In Valparaiso und anderswo

Aufzeichnungen

Monat: November, 2018

Ein Psychogramm der arabischen Seele

Burkhard Hofmann, geboren 1954, arbeitet seit 1991 als Facharzt für Psychotherapeutische Medizin in Hamburg und behandelt seit zehn Jahren auch Patienten am Persischen Golf. Über seine Erfahrungen mit der Verfasstheit der arabischen Seele berichtet er in Und Gott schuf die Angst. Ein Psychogramm der arabischen Seele (Droemer Verlag, München 2018), das er als Ansammlung von Fallgeschichten versteht und nicht als eine wissenschaftlich präzise Abhandlung; im Zentrum steht nicht der Einzelfall, sondern die Uniformität der Erscheinungen.

Ankerpunkt der arabischen Kultur ist die Mutter, sich von ihr loszulösen ist nicht erlaubt. Die Mutter ist sakrosankt, der Vater ist hingegen negativ besetzt. Während in der westlichen Kultur die Erziehung zur Unabhängigkeit als Ideal gilt, ist in der arabischen Kultur die Geborgenheit in der Familie das Ziel. „Das Sich-Entfernen von der Herde ist unerwünscht und mit erheblichen Schuldgefühlen verbunden.“ In mir regt sich beträchtlicher Widerstand als ich das lese. Interessiert  mich eine solche Weltsicht? Nein, überhaupt nicht. Ich lese trotzdem weiter und lerne dabei Einiges, nicht nur über arabische, sondern auch über westliche Vorstellungen. Und ganz besonders über die Psychotherapeutische Medizin, die Burkhard Hofmann praktiziert.

Konkret: Was macht ein Facharzt für Psychotherapeutische Medizin genau? Nehmen wir den Fall von Ameera, einer Geschäftsfrau Anfang fünfzig aus Bahrain, die sich ins Private zurückziehen will. Die dadurch entstandene Leere bringt ungeahnte Ängste hervor, die sie mit Medikamenten betäubt.  Burkhard Hofmann erläutert zunächst den kulturellen, sozialen und familiären Kontext. „Vor mir erscheint die Gestalt einer Kindheit voller Kälte und unterdrückter, überkontrollierter Gefühle.“ Er versucht, sie auf ihre inneren Prozesse neugierig zu machen. Jedoch: „Das Festhalten an den Psychopharmaka und das Sprechen über deren zumeist unzulängliche Wirkung blieb ihr eigentliches Interesse.“

Ameera, wie die meisten, die sich einer Therapie unterziehen, will sich nicht ändern. „Ihre Anstrengungs- und Leidensfähigkeit waren sehr begrenzt.“ Was sie interessiert, sind effizientere Psychopharmaka. „Im gesamten therapeutischen Prozess blieb Ameera kaum an ihrer Psychodynamik interessiert.“ Vielleicht hat das ja auch damit zu tun, dass die Psychotherapie eher eine Kunst als eine Wissenschaft ist. Und psychotherapeutische Methoden nur bei denen wirken können, die daran glauben. Ich jedenfalls kann mit „unverarbeiteten Kindheitsgefühlen“ oder der Vorstellung, dass „uns belastende Teile der Lebenserzählung“ nacherlebt und verarbeitet werden sollten, wenig anfangen.

Doch auch wenn mich die Psychotherapeutische Medizin nicht überzeugt (sie scheint mir die Probleme, die sie zu lösen versucht, zuerst selber zu schaffen), dieses Buch lohnt. Einerseits, weil Burkhard Hofmann ein genauer Beobachter und hoch reflektierter Mensch ist, der über den Tellerrand seiner Profession hinausschaut, und andererseits, weil er sich und sein Verhalten mit einbringt und sich auch immer wieder (für meine Begriffe gelegentlich anpasserisch – es geht wohl auch darum, den Klienten nicht zu verlieren) selbstkritisch hinterfragt. Das hindert ihn jedoch nicht, die Dinge auf den Punkt zu bringen.

