In Valparaiso und anderswo

Aufzeichnungen

Monat: Januar, 2019

Kleine Geschichte der Fotografie

Die industrielle Entwicklung ist von der Normierung, der Massenfertigung und der Geschwindigkeit gekennzeichnet. Letztere, zusammen mit der Genauigkeit, verhalf der Fotografie zum Massenmedium. „Die ganze Erde liess sich nun fotografisch festhalten und nach Hause tragen. Das Wissen um fremde Kulturen würde sich vervielfachen, und manch überzeugter Humanist träumte bereits von einer besseren Welt, in der das genaue Verständnis des Fremden zu mehr Frieden und Miteinander führen würde“, schreibt Boris von Brauchitsch in Kleine Geschichte der Fotografie (Reclam, Ditzingen 2018). Das erinnert an die Anfänge des Internets und generell an des Menschen Glauben an die Segnungen der Technik, die ja wirklich vieles gebracht hat, nur nicht das, was den Humanisten gemeinhin vorschwebt.

In der Fotografie zeigt sich unser „unverwüstliches Grundvertrauen in das Sichtbare“, auch wenn wir heute nicht mehr davon ausgehen, dass uns Fotografien die Welt zeigen wie sie ist, sondern wie der Fotograf (oder die Fotografin) sich entschieden hat, sie uns zu zeigen (mit oder ohne Nachbearbeitung). Doch obwohl wir  um die Subjektivität von Fotos wissen, vertrauen wir eben doch oft in ihre Wahrhaftigkeit (man denke an Passfotos). Der Mensch ist ein rätselhaftes Wesen.

Dieses Buch lohnt schon allein der Bildauswahl wegen, zeigt sie doch eine Palette (schwarz/weiss und in Farbe), die eindrücklicher kaum demonstrieren könnte, dass der Blick auf Bilder den Blick auf die Welt verändert. Vor allem natürlich dann, wenn man auch weiss, was man anschaut. Mit anderen Worten: Die ungemein vielfältigen Informationen, die dieses Werk bietet, macht mir die Fotografie noch wertvoller als ich sie eh schon gefunden habe.

Eine der ersten Auswirkungen des neuen Mediums betraf die Maler – eine Reihe von ihnen wurden arbeitslos. Zudem gab es schon von Anfang an Bestrebungen, mehr als nur Reproduktionen der realen Welt zu liefern. Das führte zu ziemlich absurden Auswüchsen. „Während sich die Maler zunehmend direkt in die Natur begaben, um eine Unmittelbarkeit der Natur einzufangen, rekonstruierten Robinson und Rejlander gegen den Trend die Natur artifiziell im Atelier …“.

Fotografieren war Mitte des 19ten Jahrhunderts eine etwas andere Sache als heute, Ausrüstungen waren bis zu 250 kg schwer, was jedoch die Jäger und Sammler ferner Welten nicht davon abhielt, Bilder vom Montblanc, den Rocky Mountains oder vom Nil nach Hause zu bringen. Dabei kam es auch vor, dass Fotografien Illusionen zerstörten. Konnte man zuvor von einem Griechenland schwärmen, das man nie mit eigenen Augen gesehen hatte, so zeigten die Aufnahmen derer, die vor Ort gewesen waren, das eher bescheidene Befinden des Landes.

Dankenswerterweise erschöpft sich diese Kleine Geschichte der Fotografie nicht in einer Chronologie sogenannt bedeutsamer Ereignisse, sondern schält heraus, was die Fotografie ausmacht. „Das Besitzergreifen der Träume und Legenden, der Mythen und geheimnisvollen Kulturen … ist die Triebfeder der Fotografie. Und sie erweitert und verändert darüber hinaus unsere ‚Vorstellungen von dem, was anschauenswert ist und was zu beobachten wir ein Recht haben'“, wie Susan Sontag meint. Neben der Aneignung der Welt dienen Fotografien auch als Beweismittel. Man denke an Muybridge, der zeigen konnte, dass bei einem galoppierenden Pferd immer mal wieder alle vier Beine ohne Bodenberührung sind.

