Sich der Angst stellen

Als Heranwachsender die Überzeugung: es spielt keine Rolle, was du tust. Doch was du tust, das tue richtig. Also voll und ganz. Mit Überzeugung, mit Hingabe, mit Disziplin. Meine Schreiber-Helden als junger Erwachsener waren die kompromisslosen, getriebenen, wahnsinnigen Egos: Norman Mailer, Oriana Fallaci. Sie drückten aus, was ich zu der Zeit ganz unbedingt empfand. Engagiert für das Richtige, das menschlich Anständige sein, und was dieses war und ist, war immer schon und ist auch heute noch klar, und braucht für jemanden, der sich nicht darauf beschränkt, nur seinen eigenen Vorteil zu rechtfertigen, auch gar nicht weiter begründet zu werden.

Im Gymnasium: Eugène Ionesco, wegen La cantatrice chauve, und dem Journal en miettes. Kurz vor seinem Tod gab er dem deutschen Fernsehen ein Interview: Das Leiden sei ihm, Ionesco, ins Gesicht geschrieben, sagte der Moderator der Sendung einmal. Ob er nie an Selbstmord gedacht habe? Ionesco blickte direkt in die Kamera und erwiderte, was er jetzt sage, sei natürlich „strictement entre nous“, doch er sei sicher (er schaute gen Himmel), dass solches „ne l‘aurait pas plu au Seigneur“.

Und Peter Handke, nicht zuletzt seines Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms wegen – da war einer, der in andere Sphären und nicht dazu gehörte. Genauso empfand ich, und genauso empfanden fast alle anderen in meinem Alter.

Wenn wir schon bei den Büchern sind: von Charles Bukowski Aufzeichnungen eines Aussenseiters, von Jörg Schröder und Ernst Herhaus Siegfried, von Robert Pirsig Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten, da fand ich mich drin. Weil sie von Ausbrüchen handelten und diese nachempfindbar machten. Genauso wie – damals – die Rockmusik.

Geht es also darum, geht es ums Ausbrechen? Darum, die Faszination, das Kompromisslose, das Unbedingte wieder zu finden? Und wenn ja, wie findet man das?

Wenn ich es wüsste, würde ich es tun. Das sagt sich leicht, das schreibt sich auch leicht, doch ist es auch die Wahrheit? Ist die Wahrheit nicht vielmehr, dass ich schon wüsste, was zu tun wäre, doch fast ausschliesslich damit beschäftigt bin, Gründe zu finden, um es nicht tun zu müssen? Aus Bequemlichkeit natürlich. Weil ich meinen Hintern nur bewege, wenn ich muss. Und aus Angst. Rollo May schreibt in seiner Antwort auf die Angst, eine der Hauptursachen der Angst – besonders bei der jüngeren Generation – liege darin, „dass keine verbindlichen kulturellen Werte als Basis für den Bezug zur Welt zur Verfügung stehen.“ Einverstanden. Doch da ist noch eine andere Angst, eine Ur-Angst vor dem Leben.

Nur sehr selten gesteht jemand, Angst vor dem Tod zu haben. Die meisten sagen, sie hätten Angst vor einem langen Sterben, aber vor dem Tod, nein, vor dem Tod nicht, denn den erlebe man ja auch gar nicht mehr. Das Argument leuchtet ein, doch empfinden diese Leute auch so?

Ich selber habe Angst vor dem Tod. Wie ich vor allem Unbekannten Angst habe. Auch weil, wie Otto Steiger einmal eine seiner Romanfiguren hat sagen lassen, ich mir schlecht vorstellen kann, wie es auf diesem Planeten weitergehen soll, wenn ich einmal nicht mehr bin. Und auch, weil mir die ganze menschliche Existenz, trotz Gefühlen des Staunens, und manchmal der Ergriffenheit, über das Wunder des Lebens, letztlich unheimlich ist.

Wer auf ein erfülltes Leben zurückblicken könne, fürchte auch den Tod nicht, hört man oft gesagt. Nur, was soll das bloss sein, ein erfülltes Leben? Viel gemacht und erlebt und seine Konkurrenten hinter sich gelassen zu haben, von den Nachbarn beneidet zu werden? Denn nur von solchen Leuten ist dieses Argument zu hören. Zumindest in den Medien. Doch das liegt vielleicht an den Medien, in denen nicht besonders Publizitätssüchtige kaum einmal vorkommen. Andererseits ist es eben auch so: Wer viel hat, will noch mehr und kann nie genug kriegen. Sei‘s Geld, Sex, Ansehen, bereiste Länder, gerettete Menschen oder gelesene und ungelesene Bücher.