Keine Kultur ist uniform. „Überall in der muslimisch-arabischen Welt geht ein tiefer Riss durch die Gesellschaft. Auf der einen Seite stehen die dem säkular-westlichen Lebensstil Verfallenen, auf der anderen Seite die in Richtung Gottesstaat marschierenden Frommen mit ihren Wünschen nach weitgehender Regulation des öffentlichen Lebens im Sinne der Scharia.“ Burkhard Hofmann beobachtet eine deutliche Veränderung des öffentlichen Lebens in Richtung salafistisch-orthodoxe Ideologie.

Seine Ausführungen über die Ausprägungen der arabischen Kultur sind nicht nur erhellend, sie machen auch klar, dass die westliche und die arabische Weltanschauung unterschiedlicher kaum sein könnten – und trotzdem Wesentliches gemein haben, man denke an die Shopping-Ideologie, die auf der Überzeugung beruht, dass man Wohlbefinden kaufen kann. Ein grundlegender Unterschied besteht im Verhältnis zum Glauben. Für Muslime ist der Glaube „im Kern nicht relativierbar, so wie das für uns der Fall ist.“ Die Tröstungen der Glaubensgewissheit sind den meisten Westlern fremd, nicht jedoch den sich durch die Gemeinschaft definierenden Muslimen.

Kritische Selbstreflexion, Selbstdistanz und Introspektion sind zentral für Menschen, die sich von einer Psychotherapie etwas versprechen. Wem die Unterwerfung unter Gottes Gesetz zuerst kommt, lebt in einem anderen Universum. „Die drei Feuertaufen des westlichen Geistes liegen noch vor dem Gläubigen.“ Die erste ist die kopernikanische Wende, die meint, dass die Erde nicht der Weltmittelpunkt ist und die religiösen Vorstellungen den naturwissenschaftlichen gewichen sind. Die zweite ist Darwin und seine Theorie der Evolution (als ich einen meiner Englisch-Studenten in Istanbul fragte, was er als Mediziner über die Evolution denke, verlangte er einen anderen Lehrer); die dritte Freud und seine Erkenntnis, dass wir nicht Herr im eigenen Haus sind.

Burkhard Hofmann hat sich intensiv (und mit einer Geduld, die mir völlig fremd ist!) mit der arabischen Seele und der westlichen Kultur auseinandergesetzt und fragt sich nun, wie man mit diesem uns fremden Islam umgehen soll. Wie verhält man sich jemandem gegenüber, der sich seines Glaubens wegen überlegen fühlt, der die Trennung von Kirche und Staat weder versteht noch akzeptiert, sondern „als defizitäre Position“ wahrnimmt? Integration kann man da vergessen. Gut, dass es Burkhard Hofmann (der im Gegensatz zu vielen, die nur Meinungen, aber keine Gedanken haben, weiss, wovon er spricht) so deutlich auf den Punkt bringt: „Nicht alles ist überbrückbar, nicht jede Eigenart ist mit der des anderen so kompatibel, dass ein gedeihliches Zusammenleben eine Chance hat. Und manchmal ist das Getrenntleben nicht nur für Paare die bessere Lösung.“

Über Dostojewskij, die Sucht und eine grandiose Biographie

Von den Schriftstellern, von denen ich viel gelernt habe, ist mir Dostojewskij (den ich für den grössten Psychologen überhaupt halte) einer der wichtigsten, auch wenn meine Lektüre schon einige Zeit zurückliegt. Nun hat Andreas Guski, emeritierter Professor für Slavische Philologie an der Universität Basel, eine neue Biographie vorgelegt (Dostojewskij. Eine Biographie. C.H. Beck, München 2018). Seine Art des Schreibens packt mich sofort und schon auf den ersten Seiten wird mir klar, dass da einer aus dem Vollen schöpft. Vieles, was ich da lese, beglückt und begeistert mich – mir sind Unterhaltung, Einsichten und Identifikation wichtig – , wie das alles historisch oder „wissenschaftlich“ einzuordnen ist, beschäftigt mich nicht. Und so will ich hier nur auf das hinweisen, was ich aus dem einen oder anderen Grund (der mir selber nicht immer klar ist) des Unterstreichens für wert befunden habe.

„Alle fünfeinhalb Stunden wird er ‚wiedergeboren‘, ‚beginnt ein neues Leben‘, ätzt Sir Galahad alias Bertha Eckstein-Diener, die unversöhnliche Dostojewskij-Gegnerin.“ Ich nehme das für bare Münze und nicht etwa als Kritik und denke so bei mir: Der ist ja wie ich. Oder vielleicht eher: Ich bin ja so wie der. Jedenfalls in dieser Beziehung.