Boris von Brauchitsch widmet sich den Themen, welche die Fotografen und die Foto-Theoretiker immer wieder umgetrieben haben und so recht eigentlich nach wie vor umtreiben. Wie etwa das Verhältnis von Malerei und Kunst, Farbe und Schwarz/Weiss, Reportagefotografie. Kunst und Fotografie und und und. Ganz besonders gefallen hat mir, dass ich dabei auch auf Texte aufmerksam gemacht wurde (anhand von Auszügen), die ich nicht kannte, von Johann Peter Hebbel (ein toller Text, der die Fotografie beschrieb, bevor es sie gab) über Ernst Kallal, der sich zu Malerei und Fotografie Gedanken machte, zu Henri Cartier-Bresson, dessen Text ich zwar ganz wunderbar finde (eine Art Zen in der Kunst des Fotografierens), auch wenn er mit dem wirklichen Cartier-Bresson wenig zu tun hat. Mir geht es so wie Henri Leuzinger, der in fotointern schrieb: „«H C-B» selbst gab am Filmende beiläufig preis, dass er beim Portraitieren seine Leute immer wieder übertölpelte, indem er sagte, jetzt sei Schluss, um gleich danach noch ein paar Mal abzudrücken, im Film mit fiesem Grinsen und entsprechend zupackend-triumphierender Geste illustriert, wie eine Schlange, die blitzschnell zubeisst. Kein angenehmes Gefühl.“

Mit der Digitalisierung hat sich die Fotografie immer stärker ins Reich des Fiktiven begeben. „Das neue Medium neigt dazu, nicht mehr menschliches Sein zu reflektieren, sondern Visionen zu projizieren.“ Und so stellt sich natürlich die Frage: Was wollen wir von der Fotografie? Das ist natürlich unterschiedlich, doch was uns zunehmend geliefert wird, sind die Bilder, die wir sehen wollen. „Die Nachfrage wird durch ein ausgeklügeltes System der Rezeptionskontrolle, durch die Orientierung an Auflagenhöhen, Einschaltquoten, Marktanteilen und Internet-Besucherzahlen geregelt.“ Auch die Fotografie unterliegt den Gesetzen des herrschenden Konsumirrsinns und dieser will geplant werden und berechenbar sein.

„Nichts ist antiquierter als das Unerwartete, das Spontane, die unmanipulierte subjektive Wahrnehmung des Realen. Nichts ist antiquierter als die Fotografie, die diese Qualitäten in sich vereint. Sie bedarf keiner Prognosen, sondern öffnet sich dem Moment, der überraschenden Wahrnehmung im Sekundenbruchteil und trifft keine Aussagen über diesen Moment hinaus, denn: ‚Wer voraussagt, sieht nicht, was auf ihn zukommt'“.

Warum ich schreibe oder Ich bin immer schon ein guter Anfänger gewesen

Nur Idioten schreiben gerne.

So oder ähnlich habe ich das einmal von Herta Müller, Nobelpreis für Literatur 2009, gehört. Der Satz hat mir gefallen. Weil auch andere Sätze von Herta Müller mir gefallen haben. Zum Beispiel die, welche sie in einer Fernsehsendung zur Multikulti-Frage äusserte. Dies ist, was ich erinnere: In Rumänien, wo sie aufgewachsen war, lebten neben den Rumänen unter anderen auch Deutsche, Ungarn und Roma. Eher nebeneinander, als miteinander. Speziell füreinander interessiert hätten sie sich nicht. Man sei vielleicht mal zu den Ungarn gegangen, wenn die was gefeiert hätten. Diese wiederum hätten den Deutschen einen Besuch abgestattet, wenn es einen besonderen Anlass gegeben habe. Und wie das eben bei Besuchen so sei, man sei erwartungsfroh und neugierig hingegangen, dann aber auch gerne wieder nach Hause zurückgekehrt.

Nobelpreisträger nötigen mir Respekt ab. Auch dann, wenn ich sie nicht gelesen habe. Und sogar, wenn ich mich für ihr Schreiben nicht unbedingt erwärmen kann.

