In Valparaiso und anderswo

Aufzeichnungen

Monat: September, 2012

Wie geht das, das Leben?

Wie geht das, das Leben?, das war und ist meine Frage. Und die Antwort darauf, die kenne ich: Die richtige Art zu leben ist unspektakulär, ist uneitel; sie ist möglich, wo immer man sich auch aufhalten mag. Weder braucht man sich den Kopf zu scheren, noch in ein Kloster einzutreten. Es gilt nur zu lernen, gut und gerne zu tun, was man eh schon tut. „La Liberté, ce n‘est pas ce qu‘on veut mais de vouloir ce qu‘on fait“, habe ich irgendwann aufnotiert; letzthin dann bin ich auf diese Fassung gestossen: „Glück ist nicht, das zu haben, was man will. Glück ist, das zu lieben, was man hat.“ Und wenn es so ist, und ich bin überzeugt, dass es genau so ist, warum fällt mir das so schwer, warum finde ich das nur so eigenartig unattraktiv? Es war nicht immer so.

In Jugendjahren gab‘s für mich nur Sport, in fast jeder Form. Leichtathletik, Schifahren, Eishockey, doch vor allem Fussball. Auch wenn der Schnee einen Meter hoch lag – und das war in Disentis, wo ich drei Jahre lang die Klosterschule besuchte, ab und zu der Fall – , konnte mich nichts vom Fussballspiel abhalten. Körperlich herausgefordert zu werden und auf der Höhe zu sein, gefiel mir. Und wenn die Muskeln schmerzten, gab‘s kein Klagen, sondern ein Mittel dagegen und das hiess: weitermachen, einfach nur weitermachen, solange die Muskeln weiter bewegen, bis der Schmerz nicht mehr zu spüren war. Die dafür notwendige Disziplin aufzubringen fiel mir leicht, denn was ich tat, tat ich aus freiem Willen und ich tat es gerne.

Ich war ein guter Fussballer, wurde bereits in der zweiten Klasse für die Auswahlmannschaft der Klosterschule aufgestellt, später dann auch für die Ostschweizer Juniorenequipe vorgesehen. Doch der Papa erlaubte mir das Mitspielen in letzterer, ungenügender Schulnoten wegen, nicht. Ein halbes Jahr später – ich war damals 16 – war ich aus der Klosterschule geflogen, spielte keinen Fussball mehr und hatte zu rauchen und zu trinken angefangen; zudem hatte die Sehschärfe meines rechten Augen dramatisch abgenommen, es musste operiert werden.

Fascination is the true and proper mother of discipline“, steht in Michael Murphys Golf in the Kingdom. Die Faszination, die ich für den Fussball gehabt hatte, diese bedingungslose Hingabe, war weg, sie hatte ihr Objekt verloren. Plötzlich war ich ohne Halt, fühlte ich mich ohne Orientierung.

Lange Jahre der Idee nachgehangen, dass damals, als ich mit dem Fussballspielen aufgehört habe, ein Lebensfaden gerissen sei. Und dass es nur darauf ankomme, diesen wieder zu flicken, daran anzuhängen. Als ob das Leben eine innere Linie habe, die von uns erkannt werden könne. Doch was uns im Nachhinein häufig so scheinen mag (nichts, was wir uns nicht zurecht biegen vermöchten), hat meist vor allem mit Wunschdenken zu tun. Ich jedenfalls habe nie mehr auch nur entfernt ähnlich eindeutige, unbedingte Empfindungen gehabt wie als jugendlicher Fussballer.

Gott, gib mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom andern zu unterscheiden.“ Dieses Gebet stand bei meiner ersten Arbeitsstelle auf meinem Pult, mein Vorgänger hatte es da hinterlassen. Damals interpretierte ich es als Rechtfertigung konservativer Politik (Nur keine Veränderungen!), später nahm ich es resignativ (Man kann eh nichts machen), noch später, sehr viel später, entdeckte ich darin das Wörtchen ‚Mut‘.

