In Valparaiso und anderswo

Aufzeichnungen

Monat: Juli, 2012

Nachhaltige Veränderungen

Voraussetzung für Veränderungsprozesse ist die Bereitschaft, etwas ändern zu wollen. „The readiness is all“, sagt Horatio in Hamlet.

Was es zudem braucht, ist Motivation, entweder eine positive (ich will) oder eine negative (ich muss).

Nehmen wir das Erlernen einer Sprache. Manche sind von sich aus motiviert, sei es, dass sie die Sprache (der Ton, das kulturelle Umfeld etc.) begeistert, sei es, dass sie sie lernen müssen, um mit bestimmten Menschen verbal kommunizieren zu können. Anderen hingegen fehlt die Neugier, das Interesse, der Antrieb, sie müssen erst motiviert werden.

Wie motiviert man? Indem man Geschichten erzählt. Zum Beispiel diese hier von Saint-Exupéry: Stellen Sie sich eine Gruppe von Menschen an einem Fluss vor. Es gibt weder eine Brücke noch eine passierbare Stelle, um auf die andere Seite zu gelangen. Als einzige Möglichkeit bleibt, ein Boot zu bauen. Niemand aus der Gruppe hat bisher ein Boot gebaut, niemand weiss, wie das geht. Wie motiviert man nun eine solche Gruppe, ein Boot zu bauen? Indem man ihr Schritt für Schritt zeigt, wie ein Boot gebaut wird – das ist die eine Möglichkeit. Die andere ist, der Gruppe so lange von der anderen Seite des Flusses vorzuschwärmen, dass sie sich schlussendlich von sich aus und ohne Anleitung an den Bootsbau macht. Ich ziehe die zweite Variante vor.

Die Geschichten, die man erzählt, brauchen keine positiven zu sein. Erzähle ich zum Beispiel von den Fehlern, die ich selber in anderen Kulturen gemacht habe, wird mir die grösstmögliche Aufmerksamkeit sicher sein, denn so blöd wie ich will schliesslich niemand sein.

Auch brauchen die Geschichten keinen konkreten praktischen Bezug zu einer konkreten Problemstellung zu haben. So kann ich zum Beispiel davon erzählen, dass Fotografien nichts anderes als perfekte Illusionen sind – alles ist bekanntlich im Fluss, unser Hirn produziert keine festen Bilder mit Rahmen, die Bilder in unserem Kopf gehen übergangslos ineinander über. Und was soll mir eine solche Erkenntnis nützen? Nun ja, trotz der Tatsache, dass es Fotos gar nicht geben kann, gibt es sie. Der Grund? Wir kreieren sie. Und glauben an sie. Genauso wie wir die Welt, in der wir leben, kreieren. Und an sie glauben. „Man is made by his belief. As he believes, so he is“, sagt die Bhagavad Gita. Jedenfalls teilweise. Und das meint: wir können diese (unsere) Welt auch anders gestalten.

Es versteht sich: je besser solche Geschichten erzählt werden, desto grösser die Wahrscheinlichkeit, dass sie hängenbleiben. Zumindest Teile davon. Was bei Zuhörern letztlich hängenbleibt, wissen wir nicht, können wir auch gar nicht wissen, denn das Leben gehorcht nicht einer simplen Folgerichtigkeit.

“The common understanding of influence … is far too linear and one-directional. When I write, I don’t feel like a craftsman influenced by earlier cratftsmen who were themselves influenced by earlier craftsmen … Indeed, much of what might be called actual “influence” is negative. I don’t want to write like this writer or that writer” (Jonathan Franzen).

Was wir tun können, ist, die Zuhörer einzuladen, sich auf die Geschichten einzulassen, damit ein Funke überspringen kann. Man denke etwa an Steve Jobs’ Stanford Commencement Speech von 2005 (ein Hit auf youtube), wo er unter anderem davon erzählt, wie er sich für Kalligraphie begeistert hat und wie ihm das (damals wusste er das gar nicht nicht, hat er das gar nicht wissen können), später sehr dienlich gewesen ist.

Manchmal packt einen eine solche Geschichte, wird man ergriffen und fühlt sich dann beflügelt. Wie schafft man es nun, dieses Gefühl von Motiviert-Sein aufrecht zu erhalten, es nachhaltig zu machen? Durch Übung und das meint konkret: indem man handelt.

ACT YOURSELF INTO A NEW WAY OF THINKING

Ein Beispiel: Wache ich in der Früh auf und habe absolut keine Lust, aufzustehen, kann ich Motiv-Forschung betreiben und versuchen herauszufinden, warum ich nicht aufstehen mag. Solches Herumrätseln mag unterhaltsam sein, die Wahrscheinlichkeit, dass man hernach frohgemut aus dem Bett hüpft, ist jedoch gering. Anstatt sich seinen Gedanken hinzugeben und auf die zündende Eingebung zu hoffen, ist es sinnvoller, zu handeln und das meint: einfach aufstehen, Kaffee machen, tun, was man zu tun hat. Solcherart zu handeln wird unser Denken beeinflussen, formen, prägen.

Das will nicht heissen, dass im Grunde doch alles ganz einfach sei. Im Gegenteil.”Life is difficult. This is a great truth, one of the greatest truths. It is a great truth because once we truly see this truth, we transcend it” (M. Scott Peck: The Road Less Travelled).

