In Valparaiso und anderswo

Aufzeichnungen

Monat: Mai, 2018

Memento Mori

Es gibt viele Schriftsteller, deren Namen einem zwar geläufig sind, deren Werke man jedoch nie gelesen hat – aus was für Gründen auch immer. Und wenn man dann einen oder eine von ihnen doch noch liest – aus was für Gründen auch immer – , wundert man sich manchmal, wie man daran all die Jahre hat vorbei gehen können und freut sich, dass man sie doch noch entdeckt hat. Mir ist es mit Muriel Sparks Memento Mori (Diogenes Verlag, Zürich 2018) so ergangen.

Es war in Brasilien gewesen, Anfang des Jahres, als Muriel Spark entweder im ‚New Yorker‘ oder in der ‚New York Review of Books‘ lobend erwähnt worden war, vielleicht aber auch anderswo, jedenfalls blieb mir ihr Name dieses Mal haften und ich war sofort fest entschlossen, etwas von ihr zu lesen – und war dann schon nach wenigen Seiten von Momento Mori hell begeistert, dauernd musste ich schmunzeln und immer mal wieder laut heraus lachen, so scharf war ihre Beobachtungsgabe, so treffend ihr Witz, so britisch ihre Ironie.

„Die Ampel ist rot“, sagte Lettie. „Und sprich nicht mit mir, als wäre ich Charmain.“
„Lettie, bitte, ich brauche keinen Fahrunterricht. Ich habe die Ampel gesehen.“ Er musste scharf bremsen, und Dame Lettie rutschte ein Stück nach vorn.

„Wenn er über sein eigenes Verhalten nachsann, dann dachte er nie ‚ich‘, sondern immer ‚man‘.“

Memento Mori handelt vom Leben betagter Personen, die sich gegenseitig verdächtigen, senil zu sein, von Beerdigungen („Godfrey erkannte nicht sofort alle, denn da sie sich prüfend über die den Blumenspenden angehefteten Karten beugten, erblickte er nur eine Reihe von Hinterteilen.“) und Todesfällen („… obwohl ihm der allgemeingültige Grundsatz, dass der Tod jedem Menschen bevorsteht, durchaus bekannt war, vermochte er sich das im jeweiligen Einzelfall nicht vorzustellen.“), ständigen Testamentsänderungen und ausgesprochen skurrilem Verhalten. Reich an Situationskomik, ist dieses Buch ein ganz aussergewöhnlicher Lesegenuss, selten fühlte ich mich besser und intelligenter unterhalten – und bin ganz beglückt, dass viele der Szenen nachhallen.

Vergesslichkeiten und Zusammenstösse mit dem Pflegepersonal sind an der Tagesordnung, Pläne, die dauernd wieder über den Haufen geworden werden, ebenso. Und auch die Gesundheit der zehn Greise ist nicht stabil und unterliegt mannigfachen Schwankungen.

In diese Schilderungen, die wesentlich ums Alter kreisen, sind auch Krimi-Elemente eingebettet, denn Dame Lettie, eine der Protagonistinnen, erhält dauernd Telefonanrufe, bei denen sich eine Stimmer mit dem Satz meldet: ‚Bedenke, dass du sterben musst.‘ und dann einhängt. In der Folge erhalten auch ihr Bruder, Godfrey Colston und seine Frau, die erfolgreiche Schriftstellerin, Charmian Piper, wie auch der Amateurgerontologe Alec Warner (eine wunderbare Figur!) solche Anrufe. Und auch der Detektiv … Gestorben wird natürlich auch, rasch und ohne grosse Umstände.

