In Valparaiso und anderswo

Aufzeichnungen

Monat: September, 2018

Die Vereindeutigung der Welt

Der Einstieg in Die Vereindeutigung der Welt (Reclam Verlag, Ditzingen 2018) könnte gelungener und packender gar nicht sein, denn „Alles so schön bunt hier“, wie Nina Hagen einst gesungen hat, ist es ja heutzutage wirklich, aber eben nur, wenn man nicht genau hinschaut. Tut man das, entpuppen sich etwa die zahllosen Fernsehprogramme, auf die sich Hagen in ihrem Song „TV-Glotzer“ bezog, als ziemlicher Einheitsbrei, als Scheinvielfalt. Der Untertitel „Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt“ bringt auf den Punkt, worum es in diesen differenzierten und gelehrten (Thomas Bauer, der Autor, ist seit 2000 Professor für Islamwissenschaft und Arabistik an der Universität Münster) Ausführungen geht.

Die Vielfalt nimmt ab. Auch in der Natur ist sie in gewissen Bereichen weit geringer als wir gemeinhin annehmen. So ist der Vogelbestand seit 1800 bis heute um 80 Prozent zurückgegangen, werden von den einstmals 30 000 Maissorten nur noch ein Dutzend davon in grösserem Stil angebaut und auch die Sprachen gehen zurück. „Die Gesellschaft für bedrohte Sprachen stellt fest, dass fast 1/3 der ca. 6500 weltweit gesprochenen Sprachen ‚innerhalb der nächsten Jahrzehnte aussterben‘.“

Das menschliche Gehirn ist binär unterwegs, unterteilt automatisch in Gut und Böse, Oben und Unten, Schwarz und Weiss. Kurzum: es reduziert Komplexität, spiegelt Eindeutigkeit vor, wo Uneindeutigkeit herrscht. „Menschen sind ständig Eindrücken ausgesetzt, die unterschiedliche Interpretationen zulassen, unklar erscheinen, keinen eindeutigen Sinn ergeben, sich zu widersprechen scheinen, widersprüchliche Gefühle auslösen, widersprüchliche Handlungen nahezulegen scheinen. Kurz: Die Welt ist voll von Ambiguität.“

Automatisch kommt mir Janet Malcolms Zitat eines Geschworenen, das ihrem Iphigenia in Forest Hills vorangestellt ist, in den Sinn: „Everything is ambiguous in life except in court.“ Wir versimplifizieren, weil die Komplexität der Welt uns überfordert. Das Problem ist nur, dass „es eine Welt ohne Ambiguität gar nicht geben kann.“ Wie unterschiedlich Kulturen und Religionen im Laufe der Geschichte damit umgegangen sind, zeigt Professor Bauer an zahlreichen erhellenden Beispielen und begrüsst dabei, wie unter Akademikern üblich, auch Kollegen. „Was wir heute erleben, lässt sich, um einen Ausdruck des Kunsthistorikers Hans Sedlmayr zu gebrauchen, als Verlust der Mitte bezeichnen, und dies ist schlicht das Resultat eines drastischen Verlustes an Ambiguitätstoleranz.“ Für eine solche Erkenntnis braucht es nun wahrlich keinen Kunsthistoriker.

Ganz wunderbar dann das Kapitel Kunst und Musik auf der Suche nach Bedeutungslosigkeit (treffender kann ein Titel kaum sein!), worin der Autor aufzeigt, was Propaganda, Kapitalismus und Gleichgültigkeit heutzutage alles zustande bringen. Nicht wenig gestaunt habe ich, dass die CIA Künstler wie Jackson Pollock und Mark Rothko (ohne deren Wissen) gezielt förderte. So organisierte und finanzierte die CIA Ausstellung um Ausstellung, nahm Einfluss auf Museen und lancierte Zeitschriftenartikel, um dem Abstrakten Expressionismus zum Durchbruch zu verhelfen. Und weshalb tat die CIA das? Weil bedeutungsarme Kunst zur Waffe im Kalten Krieg wurde. Und mit dem Abstrakten Expressionismus, dessen Kunstwerke als solche nichts bedeuteten, war das ideale Gegenstück zum Realistischen Sozialismus gefunden, der sich, wie Ideologien generell, durch Eindeutigkeit auszeichnet.

