In San Juan

Mein Flieger aus New York traf um halb zehn Uhr nachts in San Juan ein. Das für die zwei ersten beiden Nächte gebuchte Hotel war dunkel und machte nicht den Eindruck in Betrieb zu sein. Ein paar Kerzen erleuchteten die Rezeption, von Personal keine Spur, nach minutenlangem Rufen tauchte schliesslich ein Mann auf, der sich für gar nichts zuständig erklärte, so dass ich mich umgehend zum gegenüberliegenden Hotel aufmachte und erschöpft ins Bett fiel.

Geschirr und Besteck des Frühstücksbuffets übersteigen jedes Klischee: alles aus Plastik. Am Unappetitlichsten sehen die grauen Würstchen aus, doch sie schmecken hervorragend. Man kann auch Waffeln machen, ich trau mich nicht. Ein langer, schlacksiger, amerikanisch-selbstbewusster Schwarzer kennt solche Skrupel nicht und richtet ein Desaster an, zwei Angestellte eilen zu Hilfe.

„The San Juan Daily Star“ berichtet, dass die Regenfälle der letzten Tage (Mai 2014) einen neuen Rekord bedeuten; seit 1917 habe es nicht mehr so stark geregnet. Die Zeitung erzählt auch die Geschichte eines Kubaners, der im Alter von acht in die Vereinigten Staaten kam, die meiste Zeit seines Berufslebens in der Gefängnisverwaltung tätig gewesen ist und vor Kurzem herausgefunden hat, dass er gar kein amerikanischer Staatsbürger ist: er sei am Boden zerstört, erfahre ich.

Die Frau an der Rezeption meines Hotels kann fast nicht fassen, dass ich Spanisch spreche. Sie guckt mich mit offenem Mund an, ruft ihren Kollegen, sagt ihm, ich spräche Spanisch … ihr Kollege zeigt sich weniger beeindruckt, er hat mich für einen Italiener gehalten und das Italienische und das Spanische seien ja nicht so verschieden. Das Erstaunen der Rezeptionistin ist mir vollkommen unbegreiflich, ich kann mir bei bestem Willen nicht vorstellen, was im Kopf dieser Frau abläuft und staune mal wieder darüber, wie fremd wir Menschen uns doch sind, obwohl wir doch alle das Gleiche wollen: geliebt werden.

Ob ich auf Englisch oder Spanisch angesprochen werde, scheint weniger von mir oder dem, was die Leute in mir sehen abhängig, sondern vom Ort. In Condado, einer Touristengegend, werde ich meistens auf Englisch angesprochen, in Sagrado oder Bayamón, Vororten von San Juan, immer auf Spanisch. Mit der Zeit merkte ich, dass es doch nicht nur vom Ort, sondern auch von mir abhing: war ich unrasiert, wurde ich überall auf Spanisch angesprochen …

Gegen Abend füllen sich die Strassen mit Joggern, die weniger Sportiven halten sich an Kaffeebechern fest.

„The San Juan Daily Star“ titelt: „More Than a Third of PR Population Receives Food Stamps“. In Zahlen heisst das: 1,4 Millionen der 3,6 Millionen Einwohner der Insel.

Im Casino: Ganz viele, hauptsächlich ältere Leute an Spieltischen und vor einarmigen Banditen. Ich wähne mich in einem Film, die Szenerie mutet mich gänzlich irreal und traurig an, trotz der tollen Salsa Musik, die durch die Räume hallt.

Ich sitze am Hotelcomputer. In meinem Ruecken unterhält sich ein Mann lautstark mit der Rezeptionistin, er hat eine Stimme, die Menschen eigen ist, die einen Seehundschnauz tragen … ich drehe mich um: er trägt ein Boxerbärtchen mit Schnauz.

Überhaupt sind die Amerikaner zu laut, Türen schletzen ist die Regel. Zu übertreiben scheint ihnen Charaktermerkmal, in allem und jedem, auffällig in San Juan sind vor allem die vielen meist tätowierten Übergewichtigen. Heute hat sich ein solches männliches Exemplar im Bus neben mich gesetzt und mich fast zerquetscht. Als ich mich mit Mühe befreite und einen anderen Sitz suchte, meinte er, er könne nichts dafür … für sein Gewicht vielleicht nicht, doch es auf mir abzuladen, dafür schon, dachte ich so für mich.