Brasilianische Begegnungen

Markus ist ein Freund und meint es sicher gut. 
Erstaunlich also, dass ich ihm zuhöre. Gut möglich, dass ich zu erschöpft, zu ausgelaugt oder für einmal zu gleichgültig bin, um zu widersprechen Und noch erstaunlicher, dass ich mich ein paar Wochen später noch erinnere, was er gesagt hat, und es dann sogar umsetzte. Weil mir gar nichts andres übrig blieb.

‚Sag einfach mal nichts, hör einfach nur zu’, hatte Markus, der genau so gerne redet wie ich auch, gesagt. Und gemeint, so würde ich garantiert die Frau meines Lebens kennen lernen

Kaum hatte ich die junge Frau am Strand von Maceio angesprochen, erzählte sie mir auch bereits ihr Leben, das ganze, und während sie also redete, vom geschiedenen Mann, von den Kindern, der Mutter und vom Studium, erinnerte ich mich an den Satz von Markus und dachte so bei mir, dass, auch wenn ich wollte (ich wollte nicht), ich bei dieser Frau mit Reden niemals zum Zug kommen könnte, weil die überhaupt gar nicht zu bremsen war. Mangels Alternative (die Frau war ausgesprochen hübsch) entschied ich mich zuzuhören (konkreter: abzuwarten). Leider musste sie jedoch, nachdem sie ausgeredet, eiligst (und ohne sich mit mir verabreden zu wollen) zur Vorlesung an die Uni.

Noch auf der Stelle beschloss ich, Markus’ Ratschlag in den Ordner „Sonstige: Sozialarbeiter, Psychologen etc.“ abzulegen. Das ist der Ordner, den ich fast gar nie öffne, also eine Art Papierkorb, den ich jedoch, im Gegensatz zum regulären Papierkorb, nicht leere, weil es ja sein könnte, das darin Befindliches vielleicht doch noch irgend einmal, man weiss schliesslich nie, von Nutzen sein könnte.

Und siehe da: ein paar Wochen später sass ich im Bus neben einer jungen, hübschen Frau (übrigens: nicht alle Brasilianerinnen sind jung und auch nicht alle sind hübsch – ich weiss wovon ich rede, ich bin in den letzten Monaten genug oft neben alten Männern, mittel alten Damen etc. etc. gesessen), die allerdings kein Wort mit mir redete. Eigenartigerweise ging mir der Spruch von Markus durch den Kopf und so sagte ich auch nichts. Eineinhalb Stunden lang. Dann musste die junge Frau aussteigen. Bevor sie dies tat, richtete sie das Wort an mich: sie gehe hier zur Schule, arbeite jedoch üblicherweise im Hotel Marupiara, lächelte sie, gab mir ihre Karte, ich gab ihr meine, und lächelte ebenfalls. Die Visitenkarte wies sie als Nilo Ferreira, Supervisorin der Rezeption, aus. Ich fühlte mich ganz beschwingt.

Als ich am nächsten Tag, leicht nervös und hoffnungsfroh, das Hotel Marupiara aufsuchte, mich nach ihr erkundigte und die Karte vorwies, wurde ich gebeten, einen Moment Platz zu nehmen. Zehn Minuten später tauchte ein mittelalterlicher, übergewichtiger und stark schwitzender Herr auf, der sich als Nilo Ferreira, Supervisor der Rezeption, vorstellte. Oh, sagte ich und zeigte ihm errötend die Karte (da stand in der Tat Supervisor und nicht etwa Supervisorin drauf), das müsse ein Missverständnis sein. Nun, die Person auf der Karte, das sei er, lächelte er. Aha, lächelte ich. Ob hier vielleicht eine junge, hübsche Frau, die einmal die Woche zur Schule … Nilo lächelt so wie die lächeln, die von Berufs wegen lächeln müssen. Da es nicht so aussieht, als ob er nächstens in die junge Frau mutieren würde, grinse ich weiterhin blöd, stehe auf, schüttle ihm die Hand und verlasse das Hotel Marupiara so beschwingt wie es mir gerade noch möglich ist.

***

“Centro Cultural Brasil – Alemanha” steht auf einem Schild in der Nähe meines Hotels in Recife, doch niemand, den ich frage, weiss, wo es sich befindet. Schliesslich versuch ich’s an einer Tankstelle. Der junge Tankwart fragt erwartungsfroh, ob ich aus Deutschland sei? Aus der Schweiz, lächle ich und mache mich darauf gefasst, mir im akzentschweren Infinitiv ein paar Banalitäten zu meinem Herkunftsland anhören zu müssen.

Woher aus der Schweiz? will der Tankwart wissen. Aus der Ostschweiz, an der Grenze zu Liechtenstein und Österreich. Er strahlt. Er kenne vor allem Bern und Umgebung, sagt er auf Schweizerdeutsch, mit leichtem Akzent, aber recht fliessend. Ob er Auslandschweizer sei? Nein, nein, er sei einfach mal sechs Monate im Land gewesen, es habe ihm gefallen, die Sprache habe ihn interessiert, deshalb.

Das “Centro Cultural Brasil – Alemanha” ist ganz in der Nähe, doch der Portugiesisch-Kurs recht teuer. Ich überzeuge mich in Nullkommanix, dass man eine Sprache nur durch Praxis, jedoch nie in einer Schule lernt.

Zwei Tage später treffe ich in einem teuren Touristenort auf einen Strassenhändler, der handgemachte Ledersachen feilbietet. Zu stolzen Preisen. Die erklären sich eben mit der Handarbeit, sagt er. Mir leuchtet das zwar ein, doch der Preis ist mir doch zu hoch.
Wir unterhalten uns auf Spanisch. Ich erzähle ihm von meiner gerade zwei Tage alten Theorie, dass man eine Sprache nur durch Praxis lernt. Er stimmt zu, sagt, er habe sein Spanisch auch so gelernt; er spricht es gut. Dann fügt er hinzu, auch Englisch habe er so gelernt. Und gibt mir eine Kostprobe. Sie klingt grotesk und in jeder Beziehung daneben. 
Ich wechsle schnell wieder zu Spanisch und beschliesse, mir das mit dem Sprachkurs doch noch einmal zu überlegen.