„Wenn sich Qualitätsunterschiede nicht mit eindeutigen Kriterien feststellen lassen, dann scheint es einfacher zu sein zu sagen, es gebe gar keine Qualitätsunterschiede, als über nicht leicht zu präzisierende, aber dennoch vorhandene Qualitätsunterschiede nachzudenken. Hier sei dagegen daran festgehalten, dass es Qualitätsunterschiede gibt, dass etwa ein Schlager-Tralala nicht dieselbe Qualität hat wie der eingangs erwähnte Punksong der Nina Hagen und dass beide wiederum andere Qualitäten haben als etwa ein Streichquartett von Alban Berg.“ Völlig einverstanden, doch auf welchen (auch uneindeutigen) Kriterien gründet jetzt dieser Qualitätsbegriff?

Höchst anregend auch des Autors Ausführungen zum Authentizitätswahn, der vor so ziemlich gar nichts mehr Halt macht und vom authentischen Wein bis zur authentischen Politik reicht. „Aber passen Authentizität und Demokratie überhaupt zusammen? Tatsächlich können Politiker in Demokratien gar nicht authentisch sein. Sie müssen Kompromisse schliessen, sie müssen im Interesse des Gemeinwesens oder der Partei auch Positionen vertreten, die nicht ihre Herzenspositionen sind, diplomatisch auftreten und Dinge sagen und tun, die sie ausserhalb ihrer Rolle als Politiker nicht sagen oder tun würden.“ Obwohl ich diese Auffassung teile, halte ich sie angesichts des gegenwärtigen gesellschaftlichen Klimas für lebensfremd. Vielleicht war Politik ja einmal so (jedenfalls wurde sie uns so vermittelt), wirklich sicher bin ich mir da jedoch nicht. Heutzutage ist sie jedenfalls garantiert nicht so. Und auch Thomas Bauer konstatiert: „Es kann aber kaum Zweifel darüber geben, dass Authentizität immer mehr als höchstes Ideal geglaubt wird.“ Das Resultat sind authentische Trottel in Ämtern, die nicht für sie gedacht sind.

Die Vereindeutigung der Welt ist ein eloquentes Plädoyer für Ambiguitätstoleranz, das nicht zuletzt deswegen überzeugt, weil es viele überraschende Zusammenhänge aufzeigt und vorführt, wie man auch mit Komplexität umgehen kann: Indem man genau hinschaut, sich Zeit nimmt und nachdenkt.

Öl und Blut im Orient

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 gibt es fünf Anrainerstaaten am Kaspischen Meer: Russland, Turkmenistan, Kasachstan, Aserbaidschan und Iran. „Jetzt gibt es eine Einigung: Auf ihrem Gipfeltreffen im kasachischen Küstenort Aktau haben sich die Staatschefs im Grundsatz auf eine Aufteilung des rohstoffreichen Sees geeinigt – sie unterzeichneten eine entsprechende Übereinkunft. Damit ist der Weg frei für eine stärkere Förderung von Erdöl und Gas in der Region“ berichtete die Deutsche Welle am 12. August 2018.

Unter dem Kaspischen Meer lagern grosse Mengen von Gas und Öl und um diese wird schon lange gerungen. Wie heftig, brutal und rücksichtslos es im Ölgeschäft zu und her geht, darüber gibt Essad Beys Öl und Blut im Orient (Die Andere Bibliothek, Berlin 2018) Aufschluss, das in der Zeit um den Ersten Weltkrieg in Baku, Aserbaidschan, spielt. Es handelt sich um einen „autobiografischen“ (die Glaubwürdigkeit, informiert die Pressemitteilung des Verlages, sei zurecht angezweifelt worden) Bericht, der die damaligen Zustände ungemein farbig schildert und mich zum Staunen und zum Lachen brachte und wiedereinmal die Einsicht verstärkte, dass es sich beim Menschen um eine wenig erfreuliche Spezies oder drastischer gesagt, um ein nur schwer zu bändigendes Tier handelt.

