Radikalisierungen

Der junge Mann, vielleicht aus Afghanistan, vielleicht aber auch von anderswo, der diesen Juli in einem Regionalzug bei Würzburg mit Axt und Messer auf Fahrgäste losgegangen ist, habe sich in Rekordzeit radikalisiert, war in verschiedenen Medien zu lesen. Doch woher will man das wissen? Und: Kann man sich wirklich in Rekordzeit radikalisieren, ist das nicht ein längerer, unbewusster Prozess?

Wir werden jetzt nicht bei Psychologen, Pädagogen und anderen mit einschlägigen Diplomen nachfragen, denn sie alle sind so wenig radikal, dass sie sogar von einschlägigen Massenmedien für verlässliche Informationsquellen gehalten werden. Anders gesagt: Harmlose Systemgarantierer sind wenig geeignet über diejenigen Auskunft zu geben, die von diesem System und seinen Werten so ziemlich gar nichts halten.

Mit Radikalen meinen wir meist Leute vom ganz linken und vom ganz rechten Rand, humorlose Rechthaber, freudlose Fanatiker. Ob die jemals radikalisiert worden sind, ist schwer zu sagen. Oft wirken sie, als seien sie immer schon so gewesen. Sie denken in Schwarz und Weiss.

Was also ist zu tun? Mehr Polizei natürlich. Und mehr Integration, ist doch klar. Wobei letztere vielleicht etwas überschätzt wird. Allerbestens integriert war nämlich auch einer der beiden Attentäter auf eine Kirche in Frankreich; er arbeitete offenbar am Flughafen bei Chambéry (dort landen und starten jeden Tag über 250’000 Passagiere) Vollzeit als Gepäckträger. Die Sicherheits-Checks meisterte er problemlos.

Wenn man es recht bedenkt, so geht die grösste Gefahr für das friedliche Zusammenleben von bestens integrierten Leuten aus, Menschen also, ob im Land geboren oder zugewandert, die täglich zur Arbeit gehen, ihre Steuern zahlen und die Landessprache sprechen. Dass es in vielen dieser Seelen brodelt, weiss jeder, der Nachbarn hat. Und wenn dann solche pseudo-stabile Fassaden von Politikern und Medien radikalisiert werden …

Nein, das ist kein Witz. Wenn nämlich Otto Normalverbraucher beschliesst, zwecks Verbesserung seiner Lebensumstände, sich in ein Land seiner Wahl aufzumachen, wirft er weder seinen Pass weg, noch behauptet er bei Befragungen, er stamme aus einem ganz anderen Land als dem, dessen Sprache er spreche. Nein, das tut Otto nicht. Und auch Heidi tut das nicht. Doch beide regen sich auf (und gelten deswegen als fremdenfeindlich), wenn andere das tun, doch deswegen keine Sanktionen befürchten müssen.

Politiker, die selbstherrlich und ohne die Normalverbraucher (inklusive Frauen) miteinzubeziehen, sei es durch unüberlegte Grenzöffnungen, sei es durch wohlüberlegte Bankenrettungen, völlig neue und nicht mehrheitsfähige Tatsachen schaffen, tragen stärker als irgendeine andere Gruppe zu einer Radikalisierung der Gesellschaft bei. Die Menschen ihre Ohnmacht spüren zu lassen, ist kein Rezept für ein friedliches Miteinander.

Entweder/Oder-Kategorien sind immer mehr zum eigentlichen Charakeristikum unserer Zeit geworden. Politiker, Anwälte, Geschäftsleute und alle anderen, die vom Freund/Feind-Denken profitieren, sind die eigentlichen Totengräber des dringend anzustrebenden Konsens, ohne den eine Gesellschaft nicht überleben kann. Das Gegeneinander, also Wettbewerb, sei der Motor unserer Mehr-Mehr-Mehr-Wirtschaft, heisst es. Es ist auch ein Rezept für das Desaster.