Memento Mori macht mich jubeln. Wegen Sätzen wie diesen. „Mrs. Anthony erkannte instinktiv, dass Mrs. Pettigrew eine nette Frau war. Ihr Instinkt irrte sich.“ Für solche Erkenntnisse braucht ein Psychologe mindestens ein Buchkapitel. Und auch so wirklich hilfreiche, praktisch-philosophische Ratschläge findet man in einschlägigen Ratgebern kaum. „Wenn ich noch einmal leben dürfte, würde ich mir angewöhnen, jeden Abend über den Tod nachzudenken. Ich würde mir den Tod sozusagen in Erinnerung rufen. Keine andere Übung lässt einen das Leben intensiver spüren. Wenn der Tod naht, sollte er einen nicht mehr überraschen. Er sollte Teil dessen sein, was man vom Leben erwartet. Ohne das ständige Bewusstsein vom Tod ist das Leben fade. Es ist wie ein Ei ohne Eigelb.“

Scharfsinnig, nüchtern, psychologisch versiert, wunderbar witzig und wesentlich, so nehme ich Muriel Sparks Memento Mori wahr. Auf mich wirkt das befreiend. Als das Buch 1959 auf Englisch erschien (die hervorragend ins Deutsch übertragene Neuveröffentlichung zeigt wieder einmal, dass wirklich gute Literatur zeitlos ist), war die Autorin 41 Jahre alt – es ist verblüffend, wie realistisch und akkurat sie die Greise (Frauen wie Männer) porträtierte.

Momento Mori ist ein höchst unterhaltsames und wunderbar lebenskluges Buch.

PS: A.L. Kennedy hebt in ihrem Nachwort einen Aspekt hervor, der hier erwähnt gehört. „Memento Mori wiederholt unablässig, dass wir alle zum Untergang bestimmt sind, aber es deutet auch an, dass wir deshalb Mitgefühl verdienen, eine liebevolle Freundlichkeit, die Spark in kurzen ergreifenden Augenblicken aufscheinen lässt. An der Seite der Autorin blickt der Leser auf eine Welt, aus der das Mitgefühl weitgehend verschwunden ist, und er sieht, wie schrecklich das ist, was der Tod im Leben anrichten kann. Memento Mori zeigt das vielleicht schwerste Verbrechen auf Erden, das vermeidbare Übel, die menschliche Schuld: den Tod des Erbarmens.“

Nichts ist, wie es scheint

Um es gleich vorauszuschicken: Ich unterscheide nicht zwischen Krimi und Thriller, ich gehe davon aus, dass beide mir gelegentlich einen thrill verschaffen und das meint in meinem Falle: Dass sie so gebaut sind, dass ich gespannt weiter lesen will.

Mir geht es bei der sogenannten Spannungsliteratur jedoch nicht vorwiegend um die Spannung, mich interessiert auch gar nicht so sehr, ob der Mörder der Gärtner sein könnte oder die Kommissarin eine schwierige Jugend gehabt hat, mir geht es darum, etwas über die Welt zu erfahren, also über die soziale Wirklichkeit, die Abgründe der Seele sowie die Herausforderungen des Alltags und zwar ohne dass, wie es für mich bei der Literatur der Fall ist, die Kriterien von Literaturwissenschaftlern (eine Wissenschaft, echt?) relevant sind.

Garry Dishers Leiser Tod (Unionsverlag, Zürich 2018) bin ich mit gemischten Gefühlen angegangen – mir gefiel der Umschlag nicht – , doch ich war sofort drin und begeistert, wie der Autor die Profi-Einbrecherin Grace, eine Zockerin, einführte: Der Leser geht mir ihr auf Tour, kriegt gute Tipps für etwaige eigene Unternehmungen und ich fiebere mit ihr mit (dieser Krimi ist auch sehr spannend!), dass sie ihr zurückgezogenes, auf Gewohnheiten beruhendes Leben weiterführen kann.

Dann schwenkt die Geschichte plötzlich um. Eine nackte, verdreckte und verstörte Frau taucht auf, die behauptet von einem Mann in einer Polizeiuniform vergewaltigt worden zu sein. Kriminalkommissar Hal Challis kommt ins Spiel … Nein, ich will hier nicht die Handlung nacherzählen, ich will darauf hinweisen, dass ein Krimi uns meist vielfältiger und ungeschminkter über die Welt aufklärt als es andere mediale Formen tun.