Trotzdem: Sieht man ab vom derzeitigen Quantitätsdenken (War das wirklich jemals anders? Ist es heute nicht einfach nur offensichtlicher, vielleicht auch ausgeprägter, moralisch akzeptabler?), könnte ein erfülltes Leben nicht auch bedeuten, ein intensiv erfahrenes, das Kommen und Gehen von Augenblicken begrüssendes, ein nicht auf Haben, sondern auf Sein ausgerichtetes?

Dazu eine Geschichte: Zwei Mönche sind auf dem Weg zum Kloster. Der Monsunregen hat die Strasse unter Wasser gesetzt. Eine schöne junge Frau in einem neuen, weissen Kleid steht am Strassenrand. Sie zögert die Strasse zu überqueren, weil sie nicht will, dass ihr Kleid nass wird. Der eine Mönch geht auf sie zu, nimmt sie auf die Arme und trägt sie über die Strasse. Die beiden Mönche setzen ihren Weg fort. Nach geraumer Zeit kann der eine nicht mehr an sich halten und er sagt: „Du weisst doch, dass es uns nicht erlaubt ist, Frauen zu berühren. Wie hast Du das nur tun können?“ „Trägst Du sie immer noch mit dir mit?“ erwidert dieser, „Ich habe sie auf der anderen Strassenseite abgesetzt.“

Ein Theologe, oder ein Ethiker, ich erinnere mich nicht mehr genau, vielleicht war er auch beides (das eine schliesst das andere ja nicht aus), auf die Frage, was für einen Tod er sich wünsche: Keinen abrupten, durch einen Unfall zum Beispiel; einen, auf den er sich vorbereiten könne.

Mein Freund Armando hat so einen Tod gehabt. Als er mit ALS diagnostiziert wurde und wusste, dass er nicht mehr allzu lange zu leben hatte, versuchte er es auch mit alternativen Heilmethoden. Vor allem aber begann er, zusammen mit Myriam, seiner Frau, ernsthaft zu meditieren. Bei spirituellen Meistern in Mailand, in Chonburi, in Borobodur und in Kathmandu. In Chonburi besuchte ich sie einmal. Während einer Audienz bei ihrem Meister, erzählte Armando, hätte dieser hervorgehoben, dass das Wichtigste das tägliche Üben sei. Klar, einverstanden, doch Myriam und Armando hatten noch viele Fragen, die sie gerne beantwortet gehabt hätten. Sie baten ihren Übersetzer, einen jungen, des Englischen einigermassen mächtigen, Mönch, diese dem Meister vorzutragen. Dessen Antwort nahm gute zehn Minuten in Anspruch und wurde vom Übersetzer mit dem einen Satz zusammengefasst: „He said you should practise.“ „Und sonst?“ „He said you should practise.“Armando hat sich vorbereiten können und die Chance genutzt. Manchmal verzweifelt, manchmal gelassen. Meist mit Humor. Damit er spirituell nicht allzusehr abhebe, lese er von Zeit zu Zeit seine Bankauszüge, meinte er.

Der Gang zur Guillotine, sagt Dr. Johnson, „helps wonderfully to concentrate the mind.“

In Fjodor Dostojewskijs Der Idiot lässt Fürst Myschkin einen die Vollstreckung seines Todesurteils Erwartenden sagen „Wenn ich doch nicht sterben müsste! Wenn das Leben zurückkehren könnte! Welch eine Unendlichkeit! Und alles wäre mein! Dann würde ich jeden Augenblick in eine Ewigkeit verwandeln, ich würde nichts vergeuden, mit jeder Minute geizen und ganz gewiss keine umsonst verstreichen lassen!“ …“…wie ging es mit Ihrem Bekannten weiter, der Ihnen diese Leidensgeschichte erzählt hat? … Er wurde doch begnadigt? Folglich wurde ihm dieses ‚unendliche Leben‘ geschenkt. Nun, was hat er mit diesem Reichtum angestellt? Hat er wirklich ‚mit jedem Augenblick gegeizt‘?“ „O nein, er hat es mir selbst erzählt – ich hatte ihn danach gefragt – , er hat keineswegs so gelebt und viele, sehr viele Augenblicke vergeudet.“ „Nun, dann haben Sie also den Beweis, dass es nicht möglich ist, so zu leben und in der Wirklichkeit ‚mit jedem Augenblick zu geizen‘. Aus welchem Grund auch immer, aber es ist nicht möglich.“ „O ja, aus welchem Grund auch immer“, wiederholte der Fürst, „das schien mir auch so … Und trotzdem möchte man es nicht glauben …“

Ich selber stehe nicht an der Schwelle zum Tod – höchstens in dem Sinne, dass man das immer tut, und das zählt nicht, weil unser ganzes Verhalten davon gänzlich unberührt bleibt – , kann also noch gar nicht auf mein Leben zurückblicken. Anders gesagt: ich habe doch noch gar nicht angefangen zu leben. Ich war bis jetzt auch gar noch nicht bereit dazu – und verstehe auch gar nicht, wie das Spiel hat anfangen können, ohne dass ich jemals gefragt worden bin, ob ich auch mitspielen wolle.

