (ich habe nämlich total GENUG von diesem dauernden Sollen und Müssen) benötige ich praktische Relevanz, und das meint: ich mag nicht mehr immer ‚müssen’ und ‚sollen’ und überhaupt: ich kann und darf so, wie ich mag. Wirklich? Ja, wirklich. Obwohl Spengler behauptet, wir seien alle Sklaven der Kultur, in die wir hineingeboren, sind wir eben doch nicht nur Opfer der Umstände (sicher, das auch, teilweise), wir können auch wählen.

Der Schweizer Schriftsteller Otto Steiger erzählte in „Ein Stück nur: Erinnerungen in Episoden“ wie er eines Tages beobachtete, er war bereits in fortgeschrittenen Jahren, wie eine Mutter mit ihrer Tochter, es regnete leicht, ein Haus verliess. Die Tochter war etwa acht, die Mutter Mitte vierzig. Die Mutter sagte: ‚Wir müssen rennen, sonst verpassen wir den Bus.’ ‚Ich mag aber nicht rennen’, erwiderte das Mädchen.
Möglich, dass Otto Steiger diese Geschichte anders erzählt hat als ich sie hier wiedergebe, doch dies ist, was ich erinnere – ja, ich verspüre eine Verpflichtung, nachzublättern, ob mich meine Erinnerung nicht täuscht, ob Otto Steiger diese Geschichte wirklich so erzählt hat, doch ich werde es nicht tun, ich mag mich nicht mehr von solchen Konditionierungen (man muss wörtlich zitieren, wenn man zitiert, sonst ist es kein Zitat) mein Denken und Fühlen und Verhalten bestimmen lassen.

A propos ‚mögen’ (die Geschichte geht auf meinen lieben, 2006 im Alter von 97 verstorbenen Münchner Freund Wamse zurück): Sagt die Mutter zum Kind, als sie die Wohnung verlässt: ‚Wenn ich nach Hause komm, will ich dein Zimmer aufgeräumt sehen.’ Als das Zimmer bei ihrer Rückkehr noch genau gleich ausschaut, stellt die Mutter die kleine Marie zur Rede. ‚Ich hab dir doch g’sagt, du sollst dein Zimmer aufräumen. Warum hast du es denn jetzt ned g’macht?’ ‚Ja, Mama, es tut mer ja selber so leid dass i ned megn hab’, erwiderte daraufhin die Kleine.

***

Was Kindern gelegentlich nachgesehen wird, wird bei Erwachsenen gnadenlos bekämpft:
„Sie spielen ein Spiel. Sie spielen damit, kein Spiel
zu spielen. Zeige ich ihnen, dass ich sie spielen sehe, dann
breche ich die Regeln, und sie werden mich bestrafen.
Ich muss ihr Spiel, nicht zu sehen, dass ich das Spiel sehe, spielen.“
schrieb Ronald Laing in „Knoten“

Ich habe GENUG von den Erwachsenen-Spielen. Und überhaupt weiss jeder, dass man wieder zum Kind werden muss, um das Leben zu begreifen – nein, nein, man muss gar nicht, MAN DARF.

Eines dieser Erwachsenen-Spiele ist das Fragen-Spiel, demgemäss es gute und schlechte, richtige und falsche Fragen geben soll. Als gute Frage gilt eine, auf die es keine, zumindest keine eindeutige Antwort gibt; um eine richtige Frage handelt es sich hingegen, wenn es darauf eine klare Antwort gibt. Und dann diese Pädagogen: Blöde Fragen gebe es nicht, sagen sie. Das ist Blödsinn: Blöde Fragen gibt es zuhauf. Man denke nur an Pädagogenfragen.

Richtig und falsch basieren auf willkürlichen Kriterien, auch Kontext (wer definiert den eigentlich?) genannt. Es versteht sich: Ohne diesen wären wir aufgeschmissen. Wer in Diskussionsrunden moniert, die andere (es kann auch ein Mann sein) habe, was er gesagt, aus dem Zusammenhang gerissen, versteht unter Zusammenhang immer seine eigene Definition davon.

Kane knew what he liked
(knowing what you liked was,
he felt, one of the most important
characteristics of a modern life well lived)
Nicola Barker: Darkmans (2007)

Wer heutzutage nicht weiss, was er will, ist am Arsch.
Durchwursteln ist keine Option, jedenfalls nicht in der Theorie. Heutzutage brauchen wir Businesspläne, Exposés und Dispositionen. Und wir müssen wissen, wie man die sogenannt richtigen Fragen stellt – sonst kann Google nicht helfen. Ein ziemlicher ‚circulus vitiosus’, nicht? Um die richtige Frage zu stellen, muss ich wissen, was ich will. Wenn ich nicht weiss, was ich will, weiss ich auch nicht, was und wie ich fragen soll.

