In Valparaiso und anderswo

Aufzeichnungen

Monat: Juni, 2018

Brief an eine Zoowärterin aus Calais

Ich war noch nie in Calais, doch ich weiss, dass von dort Fähren nach Dover ablegen. Aus den Medien weiss ich zudem, dass es dort ein Flüchtlingslager gegeben hat, in dem offenbar chaotische Zustände geherrscht haben. Am 18. Januar 2018 war aus dem Deutschlandfunk dies zu erfahren: „Wo sich noch 2016 der berüchtigte „Dschungel von Calais“ erstreckte, ist heute ein Naturschutzgebiet hinter Zäunen. Flüchtlinge gibt es hier und in anderen Küstenorten trotzdem noch. Mit einem erweiternden Abkommen wollen Frankreich und Grossbritannien Schlepper und Asylsuchende vom Grenzübertritt abhalten.“

Emmanuel Carrère, 1957 in Paris geboren, und als Schriftsteller, Regisseur, Produzent und Drehbuchautor in Paris lebend, ist im Frühjahr 2016 in der nordfranzösischen Stadt eingetroffen, um eine Reportage zu schreiben, die unter dem Titel Brief an eine Zoowärterin in Calais, mit Fotografien des Magnum-Veteranen Raymond Depardon, 2017 bei Matthes & Seitz in Berlin auf Deutsch erschienen ist,

Bei seiner Ankunft erwartet ihn ein Brief einer ihm unbekannten Person, die unter Pseudonym schreibt (Marguerite Bonneville – das brave Mädchen) und fragt, was er hier wolle? „Wir haben die Nase voll von diesen Promis, entschuldigen Sie bitte den Ausdruck, die hier in Calais ihre Schäfchen ins Trockene bringen und uns, die wir in diesen Mauern eingeschlossen sind, als Laborratten betrachten.“

Emmanuel Carrère zu lesen, bedeutet, an einem Prozess teilhaftig zu werden. Er beschreibt, was er macht, mit wem und wie es ihm dabei ergeht. Und natürlich berichtet er auch darüber, wie er das Erlebte einschätzt, also davon, was ihm so durch den Kopf geht. Seine Verbindungsleute vor Ort sind Bruno Mallet, Journalist bei La Voix du Nord, und dessen Frau Marie-France Humbert von Nord littoral. Nur schon, dass er die beiden namentlich erwähnt, ist (erstaunlicherweise) eine Rarität bei Reportern.

Er hat vor, über Calais zu schreiben, nicht über seine Migranten, doch natürlich geht es in dieser Stadt vor allem um die Migranten. Man ist für sie oder gegen sie, man ist gezwungen, Stellung zu beziehen. „‚Pro‘- und ‚antimigrantisch‘ sind seltsame Begriffe. ‚Promigrantisch‘, so etwas gibt es nicht, in dem Sinn, dass niemand dafür sein kann, vor den Türen einer Stadt mit siebzigtausend Einwohnern eine Bevölkerungsgruppe von sechstausend Notleidenden in einer verzweifelten Lage zu wissen, die bei beissender Kälte im Schlamm in Zelten schlafen und den anderen – je nach Charakter – Besorgnis, Mitleid oder ein schlechtes Gewissen einflössen. Und ‚antimigrantisch‘, in der extremen Bedeutung des Wortes, das Leute bezeichnet, die fähig sind zu brüllen: ‚Ertränkt sie!‘ oder ‚Geht nach Hause!‘ – was häufig auf dasselbe hinausläuft – , ja, das gibt es tatsächlich, ich habe welche getroffen, aber nicht sehr oft.“

Brief an eine Zoowärterin aus Calais ist die Art von Auseinandersetzung mit dem Thema Flüchtlinge/Migration, von der es mehr geben müsste. Sie überzeugt, weil sie sich mit den tatsächlichen Gegebenheiten vor Ort und nicht von der Ideologie leiten lässt.

