Altersgedanken

„Sechzig! Wir! Damals ein Alter, so unfassbar theoretisch wie das potenzielle Baby. Dabei werde ich in fünf Jahren auch dieses fremde Territorium erreichen – es ist so simpel wie eine Fahrt mit dem Bus. 1999 machte ich einen Zeitensprung, obwohl mir mein Älterwerden weniger im Spiegel auffiel als an den Reaktionen anderer Leute“, schreibt Lionel Shriver in Wir müssen über Kevin reden.

Zum ersten Mal (nun ja, wer kann das schon genau sagen, doch es kommt mir halt so vor) ist mir mein Alter an meinem 64sten Geburtstag so richtig eingefahren. Hat vermutlich (mehr als Vermutungen geht nicht) mit „When I’m sixty-four“ zu tun. An diesem Tag machte ich mich auf zum Lac de Joux, es war ein sonniger und warmer Herbsttag und ich fühlte mich … das weiss ich nicht mehr so genau, ich nehme mal an so mittel, ich erinnere mich an keine besonderen Vorkommnisse, es war also wie immer (das meint: auf Autopilot), doch halt, jetzt kommt mir in den Sinn, dass ich mich angenehm leicht und wohl fühlte, als ich den Ufern des Lac de Joux und des Lac Brenet entlang spazierte.

Dieses Jahr nun steht mein 65ster Geburtstag ins Haus (was für ein eigenartiger Ausdruck!) und das ist mehr als nur unvorstellbar, das ist geradezu irreal und surreal gleichzeitig und so recht eigentlich das Alter von Grossvätern und die hat man (gehabt), so ist man selber nicht. Mein brasilianischer Freund Ricardo (er ist ein paar Jahre älter als ich) hat das mal ganz wunderbar auf den Punkt gebracht, als ich ihm eröffnete, ich würde mich für ein paar Tage nach Torres (einem Badeort im Bundesstaat Rio Grande do Sul) aufmachen. „Da hat es viele junge Frauen am Strand, die dich jedoch keines Blickes würdigen. Die einzigen, die dich anschauen, könnten deine Grossmutter sein, sind vermutlich aber jünger als du.“

Man sei so alt, wie man sich fühle, kann man gelegentlich hören. Das ist nicht nur ein ziemlicher Selbstbeschiss, es trägt auch der Tatsache nicht Rechnung, dass man sich im Verlaufe seines Lebens emotional kaum vom Fleck bewegt. Ich jedenfalls wäre gemäss dieser Gefühls-Selbsteinschätzung so um die siebzehn. Nein, nicht immer, doch öfter als mir lieb ist.

Man wird gelassener im Alter? Eher ungeduldiger, würde ich sagen, denn man erträgt Dummheiten und Eitelkeiten zunehmend schlechter – und die Welt ist wahrlich voll davon. Gelassene Momente kenne ich jedoch auch – wenn ich jegliches Interesse an einer Sache verloren habe oder wenn ich zu erschöpft bin, um mich aufzuregen.

Hat das Alter Vorteile? Ja, eindeutig: Man verliert seine Illusionen, wird ent-täuscht und das befreit. Aber leider nicht nur, denn das Ende naht – und das ist kein wirklich angenehmer, geschweige denn beruhigender Gedanke. Wie Schopenhauer treffend bemerkt hat: „So lange wir jung sind, mag man uns sagen, was man will, halten wir das Leben für endlos und gehen danach mit der Zeit um. Je älter wir werden, desto mehr ökonomisieren wir unsere Zeit. Denn im späteren Alter erregt jeder verlebte Tag eine Empfindung, welche der verwandt ist, die bei jedem Schritt ein zum Hochgericht geführter Delinquent hat.“