Für mich waren Autoren (ja, auch Autorinnen) die längste Zeit meines Lebens Götter. Leicht geändert hat sich das, als ich nach dem Jurastudium einige Jahre in Buchverlagen arbeitete und dabei auch eine Buchreihe mit renommierten Journalisten aus der Bundesrepublik Deutschland, Österreich und der Schweiz herausgab – nicht alle diese begabten Schreiber hatten menschliche Grösse (und das war und ist mir das Wichtigste überhaupt). Mir gefiel die Herausgeberrolle, ich ging ganz darin auf und als dann noch einer der Autoren mich im Vorwort zu seinem Buch in den höchsten Tönen lobte (ich hätte seine Text nicht einfach zusammengestellt, sondern sein Werk so recht eigentlich komponiert), war ich im siebten Himmel.

Nachdem ich dem Verlagsgeschäft Adieu gesagt und nach Thailand gezogen war, ermunterte mich ein von mir hochgeschätzter Autor: „Schreiben Sie doch mal über Bangkok!“ Auf mich hatte diese, womöglich nur so dahin gesagte Aufforderung mannigfaltige Auswirkungen – sah ich mich einerseits bereits als den Verfasser der absolut ultimativen Bangkok-Reportage überhaupt, so wollte mir andrerseits bei der konkreten Umsetzung partout nichts einfallen.

Die Latte hatte ich mir hoch, ja sehr hoch, gesetzt. Der Mann, der mich ermuntert hatte über Bangkok zu schreiben, war schliesslich nicht irgendwer, sondern ein berühmter Autor. In der Folge konzentrierte ich meine Bemühungen also darauf, meinen schreiberischen Vorbildern so nahe wie möglich zu kommen, respektive sie zu übertreffen, was mir auch ganz gut gelang, doch leider nur in meiner Vorstellung. Es war und ist mir bis heute gänzlich unverständlich, weshalb meine im Kopf (ich gestehe dies ohne die geringste Scheu) zum Teil geradezu hinreissend formulierten Gedankengänge auf dem Papier aussahen, als stammten sie von einem Mann ohne jegliches Sensorium für Sprache, Sinn, Dramatik, Logik und was der Dinge noch alle sind, die aus dahingewürfelten Buchstaben erst einen Text machen. Meine schreiberischen Ambitionen kamen zu einem Stillstand, einem vorläufigen.

Doch ich war schon immer ein guter Anfänger gewesen und so dauerte es nicht lange, bis ich einen neuen Anlauf wagte, doch wiederum liessen sich die Gedanken nicht einfangen, bis auf ein paar wenige, die jedoch, als sie endlich zu Papier gebracht waren, ihre ganze Frische verloren hatten. Ich füllte Blatt um Blatt mit immer neuen Anfängen, die selten über ein, zwei Sätze hinauskamen. So ging das über Jahre.

Eines Tages dann las ich einen Roman, der in der Karibik spielte und, laut Klappentext, ungeschminkt und realistisch vom dortigen Leben erzählt. Es war die Geschichte eines in die Jahre gekommenen Deutschen, der sich saufend durch die Gegend vögelt und ab und zu ein paar Zeilen schreibt. „Vermutlich hatte dieser Planet ihm ohnehin nicht mehr viel zu bieten. Schliesslich war er achtundvierzig. Schliesslich hatte er ziemlich gründlich gelebt. Schliesslich hatte er sich ein paar Spässe gegönnt, von denen andere nicht einmal träumen“ (Henky Hentschel: Die Häutung).
Ich habe einmal ähnlich empfunden, und ähnlich gedacht, und auch ähnlich geschrieben. Damals war ich fünfunddreissig, lebte in Bangkok und nahm die Welt aus der Perspektive eines Barhockers wahr. So wollte ich, das war mir klar, nicht über diese Stadt schreiben.

