Wie (s)ich mein Leben wieder einmal nicht änderte

Mein Leben zu ändern, radikal, definitiv, das wollte ich immer schon. Und obwohl ich die Male, die ich’s versucht hab und gescheitert bin, nicht mehr zählen mag, gebe ich nach wie vor nicht auf, nehme mir immer wieder vor, dass ich ab dann und dann (meist an einem Montag, nie an einem Freitag), alles ganz anders, viel besser und nur noch toll und gut machen werde.

Eines Tages las ich in einem Ratgeber, dass man den Tag, an dem man sein Leben ändern wolle, zu einem speziellen Tag machen müsse. Man solle sich, stand da, immer wieder und immer wieder sagen: heute ist mein Entscheidungstag. Nun ja, dachte ich, schaden kann’s auf jeden Fall nicht und so sagte ich: Heute ist mein Entscheidungstag.

Ich machte mir einen zweiten Kaffee. Und sagte von neuem: heute ist mein Entscheidungstag.
Nichts passierte, weder äusserlich noch innerlich. Ich wusste aus Erfahrung, dass meine Motivation, diesen Tag zum absoluten Wendepunkt in meinem Leben zu machen, von Stund zu Stund abnehmen würde. Ich musste mich also konzentrieren, doch worauf nur?

Einmal hatte mir ein Bekannter gesagt, das Heil liege im Tun. Sofort hatte ich an Workaholics gedacht. Jetzt sage ich mir: sieh doch nicht immer alles so negativ, versuch es halt mal. Okay. Tun also. Aber was?
Warum mir bei Tun immer körperliche Betätigung (und nicht etwa Schreibtischarbeit) in den Sinn kommt, weiss ich nicht genau. Ich vermute, es ist wegen dem Fernsehen. Wird nämlich dort ein Beamter gefilmt, sieht man ihn nie einfach nur die Akten lesen. Immer geht er einen Gang entlang, immer nimmt er etwas aus dem Regal oder blättert in einem Buch. Letzthin habe ich sogar einen gesehen, der die Treppe im Bundeshaus zu Bern, nein, nicht hinauf, hinunter und nach draussen rannte.
Wie wär’s mit Joggen? Bei dem Wetter sicher nicht. Meditieren? Vielleicht etwas zu passiv um als Tun durchzugehen, doch mit irgendwas muss ich schliesslich anfangen. Obwohl, also meditieren, das dauernde Stillsitzen, das liegt mir schon ganz und gar nicht, das ist irgendwie so ziemlich gegen meine Natur.

Jetzt reiss dich zusammen, sagte ich mir, heute ist doch dein Entscheidungstag.
Ich setzte mich hin und konzentrierte mich auf meinen Atem. Ein. Aus. Ein. Aus. Und Ein. Und Aus. Und Ein. Und Aus. Nur den Atem beobachten. So aufmerksam wie möglich. Nichts verändern wollen. Beobachten. Da sein. Wach sein.
Ich fühlte mich eher schläfrig als wach. Schon nach wenigen Minuten drifteten meine Gedanken zu den wichtigen Dingen des Lebens. Sagte doch der letzthin der Schweizer Bundespräsident im Fernsehen, er fahre gerne Tram, weil da niemand Aufhebens um ihn mache. Wusste gar nicht, dass man in die Politik geht, weil man nicht speziell beachtet werden will. Und dann die Calmy-Rey, die Aussenministerin, die müsse jetzt einen Neutralitätsbericht schreiben, hab ich gelesen. Da drauf wartet der Rest der Welt sicher schon ganz atemlos. Na ja, vielleicht doch nicht, aber ihr Kollege Schmid, der wartet garantiert darauf, weil der sich ja so genervt hat, dass die Calmy-Rey die israelischen Angriffe auf den Libanon „unverhältnismässig“ genannt hat und das geht natürlich schlecht mit unserer Neutralität (von der die Calmy-Rey wiederum gesagt hat, es gebe einige, die darunter verstünden, in den vier Landessprachen nichts zu sagen) zusammen, weil so, wie es heisst, die militärische Zusammenarbeit mit Israel verunmöglicht werde. Neutralität ist also, was den Schweizern, die daran verdienen, nützt. Irgendwie hätte man das ja gerne etwas genauer gewusst: was für Geschäfte macht die neutrale Schweiz eigentlich mit der israelischen Armee?
Beim Atem bleiben. Ein. Aus. Ein. Aus. Und Ein. Und Aus. Und Ein. Und Aus. Ich versuchte aus halbgeöffneten Augen auf den Wecker zu gucken. Wo stand er bloss? Ich liess meine Blicke durchs Zimmer schweifen. Erfolglos. Nun ja, die zwanzig Minuten, die ich mir zum Ziel gesetzt hatte, waren bestimmt noch nicht um. Also weiter. Ein Aus. Ein. Aus. Und Ein. Und Aus. Dableiben. Es gibt nichts Wichtigeres als da zu sein. Das habe ich mal bei einer Gruppenmeditation gehört. Leuchtet mir ein. Ein. Aus. Und Ein. Und Aus. Gott, ist das langweilig. Am liebsten hätte ich jetzt ein Vanille-Glacé Ein. Und Aus.

So fertig. Achtzehn Minuten waren’s. Ganz okay für den Anfang.

Ich sitze wieder am PC. Und sage mir: heute ist mein Entscheidungstag. Und füge hinzu: immer noch. Doch es passiert auch weiterhin nix. Alles ist wie immer. Ich sitz am PC und tue, was ich immer tu: ich schreib. Doch weil heute mein Entscheidungstag ist, red ich mir ein, es sei nicht so wie immer, es sei ein ganz klein wenig anders, weil nämlich mein Bewusstsein doch ein klein wenig wacher ist als auch schon. Und genau das scheint das Problem: dass ich erwarte, es müsste anders sein, weil ich mir doch Mühe gebe.

Wenn Erwartungen töten könnten, wäre ich schon lange tot.