Bis das Handy alleine zum Wandern aufbricht

Go shopping, ermunterte bekanntlich George W. Bush nach 9/11 seine Landsleute. Und beschrieb damit besser als jede soziologische, ökonomische oder auch philosophische Studie (und wohl besser als alle diese Studien zusammen), in was für Zeiten wir leben. Um zu shoppen braucht man Geld. Und um zu Geld zu kommen, muss man arbeiten. Nein, nicht alle, schliesslich haben findige Banker es geschafft, uns Geschäftsmodelle zu verkaufen, bei denen angeblich das Geld für uns arbeitet.

Damit möglichst viele arbeiten können, haben wir die Welt in immer kleinere Einheiten aufgeteilt, haben Spezialisierungen erfunden, von denen unsere Vorväter (und Vormütter – ich will es mir mit niemanden verderben) keinen blassen Schimmer hatten. Und auch wir Gegenwärtigen wundern uns gelegentlich über neue Wissensgebiete, von denen uns gesagt wird, dass es sie gibt. Sogar Event Management kann man neuerdings studieren.

Die Spezialisierungen blühen. So gibt es neuerdings interkulturelle Dolmetscher, obwohl es Dolmetscher, die nicht interkulturell unterwegs sind, so recht eigentlich nicht geben kann. Auch gibt es Spezialisten für ADHS, obgleich nicht sicher ist, ob es diese Krankheit überhaupt gibt. Man kann sogar sein Auskommen als Ethikerin mit Spezialgebiet Zwangsernährung finden. Es ist also füglich anzunehmen, dass es wohl schon bald Experten für morgendliche, nachmittägliche und abendliche Panikattacken (für die nächtlichen ist das örtliche Krankenhaus zuständig) und Experten für Panikattacken, die man gar nicht bemerkt, geben wird.

All diese neuen Einsatzmöglichkeiten gibt es natürlich nur, weil der Mensch höchst erfinderisch ist, wenn es darum geht, sich auf den wilden (und freien, sofern man Insidergeschäfte und Preisabsprachen ausser Acht lässt) Weltmärkten ein Einkommen zu ergattern. Gleichzeitig macht der technische Fortschritt jedoch immer mehr Berufsgattungen überflüssig, so dass man nie so recht weiss, ob die gerade mit viel Geld bezahlte Ausbildung zum Frühaufsteher auch weiterhin gefragt sein wird.

Frühaufsteher wurden einstmals auch Motivationstrainer genannt, unterscheiden sich aber von diesen dadurch, dass sie ihren Klienten nicht mehr nur einfach sagen, früh aufzustehen sei eine gute Sache, da man so mehr vom Tage habe, sondern das auch praktisch vorleben.

Mein Freund Hugo hat auf der Suche nach einem Job mit Zukunft einen Halbjahreskurs (Vollzeit) zum Betäubungsmittelspezialisten absolviert. Bekanntlich gibt es nicht wenige Drogenabhängige, die es zwar geschafft haben, von den Drogen loszukommen, dafür jedoch jetzt wesentlich mehr Probleme haben als vorher. Hier nun kommt der Betäubungsmittelspezialist ins Spiel, der fachlich kompetent Auskunft geben kann, welche Droge sich am besten zum Wiedereinstieg, der aber eben keiner sein soll (es geht einzig und allein darum, die vielen durch die Abstinenz hervorgerufenen Probleme weniger akut erscheinen zu lassen), eignet. So wie beim kamerunischen Bier, bei dem man das Trunkensein überspringt und direkt beim Hangover landet – nur umgekehrt.

Trotz aller Anstrengungen macht es den Anschein, als ob die sich rasant entwickelnde Technik obsiegen und den Menschen über kurz oder lang überflüssig machen wird. Schon heute ist es so, dass der Computer vieles kann, was wir gar nicht mehr können. Und auch selten gekonnt haben.

Ohne technische Hilfsmittel geht heute nichts mehr. Macht man sich zu einer Bergwanderung auf, kann man sich ohne Handy gleichsam nackt vorkommen. Wenn es so weiter geht wie bisher – man denke an selbstfahrende Autos oder an Drohnen – so wird es wohl nicht mehr lange dauern, bis das Handy alleine zum Wandern aufbricht.

Hugo, mein Betäubungsmittelfreund, sagte mir letzthin, er finde zwar selten Arbeit in seinem neuen Job, trotzdem habe sich  seine Ausbildung eindeutig gelohnt. Er wisse nämlich jetzt, mit welcher Droge man sich ohne Hangover betäube, denn ohne sich zu betäuben, halte das ja wirklich keiner aus.