Egypt-Air-Flug 990 & The Falling Man

Am 31. Oktober 1999 stürzte Egypt-Air-Flug 990 etwa 360 Kilometer östlich von New York in den Atlantischen Ozean, wobei alle 217 Personen an Bord ums Leben kamen. Die zuständigen US-amerikanischen Behörden sahen einen Pilotensuizid als wahrscheinlich an, während die ägyptische Luftfahrtbehörde von einem Kontrollverlust infolge eines Höhenruderdefekts ausging.

Dass die Beurteilungen so unterschiedlich ausfielen, hatte wesentlich damit zu tun, dass, gemäss der ägyptischen Regierungsvorgaben, ein Muslim sich nicht umbringt. Die US-Amerikaner sahen das nüchterner: sie wollten der Sache auf den Grund gehen, sie wollten wissen, was wirklich vorgefallen war – um künftig einen solchen Absturz auszuschliessen. Für die Ägypter hingegen war von Anfang an klar, dass Pilotensuizid als Ursache nicht in Frage kam, denn ein solcher war in ihrem Glauben nicht vorgesehen.

Während vieler Jahre war mir die unterschiedliche Art und Weise, wie mit diesem Absturz umgegangen wurde, ein deutlicher Hinweis darauf gewesen, wie Kulturen sich unterschieden. Die US-Amerikaner waren an der Realität orientiert, die Ägypter an Wunschvorstellungen.

Dann sah ich im Fernsehen eine Dokumentation zum „Falling Man“, dem berühmten, sehr selten gezeigten Bild von Richard Drew, das einen Mann zeigt, der an 9/11 aus einem der Zwillingstürme in den Tod sprang. Niemand, so schien es, wollte das Bild sehen, niemand wollte sich der Realität stellen.

Der Journalist Tom Junod, der sich bei den Behörden erkundigte, wie viele „Jumpers“ es an 9/11 gegeben habe, erhielt zur Antwort: Keine. Viele, die an diesem Tag in der Nähe der Türme waren, wussten, dass das nicht wahr war.

Tom Junod liess die Geschichte nicht ruhen. Er machte die Familie des Mannes ausfindig, den Richard Drew fotografiert hatte. Die Familie wollte nichts davon wissen, weigerte sich, sich mit dem Bild zu befassen – das musste jemand anderer sein. Es war auch wirklich jemand anderer, der Journalist kam ihm auf die Spur. Und erst jetzt, als die Familie weiss, dass es sich bei dem Mann um einen Fremden handelt, ist sie bereit, sich das Bild anzuschauen. Nein, das war er wirklich nicht, so ein oranges Hemd hatte er nicht besessen.

Mir scheint die Vorstellung, dass die US-Amerikaner sich an der Realität orientieren, ein Mythos. Sie hängen ähnlichen Wunschvorstellungen nach wie die Ägypter. Jedenfalls dann, wenn sie persönlich betroffen sind. Wir sind alle Amerikaner und Ägypter.

Wie bemerkte doch Friedrich Nietzsche in Jenseits von Gut und Böse so treffend: „Wer tief in die Welt gesehen hat, errät wohl, welche Weisheit darin liegt, dass die Menschen oberflächlich sind. Es ist ihr erhaltender Instinkt, der sie lehrt, flüchtig, leicht und falsch zu sein“.