Das Leben ist schwierig. Und schwer. Und mühsam. Akzeptiert man dies, wird das Leben zu einer Herausforderung. Einer faszinierenden. So habe ich das zum ersten Mal in Scott Pecks „The road less travelled“ gelesen. Und dann wiederum Jahre gebraucht, bis ich diese Wahrheit auch an mich heranliess, sie schliesslich, immer für Momente nur, zu begrüssen begann. Und weiterhin gilt: diese Momente länger werden zu lassen. Schwierig? Mühsam? Natürlich. Sonst wär’s ja ohne Reiz.

Das Vorbild dabei: das Kind, das laufen lernt. Aufstehen, hinfallen, aufstehen, hinfallen und wieder aufstehen. Immer wieder. Und ohne zu klagen. Bis es lernt, aufrecht zu gehen.

Aber eben, der Mensch wird älter und denkt (natürlich, ich spreche von mir, von wem denn sonst?): ein wenig weniger mühsam dürfte es schon sein, auch wenn ich nicht viele, doch immer häufiger, Momente erlebe, in denen ich mit völliger Klarheit weiss, dass alles genauso ist, wie es sein muss.

The readiness is all“, sagt Horatio.

Von den Büchern

Ich bin ein Buch-Süchtiger. Schaufenster von Buchhandlungen, Bücherkisten mit herabgesetzten Exemplaren ziehen mich magisch an, doch die ultimativen Antörner sind die Grossbuchhandelsketten à la Waterstones, Borders und Barnes & Noble – was gibt es Tolleres als bei Cookies und Cappucino bei Powells in Portland, Oregon, zu stöbern, wo man sich gleich auf mehreren Stockwerken verlieren und Schnäppchen machen kann, die einen die Seele jauchzen, das Herz hüpfen und die Augen leuchten lassen.

Ich muss Bücher besitzen, möglichst neue, noch von niemandem gelesene. Lesen? Natürlich, auch, doch das ist nicht das Wichtigste. Sie aufgereiht im Büchergestell betrachten zu können, sich in guter, ja exzellenter Gesellschaft zu wissen, ist eindeutig der grössere Kick.

Ich besitze, zum Beispiel, fünf Bücher von Maxine Hong Kingston. The Woman Warrior, China Men und Tripmaster Monkey. Die erste Ausgabe von The Woman Warrior habe ich einem Second-Hand Laden in Kathmandu gekauft, am 7. Januar 1990 (habe ich ins Buch reingeschrieben); die zweite, eine Hardcover-Ausgabe, im Februar 1997 (das war in USA, entweder in Santa Fé oder in Portland) – ich habe bis jetzt keines der beiden Exemplare gelesen, zumindest nicht vollständig, bin jedoch überzeugt, dass dieses Buch ein wirklich ganz wichtiges, bedeutsames sein muss. Nicht zuletzt der Dinge wegen, die über dieses Werk geschrieben worden sind. Das Gleiche gilt für China Men (auch dieses besitze ich doppelt – in identischer Ausführung). Stellvertretend für viele sei John Leonard von der New York Times zitiert: „Four years ago, I said The Woman Warrior was the best book I‘d read in years. China Men is, at the very least, the best book I‘ve read in the four years since.“

Ich erinnere mich, dass, als ich zum ersten Mal den Namen Maxine Hong Kingston gelesen habe, er mich elektrisierte, mir – das war bevor das Multikulturell-Geschwätz allüberall gegenwärtig war – eine Kulturvermischung suggerierte, die mich faszinierte, begeisterte, verheissungsvoll dünkte. Und dann sah ich ein Foto von ihr, und was ich darauf sah, gefiel mir und mehr noch als zuvor wusste ich, dass ich ihre Bücher gut finden würde.

