Alles hat seine Zeit

Seit wenigen Wochen wird in der Schweiz eine neue Online-Zeitschrift gemacht: Die Republik. Für Texte über Facebook und die Justiz („dieses elende Possenspiel der Rechtssprechung“, so Mary Shelley in Frankenstein) fehlt mir sowohl Lust als auch Energie. In zwei längere Artikel habe ich reingelesen. Der eine handelt davon, wie unterschiedlich zwei Schweizerinnen Amerika erleben beziehungsweise interpretieren, der andere befasst sich mit Davos, Klaus Schwab und dem WEF. Beide Texte halte ich für exzellenten Journalismus (gut beobachtet, differenziert geschildert, ansprechender Sprachrhythmus), doch gemerkt habe ich bei der Lektüre noch etwas ganz anderes: dass mich Journalismus, der mich einmal begeisterte, nicht mehr zu packen vermag. Woran liegt’s?

Das weiss ich natürlich nicht (mir ist nicht klar, was wir wirklich wissen können und gehe davon aus, dass wir vom Unbewussten regiert werden), Vermutungen kann ich gleichwohl anstellen. Und so sei es denn. Mir fehlt schlicht das Interesse für das, womit sich Journalisten meist beschäftigen. Im konkreten Fall: Mich beschäftigt weder was in Amerika noch was in Davos los ist. Das sind Themen, die mit meinem Leben so ziemlich überhaupt gar nichts zu tun haben und auf die ich nicht im geringsten neugierig bin. Anders gesagt: Darüber muss ich nun wirklich nichts wissen, darüber will ich auch gar nichts wissen. Und nicht zuletzt: Ich verstehe gar nicht, dass man sich dafür interessieren kann.

Das war nicht immer so. Mich haben Journalisten einmal begeistert, so sehr, dass ich, als ich in Buchverlagen arbeitete, eine Journalismus-Buchreihe initiiert und herausgegeben habe, mit damals bekannten, vorwiegend deutschen Autoren. Und im fortgeschrittenen Alter an einer renommierten Institution (der School of Journalism, Media and Cultural Studies im walisischen Cardiff) einen Master of Arts in Journalism Studies absolviert und anschliessend während Jahren über Medien und Fotojournalismus publiziert habe.

Ich weiss, es gibt gute Gründe über Amerika und Davos zu schreiben. Nicht so wie alle, anders. Ich will mich trotzdem nicht damit befassen, ich finde solche Themen einfaltslos. Dass man darüber interessant schreiben kann, zeigen die beiden Artikel in Die Republik. Mein Problem ist ein ganz anderes: Solche Themen lenken meine Aufmerksamkeit auf für mich Unwesentliches, bestenfalls Interessantes. Und das reicht mir heutzutage nicht mehr. Denn interessant ist vieles, auch das Liebesleben der Bienen, hörte ich einmal Ajahn Sumedho, einen amerikanischen Theravada-Mönch in Bangkok sagen, doch darum gehe es nicht. Es gehe darum, ob etwas hilfreich sei, fügte er hinzu. Hilfreich, um ein qualititativ gutes Leben zu führen, nicht um davon abzulenken, dass wir die Langeweile nicht aushalten.

Der ehemalige Fernsehreporter Dagobert Lindlau kommt mir in den Sinn. „Je älter ich werde, desto kindischer kommt mir das Fernsehen vor. Wenn ich noch einmal auf die Welt käme, würde ich alles werden, bloss nicht Journalist. Schon gar nicht beim Fernsehen.“

Vielleicht liegt es daran, dass Eitelkeit für Journalisten so recht eigentlich Berufsvoraussetzung ist. Klar, nicht nur bei Journalisten ist das so, sondern bei allen, die des öffentlichen Beifalls in grossem Mass bedürfen. Und bei einigen im Alter abnimmt.

Noch einmal Dagobert Lindlau: „Ich habe mir nach langer Übung die Kunst angeeignet, in die Luft zu schauen, ohne an etwas zu denken.“ Ich selber habe erst vor Kurzem entdeckt, wie viele unterschiedliche Grün es in der Natur gibt.