Wer heutzutage nicht weiss, was er will, fällt aus dem System raus – und hat Glück gehabt, denn wie Shakespeare in ‚Hamlet’ dichtete: „Es gibt mehr Ding‘ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt“.

Und deshalb, gleich noch einmal: Ich habe GENUG davon, mir von andern einen Kontext aufzwingen zu lassen: Sich selber einen zu basteln ist schöner, beglückender und, ja klar, anstrengender, aber nur gelegentlich.

Woran wir uns erinnern sollten

Spät abends, 2005 war das, im Fernsehen ein Dokumentarbericht über den Vietnamkrieg. Ehemalige Mitarbeiter des CIA äußern sich über die ‘Golf von Tonkin‘-Legende, gemäß welcher der US-Zerstörer Maddox Anfang August 1964 von nord-vietnamesischen Torpedobooten angegriffen wurde, was den Amerikanern den Vorwand lieferte, offiziell in den Krieg einzutreten. Nur eben: diesen Angriff hat es nie gegeben.

Wochen später, ein weiterer Bericht, diesmal über den ersten Golf-Krieg: Ein 15jähriges Mädchen sagt vor dem amerikanischen Senat unter Tränen aus, dass irakische Soldaten in einer kuwaitischen Klinik Säuglinge aus den Brutkästen genommen und diese getötet hätten. Die Geschichte war erfunden, bei der 15jährigen angeblichen Hilfsschwester handelte es sich um die Tochter des Kuwaitischen Botschafters in den USA; inszeniert wurde das alles von der weltweit größten PR-Agentur, Hill & Knowlton, deren Chef mit Bush Senior befreundet war. Nicht wenige Senatoren, so der Fernsehbericht, stimmten nicht zuletzt dieser emotional aufwühlenden Geschichte wegen für den ersten amerikanischen Angriff auf Irak.

Dass es im Irak keine Massenvernichtungswaffen gegeben … und so weiter, wir haben es ja alle oft genug gehört, jeder, der es wissen will, kann es wissen. Ebenso dürfte bekannt sein, dass, wenn es um Krieg geht (nur da?), die Bevölkerung routinemäßig angelogen wird, und so recht eigentlich wissen wir das ja auch. Erstaunlich ist jedoch, dass unser diesbezügliches Wissen zu keinen nennenswerten Konsequenzen führt. Im Gegenteil: Wir lassen uns sogar in Diskussionen darüber hineinziehen, ob die uns präsentierten Behauptungen stimmen, ob sie wahr seien. Sobald das geschieht, haben die PR-Leute gewonnen, denn dann haben sie es geschafft, dass etwas zum Thema wurde, was gar kein Thema ist: Keiner, der nicht am Ende leicht zweifeln würde, ob da vielleicht nicht doch was dran sein könne an den Massenvernichtungswaffen, dem Uran aus Niger, den chemischen und biologischen Waffen usw.

Doch wovon will man ablenken, warum geht es denn wirklich? Darum, worum es letztlich immer geht – um Geld, das in diesem Falle Öl heißt, und um Macht.

Am 28. Juli 2005 schrieb John Chapman, ein hoher britischer Regierungsbeamter, im Londoner Guardian, womöglich gebe es noch immer Leute, die den Worten von Herrn Rumsfeld glaubten, der da gesagt hatte, dass Amerika seine Truppen nicht in die Welt hinausschicke, um sich des Öls anderer Leute zu bemächtigen, weil Demokratien nun einmal nicht so funktionierten. Andere wiederum, fuhr Chapman fort, würden weiterhin Herrn Blair Glauben schenken, der da gesagt hatte, dass, wenn es wirklich um Öl gegangen wäre, es wesentlich einfacher gewesen sei, sich mit Saddam Hussein auf einen Handel zu verständigen.

Doch erfahrene Staatsdiener, so Chapman, seien nicht so naiv. Für sie sei der klare Grund gewesen, dass Irak im Öl schwimme. Weshalb man sogar bereit gewesen sei, Absurditäten wie die Behauptung mit den 45 Minuten sich zu eigen zu machen.

Über Waffenvernichtungswaffen, Freiheit, Demokratie etc. zu argumentieren, bedeutet im Zusammenhang mit der Irak-Invasion demnach nichts anderes als auf die PRopaganda der Machthungrigen reinzufallen. Realistischer und angemessener wäre, immer wieder daran zu erinnern, worum es hier wirklich gegangen ist und noch immer geht: um Öl, um Öl, und nochmals um Öl.