In Barranquilla

35 Jahre lebe er jetzt bereits in Barranquilla, sagt der ältere Mann. Ob er Bogota kenne?, frage ich. Ja, er habe ein paar Jahre dort gearbeitet. Und inwiefern unterscheiden sich die beiden Städte? Er lacht, in Bogota seien die Leute ganz anders: no dialogan con cualquiera persona …

Wenn ich am Hotelpool meinen Morgenkaffee trinke, erscheint immer zur selben Zeit ein älterer Mann auf seinem Fahrrad, ruft mir Good Morning zu, setzt sich ins Cafe und isst sein Frühstück. Heute nun fragte ich ihn, ob er Englisch spreche. Nein, erwiderte er. Ob er hier arbeite? Ja, sagte er, er sei der jefe de personal. Ob ich mit den Angestellten zufrieden sei? Als ich bejahe, meint er, die Frau, die mir gerade den Kaffee zubereite, sei eine sehr ernste Person, wer sie zum Lachen bringe, würde einen Preis kriegen. Er lacht: ella es más seria que Beethoven …

Vor mir an der Supermarktkasse ein Mann mit gewichsten Schuhen, gebügeltem Hemd und in Jeans. Er nimmt seine Waren aus dem Einkaufswagen, legt sie aufs Band und guckt immer wieder auf den angezeigten Betrag. Offenbar reicht sein Geld nicht, jedenfalls lässt er ein paar Sachen im Einkauswagen zurück, zahlt, nimmt die Plastiktüten und geht. Den Einkaufswagen mit den übrig gebliebenen Waren lässt er vor mir stehen.

Gäbe es eine Weltrangliste für langes Schlangestehen an Supermarktkassen, würde Kolumbien vermutlich weit vorne landen. Ich bin immer noch am Rätseln, woran das liegen könnte, denn ich selber werde immer schnell und effizient bedient, doch heute scheine ich eine teilweise plausible Erklärung gefunden zu haben. Der Kassier (es kann auch eine Frau sein) hat auch die Aufgabe (manchmal steht ihm eine andere Person zur Seite), die gekauften Waren einzupacken. Das Ehepaar vor mir hat gerade seinen Jahreseinkauf getätigt und die Waren warten nun darauf, in Tüten gepackt zu werden. Das Ehepaar betrachtet gelangweilt den gekauften Haufen, macht aber keine Anstalten, selber Hand anzulegen, sondern wartet stoisch darauf, dass der Kassier anfängt, routiniert eine Tüte nach der anderen zu füllen …

Auf der Strasse eine Frau, die sich im Gehen heftig die Zähne putzt, ohne Zahnpasta.

Beim Geldwechseln in der Bank muss ich nicht nur meinen Pass vorweisen, sondern auch einen elektronischen Fingerabdruck hinterlassen.

La Avenida del Rio … uno de los sitios obligados a conocer si viene a Barranquilla, sagt die Revista de Turismo. Als ich dort eintreffe, bin ich mir nicht so sicher, ob ich da richtig bin, es sieht eher aus wie ein Autobahnzubringer. Ich frage. Das sei eine gefährliche Gegend, viele Drogensüchtige, Gewalttätige und Kriminelle, sagt mir ein Mann, den ich irrtümlicherweise genau dieser Kategorie zugeordnet hatte. Er würde mir abraten, da weiter zu gehen … Als ich später einem Taxifahrer davon erzähle, mustert mich der von oben bis unten, bleibt bei meinem Rucksack hängen und meint trocken: entras con la mochila y sales desnudo …

Am Strand in Puerto Colombia.
Ich stehe etwas abseits von den Sonnenschirmen und höre Musik von meinem iPad. Drei junge Paare gehen an mir vorbei, betrachten mich neugierig, einer spricht mich an, ich nehme die Kopfhörer aus den Ohren. Usted esta perdido? Nein, gar nicht. Es sei gefährlich hier, besonders mit einem iPad in der einen und dem kleinen Rucksack in der andern Hand. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich recht sicher gefühlt, doch die jungen Leute sind insistent. Ob ich den Typen dort drüben sehe? Er war mir bisher nicht aufgefallen, dem sei nicht zu trauen. Ich solle zu den Sonenschirmen, das sei sicherer. Sie gehen mir nicht von der Seite, bis wir dort ankommen …