Es muss Anfang der Neunziger Jahre gewesen sein, als ich von einem Journalisten las, der, wie so ziemlich alle anderen Journalisten auch, die über Bangkok schreiben, ausschliesslich über die Patpong, wo sich eine GoGo-Bar an die andere reiht, berichtete und deshalb des Landes verwiesen wurde. Er sei zu einseitig gewesen, habe nur Negatives hervorgehoben und Positives völlig ausser Acht gelassen, lautete die offizielle Begründung.

Natürlich wünschte man sich ein ähnliches Vorgehen der Behörden auch für Schreiber der Abteilung Kultur, die ein dermassen positives Bild vom Leben auf dem thailändischen Dorf zeichnen, dass man sich fragt, wo denn, ums Himmels Willen, die das bloss alles gesehen haben. Regelmässig versammelt sich da, in aller Herrgottsfrüh, das ganze Dorf im Tempel, wo gerade hinter der Buddhastatue die Sonne aufgeht – die Welt ist hier so intakt, wie man sie sich als spiritueller Tourist wünscht; mit der Realität der Thais hat sie herzlich wenig zu tun. Pom, die Lehrerin in Nongkhai, die nur gerade wenige Meter vom Tempel wohnt, geht jedenfalls kaum einmal da hin. Bei Hochzeiten und Beerdigungen halt, sonst sei das doch eher was für die Alten und die ganz Jungen, die eben mitmüssten, sagt sie. Das erinnert dann doch sehr daran, wie in der Schweiz das Christentum praktiziert wird.

Wenn ich also nicht wie die anderen über Prostitution und/oder Tempel schreiben wollte, worüber wollte ich dann schreiben? Eben.

Doch nicht nur das Thema war das Problem. Ich wusste auch gar nicht, ob mir das Schreiben überhaupt gefiel. Und da war noch etwas: Mich trieb nichts an, ich hatte keine Botschaft und schon gar nicht interessierten mich die aufgeblasenen Wichtigkeiten des Tages.

Norman Mailers Aquarius beschreibt in Auf dem Mond ein Feuer gute Journalisten als solche, die eine ungeheure Neugier besitzen mussten, „die sie nicht ruhen liess, ehe sie nicht das Geheimnis herausgefunden hatten, das sich noch hinter dem kleinsten Ereignis verbarg.“ Und er fährt fort: „Da Aquarius schon seit langem seine philosophische Welt auf der festen Überzeugung aufgebaut hatte, dass es schliesslich und endlich nichts gab, was man wirklich wissen konnte … interessierte ihn das kleine Geheimnis hinter dem kleinen Ereignis so gut wie überhaupt nicht. (Hinter ihm verbarg sich mit Sicherheit nur wieder ein weiteres Geheimnis).“ Besser hätte ich es selber nicht sagen können!

Trotzdem habe ich viele Jahre auch journalistisch geschrieben, habe mich mit unverlangten Artikeln bei diversen Redaktionen gemeldet und mir – obwohl auch immer mal wieder Texte veröffentlicht wurden – vor allem Ablehnungen eingehandelt. Und auch wenn ich kein Journalist sein wollte, gekränkt fühlte ich mich gleichwohl. Mir waren gut vernetzte Schreiber zuwider.

Doch gibt es ja nicht nur das journalistische Schreiben. Oder das akademische. Ich fand ein anderes, ein sehr persönliches. Es ist der Versuch, mich auf der Welt zurechtzufinden. Meine Gedanken zu ordnen. Selbsttherapie. Dazu gehört auch das Lesen, bei dem mich nicht interessiert, was der Autor hat sagen wollen und vielleicht auch gesagt hat (oder auch nicht), sondern wie das, was er geschrieben hat, auch mich wirkt. Ob es dazu beiträgt, ja, mir hilft, qualitativ besser zu leben.

Achtsamkeit, Aufrichtigkeit und Selbstprüfung zählen zu den wichtigsten Wegen zu einer vertieften Selbsterkenntnis und zur Vergewisserung des eigenen Selbstverständnisses. Damit ist nicht einfach Wahrnehmen und Nachdenken gemeint, denn dabei schweifen wir allzu oft ins Unbewusste ab, weichen wir allzu oft unangenehmen Wahrheiten aus. Eine Selbstprüfung, um wirksam zu sein, sollte schriftlich erfolgen.