Das Ölgeschäft, dachte es so in mir, ist wohl ähnlich dem Baugeschäft in New York, Chicago, Moskau oder São Paulo, und vermutlich weniger von der Liebe zur Literatur und anderem Schöngeistigen geprägt als von den primitivsten Instinkten, die vornehmlich den Menschen eigen zu sein scheinen. „Unter russischen Kaufleuten gibt es das Sprichwort: ‚Wer ein Jahr unter Bakus Ölbesitzern lebte, kann nie wieder ein anständiger Mensch werden'“. Essad Bey war der Sohn eines solchen Ölbesitzers, floh im Alter von 16 Jahren vor den Bolschewisten nach Berlin, konvertierte dort zum Islam und schrieb mit Öl und Blut im Orient einen aberwitzigen, informativen und meinungsstarken Text, der mich einerseits dauernd zum Losprusten brachte und mir andererseits Einblick in eine Weltgegend gab, die mir bis anhin ebenso unbekannt war wie das Ölgeschäft. „Man scheute vor nichts zurück, man brauchte sich auch vor nichts und niemandem zu scheuen, man war ja im Orient, wo Recht und Unrecht seit jeher dehnbare Begriffe sind. Auch untereinander hielt man Fairness nicht für angebracht. Den Begriff ‚fair‘ gab es überhaupt nicht, vielleicht noch bei den Grössten, die sich auch diese Marotte mitunter leisteten.“

Nicht nur auf den Ölfeldern Aserbaidschans, sondern auch auf den mexikanischen und venezolanischen und genau so in den Goldminen von Alaska und bei den Diamantensuchern Südafrikas „herrschten dieselben Verhältnisse, dieselbe Brutalität, Betrug und List, mit denen ein Häuflein Abenteurer ihren eben errafften Reichtum zu schützen wusste.“ Befreit man sich von ideologischen Scheuklappen und Wunschdenken, so beschreibt das auch die heutige Welt trefflich.

Von den Jassaien im Norden Aserbaidschans berichtet Essad Bey, bei denen die Hände der Männer keine Arbeit verrichten dürfen und die deshalb den ganzen Tag ausgestreckt unter grossen Nussbäumen verbringen, zum Himmel emporblicken und über die Weisheit ihrer Vorfahren nachdenken, die ihnen die Arbeit verboten haben. Oder dass in Südaserbaidschan „die bekannte Hörnerfrisur“ getragen wird, “ das heisst, die Haare werden in der Mitte des Schädels von der Seite bis zum Nacken in einer geraden, breiten Linie ausrasiert und hängen rechts und links ungeschnitten herab. Sie werden oft so gekämmt, dass sie nach vorn hängen und unter dem kleinen, schwarzen Fez, der den rasierten Schädel bedeckt, wie zwei gebogene Hörner aussehen.“

Gänzlich unbekannt war mir auch, dass in den unendlichen Sandwüsten Turkestans und Persiens der Karawanenführer, der ‚Tschalwadar‘, der Herrscher ist, denn „mit seinem fast tierischen Instinkt kann der Führer auf weite Entfernungen hin das Vorhandensein von Wasser buchstäblich riechen.“ Und von Persien erfahre ich, dass es „die üppigsten Gärten, Felder und Wälder, tropische Palmen und unendliche Wüsten und dazu die ältesten Ruinen der Menschheit“ besitzt, jedoch praktisch unbewohnt ist. (Das Land zählte damals 10 Millionen Einwohner, heute über 80 Millionen).

Als ich lese: „Der Orient kennt Massaker, blutige Tage, tierische Grausamkeit, die sich sozusagen explosionsartig entlädt, aber bald wieder dem angeborenen Phlegma der Bevölkerung Platz macht“, geht mir Raphael Patais The Arab Mind (Erstveröffentlichung 1973) durch den Kopf, der die Beduinen (und allgemein die Araber) ganz ähnlich beschrieb. Explosive Eruptionen, gefolgt von phlegmatischen Phasen – keine wirklich beruhigende Kombination.

Öl und Blut im Orient wurde erstmals 1929 veröffentlicht. Schön, dass es dieses Buch in dieser tollen Aufmachung (Hardcover mit Buchschlaufe, bedruckter Einband, Vor- und Nachsatzpapier, Fadenheftung) wieder gibt.

Über Autobiographien

Aus der Hirnforschung wissen wir, dass bewusste Entscheide selten sind, wir meist auf Autopilot durchs Leben gehen und uns dann im Nachhinein Geschichten erzählen, die uns unser eigenes Leben erklären – und zwar so, dass es Sinn macht. Wir geben unseren Leben Sinn. Mit anderen Worten: Autobiographien gehören für mich in die Abteilung Fiktion. Und ich mag Fiktion, besonders die gut erzählte. Und von einer solchen will ich hier berichten.

Felix Mitterer war mir nicht bekannt, Michael Forcher, der das Geleitwort zu Mitterers Autobiographie, Mein Lebenslauf, geschrieben hat, genauso wenig. Aus dem Klappentext erfahre ich, dass Felix Mitterer ein „erfolgreicher Theater- und Drehbuchautor“ sei. Mein Interesse an Theater und Film ist gering. Wie komme ich also dazu, mir die Autobiographie eines mir unbekannten Mannes vorzunehmen, dessen berufliche Tätigkeiten mich nicht wirklich interessieren?

