Vom Unbewussten und der Freiheit

Ich komme gerade vom Supermarkt zurück. Die Kassiererin hat der Frau, die vor mir an der Reihe war, ausführlich Sachen erklärt, die diese weder gefragt, noch hatte wissen wollen. Den ihr angebotenen Prospekt lehnte sie ab, der Erklärung, wie man online bestellen könne, hörte sie nicht zu. Ich wurde ungeduldig, regte mich auf. Kann diese doofe Kassiererin nicht ganz einfach machen, wofür sie eingestellt wurde, also die Kasse bedienen?

Als mir diese Gedanken durch den Kopf schiessen und ich mir schon ernsthaft überlege, auf meinen Einkauf zu verzichten und davon zu laufen, kommt mir die Supermarkt-Geschichte von David Foster Wallace in den Sinn. Der Teil der Geschichte, auf den es mir ankommt, geht so: David kommt nach einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause und weil er vergessen hat einzukaufen, muss er nochmals raus und zum Supermarkt. Er ist nicht der Einzige, die Strassen sind voll, der Supermarkt ebenso und die Schlange an der Kasse ist lang. Er ist müde und erschöpft, will bloss endlich nach Hause kommen. Alles stört ihn, alle gehen ihm auf die Nerven, Warum dauert das bloss so lange? Kann die blöde Kuh an der Kasse nicht schneller machen? Und all diese Leute, wie hässlich und dämlich die alle aussehen. Und wie primitiv und unhöflich ist es doch, in der Schlange lauthals ins Handy zu sprechen. Und überhaupt: Können die eigentlich nicht tagsüber einkaufen gehen?

Foster Wallace bezeichnet ein solches Denken als seine angeborene Standardeinstellung. Es ist kein bewusstes Denken, es geschieht völlig automatisch und geht davon aus, dass man selber der Mittelpunkt der Welt ist und seine unmittelbaren Bedürfnisse und Gefühle Priorität haben sollten.

Keine Frage, wir werden vom Unbewussten regiert. Auch natürlich, weil wir zu viel Bewusstsein wohl kaum aushalten würden, denn dauernd sich bewusst zu sein, dass man jeden Moment sterben kann, wäre kaum auszuhalten. Und so lenken wir uns lieber ab. „Wer tief in die Welt gesehen hat, errät wohl, welche Weisheit darin liegt, dass die Menschen oberflächlich sind. Es ist ihr erhaltender Instinkt, der sie lehrt, flüchtig, leicht und falsch zu sein“, notierte Nietzsche in „Jenseits von Gut und Böse“.

Andrerseits wird uns verheissen, die Wahrheit mache uns frei. Nur eben: Frei sein wollen wir alle nicht, obwohl wir das Gegenteil behaupten, sonst würden wir ja nicht in erster Linie Sicherheit suchen. Dostojewskij hat mich darauf gebracht. In seinem „Grossinquisitor“ (einem Kapitel aus „Die Brüder Karamasow“) kehrt Christus auf die Erde zurück, und zwar ins Spanien der Inquisition, wo er belehrt wird, dass die Freiheit, die er den Menschen hat bringen wollen, diese nur unglücklich und verzweifelt gemacht habe, „denn nichts ist jemals für den Menschen und für die menschliche Gesellschaft unerträglicher gewesen als die Freiheit.“ Und: „Aber wisse, dass jetzt und gerade heutzutage diese Menschen mehr als je davon überzeugt sind, vollkommen frei zu sein; und dabei haben sie selbst uns ihre Freiheit dargebracht und sie uns gehorsam zu Füssen gelegt.“

Aus: Hans Durrer: Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung. neobooks 2017.