Chinesische Ansichten

Asiaten können das Alter von Westlern schwer schätzen und umgekehrt gilt das ebenso. Für mich jedenfalls hätte meine Sitznachbarin auf dem Flug von Stavanger nach Amsterdam so um die 40 sein können, entpuppte sich dann aber als 30. Ich hielt sie für eine Chinesin, die sich mit ihren Eltern auf der anderen Seite des Ganges auf einer Europareise befand, erfuhr dann aber, dass sie in Stavanger lebte und arbeitete. Sie war aus Hong Kong, ergab meine Nachfrage. Sicher führte ihre Familie ein chinesisches Restaurant, dachte ich so bei mir, und lag auch da ziemlich daneben – die Frau arbeitete in einer norwegischen Wurstfabrik. Norwegische Würste seien im Übrigen nichts für Asiaten, bemerkte sie. Ihr Ideal wäre dies: Essen in Hong Kong, leben und arbeiten in Norwegen.

Sie habe in Hong Kong Englisch und Französisch studiert, anschliessend die Möglichkeit gehabt, als Aupair nach England zu gehen, wo sie einen Norweger kennengelernt habe, mit dem sie heute verheiratet sei und in der Nähe von Stavanger lebe. Ob sie nicht einen interessanteren Job habe finden können als in einer Wurstfabrik zu arbeiten? Ihre Arbeit gefalle ihr gut und sei besser als ein Büro-Job, bei dem ihr das ständige Geratsche auf die Nerven gehe. Zudem habe man als Zugereiste oft keine echte Wahl.

Heutzutage scheine es ihr angebracht, sich als Komma-Person zu charakterisieren. Das bedeute, dass man seine verschiedenen Berufe beziehungsweise Tätigkeiten, durch ein Komma trenne, denn kaum jemand habe nur einen einzigen Beruf. Für sie etwa gelte: Wurstfabrikangestellte, Hausfrau, Übersetzerin, Lehrerin. In dieser Reihenfolge, denn als Wurstfabrikangestellte verdiene sie ihr hauptsächliches Geld.

Sie spricht Englisch sehr konzentriert, klar und deutlich, wie aus dem Lehrbuch. Norwegen sei teuer, sage ich, für eine 1 1/2-Liter Flasche Sprite hätte ich im Supermarkt vier Schweizer Franken bezahlt. In welchem Supermarkt? Kiwi. Sie lächelt. Wäre Joker günstiger gewesen? Besser, doch noch nicht wirklich günstig, erwidert sie. Die beiden andern Supermärkte, die sie erwähnt, habe ich in Sekundenschnelle wieder vergessen. Norwegen sei nur für Touristen teuer, für Einheimische, die sich auskennen, hingegen nicht, sofern sie sich informierten, wann und wo es günstige Angebote gebe. Das sei in der Schweiz auch so, da gebe es auch Aldi und Lidl, führe ich aus. Sie weiss natürlich, dass das deutsche Ketten sind.

Wir landen beim Treffen von Trump und Kim in Singapur. Vertrauen sei die Grundlage jeder Beziehung, sage ich, und in China, wo es meines Wissens kein kodifiziertes Recht gebe, zeige sich das ja ganz besonders. Mein Problem mit diesem Treffen sei, dass ich keinem der beiden traue (ich bin mir nicht sicher, ob die beiden, wüssten sie denn von meinem Problem, ernsthaft in sich gehen würden). Manchmal, sagt die junge Frau, müsse man eben auch mit Menschen klarkommen, denen man nicht traue. Dann gelte es, nicht einfach von vier Ecken, sondern von acht auszugehen. Klingt gut, denkt es so in mir, nur ist mir nicht so recht klar, was das praktisch bedeuten soll. Das Gesicht, sagt die Frau jetzt und schaut mich zweifelnd an – ob ich wohl verstehe? Mir ist die chinesische Sitte des Gesicht-Geben, Gesicht-Nehmen durchaus geläufig. Es meint soviel wie den anderen möglichst gut aussehen zu lassen und läuft im Endeffekt darauf hinaus, sich selbst zurückzunehmen. Klingt einleuchtend, wird jedoch meist als Disziplinierungsinstrument gegen sogenannt unerwünschte Meinungen eingesetzt.

Von der Schweiz weiss sie, dass es nirgendwo so schwierig sei, sich einbürgern zu lassen, wie gerade dort. Ein befreundeter Chinese, der die britische Staatsbürgerschaft besitze, habe ihr das gesagt. Weshalb der Mann neben dem britischen auch noch den Schweizer Pass haben wollte, vergass ich dann zu fragen.

