Über Bangkok

Bangkok, das weiss jeder, steht für käuflichen Sex. Und für Shopping. Und vielleicht noch ein paar Tempel. Dabei ist die thailändische Hauptstadt schon faszinierend, wenn man einfach nur schaut, was sich vor der eigenen Nase abspielt.

Von meinem Liegestuhl am Schwimmbecken des Golden Palace sehe ich eine grossgewachsene, schlanke, hellhäutige Thailänderin mit ebenmässigen Gesichtszügen auf den Hoteleingang zu gehen. Die junge Frau trägt Jeans, eine weisse Bluse und eine grosse Sonnenbrille; sie ist so schön, dass es mir fast den Atem nimmt. Minuten später sehe ich sie mit ihrem Freier, einem wesentlich älteren, sportlichen, gutaussehenden Mann mit kurzem, grauen Haar das Hotel verlassen. Er freut sich, lacht, sie lächelt. “Have money, have feeling”, heisst das in der Stadt der Engel.

Das Golden Palace, ein in die Jahre gekommener, von Chinesen betriebener Bau, dessen Gäste dieses Jahr fast ausnahmslos tätowiert sind, liegt ganz in der Nähe des Nana Plaza, wo sich GoGo-Schuppen an GoGo-Schuppen reiht. Und die Soi Cowboy ist nicht weit, wo auch wieder ein GoGo-Schuppen neben dem andern steht. Und dann gibt’s da noch die Clinton Plaza, und den Biergarten in der Soi 7 und die Bamboo Bar in der Soi 3 und und und, man kann da leicht den Überblick verlieren, weil in Bangkok alles in ständiger Veränderung begriffen ist, getreu der buddhistischen Weisheit, gemäss der die einzige Konstante der Wandel ist.

Adrian stammt aus Bristol und lebt seit fünfzehn Jahren hier. Er ist um die fünfzig, gross, schlank und durchtrainiert, schliesslich hat er Jahre lang sein Geld als Fitnesstrainer in den grossen Hotels verdient. Er habe sich gestern in eine der Bars am Eingang zum Nana Plaza gesetzt und sich die Leute betrachtet und da sei ein Typ reingewatschelt, mit gespreizten Füssen wie eine Ente, etwa zwei Zentner schwer, um die einssechzig, einsfünfundsechzig gross, mit einem Hals, der eigentlich gar keiner gewesen sei, weil da zwischen Rumpf und Kopf gar kein Übergang war, neben sich eine vielleicht Siebzehnjährige, klein und dünn. Also er habe ja viel Fantasie, sagt Adrian, doch wie das bei denen beiden gehen solle, dazu reiche sie dann doch nicht aus.
Wir sitzen in einem der Internet-Cafes auf der Sukhumvit, wo ich gerade Callums Begeisterung für alles thailändisch Weibliche mit dem Hinweis zu korrigieren versuche, dass viele gar keine Weibchen seien, weswegen auch die Veranstalter von Schönheitskonkurrenzen vor einigen Jahren sich veranlasst gesehen hätten, die einschlägigen Reglemente dahingehend zu ändern, dass künftige Teilnehmerinnen “female from birth” zu sein, da allzu oft “Ladyboys” das Rennen gemacht hätten. Ach komm, das merkt man doch, ob da eine Mann oder Frau ist, lacht Callum, ein guterhaltener Fünfzigjähriger aus Neuseeland, vor kurzem geschieden, als Adrian sich einschaltet und meint, da könnte er sich täuschen. Er selber, fügt er mit für einen Engländer ungewöhnlicher Offenheit hinzu, stehe ja auf “Ladyboys”. Ah ja, tönen Callum und ich unisono. Ja, ja, die BBC habe sogar einmal ein Porträt über ihn gebracht. Ob denn die “Ladyboys” noch alle ihre Glieder…? In der Regel schon. Ob er dann früher auf Männer …? Nein, nein, er sei immer auf Frauen gestanden, im Übrigen sehe er die “Ladyboys” als Frauen.