Doch weshalb sollte man sich eigentlich ständig selbst prüfen? Könnte es nicht auch sein, dass sich dauernd mit sich selber zu beschäftigen ungesund, ja kontraproduktiv ist und der eigenen Person eine Wichtigkeit zumisst, die nicht nur unangemessen, sondern ziemlich lächerlich ist?

Seit je her haben mich Fragen zu Leben und Tod umgetrieben. Und beunruhigt. Da können Therapeuten, die an das glauben, was sie an der Uni gelernt haben, nicht helfen. Da muss man selber durch, grösstenteils alleine, gelegentlich mit Hilfe Gleichgesinnter.

Schreiben hilft mir. Weil es mich zwingt, mich klar auszudrücken. Wer sich nicht klar ausdrücken könne, habe nicht klar gedacht, hat einmal ein in der Schweiz berühmter Juraprofessor gesagt. Ich weiss bis heute nicht, ob das wirklich stimmt. Doch ich bin davon überzeugt. Und geprägt.

Ich stelle mir vor, dass das Schreiben mir hilft, Illusionen zu verlieren. Mir weniger vorzumachen, realistischer zu werden, mehr da zu sein. Denn so recht eigentlich geht das Leben ständig an mir vorbei, entgleitet mir, verflüchtigt sich, kriege ich es nicht zu fassen.

Schreiben ist für mich vor allem der Versuch, das Leben irgendwie wirklicher werden zu lassen.

Baikal – Amur

Es ist jedes Mal eine Freude, ein Buch der Verlagsbuchhandlung Liebeskind in Händen zu halten, denn ein schön gestaltetes Buch ist auch eine Freude für die Sinne. Mit anderen Worten: Olivier Rolins Baikal – Amur (liebeskind, München 2018) ist ein Buch, das ich auch aus ästhetischen Gründen gerne lese. Und umso mehr als mich dieser Reisebericht sofort in seinen Bann zieht.

Fünftausend Kilometer Bahnfahrt liegen vor ihm. Vieles an dieser Zugfahrt erinnert an vergangene Zeiten und das macht ihren Charme aus. „Langsam zieht die typische sibirische Landschaft vorbei, zutiefst melancholisch, dazu das Stakkato der Räder über den Schraubverbindungen der Schienen, und manchmal wird alles überdeckt von einem der endlosen Güterzüge, die entgegenkommen (auch das sieht man kaum noch, auch das erinnert an die Kindheit,).“ Starke Bilder, mir ist, als sei ich vor Ort mit dabei.

Olivier Rolin reist mit seinem Übersetzer und Freund Waleri, einer unerlässlichen Hilfe in diesem riesigen Land, wo uns vertraute Worte wie ‚Land‘, ‚Provinz‘ oder ‚Region‘ nicht ‚funktionieren‘. „Der Raum verlangt nach Worten, die wir nicht haben. Selbst der Begriff ‚Wald‘, bei dem man an Picknick und Pilzsammler denkt, ist keine angemessene Bezeichnung für die unermessliche Weite der Taiga.“ Elfmal so gross wie Frankreich ist sie und man könnte die Vereinigten Staaten einschliesslich Alaska und Westeuropa reinpacken und hätte dann immer noch Platz.