„In Waterloo gibt es das grösste prozentuale Ungleichgewicht von Polizisten zur Bevölkerung in ganz Victoria, wenn also bei Ihnen eingebrochen wurde oder man Sie angegriffen hat, dann kommen Sie besser selber vorbei und reden mit uns darüber – wir haben nämlich nicht genügend Leute oder Mittel, um bei Ihnen vorbeizukommen. Vorbeugende Polizeiarbeit gehört der Vergangenheit an. Ausseneinsätze sind um achtzehn Prozent gesunken; Gewaltverbrechen haben um fast fünfzig Prozent zugelegt (…) ich sehe für die Zukunft Polizisten voraus, die als Subunternehmer arbeiten, ihre eigenen Handfeuerwaffen, Fahrzeuge und Funkgeräte mitbringen, die für ihre eigenen Rentenzahlungen verantwortlich sind, für Krankenkasse und Urlaubsgeld. Begriffe wie ‚Firmenphilosophie‘ werden in aller Munde sein.“ „Und das Verbrechen?“ „Wächst und gedeiht“, antwortete Challis.

Leiser Tod erzählt mehr als nur eine Geschichte, er erzählt ganz viele, die ineinander greifen und sich ergänzen. Da wäre etwa der Gauner/Polizist, der früher mit Grace zusammen war und jetzt hinter ihr her ist. Und da wäre das intime Intermezzo zweier Polizistinnen („Tja, etwas bedauere ich jetzt schon, dachte Pam. Ich bedauere, dass Sergeant Jeannie Schiff ein ebenso grosses Arschloch ist wie einige der Männer, denen ich begegnet bin. Man lernt nie aus.“). Und da wäre die Suche von Hal Challis und seinem Team nach dem Vergewaltiger und Mörder in Polizeiuniform.  Und da wären all die unterschiedlichen Australier (Nachbarn, die ihre Umgebung beobachten; eine Tochter, die den Liebhaber der Mutter nicht erträgt usw), die es so recht eigentlich überall auf der Welt gibt. Ich mag Bücher, die mir überzeugend und differenziert aufzeigen, dass wir alle weit weniger verschieden voneinander sind, als wir gemeinhin annehmen.

Ich kenne Australien aus eigener Anschauung, habe da unter anderem studiert und fühlte mich durch diesen Krimi immer mal wieder vor Ort, spürte das dortige Lebensgefühl und empfand Sehnsucht nach diesem Land, dem Klima, der Weite, den Gerüchen, der Atmosphäre.

Darüber hinaus kriege ich auch Einblicke in Welten, die mir gemeinhin verschlossen sind. Etwa über den Diebstahl von russischen Ikonen, von denen Zollbeamte am Moskauer Flughafen Scheremetjewo jedes Jahr sechstausend beschlagnahmten, „vielleicht ein Zehntel dessen, was in Koffern, Diplomatengepäck und Fracht aus Russland geschmuggelt wurde. Auch die russische Mafia war daran beteiligt. Während der unruhigen Jahre in den Neunzigern ging es nicht nur um Atomwaffen, die gestohlen wurde, sondern auch um Ikonen und Gemälde, die aus den Galerien des Landes verschwanden.“

Leiser Tod ist ein exzellenter Kriminalroman darüber, dass nichts ist, wie es scheint. Und darüber, wie schwierig es ist, ein anständiger Mensch zu sein.

Fazit: Genial, rundum zu empfehlen!

Die Schulz-Story

Eine eigenartigere, bizarrere politische Geschichte als die des SPD-Politikers Martin Schulz, der in nur gerade einem Jahr von ganz oben nach ganz unten sauste, so das gemeinhin von den Medien verbreitete Narrativ, hat es wohl noch nie gegeben. Dass einem der rasante Aufstieg und genauso rasante Abstieg des gelernten Buchhändlers aus Würselen so dramatisch vorkommt, hat auch (aber nicht nur) damit zu tun, dass er uns so dramatisch geschildert wird. Denn Martin Schulz, der es in Nullkommanichts vom Präsidenten des Europäischen Parlaments zum Parteivorsitzenden der SPD brachte, kam ja nicht aus dem Nichts, sondern sass seit 1994 im Parlament in Strassburg, hatte also sein Leben, wie Politiker das eben so tun, in Sitzungen und Ausschüssen verbracht, und verstand etwas vom politischen Spiel und das meint: Von Intrigen und machtpolitischen Manövern. Ihn als Menschen zu charakterisieren, der „nie ein klassischer Machtpolitiker werden“ wollte, wie das im Klappentext zu Markus Feldenkirchens spannend zu lesendem Buch Die Schulz-Story. Ein Jahr zwischen Höhenflug und Absturz steht, lässt ausser Acht, dass ein Mann, der über zwanzig Jahre in der Brüsseler Verwaltungsanstalt in einflussreicher Position tätig war, genau das die meiste Zeit seines Berufslebens gewesen ist – ein klassischer Machtpolitiker.