Sollte dies allzu weinerlich, zu infantil geradezu, geklungen haben: Die „Jetzt reiss dich zusammen“ und “Jetzt stell dich nicht so an“ und „Get real“-Sprüche, die kenne ich alle auch, mit denen habe ich mich oft genug in die Schranken verwiesen.

Was mehr hilft sind die Weisheiten meines im Alter von 96 verstorbenen Freundes Wamse: „Rasch tritt der Tod den Menschen an, und meist von links hinten.“

Die burmesische Friedensnobelpreisträgerin Aung San Su Ki, die sich in schöner Regelmässigkeit den Anordnungen der im Lande herrschenden Militärs widersetzt, wurde einmal in einem Interview gefragt, ob sie denn dabei keine Angst empfinde. Doch, natürlich, erwiderte sie. Doch es komme darauf, sich dieser Angst zu stellen und, auch wenn einem die Knie dabei schlotterten, zu tun, was getan werden müsse.

Auch wenn ich dieser Frau gegenüber nicht wenige Vorbehalte habe (sie hält sich, und ihre Familie, wie ich gelesen habe, offenbar für Auserwählte – hier anzumerken ist meine Neigung, Argumente von Neidern grundsätzlich wohlwollend zur Kenntnis zu nehmen), ihr Verhalten ist mir Vorbild, denn sie redet nicht nur, sie setzt ihre Überzeugung auch in die Praxis um. Matthäus 7, 16: „An den Früchten sollt ihr sie erkennen.“

Doch es ist nicht nur Lebens- und Todesangst, die blockiert. Es ist da auch ein verzweifelte Wut darüber, dass man hier nicht ewig bleiben kann und sterben muss. Ich will nicht behaupten, dass ich ein ewiges Leben sinnvoll fände, ich will nur sagen, dass mich die Tatsache, dass es auf dieser Erde keines zu geben scheint, mit Panik erfüllt. Im umgekehrten Fall wäre es vermutlich genauso.

Von Elias Canetti habe ich einmal gehört, dass er den Tod nicht akzeptiere. Da er damals in Zürich an der Klosbachstrasse und ich am Kreuzplatz gewohnt habe – und ich mir nicht vorstellen konnte, dass jemand, der so nahe wohnte, grundsätzlich Wesentliches hätte äussern können – , reagierte ich auf diese Aussage mit der landesüblichen Häme: „Der nimmt sich halt schon wahnsinnig wichtig, der.“ Das würde ich auch heute noch so sagen, doch ohne Häme. Vielmehr mit Sympathie.

Schon als Bub die schmerzliche Frage: Wie kann jemand nur ein Haus bauen wollen, wenn es nicht für ewig sein kann? Auch deswegen: lieber Gitarre und nicht etwa Klavier lernen, weil man die Gitarre jederzeit überall hin mitnehmen konnte. Und am allerliebsten: mich auf Bahnhöfen und Flughäfen aufhaltend.

Dieses Muster ist mir seit je bestimmend gewesen: Unterwegssein, immer wieder neue Anfänge machend und dabei gleichzeitig die tiefe Sehnsucht nach Endgültigem, Ewigem, von Örtlichkeiten unabhängig.

Eric Ambler, der lange in Clarens, oberhalb von Montreux, wohnte, auf die Frage, wo er am liebsten leben würde: Immer gerade da, wo er zur Zeit nicht sei.

Natürlich weiss ich, was ich zu tun hätte. Das, was ich andern rate, dass sie tun sollten. Einen Fuss vor den andern zu setzen. Mutig sein, etwas wagen. Wesentlich werden. Allerdings: „We are none of us very good at taking our own advice“(John Simpson: Strange Places, Questionable People).

Die österreichische Schriftstellerin Ilse Aichinger auf die Frage „Welche natürliche Gabe hätten Sie gerne?“ „Auf der Welt sein zu können“, antwortete sie. Gelassen zu bleiben. Denn dies sei vor allem deswegen eine Kunst, weil man dazu gezwungen sei.

„Gott, gib mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom andern zu unterscheiden.“ Dieses Gebet stand bei meiner ersten Arbeitsstelle auf meinem Pult, mein Vorgänger hatte es da hinterlassen. Damals interpretierte ich es als Rechtfertigung konservativer Politik (Nur keine Veränderungen!), später nahm ich es resignativ (Man kann eh nichts machen), noch später, sehr viel später, entdeckte ich darin das Wörtchen ‚Mut‘.