Ich trete auf die Strasse und bin mittendrin im Leben. Vor allem mittags, wenn die Angestellten der umliegenden Banken zum Essen ausschwärmen und vor Ständen mit Wassermelonen, Ananas und Papaya oder an Klapptischen, wo Reisgerichte, Nudeln und Suppen gereicht werden, sich einfinden. Daneben dann Verkaufsstände wo Uhren, Unterhosen, Messer, T-Shirts, Hemden, Hosen, Socken und was das Käuferherz sonst noch alles begehrt, feilgeboten werden. Geschäftig und unaufgeregt. Es wird geschnattert und gescherzt und man kommt ohne die einem aus dem Westen so vertraute Hektik aus. Das liegt am thailändischen Naturell, dem das Wichtigste “Sanug”, also Spass und Freude, ist. Und es liegt auch an der Hitze, welche Gelassenheit verlangt und die thailändischen Hunde, die, alle Viere von sich gestreckt, Schnauze vorgeschoben, flach auf den Trottoirs liegen, wohl weltweit zu den schlaffsten Exemplaren ihrer Gattung macht.

Ein paar Schritte weiter und ich bin in Afrika, Der Abschnitt beginnt mit arabischen Restaurants, gefolgt von Läden meist hochgewachsener Schwarzer, die auf riesigen Stoffballen sitzen oder in Sesseln vor monumentalen Schuhhaufen sich lümmeln. Grosshandel, Export und alles sehr bunt, nicht zuletzt der farbenprächtigen afrikanischen Gewänder wegen. Hier kann man auch günstig telefonieren, man muss sich dabei allerdings das hörerfreie Ohr zuhalten, weil die Afrikaner offenbar davon ausgehen, dass die nicht unbeträchtliche Distanz zwischen Bangkok und ihren jeweiligen Heimatländern am besten mit Schreien und Brüllen zu überwinden ist.
Anfang Juli macht sich der Leitartikler der Bangkok Post für ein thailändisch-nigerianisches Abkommen über den Austausch von Gefangenen stark. Die Nigerianer bilden mit über 300 Insassen das höchste ausländische Kontingent in thailändischen Gefängnissen. Wie schrieb doch Paul Thomas schon 1995 in seinem Krimi “Transfer”: “Die Anwesenheit so vieler Nigerianer in einem thailändischen Gefängnis hatte Ricketts überrascht. Mit unverholenem Stolz hatte Adeyemi ihn darüber informiert, dass die Nigerianer die besten und aktivsten Drogenschmuggler der Welt waren und dass ihnen dieser Status in einem aktuellen Bericht des US-Aussenministeriums über den internationalen Drogensschmuggel zuerkannt worden war.” Aktiv sind sie nach wie vor, vielleicht jedoch etwas weniger gut als sie selber glauben.

Noch ein paar Schritte weiter und ich bin im Foodland, einem Supermarkt, der auch ein sehr gutbesuchtes Theken-Restaurant führt, wo man für weniger als zwei Schweizer Franken einen exzellenten “fried rice” kriegt. Hier ist die Szene so Multikulti, dass es keinem in den Sinn käme, sie als solche zu bezeichnen. Weil das Nebeneinander der verschiedensten Nationalitäten, Rassen und Herkunftsorte das Normale und nicht das Exotische ist.
Neben mir sitzt heute ein breiter, schwerer, schwitzender, Amerikaner, Mitte fünfzig, der V.S. Naipaul liest, sich wundert, dass ein solcher Mann den Nobelpreis kriegt (er hält viel von Naipaul, jedoch wenig von den Leuten, die den Nobelpreis vergeben) und wissen will, ob ich sein Indien-Buch kenne. Ich habe es erst kürzlich in der Hand gehabt und teile seine Begeisterung. Gestern sass ich neben einem australischen Ingenieur, der einen Anruf von einem Nigerianer entgegennahm, der ihn von ganz legalen Geldgeschäften, bei denen es nur Gewinner gibt, überzeugen will; vorgestern neben zwei jungen englischen Touristen, die gerade erst angekommen sind, sich noch nicht an thailändisches Essen wagen und vorsichtshalber Hamburger bestellen, und vorvorgestern war ich gerade dabei, einen Löffel Reis in den Mund zu schieben, als ein Mann sich neben mich stellt, mein Wasserglas ergreift, auf ein Päckchen mit Pillen, das er in der andern Hand hält, zeigt, das Glas, mein Glas, zum Mund führt, Sorry sagt, die Pille mit Wasser runterschluckt, das Glas abstellt, nochmals Sorry sagt und davon geht. Ich tippe auf Araber. Weil er arabische Gesichtszüge hatte.