Halte ich eine Zeitung oder eine Zeitschrift in der Hand, suche ich sofort das Feuilleton und da die Buchbesprechungen. Die Sonderausgaben zur Buchmesse sammle ich, ebenso Exemplare, in denen Prominente angeben, was sie lesen oder zu lesen empfehlen. Nicht, dass ich diesen Empfehlungen dann auch Folge leisten würde. Genauer: es kommt drauf an, wer was empfiehlt – von mir unsympathischen Zeitgenossen lasse ich mich nur schwer zur Lektüre anregen (um mir selber zu beweisen, dass ich damit falsch liege, tue ich es manchmal doch und ohne, dass ich es bisher zu bereuen gehabt hätte). Überhaupt lasse ich mir nur ungern Bücher empfehlen, lieber finde ich sie selber; und noch lieber bilde ich mir ein, dass ich an einige der mir ganz besonders lieben heran gelaufen bin, so, als ob nicht ich sie, sondern sie mich gefunden hätten (dies eine meine Lieblingsvorstellungen überhaupt: dass es nur darauf ankomme, bereit zu sein für sein Schicksal). Oh, diese Manie, speziell, anders als alle andern sein zu wollen – also diejenigen Bücher haben zu wollen, die andere verschmäht, nicht erkannt haben. Das Gedächtnis der Wälder von Charles T. Powers, zum Beispiel, lag in einer Ramsch Kiste vor einem Antiquariat. Die Handlung spielt in Polen und ich hatte beim Lesen immer die Aussicht auf diese Wälder vor Augen, zu denen ich mit Holger, der in Prag arbeitet und an der Grenze eine kleine Datscha besitzt, hinaufgefahren bin. „Da drüben, das ist Polen“, hat er Richtung Norden gezeigt. Ich habe das Buch unterwegs, im Zug, gelesen. „Ich habe gelesen, damit ich nicht darüber nachdenken muss, wo ich hier bin“, habe ich mir damals angestrichen.

Ein Buch gibts, das habe ich mehrere Male gelesen (das einzige). Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten von Robert Pirsig. Es handelt von einer Motorradreise durch Amerika und vom Versuch, Qualität zu definieren.

Ich weiss noch genau, wie ich auf dieses Buch gekommen bin. Ich las damals regelmässig Sounds, ein Musikmagazin aus Hamburg, in welchem auch Jörg Gülden und Helmut Salzinger schrieben. Was die beiden zu Papier brachten, fand ich gut. Grundsätzlich. Die waren keine Anpasser, fand ich. Dies schloss ich aus der Sprache, der Art, wie sie schrieben. Der Gülden schwärmte für Little Feat und schrieb, dass Bat out of Hell von Meatloaf das Rockalbum überhaupt sei. Da gibt es nichts hinzuzufügen, das stimmt einfach. Und dann stand im Sounds eines Tages auch eine positive Besprechung von Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten. Und weil diese im Sounds stand, glaubte ich, dass sie wahr war. Und habe es nicht bereut. Und wenn der Pirsig heute auf dem Umschlag von Steve Hagen‘s Buddhism Plain & Simple mit „This is the clearest and most precise exposition of Buddhism I have ever read. If you‘re looking for enlightenment rather than just scholarly knowledge, you‘d better read this“ zitiert wird, dann kauf ich dieses Buch, auch wenn ich mir gerade Minuten zuvor gesagt habe, ich hätte doch wahrlich genug Bücher über Buddhismus gelesen und würde jetzt ganz bestimmt nicht noch ein neues kaufen – auch hier hat es sich gelohnt. Wegen Einsichten wie dieser: „The message is always to examine and see for yourself . When you see for yourself what is true – and that‘s really the only way that you can genuinely know anything – then embrace it. Until then, just suspend judgement and criticism. The point of Buddhism is to just see. That‘s all.“

Die meisten Bücher, die ich damals las, las ich nicht unbedingt des Inhalts wegen. Handkes Die Angst des Tormanns beim Elfmeter oder Der kurze Brief zum langen Abschied zogen mich an, weil mich die Titel anregten (und, bei letzterem, das Paperback-Format – das Buch lag ganz wunderbar in der Hand – sowie die Umschlagsgestaltung), so sehr, dass ich bereit war, was auch immer die Geschichte sein würde, sie gut zu finden. Natürlich, das hatte auch mit der Person von Peter Handke zu tun. Ich hatte ihn in einer Fernsehsendung über sein Theaterstück Publikumsbeschimpfung gesehen. Er hatte längere Haare, ein Jura-Studium abgebrochen und er wollte provozieren – das gefiel mir, war mir sympathisch.