„… nur allzu bewusst ist ihm, dass ‚ die Flamme seiner Begierde nach dem Himmlischen‘, wie es bei dem von ihm so geschätzten Thomas von Kempen heisst, ’nicht rein ist vom Rauch der sinnlichen Neigung‘. Und er weiss auch und spürt mit jeder Faser seines Körpers, dass es unmöglich ist, sich der eigenen Natur zu widersetzen. Sein Leben so radikal umzustellen wie Lew Tolstoj, der die Feder mit dem Pflug vertauschen wird, um im härenen Bauerngewand seine Äcker zu bestellen – das ist Dostojewskijs Sache nicht. So verdächtig wie die Lebensform der Karriere, so ausgeprägt ist seine Skepsis gegenüber einem heiligmässigen Leben, das die eigene Natur vergewaltigt.“ Ich hätte es selber nicht besser sagen können, sagt man in der Schweiz, wenn jemand auszudrücken imstande ist, was man selber so nicht in Worte hätte fassen können, doch es sich zu können gewünscht hätte. Am Rande: Als einer, der von Universitätsprofessoren selten beeindruckt ist, bin ich immer wieder verblüfft und überrascht von dieser exzellenten Biographie. Nicht wegen des Autors Wissen oder seiner differenzierten Analyse (das darf man von einem Professor erwarten), sondern weil es ihm gelungen ist, aus dieser ungeheuren Fülle von Details und Einsichten eine so ausgesprochen spannend zu lesende Biographie zu verfassen.

Wunderbar anregend auch Andreas Guskis Auseinandersetzung mit den diversen Interpretations-Modellen betr. Dostojewskijs Damaskus-Erlebnis. „So kombiniert er das mythische Modell der Wiedergeburt mit dem im 19. Jahrhundert vorherrschenden evolutionären Zeitmodell der Naturwissenschaft“ fasst er Dostojewskij zusammen und folgert: „das geradezu beschwörend wiederholte Eigenschaftswort ‚allmählich‘ steht für das revolutionäre Zeitmodell des Realismus, das mit der Magie des Augenblicks nicht in Einklang zu bringen ist“. Würde Professor Guski etwas von Sucht verstehen – Dostojewskij war ein Spieler – , so wäre ihm womöglich klar, dass die beiden ohne weiteres miteinander in Einklang zu bringen sind, denn Sucht gehorcht dem Gesetz von Ursache und Wirkung genau so wie sie ihm auch nicht gehorcht. Anders gesagt: Die Magie des Augenblicks bildet die Grundlage für die allmähliche Herausbildung eines neuen Lebens. Sie gehören zusammen, sie schliessen sich nicht aus.

„Wer süchtig ist, kann nicht verzichten; und umgekehrt wird, wer verzichten kann, nicht süchtig“, kommentiert Guski andernorts Dostojewskijs Spielsucht. Offensichtlich versteht er mehr von Sucht als ich ihm zugetraut habe. Nur eben: Süchtigen helfen Einsichten nicht weiter (sie haben sie meist selber). Erst wenn sich eine Sucht erschöpft, wenn der Süchtige „so sick and tired of being so sick and tired“ ist, wird ein Neuanfang möglich. Oder wenn sich die Umstände (die familiären, sozialen und gesellschaftlichen) grundlegend verändern, wie das mit der Rückkehr der Dostojewskijs nach Russland der Fall war. Am Rande: Auch viele amerikanische GIs, die als Heroinsüchtige nach dem Vietnamkrieg nach Hause zurückkehrten, gaben die Droge auf.

