In Valparaiso und anderswo

Aufzeichnungen

Monat: August, 2018

Arme Leute

In der Einführung zu seinem Essay über Arme Leute (Suhrkamp, Berlin 2018) nimmt William T. Vollmann auch Bezug auf ein Werk, mit dem ich mich eingehend beschäftigt, doch noch nie so wahrgenommen habe wie er es tut. Er bezeichnet Preisen will ich die grossen Männer von James Agee und Walker Evans als „elitärer Ausdruck elitärer Neigungen.“ Zur Erinnerung: Zur Zeit der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren verbrachten der Autor James Agee und der Fotograf Walker Evans einige Monate im Süden der Vereinigten Staaten, um die Lebensumsstände der dortigen Baumwollpflücker zu dokumentieren.

Vollmann attestiert James Agee, dass er sich einlässt. „Er will, dass wir alles fühlen und riechen, was die von ihm Beschriebenen fühlen und riechen müssen, und kommt dieser Wirkung so nahe, wie es möglich ist, wenn einem als Mittel nichts als das Alphabet zur Verfügung steht; also scheitert er und verachtet sich und uns dafür, dass es nicht anders sein kann, entschuldigt sich bei den Familien mit so absurd prachtvollen Unterwerfungsgesten, dass nur die Reichen die Musse haben werden, sie zu verstehen – und wie viele von ihnen werden das wollen?“ Ich verstehe das in wesentlichen Zügen auch als Selbstporträt von Vollmann.

Auch was er vom Fotografen Walker Evans schreibt, könnte er fast genau so gut von seinen eigenen (am Schluss dieses Bandes versammelten Fotografien) und von Fotos generell schreiben. „… Evans flüchtet sich in die enthüllende Einsilbigkeit der Fotografie. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, gewiss, aber als welche tausend? Ist deine Bildunterschrift die gleiche wie meine? Ein armer Mann starrt dich von der Buchseite an. Du wirst ihm nie begegnen. Ist er hart, bedrohlich, traurig, abstossend, entschlossen, zermürbt, unbeugsam, stolz, oder alles zusammen? Was kann man aus einem Gesicht wirklich ablesen? Was den Fotografen angeht, der muss sich nie wirklich einlassen.“ Das ist die Art von Auseinandersetzung mit der Fotografie, die ich mir gerne gefallen lasse. Weil es eine Auseinandersetzung ist mit dem, was man sehen kann und nicht mit dem, was man zum Bild bringt. Am Rande: Die Bildunterschriften in diesem Band sind so wenig aussagekräftig („Zwei Kinder“, „Grosser Berg “ und so weiter), dass man bestens ohne hätte auskommen können.

Die erste Geschichte spricht mich nicht zuletzt deswegen an, weil ich Klong Toey (auf der gleichen Seite einmal Khlong Toei und Klong Toey geschrieben!), den wohl bekanntesten Bangkoker Slum, aus eigener Anschauung kenne und mir das Gehabe betrunkener Thais geläufig ist. Gefragt habe ich mich jedoch, weshalb der Autor dem recht inkohärenten Geschwafel einer betrunkenen 40Jährigen eine Plattform gibt. Andererseits: Warum auch nicht? In einer besoffenen Welt klingen Besoffene oft ziemlich normal. Dazu kommt, dass er Sunee, wie die Frau heisst, nicht nur besoffen, sondern auch nüchtern zu Wort kommen lässt.

Schicksal, ist die Erklärung vieler Thais für ihr Schicksal und dieses verstehen sie als das Resultat ihres früheren Lebens. „Dann hast du in einem früheren Leben also etwas Böses getan? Nein, sagte das Mädchen langsam, die Beine höflich untergeschlagen, und stützte sich auf den Händen ab. Und warum bist du dann arm? Es lächelte und legte den Kopf schief, kratzte sich am Mückenstich. –  Vielleicht war ich im letzten Leben sehr reich, und diesmal muss ich arm sein.“

Was ich an der Klong Toey-Geschichte (und an diesem Buch insgesamt) so faszinierend finde, ist, dass da einer genuin neugierig unterwegs ist, interessiert an Menschen und ihren Leben. Und er will helfen, doch das ist schwierig, er berichtet davon detailliert und nachvollziehbar. Gelegentlich hört er auch auf seine Dolmetscherin. Und seinen Dolmetscherinnen verdankt er einiges, der Leser weiss davon, weil der Autor davon erzählt. Kurz und gut: Er schildert einen Prozess und macht damit klar, dass einfache Lösungen nicht zu haben sind, denn das Leben ist schwierig und komplex, für alle. Und überall.

William T. Vollmann berichtet auch deswegen so berührend von seinen Begegnungen, weil er nicht einfach eine lineare Geschichte erzählt, sondern mal gedanklich hier, mal dorthin springt. Das geht von Montaignes Auffassung, „dass Menschen aus Angst vor Verarmung oft grössere Qualen leiden als die Armen selbst“ zu Thoreau und Dostojewski und den Auswirkungen von Tschernobyl, bis man allmählich zu realisieren beginnt, dass das nicht wirklich ein Buch über arme Leute ist, sondern ein anteilnehmender Bericht darüber, wie arme Leute und er selber miteinander und mit dem Leben zurechtzukommen versuchen.