Eines der besten Rezepte, um nachhaltig Veränderungen herbeizuführen, scheint mir das Serenity Prayer des US-amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr (auch für Menschen, die nicht an Gott glauben)

(God) grant me the serenity to accept the things I cannot change, the courage to change the things I can, and the wisdom to know the difference 

Es ist dies eine Lebensorientierung, die in Situationen, wo man unschlüssig und ohne Motivation ist, eigentlich immer hilfreich ist. Weil es eine konstruktive Anleitung zum Handeln ist.

Über Ansel Adams

Ansel Adams (1902-1984) war wohl der Fotograf des amerikanischen Westens. In der westlichen Konsumgesellschaft, und besonders in den USA, sind seine Landschaftsstudien als Posters und Postkarten mehr in Souvenierläden als in Kunstgallerien zu finden. Kaum ein Fotograf, dessen Bilder so allgemein geschätzt und so wenig kontrovers aufgenommen werden.

Charles und Olive Adams gaben ihrem Sohn die Freiheit, seinen Talenten und Neigungen zu leben. Als er im Alter von zwölf nicht mehr zur Schule gehen wollte, wurde er fortan zu Hause in Griechisch, die englischen Klassiker, Algebra als auch in die Pracht des Ozeans, der Buchten und felsigen Strände nahe ihrem Heim bei San Francisco eingeführt.

Nur gerade vierzehnjährig fand er seine Passion: Auf einem Familienausflug in den Yosemite National Park beschenkten ihn seine Eltern mit einer Kodak Box Brownie, welche ihm erlaubte die majestätische Schönheit, die ihn dort umgab und ein Leben lang begleiten sollte, festzuhalten – im Jahre 1985 wurde im Yosemite sogar ein Berg nach ihm benannt, der 3’618 Meter hohe Mount Ansel Adams.

Doch es sollte noch Jahre dauern – er schwankte zwischen der Musik und der Fotografie – bis er sich auf seine Bestimmung einliess. Den Ausschlag gab die “straight photography” von Paul Strand, mit dem Adams 1930 zusammentraf, und bei der es darum ging, sich nicht mehr länger an der Malerei zu orientieren, sondern die Mittel des genuin Fotografischen (etwa Schatten, Strukturen, Ausschnitte) auszuloten.

Adams war ein Techniker, er propagierte eine detaillierte technische Theorie, die jedem versprach, er könne gute Fotos machen, solange er eine Anzahl vorgegebener Schritte befolgte.

1932 gründete er mit Edward Weston, Imogen Cunningham und andern die Gruppe f/64. Sie setzten sich ein für eine Fotografie der grösstmöglichen Tiefenschärfe und genauen Detailzeichnung, was mit der f/64, der damals kleinsten Blende, am besten möglich war. Die Gruppe beschäftigte sich bevorzugt mit Nahaufnahmen.

1933 traf Adams mit dem berühmten Fotografen, Galleristen und Förderer Alfred Stieglitz, dem Ehemann von Georgia O’Keefe, zusammen. “Stieglitz lehrte mich”, sollte Adams später in seiner Autobiografie schreiben; “was zu meinem ersten Gebot wurde: Kunst ist die Bejahung des Lebens.”

Die Pracht der Natur zu vermitteln und zu verteidigen wurde ihm zur selbst auferlegten Aufgabe. Das Besondere an seinen Landschaftsbildern ist, dass “sie nicht von der Geologie, sondern vom Wetter handeln”, so der legendäre John Szarkowski vom New Yorker MoMA

Adams war nicht nur ein aussergewöhnlicher fotografischer Techniker und Ästhet, er war auch ein Umweltaktivist, dem ganz besonders der Schutz der Sierra Nevada, der etwa 650 Kilometer lange, über 3’000 Meter hohe Gebirgszug im Westen der USA, am Herzen lag. Er hat jedoch betont, dass er niemals Aufnahmen mit dem Gedanken an Umweltschutz gemacht habe. “Alle meine Fotos sind der Tatsache zu verdanken, dass ich vor Ort war, die Berge liebte und mir ein Bild machte.” Dass diese Fotos dann für Umweltschutzkampagnen eingesetzt worden sind, hat ihn gefreut.

Doch er wurde auch selber aktiv und schon bald als der inoffizielle Sprecher für die Gründung von Nationalparks angesehen. Lyndon Johnson, Gerald Ford und Jimmy Carter luden ihn ein, um über Umweltpolitik zu diskutieren; Reagans Innenminister James Watt hingegen, ein Mann, der das Ende der Welt nahe wähnte und unter anderem das Abholzen in den Nationalparks erlaubte, beschuldigte er einer Politik des “Nach mir die Sintflut.”

Über die Popularität, die die Nationalparks heute geniessen, wäre Adams jedoch kaum besonders glücklich. Es sei sicherlich nichts verkehrt am Campieren, Fischen, Boot Fahren, Schwimmen etc., schrieb er einmal, doch gehöre weder das Ping-Pong-Spiel in eine Kathedrale noch das Rascheln mit der Popcorn-Tüte in ein klassisches Konzert. Der Mensch bedürfe auch der Stille und müsse auch den lebenden Felsen berühren, reines Wasser trinken, grossartige Aussichten geniessen, unter dem Sternenhimmel schlafen und von einer kühlen Brise geweckt werden können. “Solche Erfahrungen”, so Adams, “sind das Erbe von uns allen.”