Jing arbeitet bei der Bangkok Bank. Wir kennen uns seit zwölf Jahren. Sie weiss, dass ich mich für Buddhismus interessiere. Ob ich am Sonntag zum Meditieren mitwolle? Ich will.
Ein paar Tage später führt sie mich zu einem mit Mauern umgebenen Tempel zwischen dem World Trade Center und dem Siam Square, an dem ich schon oft vorbeigekommen, jedoch nie hineingegangen bin – vielleicht haben mich die Mauern abgeschreckt. Das Areal ist überraschend weitläufig. In einer Stadt, in der rund um die Uhr neue Häuser hochgezogen werden, habe ich soviel freien Raum nicht erwartet.
Jing geht schnurstracks auf einen kleinen, air-conditioned Supermarkt zu, wo wir uns Getränke besorgen und führt mich dann zu Tischen und Bänken, wo Leute mit Essen beschäftigt sind. Hier kochen regelmässig Freiwillige für die Tempelbesucher, sagt Jing. Das Essen ist gratis. Und hier, wir steigen die paar Treppen zur Mediationshalle hoch, als Jing auf die leere Fläche unter der Halle zeigt, wo Mappen und Decken liegen, hier können Menschen, die keinen Schlafensplatz haben, Unterkunft für die Nacht finden.

Bei einem Cappuccino und zurückgelehnt in einen bequemen Sessel in einem der in letzter Zeit immer zahlreicher gewordenen Internet-Cafes, lasse ich das Bangkoker Trottoirleben an meinen Augen vorbeiziehen Die vielen jungen und meist hübschen Mädchen, die mit ihren altersmässig häufig recht fortgeschrittenen Freiern, von denen die wenigsten eine Schönheitskonkurrenz gewinnen würden, unterwegs sind, fallen in diesem Teil der Stadt kaum auf. Doch die Kombinationen sind manchmal umwerfend. Sie im knallengen Mini, auf ersichtlich ungewohnten Stöckelschuhen, er in kurzen Hosen, Unterleibchen und Badeschlappen. Kommt dazu, dass sie knackiger kaum sein könnte, er hingegen, na ja, schwer zu sagen, auf jeden Fall nicht knackig.
Was mag sich wohl im Kopf dieses Mannes abspielen? Glaubt er ernsthaft, dieses junge, hübsche Mädel vom Land, das er wohl erst vor kurzem in einer Bar kennengelernt hat, hege romantische Gefühle für ihn, einen Mann mittleren Alters mit Bauch und beginnender Glatze? Ausgeschlossen ist das nicht, wahrscheinlich hingegen auch nicht. Wie andere Männer auch, wird er auf seine inneren Werte bauen.
Solange er von den Thais lernt, was die Thais die Welt lehren können – die Dinge nicht allzu ernst zu nehmen, Spass und Freude zu haben – wird er auch die nachher etwas schlankere Geldbörse zu verkraften wissen, denn gratis ist auch in Bangkok nichts. Oder eben, “have money, have feeling”, wie es hier so treffend heisst.