Über den Charakter

Ein Schweizer Politiker wird von einigen Medien blossgestellt, weil er Nackt-Selfies von sich an eine, wie er sagt, Chat-Bekannte geschickt hat. Weil er diese Nacktaufnahmen in seinen Amtsräumen aufgenommen habe, sei dies keine rein private Geschichte mehr, so einige Medien, sondern von öffentlichem Interesse. Und so seien die Medien gleichsam aufgerufen, sich dieser Sache anzunehmen, es sei also mithin ihre Pflicht, der Öffentlichkeit zu ihrem Recht zu verhelfen. So selbstlos und edel also sind die Beweggründe der sich selber gerne so nennenden vierten Gewalt.

Die Trennung von öffentlich und privat wird breit akzeptiert. Gemäss dieser Logik darf ein Alkoholiker seinem Beruf nachgehen und sogenannt wichtige Aufgaben wahrnehmen, solange er dabei nicht trinkt, sondern das nur in seiner Freizeit tut. Diesem Denken liegt offenbar die Vorstellung zugrunde, dass es Freizeit-Alkoholiker geben könne.

Liest man, ein sogenannter CEO sei fachlich ein absoluter Profi, menschlich jedoch eher schwierig, ja ein Choleriker, kann man sich unschwer vorstellen, dass es sich hier um einen autoritären, konfliktunfähigen Kotzbrocken erster Güte handelt, dem man einen langjährigen Aufenthalt in der Hölle wünscht.

Der amerikanische Schriftsteller Walter Kirn beschreibt in seinem Tatsachenbericht „Blut Will Reden“ die Welt des Hochstaplers Christian Gerhartsreiter, der sich während Jahren als Carl Rockefeller ausgegeben hatte: „Im Showgeschäft, das die eigene Verlogenheit offen zur Schau stellt, hatte der aus Kalifornien Geflohene nicht landen können, aber an der Wall Street kam er gigantisch gut an.“

Ein Gesellschaftssystem, das auf der gespaltenen Persönlichkeit gründet – „Solange jemand einen guten Job macht, kann er/sie privat tun und lassen, was er/sie will“ – , fördert den von sich selber und seiner Umwelt entfremdeten Menschen. Ein solches System macht krank.

Dass der Charakter dem Menschen Schicksal sei, hat Aristoteles gemeint.

Das meint: Man kommt mit Eigenschaften zur Welt, die prägend und kaum veränderbar sind, mit denen man zu leben hat. Um es mit Charles Bukowski zu sagen: Mit oder ohne Therapie, ein A… bleibt ein A…

In meinen Tagträumen zählen Charaktereigenschaften genau so viel wie fachliche Kompetenzen. Und manchmal sogar mehr.