Jahre, und einige Handke-Bücher später, arbeitete ich in einem Verlag und wollte ein Buch mit der Journalistin Renate Possarnig machen. Ich hatte ein Buch von ihr über Gaddafi gelesen (ich erinnere von dem Buch nur noch die erste Seite – sie handelte vom Flug von Larnaca nach Beirut) und wusste, dass sie als Kriegsberichterstatterin für den ORF im Libanon gewesen war. Mir schien sie eine österreichische Oriana Fallaci und mir schwebte ein Pendant zu Fallacis Vietnam-Buch vor. Als wir uns dann in Wien trafen, schlug sie mir jedoch Interviews mit österreichischen und griechischen Künstlern (sie lebte zu der Zeit in Griechenland) vor. Einer dieser Interviewpartner war Peter Handke. Und der sagte dann so Sachen wie, zum Beispiel, übers Kochen, genauer, übers „Essen-Zubereiten – ich sage nicht gern kochen“, dabei sagte er also: “Ich schaue, dass ich möglichst vornehm gekleidet bin. Meistens mit einem zweireihigen Anzug. So steh ich dann in der Küche und rieche dann an den Gurken herum, an jedem Ding, am Holunder …“ Er ist ja schon sehr esoterisch, der Mann, so dass man sich durchaus vorstellen kann, dass er auch ernsthaft meint, was er da sagt. Andererseits ist er nicht ohne Humor. „An einem Rinnsal, dessen kaum fliessendes Wasser schwarz von hineingewehten Blättern ist, paaren sich gerade zwei Truthühner, deren männlicher Teil danach zur Seite torkelt, einknickt und zu Boden fällt“, schreibt er in der Kindergeschichte. Also ich für meinen Teil nehme das mit dem Essen-Zubereiten im Zweireiher nicht ohne Wohlwollen und mit Schmunzeln zur Kenntnis. Und kann mich gleichzeitig doch nicht recht freimachen vom Gefühl, dass des Meisters Bedürfnis nach Heiligung alltäglicher Verrichtungen schon auch ziemlich lächerliche Züge zeitigt.

Nach langer Handke-Pause, an Weihnachten 1994, beginne ich Mein Jahr in der Niemandsbucht zu lesen. Schon nach ein paar Seiten stehen da die ersten Sätze, die meine eigene Befindlichkeit auf eine Weise auf den Punkt bringen, wie ich es selber wohl kaum vermöchte.

„Ich lebte kaum mehr mit meiner Zeit, oder ging nicht mit, und da mir nichts je so zuwider war wie die Selbstzufriedenheit, wurde ich zunehmend gegen mich aufgebracht. Welch ein Mitgehen hatte sich zuvor ereignet, was für eine grundandere Begeisterung war das gewesen, in den Stadien, im Kino, auf einer Busfahrt, unter Wildfremden. War das ein Dauergesetz: Kindliches Mitgehen, ausgewachsenes Alleingehen?

Ich freute mich an meinem Alleingehen und war doch bedürftig des Mitgehens; und füllte jene Freude mich einmal aus, entbrannte ich nach den Abwesenden: Ich sollte die Fülle, damit diese gelte, augenblicklich mit ihnen teilen und weiten. Die Freudigkeit in mir konnte nur heraus in Gesellschaft, freilich in welcher?

Indem ich für mich blieb drohte ich zu verkümmern. Die neue Verwandlung wurde dringlich. Und anders als jene erste, die mich hinterrücks befallen hatte, würde ich sie diesmal selber in Gang setzen. Die zweite Verwandlung stand in meiner Macht. Nicht mit einer Verengung finge sie an, sondern mit meinem entschlossenen und zugleich bedachtsamen Mich-weit-und-weiter-Machen. Nichts Dramatisches wollte ich dabei, rein eine Schritt für Schritt bestimmende Stetigkeit.“

Mir bedeutete Handke immer: dass Alltägliches bedeutsam wurde.

Ich erinnere mich an ein orangenes Suhrkamp Taschenbuch von ihm mit Fotos von Belleville, das ich während meiner Gymnasialzeit besass. Titel und Inhalt sind mir entfallen. Geblieben sind mir die Fotos, auch weil sie so gänzlich unspektakulär waren. Ein verlassener Platz; eine Treppe, die zu einer U-Bahnstation führte. Alles grau in grau, eine Betonwüste, ich fühlte mich angezogen – es war so anonym, so banal, so gänzlich unbesonders, dass ich mich gleichzeitig traurig und frei fühlte.