Russland ist kein „normales“ Land, die Menschen dort haben Katastrophen erlebt, „von denen wir uns keine Vorstellung machen und die es uns einfach nicht erlauben, sie nach unseren bequemen Gewissheiten zu beurteilen.“ Gewöhnungsbedürftig sind auch die Hotels, in denen die beiden Reisenden absteigen. „Es sind Luxus-Zimmer, richtige Suiten. Aber nach sowjetischem Geschmack eingerichtet: orangefarbener Teppichboden, gelbliches Sofa mit geometrischem Muster, gelbliche Vorhänge, dunkelbraun furnierte Möbel, an der Decke eine spärlich beleuchtete Glaskugeltraube als Lampe, ein golden schillernder Bettüberwurf, Schwäne mit ihren Küken beim Schwimmen schmücken die Wand (fast hätte ich geschrieben ‚beim Stillen‘). Die riesigen Heizkörper stehen auf Ziegelsteinen, die das Gewicht tragen, die Steckdosen sitzen schief und hängen so weit aus der Wand, dass man sie, typisch sowjetisch, beim Ziehen des Steckers vollends herausreisst.“

Dass die Russen mit den Zuständen rundum zufrieden seien, lässt sich schlecht behaupten. Doch auch wenn die Dinge selten so sind, wie sie sein sollten  „In Sewerobaikalsk führte beispielsweise eine Betontreppe von beiden Seiten auf eine Fussgängerbrücke über die Bahngeleise, die unser Hotel, das in der Nähe des Sees lag, vom Stadtzentrum trennte. Doch keine der Stufen, und ich meine wirklich keine, hatte dieselben Masse, weder in der Höhe noch in der Breite: Jede war gewissermassen eine Originalschöpfung, wodurch die Treppen nachts für einen Betrunkenen zu einer halsbrecherischen Herausforderung wurden (eine Situation, in der ich mich, darauf lege ich Wert, nie befunden habe; doch Betrunkene in der Nacht, die gibt es in Russland wie anderswo, und vielleicht sogar ein wenig häufiger).“ – , nicht wenige trauern den sowjetischen Zeiten nach, denn alle hatten damals Arbeit, es gab Schulen, Renten und jeder hatte ein Dach über dem Kopf.

Wie jede Reise so bietet auch diese eine Gelegenheit, sich mit Land und Leuten (und mit sich selber) auseinanderzusetzen. Dabei macht Olivier Rolin vor allem deutlich, dass unsere bequemen westlichen Wertvorstellungen weit weg von der russischen Realität sind, wo es um einiges wilder zu und her geht, als man sich das im Westen gewohnt ist. Und auch wesentlich emotionaler, leidenschaftlicher.

Unterwegs zu sein, bedeutet ja auch immer, auf andere Reisende zu treffen und sich mit ihnen auszutauschen. Ein Norweger, der sechsundneunzig Länder bereist hat, ohne ein Flugzeug zu nehmen, auf die Frage nach der schlimmsten Zugstrecke: Dakar–Bamako. „Kein Bettzeug, vierhundert Kakerlaken. Die schlimmsten Scheisshäuser, fügt er hinzu, gab es von Livingstone nach Kapiri Mposhi in Sambia: kein Fenster, kein Licht, nur ein Loch im Boden, den Türgriff musste man vom Schaffner erbitten und bloss nicht die Taschenlampe vergessen.“ Übrigens: die langsamen (ein Glück, wer will den bloss durchs Leben rasen?) russischen Züge verfügen über einen Samowar und in den Liegewagen gibt es gestärkte, tadellos weisse Bettwäsche.

Baikal – Amur ist auch eine Reise in die russische Vergangenheit. Eine der mir liebsten Geschichten stammt von den drei heroischen Fliegerinnen Walentina Grisodubowa, Polina Ossipenko und Marina Raskowa, die 1938 den weiblichen Rekord im Fernflug brachen, über der unbewohnten Taiga abstürzten und überlebten. Wiederholt weist Rolin auch auf die Lager und Massengräber hin, die die russische Landschaft unter ihrer Oberfläche birgt. Er tut seinen Teil dazu, dass das System des Gulags, das „für Generationen die Verrohung der Verhaltensweisen, die Achtlosigkeit gegenüber anderen in die Menschen einpflanzte“, nicht aus dem Gedächtnis verschwinden und um „einige Bilder dieser Geschichte aus der Nacht unserer selbst gewählten Blindheit ans Licht zu bringen und zu vergegenwärtigen.“

Fazit: Eine lebensphilosophische Zeitreise, witzig, differenziert und engagiert.