Nun ja, ich schreibe unter anderem auch Buchbesprechungen und werde deswegen routinemässig von Verlagen darüber informiert, was sie nächstens auf den Markt bringen. In Felix Mitterers Mein Lebenslauf (Haymon Verlag, Innsbruck 2018) habe ich reingelesen, bin hängengeblieben und habe mich nach einem Besprechungsexemplar erkundigt.

Es war die Sprache – einfach und klar – , die es mir angetan hatte. Und ich staunte, woran sich der Mann alles erinnerte, denn ich selber weiss von meiner Jugend, geschweige denn von der meiner Eltern, fast gar nichts. Ganz anders Felix Mitterer, der beschreibt recht ausführlich sogar Details. Nicht, dass ich ihm abnehmen würde, dass er das alles wirklich so im Gedächtnis hat. Da muss er viel nachgeforscht haben, dieses Buch ist auch eine eindrückliche Fleissarbeit.

Felix Mitterer wurde 1948 geboren als dreizehntes Kind einer Kleinbäuerin,, wächst in ärmlichen Verhältnissen bei einer Adoptivmutter auf. Über seine leibliche Mutter notiert er: „Adelheid war sehr schön und vielbegehrt. Am 6. Februar 1948 kam ich infolgedessen zur Welt. Zur Auswahl standen drei Väter. Einer wollte es unbedingt sein, und so liess ihm Adelheid den Willen.“ Jahre später stellte sich dann heraus, dass keiner der drei möglichen Väter seiner war.

Mein Lebenslauf ist wunderbar anschaulich geschrieben und gibt unter anderem Einblicke ins ländliche Tirol der 1950er Jahre. Der Bub liest, was ihm zwischen die Finger kommt, wird von seinem Lehrer gefördert, nach dem Kino ist er geradezu süchtig. Und wie das eben so ist bei Autobiographien, sie geben auch immer mal wieder Gelegenheit zur Identifikation. In meinem Falle nicht mit der Filmsucht, sondern mit einer Erfahrung, vor der ich annehme, dass sie Buben weltweit teilen. „… war ich dreizehn und unsterblich verliebt in eine Schülerin, die das natürlich nie erfuhr.“

Ich lese das Buch nicht am Stück, überspringe Filme und Theaterstücke sowie offenbar zur Veröffentlichung verfasste Tagebucheinträge. Hängen bleibe ich vor allem bei seinen Jugendjahren und der Schilderung seiner irischen Zeit und, ganz besonders, von Chryseldis‘ Leben, bevor sie Mitterers Frau wurde, auch weil ich mich wunderte, dass er und nicht sie davon erzählt, doch da er das wirklich gut macht und mich gefesselt hielt, hat sich mein Wundern schnell verflüchtigt. Sehr berührend auch wie er von ihrer Alkoholsucht (und ihrem tragischen Tod) berichtet. „Wenn Chryseldis ihr Alkoholproblem nicht gehabt hätte, wären wir wahrscheinlich heute noch zusammen. Und sie hatte das Problem seit ihrer Kindheit, das sagte sie mir eines Tages selbst. Der arme, traurige Vater ein Alkoholiker, sie folgte ihm nach. Nun ist es so, dass Menschen auf Alkohol ganz unterschiedlich reagieren. Manche werden still, manche werden lustig, manche werden aggressiv. Bei Chryseldis war es der Dr.-Jekyll-Mr.-Hyde-Effekt. Der Alkohol veränderte sie vollkommen, sie wurde zuerst lustig und schlagfertig, dann aber schrecklich böse.“

Mein Lebenslauf ist ein  Buch, das ich im Laufe der letzten Wochen immer mal wieder zur Hand genommen, aufs Geratewohl aufgeblättert und darin gelesen habe. Diese recht zufällige Art des Hinein-Lesens war neu für mich, denn ich verspüre Büchern gegenüber die Verpflichtung, ja den Zwang, sie von Anfang bis zum Ende zu lesen. Bei den meisten, vermute ich, geht es auch gar nicht anders, weil man sonst den Faden verliert, doch bei Mein Lebenslauf hat das funktioniert. Warum, interessiert mich nicht (ich mag nicht immer rätseln), es war einfach eine bereichernde Erfahrung und das genügt.