In Mendoza oder So was Ähnliches wie Lederhosen

Ende September 2006 treffe ich – nach einem Flug von Zürich über Madrid nach Santiago de Chile und einer Busfahrt über die Anden – im argentinischen Mendoza ein. Das dort ansässige Instituto Intercultural, welches bislang vor allem Fremdsprachenunterricht erteilt, will sein Angebot in Richtung Interkulturelle Kommunikation erweitern und ich soll mithelfen, einen solchen Nachdiplomkurs zu gestalten.

Ich soll so schnell wie möglich mit dem Institut vertraut werden und so gebe ich bereits am Tag nach meiner Ankunft den ersten Englischunterricht, die Schüler sind mehrheitlich junge Frauen anfangs zwanzig. Am darauffolgenden Tag habe ich eine Klasse mit fünf Frauen, die bereits seit Jahren selber Unterricht erteilen. „Investigación educativa“ heisst der Kurs und hat zum Thema die Probleme im Klassenzimmer; ich sei frei in der Gestaltung, hat mir Cristina, die Direktorin des Instituts, gesagt. Eine der Lehrerinnen trägt vor (es war dies ihre Hausarbeit), was eine Unesco-Kommission Gescheites und Ausgewogenes zum Sprachunterricht gesagt hat. Schön und gut, sage ich, und auch gar nicht uninteressant, doch hat das etwas mit dem Unterricht, den Sie tagtäglich erleben, zu tun? Die Frauen grinsen: gar nichts, aber rein gar nichts. Wie sieht denn also die Schulrealität in Mendoza aus? Kommt auf die Schule an, ist ja klar, sagt eine der Lehrerinnen (sie ist Anfang dreissig): Also meine Schüler, die reden ständig miteinander, spielen mit ihren Handys, lesen irgendwas, werfen Sachen durch die Gegend, von Aufpassen keine Spur. Zu ihrer Zeit sei das noch anders gewesen, da habe man sich dem Lehrer und dem Stoff anpassen müssen, heute scheine die umgekehrte Auffassung zu gelten und das Resultat … sie seufzt, ist müde (es ist zehn Uhr abends und sie hat einen vollen Unterrichtstag hinter sich), mag nicht mehr, heute jedenfalls nicht mehr. Sie sei einmal richtiggehend zusammengebrochen, berichtet eine andere (auch sie ist Anfang dreissig), doch dann habe man ihr klar gemacht, dass nicht sie, sondern dass die Schüler das Problem seien, seither gehe es.

Ich kann diesen Frauen nichts sagen, was sie nicht eh schon wissen, doch ich kann ihnen von meinen eigenen Erfahrungen erzählen.

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Eine Woche vor meiner Abreise aus der Schweiz mailte Cristina, ob ich eine traditionelle Schweizer Tracht mitbringen könne, da Anfang Oktober, im Stadtteil Guaymallén, das nunmehr dritte „Encuentro de Colectividades“ stattfinden werde, wobei auch das Institut mit einem Stand vertreten sei. Die Auflagen der Behörden verlangten nun, dass die Betreiber jedes Standes in die Nationaltracht gewandet sein müssten. Ich würde eine Sennenkutte (der Kostümverleih im Nachbardorf hatte solche an Lager) mitbringen, liess ich Cristina wissen. „Es ist zum Verzweifeln, wenn man kein Schweizerdeutsch versteht“, schrieb sie zurück. Und: „Ich habe das Wort noch nie gehört, ich stelle mir darunter so was Ähnliches wie Lederhosen vor.“

Wir sind zu fünft am Stand, vier Frauen, wovon zwei in einer sehr schönen deutschen Tracht, und ich in meiner roten, mit Alpenrosen und Edelweiss bestickten Sennenkutte. Ob Hosen und Schuhe auch Teil meiner Schweizer Tracht seien, will ein stark nach Bier riechender argentinischer Ingenieur wissen. Ich kläre ihn auf: im Sinne des Mottos Einheit in der Vielheit, das heutzutage doch wirklich jedes Land für sich in Anspruch nähme, seien die Schuhe aus Simbabwe, die Hosen aus Thailand.

Unser Stand vertritt nicht nur das Institut, sondern auch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Ich bin der einzige, der fliessend Deutsch spricht, komme jedoch nicht so recht zum Einsatz, da sich alle auf Spanisch unterhalten. Wenn ich nicht gerade die Videokassette mit dem Deutschsprachkurs neu einlege, sitze ich meist schweigend da und betrachte Gross und Klein, Dick und Dünn, Alt und Jung (die Vielfalt der physischen Erscheinungsformungen des Menschen, lässt mich aus dem Staunen nicht herauskommen), die am Stand vorbeiparadieren. Wer stehen bleibt und näher tritt, interessiert sich meist für Bier (das uns schon bald ausgeht), Sauerkraut mit Wurst oder Apfelstrudel; ein paar wenige wollen auch Deutsch lernen.

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Tags zuvor war ich zusammen mit einer Frau aus Chile und einer aus Armenien in einer Radiosendung aufgetreten. Cristina hatte gemeint, es wäre gut, wenn ich das Institut vertreten und ein paar Worte über Interkulturalität sagen könnte.

Die Chilenin sagt etwas zu Chile, die Armenierin etwas über den Genozid an ihrem Volk, dann ist die Reihe an mir. Ich werde als der Repräsentant der Schweizer Gemeinde in Mendoza vorgestellt und gefragt, was ich, der ich doch aus einem so ordentlichen Land stamme, den Mendozinern raten würde, damit sie auch selber etwas ordentlicher würden. Ich fürchte, ich müsse ihn da korrigieren, antworte ich, aber ich sei nicht der Schweizer Repräsentant vor Ort, sondern als Besucher hier. Und was den Rat an die Bevölkerung Mendozas anlange, nun ja, da wolle ich mich lieber zurückhalten, doch dass die Schweizer so ordentlich seien, liege wohl weniger in ihrem Charakter als in Notwendigkeiten begründet: in einem so kleinen und so dicht bevölkerten Land könne man sich es gar nicht leisten, nicht ordentlich zu sein.

Die Regie schaltet sich ein: was ich von Roger Federer halte, ob ich stolz auf ihn sei? Er sei zweifellos ein aussergewöhnlicher Tennisspieler, doch ich könne nicht eigentlich erkennen, worin mein Beitrag zu seinem Erfolg bestünde, antworte ich. Der Moderator merkt auf: sehr interessant, wirklich sehr interessant, sagt er ins Mikrofon, und fügt hinzu: Ich hoffe, Sie haben gut zugehört, liebe Hörerinnen und Hörer.

Ich bin mir nicht sicher, ob das ein idealer Beitrag zur interkulturellen Verständigung war. Doch da ich in der Folge nicht darauf angesprochen worden bin, habe ich mich entschieden, dass er es doch war …