Momente in Valparaíso

Geneviève aus Lausanne fuhr eines Tages, mit Büchern im Gepäck, für ein Wochenende nach Paris, mietete ein Zimmer in einem Hotel, machte es sich bequem und begann zu lesen. Nur zum Essen verliess sie ihr Zimmer. Der ultimative Luxus, meinte sie: in einer fremden Stadt nichts anderes zu tun als was man gerne tut.

Immer mal wieder habe ich mich im Laufe der Jahre an diese Geschichte erinnert. Und gedacht: das möchte ich auch einmal machen. Und jetzt mach ich es. Auf meine Art. In Valparaíso, auf dem Cerro Playa Ancha, habe ich mir im chilenischen Sommer für einen Monat eine günstige Cabaña gemietet. In dieser Zeit will ich durch die Stadt flanieren, an die nahegelegenen Strände (Portales, Viña, Reñaca) gehen, lesen, fernsehen, im Internet surfen und aufnotieren, was ich empfinde, mir durch den Kopf geht, mich umtreibt. Nicht alles, denn mir ist es nicht um Selbstentblössung zu tun, sondern um Bewusstwerdung. Und diese, so meine Erfahrung, wird gefördert, wenn man aufschreibt, was sich in Kopf und Herz abspielt.

Der Blick durchs Fenster meiner Cabaña geht auf den Hafen und die gegenüberliegenden Hügel: in den ersten Tagen ist es mir oft passiert, dass ich rausgeschaut und, einen Moment nur, innerlich gejubelt habe – so genial schön ist diese Aussicht, so beglückt fühle ich mich, dass ich jetzt hier sein darf.

Wenn es das Wetter erlaubt (meist bläst der Wind jedoch zu stark – früher sei er noch viel stärker gewesen auf diesem Hügel, doch mit der weltweiten Klimaveränderung sei er erträglicher geworden, sagt die Coiffeuse in der Avenida Playa Ancha), setze ich mich kurze Zeit auf die Terrasse.

Erst nach Tagen fällt mir auf, dass am gegenüberliegenden Hang, ein Loch klafft, wo früher einmal ein Haus sich befunden haben muss. Reste davon sind zu sehen. Und plötzlich sehe ich, allüberall in der Stadt, unbewohnte Häuser, von denen oft nur noch die Fassaden stehen. Patrimonio de la Humanidad nennt man das. Es erinnert mich an Havanna.

Am Morgen des 5. Februar sagt ein Däne beim Frühstück, wir seien ja heute recht unsanft geweckt worden. Ob ich denn die Explosion ganz in der Nähe nicht gehört habe? kommentiert er meinen fragenden Blick.

Nein, ich hatte nichts gehört, ich war gerade unter der Dusche.

Als ich kurze Zeit später den Hügel runter zum Hafen gehe, sehe ich, nicht weit von da, wo ich hin will, starken Rauch aufsteigen. Ich frage einen Passanten, der runterguckt, was geschehen sei. Eine Gasexplosion, vier Häuser zerstört, die Zahl der Opfer und Verletzten unbekannt.

Von bis zu 20 Opfern kann man im Fernsehen hören, im El Mercurio de Valparaiso ist zuerst von 11, dann von 3, schlussendlich, am 23. Februar, von 2 Toten die Rede.

Das am häufigsten gebrauchte Wort im Spanischen beziehungsweise der am häufigsten gebraucht Ausdruck ist „claro“. Jemanden wie mich, dem es gelegentlich vorkommt, als ob er nur aus Fragen bestünde, macht dies staunen, und wirft natürlich wieder neue Fragen auf.

Heute, am 16. Februar stürmt es, seit Stunden schon, gegen Mittag nimmt der Regen ab, der Himmel und somit der Ausblick auf die gegenüberliegenden Hügel und die Bucht bleibt grau in grau, gegen Abend klart es auf. So aussergewöhnlich scheint solch heftiger Regen zu dieser Jahreszeit, dass Fernsehen und Zeitungen ausgiebig darüber berichten. „Inusual mal tiempo en pleno verano provoca daños y molestias propios del invierno” titelt El Mercurio.

Nach wenigen Tagen überkommt mich Unruhe: ich sollte was tun, nicht faulenzen, vor allem, ich muss meinem Tun eine Richtung gebe und brauche Disziplin, und diese ganz unbedingt, denn ohne sie ist nichts. War mir das Leben eigentlich je mal was anderes als hoffen, es würde bald anders werden? Ja, doch, in Momenten.

Vor Jahren, in Lausanne, fiel mir ein lange zurückliegendes Tagebuch in die Hände. Mit nicht geringem Erstaunen und einigem Befremden stellte ich damals fest, dass meine Lebensfragen sich über all die Zeit hinweg gleich geblieben waren. Sie sind es immer noch: Morgen (doch idealerweise an einem Montag) werde ich ein neues Leben anfangen, ab dann werde ich alles so diszipliniert und perfekt machen, wie es mir schon immer vorschwebte. Ich weiss, ich weiss, das ist lächerlich, doch alle meine diesbezüglichen Einsichten haben bis jetzt nichts daran geändert, dass ich nach wie vor so empfinde. Um es mit Balzac zu sagen: „Der Siebzigjährige sehnte den Augenblick herbei, da er leben könne, wie es ihm behagte“ (Verlorene Illusionen). Geändert hat sich einzig, dass ich heute das Fehlschlagen meiner guten Vorsätze nicht mehr so tragisch finden mag. In den Worten von Borges: „Cuando era joven, la intolerancia era una de mis virtudes basicas; debía de ser insoportable. Además, mi gran timidez me llevaba a mostrame orgulloso, depreciativo y aspero. No es que ahora sea mucho mejor, pero he aprendido a ser cortés, o mejor dicho, ahora me son indiferentes muchas cosas que antes no lo eran.” Zudem finde ich hilfreich, was in den “Los Doce Pasos” gelesen habe: “Aunque nuestra obstinación nos cierre la puerta como succede a menudo, siempre podremos volver a abrirla con la llave de nuestra buena voluntad.”

Wo kommen wir her, was tun wir hier, wo gehen wir hin? Das beschäftigt wohl uns alle, manche etwas intensiver, und mich – nicht zuletzt, weil ich über viel freie Zeit verfüge – ganz besonders intensiv. Die Urangst, vor dem Leben wie vor dem Sterben, die mich, so scheint mir, schon mein ganzes Leben begleitet, hat im Laufe der Jahre nicht abgenommen, doch gab und gibt es Phasen, in denen sie weniger präsent ist. Was hilft gegen die Angst? Mich daran zu erinnern, was mir schon als Jugendlicher Trost spendete: die Ideenwelt der Indianer. Genauer: die Teile davon, die ich damals intuitiv begriffen habe – dass ein Baum, wenn man eine Kerbe in seinen Stamm schnitzt, weint; dass die sogenannte unbelebte Welt lebt; und dass man einmal in die ewigen Jagdgründe (was für ein schönes Bild) eingehen wird.

In diesem Jahr fällt der Aschermittwoch auf den 21. Februar: „Gedenke Mensch, dass du aus Staub bist, und zum Staub wirst du zurückkehren.“ (Gen 3,19).