Über Ross Macdonald und Warren Zevon

Ross Macdonald wieder zu lesen, bedeutet, auf Szenen und Dialoge wie diese zu stossen:
„Noch einen Scotch, Doktor?“ fragte Marco.
Er wandte sich mir zu: „Etwas habe ich in meiner zwanzigjährigen Arztpraxis gelernt. Man muss jeden seine eigenen Fehler begehen lassen. Früher oder später nehmen sie doch wieder Vernunft an. Wenn ein Mann erst einmal ein Lungenemphysem gesehen hat, hört er zu rauchen auf. Und die Mädchen mit schweren Anfällen von Romantik werden wieder realistisch. Genau wie meine liebe Frau hier.“
Eine massige Frau in einer Art Mantilla tauchte hinter uns auf. Ihr Dekolleté schimmerte wie Perlmutt durch die schwarze Spitze. Sie hatte üppiges blondes Haar und einen unzufriedenen Mund. Ich stand auf.
„Redet ihr über mich““ fragte sie. „Das schätze ich nicht sehr.“
„Ja, ich habe deine realistische Ader gelobt, Audrey. Alle romantischen Frauen werden eines Tages wieder realistisch.“
„Die Männer zwingen uns dazu“, entgegnete sie. „Hat Marco mir meinen Daiquiri gemixt?“
„Ja. Das ist Mr. Archer, ein Detektiv.“
„Wie aufregend“, sagte sie. „Sie müssen mir ihre Lebensgeschichte erzählen.“
„Ich habe als Romantiker begonnen und mich allmählich zum Realisten entwickelt.“
Sie lachte und trank ihren Daiquiri, dann gingen die beiden in den Speisesaal hinüber.
(aus: Geld zahlt nicht alles).

Ross Macdonald wieder zu lesen bedeutet auch, sich an eine Sehnsucht von Kalifornien zu erinnern, der auch Aufenthalte vor Ort nichts anzuhaben vermochten, weil man instinktiv die Vorstellung, die man sich gemacht, sich zu sehen entschieden hatte. Obwohl, Anlass am amerikanischen Traum zu zweifeln, hatte es immer wieder gegeben. Als, zum Beispiel, in einem „No Shirt, No Shoes, No Service“-Schnellimbiss in Strandnähe, dessen Theke im Freien stand, ein barfüssiger, hemdloser, jedoch Shorts tragender junger Mann, der nur schnell ein Eis kaufen wollte, weggewiesen wurde und, da er sich dies nicht gefallen lassen wollte, er bereits Minuten später von einem Streifenwagen abtransportiert wurde, fühlte man sich schon etwas seltsam berührt, hatte man doch mit Kalifornien immer verbunden, dass man da mehr dürfe als anderswo.

“Ken Millar made me realize that I wrote my songs despite the fact that I was a drunk, not because of it.” Warren Zevon, der Singer/Songwriter, hat das gesagt. Dass Ken Millar, wie Ross Macdonald im wirklichen Leben hiess, und Zevon einiges verbunden hat, mag man nur schon daraus ablesen, dass der Krimiautor den damals von der Trunksucht genesenden Songschreiber im Krankenhaus besucht hat.
He did not want to die by drink, which he described as a coward’s death, steht in einem Artikel auf Zevons website zu lesen.

Dry your eyes my little friend, let me take you by the hand. Songzeilen wie diese, oder auch diese: The eternal Thompson gunner still wandering through the night. Now it’s ten years later but he still keeps up the fight, drücken das Grundgefühl, das Zevon und MacDonald eigen ist, aus. Einzelgängerische Seelen, nachdenklich, voller Mitgefühl, kämpferisch.

I want to live alone in the desert, I want to live like Georgia O’Keeffe, I want to live on the Upper East Side, and never go down in the street. So beginnt Zevons Splendid Isolation. Viel Sehnsucht liegt in solchen Zeilen, nach Weite, Anonymität, Unspektakulärem, und dem Mut, das zu tun, was man als seine Bestimmung erahnt. Honesty and vulnerability sei seine Währung, hat Jackson Browne über den Freund gesagt.

Ross Macdonald starb 1983 im Alter von 68 Jahren im kalifornischen Santa Barbara, Warren Zevon 2003, 56jährig, in Los Angeles.