Doch Dostojewskij leidet nicht nur unter Spielsucht, er kennt auch in anderen Belangen kein Mass (und das ist so recht eigentlich, in Verbindung mit zwanghaftem Verhalten – ein Merkmal von Dostojewskijs Charakter –  das Wesen der Sucht). Als in Genf seine Tochter Sonja geboren wird, ist er derart ausser sich vor Freude, dass die Hebamme aus dem Staunen gar nicht mehr heraus kam. Als die Kleine nach wenigen Monaten stirbt, ist er untröstlich. „So grenzenlos wie die Freude über die Geburt ist der Schmerz über den Tod des Kindes.“

Diese eindrückliche Biographie bringt mir auch wieder einmal zum Bewusstsein, dass die hyper-aufgeregten Zeiten, in denen wir leben, so aussergewöhnlich nun auch nicht sind. Die sozialen Gräben, die heutzutage allüberall beklagt werden, gab es Mitte der 19. Jahrhunderts in Russland genauso, das Streben der Frauen nach Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung ist ebenso wenig ein neues Phänomen wie „die Preisgabe der heilsgeschichtlichen Erwartungen des Christentums zugunsten einer auf Profit- und Lustmaximierung beschränkten Welt“ und dass Dostojewskij nicht ahnt, „dass die seelischen Konflikte der jungen Frau, mit der er (in Paris) verabredet ist, nicht geringer sind als seine eigenen“, beschreibt schon fast ein Naturgesetz.

Für einen geschichtlich Ungebildeten wie mich bietet dieses Buch auch viel an interessanter Aufklärung. Etwa, dass die Schweiz im 19. Jahrhundert als billiges Reiseland galt. Oder dass Gogol einen Teil seiner ‚Toten Seelen‘ in Vevey geschrieben hat. Oder dass die Dostojewskijs ständig mit Geldproblemen zu kämpfen hatten. Und ganz besonders, dass sensible Geister (Dostojewskij schildert dies am Beispiel Russlands) schon damals die Auflösung der überlieferten Ordnungen sowie die für die Moderne charakteristische Herrschaft des Geldes konstatierten.

Dostojewskij. Eine Biographie ist ein Meisterwerk!

Wider und für die Religion

Denis Diderots Die Unterhaltung eines Philosophen mit der Marschallin de Broglie wider und für die Religion, aus dem Französischen übersetzt und mit Addenda versehen von Hans Magnus Enzensberger (Friedenauer Presse Berlin 2018) ist ein dünnes Heft und kommt in einem ungewöhnlichen, mich sehr ansprechenden Hochformat daher, hebt sich also schon gestalterisch von der Masse der Bücher ab und erscheint jetzt zum ersten Mal auf Deutsch.

Die Marschallin und der Philosoph Crudeli sind sich einig, etwas Gutes ohne Nachteile gibt es genau so wenig wie etwas Schlechtes ohne Vorzüge. „Schlecht ist, was mehr Nachteile als Vorzüge, gut dagegen, was mehr Vorzüge als Nachteile hat“, meint die Marschallin und Crudeli geht mit ihr einig. Ja mehr, er will ihr anhand dieser Definition darlegen, dass die Religion ein Unheil und keinen Vorteil darstellt.

Die Marschallin verwirrt, wie ruhig Crudeli in seinem Unglauben zu sein scheint. Und macht damit auch implizit klar, dass ihr selber der Glaube Orientierung und Sicherheit gibt. „Ihr Gott versteht keinen Spass“, sagt Crudeli einmal. Die Marschallin stimmt zu. Selten war mir deutlicher, dass der Religion die Leichtigkeit fehlt, von der Ironie gar nicht zu reden.

Geschrieben wurde dieses kurze Werk in Holland. „Ich habe einen kleinen Dialog zwischen der Marschallin von *** und mir skizziert. Ein paar Seiten, die halb ernst, halb heiter sind“, schrieb Diderot 1774 an Zarin Katharina II. Dass er den Italiener Thomas Crudeli als angeblichen Verfasser angibt (der bereits im Jahr 1745 das Zeitliche gesegnet hatte; die Schrift wurde 1977 zum ersten Mal veröffentlicht), mag einerseits der damals herrschenden Zensur geschuldet sein, hat aber vermutlich auch damit zu tun, dass er die Leute gerne hinters Licht führte.

Die Unterhaltung eines Philosophen mit der Marschallin de Broglie wider und für die Religion ist eine höchst amüsante und anregende Schrift, die charmant fürs eigenständige Denken plädiert. „Wer fähig ist, sich von seinen Vorurteilen zu befreien, der hat es nicht nötig, sich aufklären zu lassen.“