Unterwegs in Südamerika

Von Barranquilla nach Cartagena benutze ich den Tür-zu-Tür-Service: ein Minibus holt einen im Hotel oder zuhause ab und liefert einen vor der Tür des Bestimmmungsortes ab. Das klingt gut, hat aber Nachteile. Wer um zehn abgeholt werden will, muss bereits um neun bereitstehen. Ich werde um viertel vor zehn abgeholt, der Minibus ist erst halb voll, jetzt gilt es die übrigen Mitfahrer abzuholen. Es handelt sich hier um unfreiwilliges Sightseeing. Ein nordamerikanisches Paar betont die Sicherheitsvorteile des Tür-zu-Tür-Service: Letztes Jahr sei ein Bus auf der Strecke Barranquilla-Santa Marta am helllichten Tag gestoppt und ausgeraubt worden, sogar die Schuhe (die seien teuer in Kolumbien) hätten die Diebe mitgehen lassen. Bei den grossen Bussen seien solche Überfälle möglich (da könne man durch die Reihen gehen), bei den Minibussen nicht (da ist kein Durchkommen zu den hinteren Sitzen) … seit ich das weiss, geniesse ich das Sightseeing …

Beim Einchecken am Flughafen von Cartagena. Ob ich auf den früheren Flug nach Bogota wolle? Dann warte ich dort drei anstatt zwei Stunden auf meinen Weiterflug nach La Paz, wo wäre da der Vorteil? Nun ja, sollte mein ursprünglich gebuchter Flug Verspätung haben, würde ich meinen Anschlussflug verpassen und so sei diese Gefahr weniger gross … ich nehme den früheren Flug …

Die junge Frau neben mir im Flieger von Bogota nach La Paz stammt aus Mexico-Stadt und ist Berufssportlerin, genauer: Geherin. Sie wusste bereits im Alter von 9, dass sie einmal Geherin werden wollte und mit 11 hat sie dann damit angefangen. Ungewöhnlich, sage ich. Viele gebe es in der Tat nicht, erwidert sie. Es liege bei ihr in der Familie, da seien alle Geher. Für mich sehe Gehen wenig elegant aus, sage ich, obwohl, die Hüftbewegungen gemahnten mich irgendwie ans Tanzen. Sie strahlt: Genau, die Hüftbewegungen seien wirklich wie Tanzen …

Der Landeanflug auf La Paz um 2 Uhr 30 in der Früh war das erste Highlight: ein Meer von Lichtern erfüllte die Nacht. Das zweite war die Taxifahrt durch verkerhsfreie Strassen vom auf 2’000 Metern gelegenen Flughafen runter in die Stadt. Mir ist vollkommen schleierhaft, wie jemand auf die Idee kommen kann, auf 3’300 Metern eine Stadt zu bauen, doch da zu sein fühlt sich eigenartig und gut an. Obwohl: Die Höhe spürt man, rasches Treppensteigen lässt einen nach Atem ringen.

Bolivien ist das Land der Kopfbedeckungen, selten sieht man jemanden ohne: von Baseballcaps zu Sombreros, von Wollmützen zu Bowlers, die hier Bombins heissen und auf mich wie umgedrehte Kaffeetassen auf Untertellern wirken …

Das Lebensgefühl in La Paz scheint mir nicht besonders verschieden von dem in der Schweiz oder in China: Die Lebensfreude springt einem nicht gerade ins Gesicht. Doch die Leute sind freundlich, wenn man sie anspricht. Genau wie in der Schweiz.

Sich nach der Herkunft der Produkte zu erkunden, ist dem sich aufgeklärt wähnenden Zeitgenossen Pflicht. Dass ich jedoch in Puerto Carabuco fragte, ob es sich beim Huhn auf der Speisekarte um ein „pollo local“ handelte, liess die Restaurantbesitzerin einigermassen ratlos …

Das Schönste: Die Fahrt nach Cochabamba. Nicht nur der spektakulären Landschaft wegen, sondern auch weil auf so einer Höhe (Cochabamba liegt auf 2’548 Metern) unterwegs zu sein, sich gelegentlich anfühlte als sitze man auf einer Wolke.

Die Wetterbedingungen seien gut, nur gerade mit ein paar leichten Turbulenzen sei zu rechnen, liess der Iberia-Pilot uns Passagiere kurz nachdem wir Miami in Richtung Madrid verlassen hatten, wissen. Zudem würde der Flug eine Stunde weniger als vorgesehen dauern. Das klang ganz wunderbar und so lehnte ich mich entspannt zurück. Nach einer Stunde gab es dann die ersten Turbulenzen, die alles andere als leicht, sondern ausgesprochen heftig waren (der Bordservice wurde eingestellt, wer aufs Klo wollte, an seinen  Platz zurückverwiesen) und geschlagene sechs Stunden anhielten. Mehrere Male schloss ich auf diesem Flug mit meinem Leben ab, fiel schliesslich erschöpft in ein kurzes Dämmern, aus welchem ich zwanzig Minuten später fürs Frühstück geweckt wurde … Der Pilot bedauerte, dass der Flug „un poquito incomodo“ gewesen sei …