Feige, nicht weise

Es sei gleich gesagt: Ich halte die Meinungsäusserungsfreiheit für eine der wichtigsten Errungenschaften überhaupt, finde es einen Meilenstein in der Entwicklung des menschlichen Miteinanders, dass man für das, was man äussert, nicht belangt werden kann, ausser … doch die juristische Seite interessiert hier nicht, diese sei den Juristen überlassen, damit sie für ihre selbst geschaffenen Probleme Lösungen finden, die dann ausser ihnen zwar niemand versteht (und auch niemand braucht), doch das ist ja auch Sinn und Zweck des Ganzen.

Die Meinungsäusserungsfreiheit hochzuhalten bedeutet natürlich auch, dass man ganz viele wirklich unangenehme Zeitgenossen erdulden muss, ich denke etwa an den Pastor in Florida, der eine öffentliche Koran-Verbrennung plante oder an diverse „Personen des öffentlichen Lebens“, deren oft unreflektierte Bemerkungen eine Inkompetenz erahnen lassen, von der einem schwindlig werden kann.

Zu sagen, was man denkt, ist häufig keine gute Idee. Den meisten (das schliesst Politiker mit ein) ist das bekannt und sie halten sich auch daran. Andererseits ist die mehr oder weniger freiwillige Selbstzensur dermassen verbreitet, dass man sich gelegentlich fragen mag, ob sie nicht charakteristischer für den modernen Menschen sei als die Meinungsäusserungsfreiheit.

So recht eigentlich praktizieren wir Selbstzensur ja ständig. An der Busstation von Iratí, im südbrasilianischen Staat Paraná, beobachtete ich vor einigen Jahren zwei junge Frauen beim angeregten Plaudern mit dem Buschauffeur. Es war eine tolle Szene, ich wollte ein Foto davon machen. Als ich schliesslich die Kamera bereit hatte, merkte ich, dass ich den Blitz brauchte. Doch dann würden die Frauen und der Chauffeur merken, dass sie fotografiert wurden. Das wird denen vermutlich egal sein, versuchte ich mich zu überzeugen, doch es gelang mir nicht. Und so verzichtete ich für einmal aufs Bilder-Stehlen.

Am Sihanoukville Beach fotografierte ich zwei Kinder, die im Sand spielten, ins Wasser hinein und wieder hinaus rannten und ihr Spielen sichtlich genossen. Als ich mich später fragte, ob ich diese fotografisch nicht bemerkenswerten, doch mich anrührenden Momentaufnahmen auf meinen Blog stellen sollte, liessen mich die Pädophilie-Debatten der letzten Zeit zurückschrecken. Was könnten bloss die andern denken? ist der grösste Killer überhaupt.

+++

Im Wort Meinungsäusserungsfreiheit steckt auch das Wort Freiheit. Und vor dieser haben wir Angst. In Dostojewskijs Grossinquisitor kehrt Christus auf die Erde zurück, und zwar ins Spanien der Inquisition, wo er belehrt wird, dass die Freiheit, die er den Menschen hat bringen wollen, diese nur unglücklich und verzweifelt gemacht habe, „denn nichts ist jemals für den Menschen und für die menschliche Gesellschaft unerträglicher gewesen als die Freiheit.“ Und: „Aber wisse, dass jetzt und gerade heutzutage diese Menschen mehr als je davon überzeugt sind, vollkommen frei zu sein; und dabei haben sie selbst uns ihre Freiheit dargebracht und sie uns gehorsam zu Füssen gelegt.“

Klar, Angst gehört zum Leben, ist wichtig für unsere reifende Entwicklung. Doch vor allem gilt: „… im Annehmen der Angst und im Versuch, sie zu überwinden, wächst uns ein neues Können zu – jede Angstbewältigung ist ein Sieg, der uns stärker macht; jedes Ausweichen vor ihr ist eine Niederlage, die uns schwächt“ hat Fritz Riemann, 1961 war das, in Grundformen der Angst geschrieben. Seither ist die Angst nicht kleiner, sondern grösser geworden. Umso mehr gilt, dass wir uns ihr zu stellen haben.

+++

Zu sagen, was man denkt, ist den Alten und den Kindern vorbehalten.
Sicher, man muss nicht immer sagen, was man denkt. Und ja, Zurückhaltung ist manchmal ein Zeichen von Weisheit. Doch die, die dauernd mahnen, man solle/dürfe nicht unnötig provozieren, sind häufig feige und nicht weise.