Anderswo ist es immer anders

Unser Jahr in Bellinzona geht schon bald zu Ende.

Die mir wichtigste Entdeckung war: dass auf den vielen Gängen durch die Stadt fast jedes Mal, wenn ich wirklich hinschaute, mir Sachen – Häuser, Fenster, Balkone, Bäume, Sträucher und Vieles mehr – auffielen, die mir zuvor entgangen, ich nie wahrgenommen hatte.

Warum denn in die Ferne schweifen …heisst es. Natürlich, klar, stimmt. Auch nicht den geringsten Einwand will ich beibringen. Nur eine Tatsache: dass mich die Ferne lockt und die Nähe nicht anzieht. Ich finde das störend, doch es ist so. Auch kann ich es mir nicht erklären, es steht quer zu all meinen Einsichten.

Ich habe mir Mühe gegeben, meinen Einsichten nachzukommen, habe Ausflüge vor die Haustür gemacht und mich auf Fahrten begeben, wo ich manchmal der einzige Schweizer unter all den Touristen war. Und es war es wert gewesen. Besonders die Reisen mit Yona, die die Schweiz als ein „pais de curvas“ wahrnimmt. Unvergesslich: Als wir mit der Kabinenbahn von den Flumserbergen nach Oberterzen hinuntersausen und ich erschreckt zurückweiche, als die Kabine, nachdem sie den letzten Mast vor dem Abgrund passiert hat, mit grosser Wucht ins Tal hinunterstürzt und Yona jubelt „como una montaña rusa“. Das klingt hübscher als Achterbahn, auch wenn es dasselbe meint, und mein flaues Gefühl legt sich ein wenig, und dann vollständig, als Yona ausruft „es lindisima“, sich die Nase an der Scheibe plattdrückt und wir beide gebannt den unter uns liegenden Walensee bestaunen, den ich seit vielen, vielen Jahren kenne und trotzdem, und vielleicht gerade deswegen, zum ersten Mal aus dieser Perspektive sehe.

„Da chönnt ja jede cho“, und „wo chämted mer da hi wänn“, das charakterisiert für mich die Schweiz. Gut organisiert (an Vorschriften fehlt es nicht), voller Missgunst, freudlos. Die Gefahr, dass ein Banquier mit dem ihm anvertrauten Geld abhauen und damit sein Leben geniessen könnte, ist gering. Auch deswegen, weil das Gefühl von „es muess“ das verbreitetste Schweizer Gefühl überhaupt ist.

„Hier sind die Leute tendenziell angespannt, von sich eingenommen, überheblich, und das gibt so was Verwürgtes“, sagt der Kabarettist Lorenz Kaiser. Leider trifft das auch auf mich zu.

Und am liebsten, am allerliebsten, nörgeln wir. Weshalb denn auch die Bedienung im Restaurant nicht fragt: „Isch es guet gsi?“ (da käme man in Versuchung, etwas Kritisches anzumerken), sondern „Isch es rächt gsi?“ (da kann man eigentlich nur nicken).

Nein, nein, halt. Ich will hier keine Schweiz-Kritik versuchen – das haben andere (unübertrefflich Max Frisch‘s Bemerkung, die Schweizer seien immer so stolz auf ihre Bescheidenheit) schon bestens geleistet. Mir genügen Yona‘s Bemerkungen, dass „Suiza me parece un pais triste“, dass hier „falta algo en el aire“, denn auch ich verspüre, dass mir etwas fehlt in der Luft. Und auch dies: „En Suiza nunca se ve el horizonte.“

Mitte der Neunzigerjahre, zurück von einem mehrmonatigen Asienaufenthalt und davon überzeugt, nun auch in der Schweiz die Dinge künftig ruhig und gelassen angehen zu können, treffe ich übermüdet am Flughafen Zürich ein. Da keine Gepäckwägelchen rumstehen, muss ich mein Handgepäck (ich wollte in Bangkok nicht für Übergepäck zahlen müssen und hatte deshalb alle schweren Sachen ins Handgepäck gewürgt) selber schleppen und habe auch gleich einen Wutanfall. Also so ein Scheissflughafen, auf der ganzen Welt und überhaupt, undsoweiter undsoweiter. Die junge Frau, die seit der Zwischenlandung in Rom neben mir gesessen hat, lacht und meint: „en richtige Schwiizer.“

„Anderswo ist es immer anders“ hat der Reiseschriftsteller Horst Krüger geschrieben. Ich bilde mir ein, dass ich anderswo nicht dieser typische Schweizer sei, doch ich bin mir da nicht immer so sicher, denn nie ist meine Begeisterung für die Schweiz grösser als wenn ich im Ausland bin.