Schulz sei in kürzester Zeit zu einer Art Kultfigur geworden, schreibt Markus Feldenkirchen. „Das vermeintlich uncoole Äussere des Mannes, der Anzüge von der Stange und als Brille ein Kassengestell trägt, wird plötzlich für hip erklärt. Diesen Hype hat niemand im Willy-Brandt-Haus vorhergesehen, er ist nicht Teil des Kampagnenplans, wird von niemandem recht verstanden und dementsprechend auch nicht genutzt.“ Das ‚vermeintlich uncoole Äussere‘? ‚Vermeintlich‘ darf man streichen.

Doch den Hype, den gibt es. Schulz‘ Auftritte kommen an, er wirkt (zumindest in den ersten Wochen) menschlich, nicht roboterhaft wie die Kanzlerin. Er spricht mit Leidenschaft und Pathos, stellt die selbsternannten Eliten den Busfahrern und Krankenschwestern gegenüber. Und erstaunlicherweise nehmen ihm die Leute sein Engagement für den kleinen Mann ab – schliesslich ist er selber keiner, verfügte er doch in Brüssel über ein fabelhaftes Einkommen, einen Mitarbeiterstab, der neben Fahrer, Protokollchef und jede Menge Assistenten sogar einen Saaldiener umfasste. Fast 20’000 Neumitglieder hat die SPD in wenigen Monaten gewonnen.

Die Schulz-Story. Ein Jahr zwischen Höhenflug und Absturz (Deutsche Verlags-Anstalt, München 2018) ist gelungener Mainstream Journalismus. Genau beobachtet, informativ und aufklärend, ansprechend erzählt, höchst unterhaltend – allerdings mit einem Schönheitsfehler: Das kritische Hinterfragen (die Essenz des Journalismus, wie ich einmal gelernt habe) der Mechanismen des Zusammenspiels von Medien und Politik habe ich vermisst. Da wird etwa ein Foto aus dem Zug, das Martin Schulz und Thorsten Albig, nach der Wahlniederlage des letzteren im Zug zeigt, als Beleg für die öffentliche Wahrnehmung gewertet. „Schulz schaute für einen Moment bedröppelt aus dem Fenster in den Regen und Albig zur anderen Seite auf sein Handy. Schon gab es ein Foto, das zum Sinnbild wurde: Die SPD hat resigniert. Wahlkampf ist auch die Kunst, jederzeit die Kontrolle über seine Gesichtszüge zu wahren.“ Ein Foto wurde zum Sinnbild? Wirklich? Vielleicht für ein paar Medienleute.

Es sind solche Sätze, die einem klar machen, dass nicht nur Politiker, sondern auch Journalisten in einer Blase leben. Die Bedeutung, die der Autor den Analysen (die manchmal nichts anderes als hingeworfene Sätze sind) von Politikern und Fernsehleuten gibt, ist nicht nur befremdend, sondern geradezu lebensfremd. Irritierend fand ich auch die kritiklose Übernahme der Darstellungspalette der Politiker: Wie kann man bloss glauben, dass das Foto eines Handschlags mit Macron auf Facebook und Twitter oder eine Wahlkampfrede von Belang sein können? Apropos Blase: Eindrücklicher als die Beschreibung wie Schulz mit einem Medientross im Schlepptau erfolglos das Gespräch mit den Bürgern sucht, kann man das Politik- und Medientheater kaum schildern.

