Der Aufbruch

Die meiste Zeit meines Lebens habe ich gewartet auf das Wunder, das schlagartig all meine Träume wahr machen würde. Mein Warten war nicht nur passiv, sondern häufig angespannt und fordernd gewesen. Ruhelos.

Tagebucheinträge im Alter von 14 zeigen das Muster des künftigen Lebenswegs: „Morgen neues Leben anfangen“; „Montag ganz neu anfangen.“

Später dann die Kopf-Einsichten. Dass es darauf ankomme, in der Gegenwart, im Hier und Jetzt, zu sein. Dass man sich dazu entscheiden könne, also dafür auch verantwortlich sei. Dass man ja nie wisse, wie lange das eigene Leben dauere und schon deswegen dazu schauen müsse, dass man es heute und nicht erst morgen, wenn es denn ein Morgen überhaupt noch gebe, zu leben habe. Und auch: dass das Leben ein Geschenk sei. Vor allem jedoch: dass das bis jetzt doch allerhöchstens als Generalprobe gelten dürfte, doch nie und nimmer schon alles gewesen sein kann.

Eine Fixierung auf spezielle, mit Bedeutung versehene Tage: Geburtstag, Weihnachten, Auffahrt. Und auch auf Daten: den jeweils ersten des Monats, den 29. Februar, den 1. April. Sich dabei zu sagen, dass dies Humbug, Aberglaube, Ignoranz in Reinkultur sei; dass man die Tage so zu nehmen und zu schätzen hatte, wie sie kamen.

Der Vollständigkeit halber: Seit dem 1.1.1990 keinen Alkohol mehr getrunken, seit dem 9.9.1999 keine Zigarette mehr geraucht.

Die Suche nach Bedeutungsvollem, Gewichtigem, war lähmend, liess mich häufig gar nichts mehr tun. Nur warten, hoffen. Auf irgendetwas. Nur das nicht, was ich hatte.

Anfang 1994, als ich in Südafrika als IKRK-Delegierter zum Einsatz kam, entwickelte sich um mein rechtes Auge herum ein unregelmässiges Zucken, das sich manchmal auf die ganze rechte Gesichtshälfte erstreckte. Die Augenärztin und der Nervenarzt, die ich daraufhin aufsuchte, konnten keinen organischen Grund finden. Wahrscheinlich Stress, meinten sie.

Ich fühlte mich zwar überhaupt nicht gestresst, war jedoch sofort bereit, an psychisch bedingte Ursachen zu glauben. Auch, weil dann die Lösung des Problems in meiner Hand lag.

Du weisst doch, in der rechten Hirnhälfte sitzt das Empfinden, wurde mir gesagt. Ich nahm es zur Kenntnis. Was willst Du nicht sehen? Ich machte mir auch darüber meine Gedanken.

Im Laufe der Jahre wurde das Zucken schlimmer. Ein Neurologe in Zürich wurde mir empfohlen, der mir alle paar Monate ein Toxin spritzte, jedoch eine Operation nahelegte. Nein, nur keine Operation, nur keine sich als Götter wähnende Chirurgen sich an meinem Hirn vergreifen lassen.

Das Zucken wurde stärker. Der Professor am Universitätsspital in Zürich erläuterte mir die Risiken eines Eingriffs. Dreissig solcher Operationen habe er schon vorgenommen, achtundzwanzig davon problemlos – ich dachte nur an die zwei andern.

Ich suchte einen Akupunkteur auf. Die erste Behandlung zeigte erfolgversprechende Resultate, die darauf folgenden nicht – das Zucken wurde heftiger.

Schliesslich entschloss ich mich, den Eingriff vornehmen zu lassen. Aus versicherungstechnischen Gründen kam dafür nur das Kantonsspital St. Gallen in Frage.

Ich hatte Angst davor, Todesangst, doch ich wollte der Welt auch wieder mit geöffneten Augen entgegensehen.

Die Operation fand am Mittwoch, dem 10. Oktober 2001 statt. Sie dauerte fünf Stunden und verlief erfolgreich. Die Tage danach fühlte ich mich nicht in dieser Welt und ihr gleichzeitig intensiv zugehörig. Ich empfand mich leicht, sicher, wehmütig – die hügelige, in sonniges Herbstlicht getauchte Landschaft, die ich von meinem Spitalzimmer aus sehen konnte, hätte schweizerisch idyllischer gar nicht sein können. Ich verspürte eine bis dahin nicht gekannte Zugeneigtheit (ohne den Wunsch dazugehören zu wollen) diesem Land gegenüber.

Eine Woche nach der Operation werde ich nach Hause entlassen. Ich solle jetzt die Dinge langsam angehen, mir Zeit nehmen, wird mir auf den Weg gegeben.

Yona holte mich ab. Es war ein wunderschöner Herbsttag. Als wir in Sargans aus dem Zug stiegen, war mir, als sähe ich diese mir seit Kindsbeinen vertraute Umgebung mit anderen, neuen Augen. Ich mochte, was ich sah und wusste gleichzeitig, ohne Zweifel und ohne Angst, dass ich all dies schon bald hinter mir lassen und mich in Gefilde aufmachen würde, wo man den Horizont sehen konnte.