Eine englische Erinnerung

Vor einigen Jahren bewarb ich mich um eine Stelle als „Lecturer Press & Editorial Photography“ an der Falmouth University in Cornwall, kam in die Endauswahl und wurde mit zwei anderen Bewerbern zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen, bei dem es darum ging, herauszufinden, wie gut die Kandidaten vernetzt waren, denn schliesslich geht es im heutigen Universitätsleben nicht unwesentlich darum, Aufträge reinzuholen und Gelder für Forschungsprojekte aufzutreiben. Da ich noch nie vernetzt war und es nach wie vor nicht bin, kam ich für den Job nicht in Frage.

Dies als Einleitung, denn so recht eigentlich will ich hier eine ganz andere Geschichte erzählen. Und zwar die von einem anglikanischen Priester, der mich am Flughafen Gatwick ansprach. Eine Stimme aus dem Lautsprecher hatte gerade verkündet, dass der Zug nach Truro ausfalle, da heftige Stürme zahreiche Bäume gefällt und auf die Schienen geworfen hätten. Es klang nach mehrtägigen Räumungsarbeiten. Die Fahrgäste nach Truro wurden aufgefordert, den Zug via Clapham Junction zu nehmen.  Er müsse nach Truro, sagte der Mann, welchen Zug er nehmen müsse? Den auf Bahnsteig vier, ich müsse auch Richtung Truro, erwiderte ich.

Wir zwängten uns in einen überfüllten Wagen und waren die einzigen, die nicht telefonierten oder auf ihr Handy starrten. Nach dem Umsteigen in Clapham Junction setzten wir uns nebeneinander in einen recht vollen Zug und begannen uns zu unterhalten. Genauer: Der Mann, der sich als anglikanischer Priester zu erkennen gab, erzählte mir, dass er gestern seinen Ferienflieger nach Spanien verpasst, in der Folge eine Nacht, auf Kosten der Fluggesellschaft, im Hotel verbracht, sich dann jedoch entschlossen habe, nicht nach Spanien, sondern wieder nach Hause zu fahren.

Ich weiss nicht mehr wie es kam, dass er mir von seinem letzten Jahr zu erzählen begann, vielmehr von einem Ereignis, das in diesem Jahr geschehen war und ihn längere Zeit arbeitsunfähig gemacht hatte. Auf dem Parkplatz eines Supermarktes drohte ein junger Mann, sich anzuzünden. Er hatte sich mit Benzin übergossen, den Kanister neben sich gestellt und ein Feuerzeug in der Hand. Der Priester war auf ihn zugegangen und hatte versucht, dem sichtlich aufgewühlten Mann gut zuzureden, ihn zu beruhigen. Ohne Erfolg. Vom einen auf den anderen Moment brannte der Mann lichterloh, jede Hilfe war aussichtslos.

Ob er selber in der Folge Hilfe gesucht habe? Er halte nichts von Therapie, erwiderte er. Seine Oberen hätten ihn krank geschrieben. Nach ein paar Monaten habe ihm sein Vorgesetzter gesagt, sie würden ihn brauchen, er solle wieder die Messe lesen. Zuerst wollte er  nicht, sagte, das könne er nicht mehr. Doch der Vorgesetzte habe gedrängt, ihn an seine Pflichten erinnert. Und so habe er sich schliesslich aufgerafft. Und die Messe zu lesen, habe geholfen, denn ein Ritual zu praktizieren, beruhige die Seele.

Unser Austausch dauerte die ganze sieben Stunden lange Fahrt bis Truro. Nach etwa drei Stunden erhob sich eine Frau aus der Sitzreihe vor uns, drehte sich zu uns und sagte: Ich muss hier leider aussteigen, doch Danke für dieses überaus hilfreiche Gespräch. Leider erinnere ich nur, was ich gerade notiert habe (von meinen eigenen Beitrag weiss ich fast gar nichts mehr) und dass ich anderntags in einer Buchhandlung in Falmouth Alan Bennetts Four Stories (für £ 1.50! Der Buchhändler hatte es irrtümlicherweise so billig angeschrieben) kaufte und dass die erste der vier Geschichten einen anglikanischen Priester zum Protagonisten hatte.