Ich habe Martin Schulz nie anders als den typischen, grauen Europaparlamentarier wahrgenommen, einen Mann also, der Europapolitik macht. Henryk M. Broder hat ihn einmal so beschrieben: „Schulz „macht“ seit über 30 Jahren Europa-Politik. Er gehört zu denen, welche die EU an die Wand gefahren haben. Die EU ist am Ende. Schulz ist am Ende. Was er als „Gesellschaftsmodell“ bezeichnet, das verteidigt werden muss, ist das Geschäftsmodell einer kleinen aber machtgeilen Elite, deren Angehörige sich gegenseitig stützen und fördern. Von wegen Geschenk und Wunder. Es geht um Stabilität – bei der Besetzung der gut dotierten Posten, Und da wäscht eine Hand die andere.“

Martin Feldenkirchen beschreibt einen anderen Martin Schulz. Einen Mann, der sich selber bleiben, sich nicht verbiegen lassen will. Einer, der Journalistenfragen beantwortet (was gewiefte Interviewprofis nicht tun – „Auf welche Ihrer Fragen soll ich meine vorbereiteten Antworten ablesen?“, fragte Henry Kissinger einmal anlässlich einer Pressekonferenz). Einer, der im Aufzug für seine rote Nase nach Puder fragt. „Seine Konkurrentin Angela Merkel kennt dieses Problem nicht, sie ist rund um die Uhr mit einer vom Staat finanzierten Visagistin unterwegs“, kommentiert Markus Feldenkirchen. Nicht zuletzt solcher Infos wegen lohnt sich dieses Buch. Mir jedenfalls schärfen solche Details die Sicht aufs Ganze.

Immer wieder weist Feldenkirchen darauf hing, wie Schulz‘ Ideen und Reden von Beratern zurecht gebügelt, auf politisch akzeptierten Mainstrean getrimmt werden. Als der Kandidat einmal bei einem Museumsbesuch von Meereschildkröten erfährt, die Plastiktüten fressen, weil sie sie für Plankton halten, ist er derart aufgewühlt, dass er sich vornimmt, das (und das Versprechen, der nächsten Generation eine intakte Welt zu hinterlassen) zum Thema zu machen. Das wird jedoch erst am Parteitag im Dezember der Fall sein. „Es wird eine der leidenschaftlichsten Stellen seiner Rede, sie wird die grösste Begeisterung entfachen. Und so fragt man sich rückblickend, warum die Schildkröte erst im Dezember auftauchen und nicht schon durch den Wahlkampf schwimmen durfte.“ Ich hingegen fragte mich, wieso Politiker und Medienleute Reden eine solche Bedeutung beimessen? Nichts illustriert die Wählerferne deutlicher.

Überzeugend ist Die Schulz-Story auch deswegen, weil der Autor sich mit seinen Einschätzungen nicht zurückhält. „Schulz und sein Team wirken auf mich bisweilen wie Getriebene, die sich mehr von Umfragen und Medienberichten in die eine oder andere Richtung jagen lassen, als selbstbewusst ihren Kurs zu fahren.“ Und: „Angela Merkel hat die umfrageorientierte Politik während ihrer Amtszeit auf die Spitze getrieben. Kaum änderte sich bei einem Thema die Mehrheitsmeinung, änderte sich auch ihre Politik.“

Markus Feldenkirchen hat ein Lehrstück darüber geschrieben, wie die Medien Politik vermitteln – als story telling – und viele Einblicke in Denken und Handeln von Politikern und Medienleuten geliefert. Ambrose Bierce ist mir dabei immer mal wieder durch den Kopf gegangen, der einmal die Politik als Interessenkonflikt, maskiert als Prinzipienstreit definiert hat. Eindrücklicher dargestellt als in Die Schulz-Story habe ich das selten gefunden.

Darüber hinaus ist dem Autor auch ein eindrückliches Porträt unseres rastlosen, hektischen, von Impulsen dominierten Zeitgeistes geglückt. „Ständig brummt, klingelt oder piepst ein iPhone. Kaum ein Satz kann zu Ende gesprochen, kaum ein Gedanke zu Ende gedacht werden.“ Auch Angela Merkel sei handysüchtig, notiert er. „Wenn ihr etwas einfällt, schreibt sie rasch eine Nachricht. Ihre Vertrauten antworten sofort. So wird mit dem ersten Gedanken Politik gemacht, die Zeit des Nachdenkens, des Besinnens, fällt oft weg.“ Donald Trump allüberall, nur nicht so offensichtlich.