Neben Handke gibt es noch andere Schriftsteller, die ich mich einmal entschieden habe zu mögen. Monika Maron gehört dazu. Flugasche war das erste Buch, das ich von ihr gelesen habe. Und gefallen hat es mir, weil auch die politischen Kontrahenten der Hauptperson, der Journalistin Josefa Nadler (der meine Sympathie gehörte) als intelligent und ernstzunehmend dargestellt wurden – jedenfalls in meiner Erinnerung. Gefallen haben mir aber auch die Fotos, die die Autorin Monika Maron zeigten – eine schöne Frau, immer sehr ernst, melancholisch.

Die Fotos, die ich von Robertson Davies kenne, zeigen ihn meist als bärtigen Schalk. Clever, lehrreich und witzig sind seine Werke. Mit so ganz wunderbaren Sätzen wie diesem: „He went, as smart a murderer as you can hope to meet in a day‘s march, though his face was tense with pain. But then, who notices when they meet a theatre critic whose face is tense with pain? It is one of the marks of the profession.“ (Murther and Walking Spirits). Die Einsichten, die ich diesem Mann verdanke, sind zahlreich und begleiten mich. Zwei seien hier genannt: „His reply had that clarity, objectivity and reasonableness which is possible only to advisors who have completely missed the point“ (A Mixture of Frailties). Und: „I‘ve had a good deal of experience, and I‘ve always found that you get the best out of people by being decent to them“ (Tempest-Toast).

Sicher, jemand der schreibt, sollte vor allem schreiben können und muss nicht notwendigerweise toll aussehen. Andrerseits ist es eben doch auch so, dass wenn ich einen ausgesprochen feurigen Text gelesen habe und es sich dann herausstellt, dass es sich beim Verfasser um einen bleichen Arthritiker mit Mundgeruch handelt, ich mich dann, na ja, also ich lese dann den Text mit anderen Augen. Zugegeben, das ist nicht fair. Doch so ist das Leben, also gut: mein Leben. Deswegen: Es ist wohl besser, Autoren, deren Bücher man schätzt, nicht kennenzulernen.

Natürlich stimmt das so nicht – einige, von denen ich Bücher herausgebracht habe, erwiesen sich auch privat als überaus beeindruckende Menschen. Und trotzdem: Letzthin bin ich auf das Bild eines Autors, dessen Buch ich begeistert verschlungen hatte, gestossen und wusste sofort, dass ich, hätte ich dieses Bild vorher gekannt, die Lektüre gar nicht erst angefangen hätte.

Hier ein Zeitungsartikel über Ludwig Hohl. Einige seiner Notate habe ich, in jungen Jahren, gelesen, weil er eigenbrötlerisch war, mir als grosser Einsamer erschien. In Genf hat er gelebt, in einem Keller, und hat die vollgeschriebenen Zettel an einer Wäscheleine, die quer durch den Raum gespannt war, aufgehängt. Wozu wohl?, doch das frage ich mich erst heute. Nicht, weil mich die Antwort besonders interessierte, mehr, weil ich mich wundere, dass ich mich das damals nicht gefragt habe.

Meine intensivste Lesezeit, da war ich in meinen Zwanzigern, verbrachte ich mit Hubert Selby – nie sind mir Schilderungen von Obsessionen so nahe gegangen, nie, dass mir sonst einmal eines Buches wegen – vor allem: Der Dämon – schwarz vor Augen geworden wäre. Nur Nietzsches Also sprach Zarathustra (das war noch während des Gymnasiums) hat mich ähnlich verstört. Mir war, als ob sich Abgründe aufmachten, ich mich nirgendwo mehr festhalten, nur noch ins Bodenlose stürzen würde.