Ob in Thailand oder Sibirien, Hanoi oder im Jemen, Kabul oder Tokio, Armut (nicht einfach nur ein Mangel, sondern ein Elend, wie Vollmann schreibt) wird meist als Schicksal verstanden. Doch Vollmann fragt sich auch, „ob es nicht zu den Kennzeichen der Armut gehörte, dass man sich der Niederlage ergab.“ Zudem: ein Massstab für Armut ist auch die Unfallanfälligkeit. Wie auch der Schmerz ein Kennzeichen ist, aber nicht unbedingt der Hunger.

Armut fällt natürlich nicht von Himmel, sie wird auch gemacht. Und durch die allüberall regierende Gehorsamskultur ermöglicht. So wurden etwa in China wegen eines Strassenumbaus siebenhundert Menschen enteignet, in Japan landen Büroangestellte, die ihre Arbeitsstelle verlieren, immer mal wieder obdachlos auf der Strasse. Und ich wundere mich dass in Kolumbien ein Slum  Nueva Esperanza heisst

Vor allem spannend an diesen Geschichten ist, dass der Autor nicht nur die Situationen, in denen er sich befindet und seine Gespräche wiedergibt, sondern auch aufnotiert, was ihm im Nachhinein so alles durch den Kopf geht (und auch dabei von hier nach da springt, ihm also plötzlich eine Szene in Mexicali und dann wieder eine andere in Madagaskar durchs Hirn rast – genau wie im richtigen Leben).

Arme Leute ist ganz vieles in Einem: Reportage, Bericht, Essay, Erzählung und soziologische Studie. Vor allem ist es jedoch eine sehr realistische und sehr praktische Auseinandersetzung mit der Frage, wie man am unteren Ende der sozialen Skala mit dem Leben klar kommt.

Was französische Eltern besser machen

Pamela Druckerman ist Amerikanerin und lebt mit ihrem englischen Ehemann und ihren drei Kindern in Paris. Und sie schreibt, freiberuflich. Ideale Voraussetzungen also, um die Franzosen zu erleben, zu beobachten und darüber nachzudenken inwiefern sie anders sind beziehungsweise die Dinge anders angehen. Denn dass sie mit den Dingen der Welt anders verfahren, als man das etwa in Amerika tut, ist nicht nur klar, sondern auch reizvoll. Warum würde Frau Druckerman sonst in Paris wohnen?

Es versteht sich: Französische Eltern sind keine homogene Gruppe, amerikanische genauso wenig. Bei den 100 Erziehungstipps aus Paris, wie der Untertitel zu Was französische Eltern besser machen (Goldmann Taschenbuch, München 2018) heisst, handelt es sich um Verallgemeinerungen – und ich liebe Verallgemeinerungen, besonders dann, wenn man sie als das versteht, was sie im besten Fall sein können: Intelligente Verknappungen, die nicht allzu ernst genommen werden sollten, doch einen wahren Kern haben.

„Die ‚100 Erziehungstipps aus Paris‘ sind mein Versuch, die klügsten und wichtigsten Prinzipien herauszuarbeiten, die ich von französischen Eltern und Experten gelernt habe“, schreibt Pamela Druckerman. Ein Beispiel, das ihr  zunächst radikal erschien: „Wenn sich das Familienleben ausschliesslich um die Kinder dreht, dann tut das niemandem gut, nicht einmal den Kindern selbst.“ Studien über amerikanische Familien der Mittelklasse legen zwar nahe, dass solche Gedanken auch diesen nicht fremd sind, aber die Praxis ist dann eben doch häufig eine andere.

Die französische Weisheit, so Frau Druckerman, orientiere sich in erster Linie am gesunden Menschenverstand. In Bezug aufs Essen bedeutet das „moderat, aber ohne Entsagung“, in Bezug aufs Lernen, dass selbst Neugeborene als vernünftige Wesen behandelt werden, „die verstehen, was man ihnen sagt, und Dinge lernen können (sofern man diese behutsam und in ihrem eigenen Tempo lehrt).“

„In Frankreich glaubt man, dass Eltern ihren Kindern schon von klein auf helfen können, mit schwierigen Situationen fertigzuwerden, einfach indem sie ihnen die Lage erklären.“ Und sie glauben an gute Manieren. „Für vorbildliches Verhalten in Bezug auf gute Manieren ist es einfach nie zu früh.“ So dürfen Kinder nicht einfach an den Kühlschrank gehen und sich nach Belieben bedienen, sondern müssen zuerst die Eltern fragen.

Es versteht sich: Pamela Druckermans ‚100 Erziehungstipps aus Paris‘ sind zuallererst eine Aussage über französische Erziehungsideale und das meint, über französische Werthaltungen und Lebensvorstellungen. Mit anderen Worten: es handelt sich um Ideale. Und solche sind wichtig, denn sie leiten uns an. Oder sollten dies zumindest.

