Von Hühnern und Büchern

Wie meist übersprang Henri auch an diesem Morgen die Politik, die Wirtschaft und den Sport; die gängige Prioritätenordnung stellte die Kultur an den Schluss. Auf der ersten Seite fand sich unter dem Titel „Ins Hirn gekrochen, ins Herz gespäht“ eine Buchbesprechung mit diesem Vorspann: „Drei Chinesen mit dem Kontrabass: Der in Berlin lebende Schweizer Autor Matthias Zschokke legt mit `Das lose Glück` einen neuen Roman vor.“

Henri las selten einmal Schweizer Autoren, interessierte sich auch nur mässig, was über sie gesagt wurde. Ein Bild von Herrn Zschokke war dem Artikel beigefügt. Ein schlanker, attraktiver Mann, der offenbar Wert auf sein Äusseres legte. Weisse, weite Bundfaltenhosen, schön gearbeiteter, einfacher, brauner Gürtel, weisses Hemd mit Polokragen.
Im Ammann Verlag sei der Roman erschienen, stand am Ende des Artikels vermerkt. Henri mochte das Programm dieses Verlages, vor allem aus ästhetischen Gründen. Und manchmal fanden sich unter den schön gestalteten Büchern auch Lese-Perlen.

Der Rezensent besprach Zschokkes Buch in der Art und Weise wie Henri sich vorstellte, dass Bücher besprochen werden müssten: er las, dass der Rezensent Oscar Wilde gelesen und sich Gedanken über Zahnärzte und Postmoderne gemacht hatte. Zschokkes Werk, so war weiter zu erfahren, sei nach „einem altbekannten Muster konstruiert. Das Muster heisst: Drei Chinesen mit dem Kontrabass sitzen auf der Strasse und erzählen sich was.“

Henri war ein solches Muster nicht geläufig und auch etwas verwirrt, denn in Zschokkes Buch kamen gar keine Chinesen vor. Auch der Kontrabass fehlte und anstelle der Strasse gab es einen See.

Der Rezensent hatte nicht nur das Buch gelesen, er hatte sich auch über den Autor kundig gemacht. Dabei war ihm aufgefallen, dass „viel Gewese“, sowohl von Kritikern als auch vom Autor selbst, darum gemacht worden sei, dass Herr Zschokke seit 1980 in Berlin wohnt. Das missfiel dem Rezensenten. Und um die Dinge ins rechte Licht zu rücken, liess er die Leser wissen, dass der Herr Zschokke in Bern geboren und in Ins aufgewachsen sei. Wahrlich genug Grund, so möchte man meinen, dass der Mann Wert darauf legt, in Berlin ansässig zu sein.

Der Rezensent mochte diesen Matthias Zschokke nicht. Und deshalb mochte er auch das Buch nicht. Anders war nicht zu erklären, dass er am Schluss seiner Besprechung eine ganz wunderbare, in sich abgeschlossene, Stelle zitierte, `Zerrupfte Hühner, die nicht wissen, dass sie sterben, die ganz und gar damit beschäftigt sind, Hühner zu sein, sich in den Sand zu hocken, wieder aufzustehen, das Gleichgewicht zu halten, pickend über einen Hof schreiten, vogelfrei, im losen Glück.`, und dann forderte: „Von diesen Hühnern hätte man gern mehr erfahren.“

So recht eigentlich sollte man nur Bücher von Autoren besprechen, gegen die man nichts hat, dachte Henri. Oder noch besser: die man mag.