Von den Büchern, die ich im Laufe der Jahre gelesen habe, könnte ich selten einmal widergeben, wovon sie gehandelt haben. Ganz im Gegenteil zu professionellen Kritikern, die mir jeweils den Inhalt, das Gelungene und weniger Gelungene sowie den Hinweis, wie das Buch hätte geschrieben sein müssen, darzubieten im Stand sind. Bei mir selber beschränkt sich die Erinnerung meist darauf, ob mich ein Buch gefangengenommen, in seinen Bann gezogen hat. Toni Morrisons Song of Solomon, wo auch dieser Satz drinsteht: „Serious is just another word for miserable.“ Ich weiss, ich weiss, es geht nicht an, einen solchen Satz einfach aus seinem Zusammenhang zu reissen. Und ich weiss auch, dass dieses Buch von Anderem handelt, dass da eine Geschichte erzählt, die … undsoweiter usw usw. Doch kümmert mich das wenig, denn diesen Satz habe ich angestrichen, weil er meine Pubertät so treffend zusammenfasst. So traurig mich das auch heute noch machen kann, ich fand damals unbeschwerte Mitschüler nur oberflächlich. Ein sensibler Mensch (ich, nur ich) war ernst und litt.

Den Song of Solomon habe ich auf Kuba gelesen, im Juli 1997, völlig absorbiert von der Geschichte und wäre, obwohl das ja zeitlich wirklich nicht so weit zurückliegt, überfordert, müsste ich denn sagen, worum es dabei gegangen ist. Doch ich erinnere Bilder: Eine Strasse, eine Häuserzeile, dass Innere eines Hauses, einen jungen Mann auf der Flucht in einem Sumpfgebiet. Und ich erinnere die Zuneigung, die ich für die Menschen, die in dieser Geschichte auftraten, verspürte.

Eines meiner stärksten Leseerlebnisse war Ayn Rands The Fountainhead. Es handelt von einem Architekt mit einer Vision – soviel erinnere ich noch. Doch was ich noch ganz genau weiss, ist, wo ich dieses Buch gelesen, wie ich mich zu der Zeit gefühlt hatte.

Ich war damals 27 und hatte mit Beni (der sich heute Benedetto nennt) zusammen für wenig Geld ein Auto gekauft, um damit durch Frankreich, Portugal und Spanien zu fahren (Benis Cousine, deren Namen mir entfallen ist, war auch mit dabei). Wir hatten unsere Gitarren mit, spielten am Strand, in einem Restaurant (wo wir dafür gratis essen durften), einem Bordell und einer Disco im Süden Portugals, auf einem Geburtstagsfest in einer grossartigen marokkanischen Villa an der spanischen Mittelmeerküste und auf den Ramblas in Barcelona.

Die eindringlichste Erinnerung ist diese: Wie wir auf Ibiza jeweils den Bus zum Strand nahmen und ich die ganze Zeit – während des Wartens auf den Bus, der Fahrt, am Strand, der Rückfahrt – mich nur mit diesem Buch beschäftigte, der Geschichte eines Mannes, der seine Träume zu verwirklichen suchte.

Ständig bin ich umringt von einem mir selbst auferlegten Pflichtpensum, fast immer gegründet auf Besprechungen in Zeitungen und Magazinen, seltener wegen Anregungen aus dem Fernseher. Nicht, dass ich Kritikern, bezahlten Bücherlesern (das soll ein Beruf sein?) also, gegenüber positiv eingestellt wäre, ganz im Gegenteil. Hauptsächlich natürlich aus Neid (so möchte ich auch meinen Lebensunterhalt verdienen können), dann aber auch, weil mir Leute, die hauptberuflich mit Schöngeistigem zu tun haben, nicht viel Eindruck machen – sie sind mir zu sehr von des Gedankens Blässe angekränkelt, zu wenig sportlich. Auch ist es hilfreich, sich Fernsehsendungen zu Büchern anzuschauen, denn da sieht und hört man, wer da einem welche Bücher und warum nahe legt. Und noch jedesmal war es nach solchen Sendungen so, dass ich wusste, dass ich mir von solchen Leuten (es gibt Ausnahmen, sicher) keine Lektüre aufschwatzen lassen will, weil die nämlich alle (ja, ja, also dann: fast alle) so lehrerhaft, so von sich eingenommen und so beifallssüchtig wirken, dass man sich nur wundert, weshalb man den Apparat nicht einfach abstellt. In letzter Zeit habe ich bemerkt, dass ich genau dies immer öfter tue.