„Vor allem glauben Franzosen, dass man in der Erziehung mit Gelassenheit am meisten erreicht.“ Das meint natürlich auch, dass man nicht auf jeden Heuler reagiert, nicht jedem Furz Aufmerksamkeit schenkt und nicht jeden Tweet beachtet. „Entdramatisieren Sie“, lautet die französische Botschaft.

Eine Heldengeschichte

Eine Heldengeschichte, lautet der Untertitel von Erich Hackls Am Seil (Diogenes Verlag, Zürich 2018) und ganz automatisch regt sich in mir Widerstand, denn mit Helden habe ich’s generell und überhaupt nicht. Und mit dem Zitat von Samuel Moser auf der vierten Umschlagseite schon überhaupt gar nicht. „Hackl ist nicht hinter der historischen Faktizität her. Sein Wahrheitsbegriff ist ein anderer. Wahr ist sein Text, wenn in ihm steht, was und wie es ihm die Menschen erzählten.“ Schon etwas esoterisch, das NZZ-Feuilleton. Mir selber steht E.W. Heines Ansatz näher: „Menschliche Eindrücke lassen sich widerlegen, nicht so die Fingerabdrücke des Angeklagten auf der Tatwaffe.“  (New York liegt im Neandertal, Diogenes Verlag, Zürich 1984).

„Er war der beste Freund ihres Vaters, zu einer Zeit, in der Männer noch beste Freunde und Frauen beste Freundinnen hatten, vor einer halben Ewigkeit also.“ So beginnt Erich Hackls Am Seil. Neben der sehr schönen  zeitlichen Einordnung ist es vor allem der Sprachrhythmus, der mich für diesen Text einnimmt, doch worum geht’s?

Die Jüdin Regina Steinig, Doktor der Chemie und arbeitslos wie viele zur Zeit des Naziterrors in Wien, Mutter der achtjährigen Lucia, doch ohne Ehemann (der Kindsvater, den sie durchaus schätzte, kam für sie, obwohl er wollte, dafür nicht in Frage) muss sich vor den Nazis in Sicherheit bringen. Der Kunsthandwerker und passionierte Bergsteiger Reinhold Duschka, der zu ihrem halb pazifistischen, halb kommunistisch gesinnten Freundeskreis gehört, nimmt sie und ihre Tochter bei sich auf.

Detailliert und einfühlsam beschreibt Erich Hackl, auf Lucias Erinnerungen gestützt, wie die drei in Duschkas Werkstätte ihre Tage verbrachten. Wie Lucia und ihre Mutter in der Werkstatt mithalfen, Essen zubereiteten, sich vor Besuchern in Deckung brachten, sich davor fürchteten, krank zu werden. Man wähnt sich vor Ort mit dabei, glaubt nachfühlen zu können, wie die Angst vor dem Entdecktwerden ihr Leben bestimmte.

Die drei bemühen sich, soviel Normalität wie möglich aufrecht zu erhalten. Regina versucht ihre Tochter zu unterrichten, doch das gestaltet sich schwierig, geht dieser doch „alles beim einen Ohr rein, beim andern raus.“ Was auch nicht half, erinnert sich die Tochter gegenüber Erich Hackl, dass ihre Mutter auch „von eher ungeduldigem Naturell war.“

Es ist die Fähigkeit des Autors, Vergangenheit und Gegenwart lebendig werden zu lassen, die dieses Buch prägt. „Besonders schaurig hörte sich für Lucia das durchdringende Heulen der Sirenen an, das ihr noch heute, als Feierabendsignal jeden Samstagmittag, durch Mark und Bein geht, dabei die anderen todankündenden Geräusche in Erinnerung ruft: das Brummen der Flieger, das Bellen der Flak, das Zischen und Jaulen der vom Himmel stürzenden Bomben, ihr betäubendes Krachen.“

Bomben fallen auf ihre Bleibe, zerstören das Haus, sie müssen einen neuen Unterschlupf finden. Dann kommen die Russen. „Wir hatten beim Einmarsch die Deutsche Wehrmacht marschieren gesehen. Gezirkelte Bewegungen, stramm, straff. Das Knallen der Stiefel auf dem Pflaster. Die Russen dagegen sind nicht marschiert, sondern gegangen. Geschlendert! Sie hatten weiche Filzstiefel and und trugen statt Stahlhelmen Pelzmützen.“ Meine Vorstellungen von Russen sind anders und genau deshalb ist die Schilderung der erlebten Wirklichkeit so wesentlich.

Am Seil ist eine Würdigung des wortkargen und schwierigen Reinhold Duschka und vor allem deswegen so gelungen, weil der Autor vorführt, wie Komplexität in einfacher Sprache vermittelt werden kann. Und damit klar macht, dass bestenfalls eine Annäherung an das, was vorgefallen ist, möglich ist. „Lucia wollte alles, was sie sah, in ihrem Gedächtnis speichern, aber der Wunsch selbst vereitelte das Vorhaben, weil sie vor angestrengtem Hinschauen gleich wieder vergass, was ihr eben noch erinnerungswürdig erschienen war.“

Am Seil ist ein berührendes und zutiefst menschliches Buch.