Ich erwarte mir von Büchern – hauptsächlich – eine Schärfung der Sinne. Und ich kriege sie auch. Von Graham Swift, zum Beispiel, der in Last Orders den Vic über den Beruf des Begräbnis-unternehmers nachsinnen lässt:

„ … it’s a privilege, to my mind, an education. You see humankind at its weakest and its strongest. You see it stripped bare of its everday concerns when it can’t help but take itself serious, when it needs a little wrapping up in solemness and ceremony. But it doesn’t do for an undertaker to get too solemn. That why a joke’s not out of place. That’s why I say: Vic Tucker, at your disposal.

It’s not a trade many will choose. You have to be raised to it, father to son. It runs in a family, like death itself runs in the human race, and there’s comfort in that. The passing on. It’s not what you’d call a favoured occupation. But there’s satisfaction and pride to it. You can’t run a funeral without pride. When you step out and slow-pace in front of the hearse, in your coat and hat and gloves, you can’t do it like your apologizing. You have to make happen at that moment what the bereaved and bereft want to happen. You have to make the whole world stop and take notice.”

Die ungelesenen Bücher um mich herum laden nicht nur zum Blättern ein, sie beschweren auch die Gestelle und mein Gemüt; sie drohen, mich unter ihnen zu begraben, mir den Atem zu nehmen.

Ich lese ohne Linie, wild durcheinander, oft gierig. Manchmal gerate ich in einen richtigen Sog, kann es kaum erwarten, weiter zu lesen, kann nicht genug kriegen, wie ein Süchtiger eben. Und wie jede Sucht nicht nur Leiden ist, sondern einem auch unvermutet Einsichten verschafft, so auch diese:

„Auf Briefmarken finden Sie die gesamte Geschichte der modernen Welt. Sie sind das einzige im alltäglichen Leben, das ein laufendes Protokoll der wichtigen Ereignisse führt, die eine Epoche definieren“ (Paul Benjamin: Aus für den Champion).

„Sie verabscheut Journalisten privat wie beruflich und meidet sie, wo es geht. Das hat nichts mit Rivalität zu tun. Sie kann nur ihre Selbstgefälligkeit, die versteckten Kumpeleien und die beschämende Grossspurigkeit, mit der sie auf ihre Neutralität pochen, nicht ausstehen.“ Und: „Am meisten habe ich mich, glaube ich, in sie verliebt, weil sie mir einen Weg versprach, aus mir selber herauszufinden“ (Ronan Bennett: Über den dunklen Fluss).

Auf Ronan Bennetts Buch bin ich in einem Zürcher Antiquariat gestossen. Ein Leseexemplar, gebunden, ungelesen, für fünf Franken – ich habe innerlich gejubelt. Der Autor war mir unbekannt, doch auf dem Umschlag gelobt von Nick Hornby, von dem ich zwar auch noch nie etwas gelesen, dessen Buchtitel mir jedoch geläufig sind. Es ist nicht meine Art, gerade erstandene Bücher sofort zu lesen, doch den Ronan Bennett nahm ich mir unverzüglich vor. Eine Geschichte aus den sechziger Jahren, aus dem Kongo, zur Zeit Lumumbas. Ein Ire folgt seiner Freundin, einer italienischen Journalisten, dorthin nach. Eine verzweifelte Liebesgeschichte, denn die Italienerin hat sich dem Unabhängigkeitskampf Lumumbas verschrieben, der Ire ist für diese Art von Engagement zu sehr Realist. Bei der Schilderung der Italienerin dachte ich oft an Oriana Fallaci – so musste die in jüngeren Jahren gewesen sein: wild, naiv, idealistisch, kompromisslos, fanatisch, eitel und durchgeknallt. Eine Wahnsinnige. Damit wir uns richtig verstehen: wahnsinnig meint hier keineswegs einen klinischen Begriff, möchte einen solchen aber auch nicht gänzlich ausschliessen. Wahnsinnig meint hier vor allem: unbedingt, ohne falsche Kompromisse.

„Versagen war keine Schande. Fehlender Mumm schon. Er musste es einfach drauf ankommen lassen. Oder es zumindest versuchen“ Die Sätze stehen in einem Krimi von Richard Hoyt mit dem Titel Marimba. Lese ich sie heute, denke ich, ja, ja, schon wahr, doch so besonders beeindruckend auch wieder nicht. Ob sie wohl im Zusammenhang …? Nein, nein, keine Textanalyse. Ich weiss genau, wieso ich diese Sätze mir angestrichen habe. Weil sie einfach, klar und direkt sind. Und Ermunterungen, Anweisungen zu handeln. Genau, was ich brauche, was mir Not tut.

Den Reportern gehört meine Zuneigung. Weil ich da sofort an Jack Nicholson in Antonionis Profession Reporter denke, genauer an Maria Schneider (und jetzt, als ich das so hin schreibe, an Maria Schneider in Last Tango in Paris), aber auch an Nicholson, alleine und verloren in wüstenähnlichen Gegenden. Denn das ist für mich ein Reporter: einer, der auf sich allein gestellt ist, nicht viel hat, und nicht viel braucht, ein Einsamer – so ziemlich das genaue Gegenteil eines Abteilungsleiters oder eines Chefredakteurs.

Natürlich rede ich nicht von den Fernsehreportern, ich rede von Leuten wie Norman Mailer und Tom Wolfe, von Oriana Fallaci und Dominick Dunne, von Christopher Hope und Rian Malan, von Honoré de Balzac und Emile Zola, von Leuten, deren Geschichten sich an der Wirklichkeit orientieren. Es sind dies Schreiber, die ihre Antennen ausfahren und hingucken, genau hingucken, und sich die dafür notwendige Zeit nehmen.

Nicht, dass diese Leute meinem idealisierten, einsamen Wolf entsprächen. Dominick Dunne, zum Beispiel, schreibt für Vanity Fair, ist Freund der Reichen (und Schönen, wirklich?) und folgt jeden Abend einer anderen Einladung. Was kann da schon Schlaues rauskommen? Doch dann las ich eines Tages in Time über Another City, Not My Own, Dunnes Buch über den O.J. Simpson-Prozess, das so beginnt: „Yes, yes, it‘s true. The conscientious reporter sets aside his personal views when reporting events and tries to emulate the detachment of a camera lens, all opinions held in harness, but the man with whom this narrative deals did not adhere to this dictum, at least when it came to the subject of murder, a subject with which he had a personal involvement in the past. Consequently, his reportage was rebuked in certain quarters of both the journalistic and the legal professions, which was a matter of indifference to him. He never hesitated to speak up and point out, in print or on television, that his reportage on matters of murder was cheered by much larger numbers in other quarters.“

Ich habe das Buch verschlungen, nicht zuletzt Dunnes parteiischer Subjektivität wegen: da ist von Anfang an kein Zweifel, dass Simpson des Mordes schuldig ist. Natürlich ist auch für Dunne dieser Prozess ein Medien-Spektakel, doch er ist mehr, weit mehr – es ist der Aufschrei eines zutiefst vom Mord an seiner eigenen Tochter getroffenen Mannes, eines Mannes, der bei aller Rigorosität seiner Sichtweise nicht aus den Augen verliert, dass es bei diesem Prozess nicht um Rassenfragen, sondern um die erschlagenen Nicole Simpson und Ron Goldman zu gehen hat.

Was mich interessiert ist Aufrichtigkeit, ungeschminkte Aufrichtigkeit, denn diese befreit. Und Authentizität. Und darum, vermute ich, geht es mir vor allem. Leon de Winter in seinem Buch Leo Kaplan:

„Recht dem Zweifel! Recht der Unsicherheit! Eine Welt verzweifelter Individuen, die nicht wissen, ob sie nach links oder nach rechts gehen sollen! Das ist meine ideale Welt!“ (…) „Er hatte gemeint: Ich möchte mein eigenes Leben leben, ich möchte ein Mensch sein, der Verrückte, Gorillas, Krokodile achtet, ich möchte mich nicht länger von einem blinden Verlangen nach Wahrheit bestimmen lassen`! So was in der Art. Aber er war sehr wohl auf der Suche nach Wahrheiten. Er wusste, dass es sie gab. Die Wahrheit des Todes, der Geburt, der Liebe. Die wollte er kennen, aus ihrer Verpackung nehmen …“