In Valparaiso und anderswo

Aufzeichnungen

Monat: Februar, 2019

Der exotische Alltag

Der Flug von Zürich nach São Paulo war das übliche Geschüttel über dem Äquator gewesen, weniger heftig als bei früheren Malen, doch seit vor Jahren eine Air France Maschine in den Atlantik gestürzt war, war Harry auf dieser Strecke regelmässig noch mulmiger zumute als ihm beim Fliegen eh schon war. Doch wie bei Ängsten generell, der Kopf hatte da selten eine Chance, Das Einzige, was half, war aufzugeben, sich gegen die Angst zu wehren. Es gelang ihm eigentlich nur, wenn er so erschöpft war, dass sein Bewusstsein kapitulierte.

Die Schlange vor der Passkontrolle liess wenig Gutes für seinen Anschlussflug erhoffen, doch dann wurden mehrere bis dahin nicht besetzte Schalter geöffnet und plötzlich ging es zügig voran. Gepäck abholen und weiter zum Check-in für Inlandflüge, wo wenige Leute anstanden, doch alle mit riesigen Mengen von Gepäck. Offenbar waren mehrere Grossfamilien gerade dabei, mit ihrem gesamten Hausrat zu verreisen. Zahlreiche LATAM Angestellte bemühten sich dieser Herausforderung logistisch beizukommen, wirkten jedoch wenig motiviert. Es zog sich hin, ging kaum voran.Vermutlich fehlten irgendwelche Dokumente, doch es interessierte ihn nicht wirklich, er wollte nur einfach bald an die Reihe kommen. In Zürich hatte er für die Gepäckaufgabe nur gerade ein paar Minuten gebraucht. Aha, jetzt war er an der Reihe. Ob er Portugiesisch spreche? Er verzichtete auf eine ausbalancierte Antwort (sein Portugiesisch war eine Mischung aus Spanisch, Portugiesisch und Italienisch, meist im Infinitiv und ohne dass er wusste, welcher Sprache die Worte, die er benutzte, zuzuordnen waren) und sagte Ja. Der Angestellte kontrollierte die beiden Gepäckscheine und erklärte ihm dann, wie er zum Terminal 2 finde. Nunmehr guter Dinge machte sich Harry auf den Weg, er hatte ausreichend Zeit. Zwanzig Minuten später war er immer noch nicht an seinem Zielort angekommen und entschieden weniger guter Dinge. Ob er eigentlich auf dem richtigen Weg sei, erkundigte er sich bei einer Flughafenangestellten,. Ja, da vorne müsse er durch die Handgepäck-Kontrolle. Schon wieder eine lange Schlange. Es dauerte.

Geduld war keine von Harrys hervorstechendsten Charakterzügen und dass man sie als Tugend bezeichnete, na ja, man behauptete viel. Dachte man allerdings an Donald Trump (und an den dachten viele oft, dafür sorgten die Medien), der so ziemlich gar keine Geduld hatte, wenn es nicht um ihn persönlich ging, leuchtete einem jedoch sofort ein, dass sie durchaus erstrebenswert sein konnte. Nicht für Trump, der war hoffnungslos, für einen selber.
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Am Sonntag erwachte er mit dem Morgengrauen. Der Blick aus dem dreizehnten Stock des Apart-Hotels, in dem er untergebracht war, liess ihn die Stadt, die ihm seit Jahren vertraut war, neu sehen. Grüner und ausgedehnter, die Hügelkette am Horizont nahm er zum ersten Mal so bewusst wahr. Die Vögel zirpten, gelegentlich hörte er ein Auto vorbeifahren. Bilder von frühen Morgenstunden aus Bangkok, Nong Khai und Lat Krabang tauchten in seinem Kopf auf, gefolgt von Szenen aus New Mexico und aus Kalifornien. Während er dies aufnotierte, wanderten die Bilder bereits weiter zu San Franciscos Geary Street und einigen der anderen Strassen, auf denen er von Richmond zum Green Apple, dem Laden mit dem besten Billig-Buch-Angebot der Stadt, häufig zu Fuss unterwegs gewesen war. Schliesslich landete er mental in einem vietnamesischen Restaurant, das der Journalist und Autor Stan Sesser, dessen The Lands of Charm and Cruelty: Travels in Southeast Asia er vor Jahren gefressen hatte (und sich jetzt nur noch daran erinnerte, dass das in Bangkok gewesen war), in einem Interview empfohlen hatte. Mit seinem jüngeren Bruder, der im nahen Mill Valley lebte, hatte er das einfache und unscheinbare Lokal einmal besucht – es hatte sich gelohnt, er dachte gerne daran.

Wie kam es zu diesen Kopfreisen? Woher kamen diese Bilder? Konnte es sein, dass ein sonniger und warmer früher Morgen als Auslöser genügte? Die Zeit gebe es nicht, alles geschehe gleichzeitig, hatte er einmal gelesen. In diesen frühen Morgenstunden glaubte er das manchmal genau so zu erleben.

Abseits des vertrauten Alltags verging die Zeit langsamer. Bis man sich an die neuen Umstände gewöhnt hatte und der Autopilot wieder das Steuer übernahm. De-automatize, hatte er bei Osho gelesen, sich den ungewohnten Ausdruck in grossen und gut leserlichen Buchstaben auf eine Karte notiert und diese auf seinem Schreibtisch platziert. Er nahm sie selten wahr und wenn, dann flüchtig.

Es war das Simple und Alltägliche, das er an fremden Orten so schätzte. Zum Schuhmacher zu gehen. Zur Schneiderin, zum Einkaufen, zum Haareschneiden. Ihm zu Hause Vertrautes, dem er kaum einmal Aufmerksamkeit schenkte, wurde in der Fremde zu Staunenswertem. Wer staunt, versteht. Jedenfalls manchmal. Auf einer der tieferen Ebenen, doch selten auf der alltäglichen, dachte es so in ihm, als er kurz darauf mit seiner Stirn gegen den Dampfabzug über dem Herd stiess. Welcher Vollidiot hatte den bloss so saublöd konstruiert! Dass ihn selber kein Fehler traf, war ihm auch ohne Nachdenken klar. Am nächsten Tag stiess er von Neuem mit seiner Stirn gegen den Dampfabzug.

Schuhmacher sind eigensinnige Leute. Meist alt und verrunzelt. Jedenfalls die, die Harry in Erinnerung geblieben waren. Der Mann im brasilianischen Cascavel etwa, der sehr, sehr gerne redete (das tun Brasilianer generell, ob man zuhört oder nicht – eine Frau aus Bahía hatte ihm einmal erzählt, in Lima war das gewesen, ihr Sohn sei der Meinung, sie würde auch mit einer Wand reden) und derart in der griechischen Philosophie bewandert war, dass Harry nur das Zuhören blieb – er genoss es. Und dann der auf die achtzig zugehende Nixon-Fan (Alan Greenspan, der einstige US-Notenbankchef, bezeichnete Richard Nixon und Bill Clinton in einem Fernsehinterview als die beiden intelligentesten Präsidenten, mit denen er zu tun gehabt hatte) im argentinischen Mendoza, dessen Detailwissen an Fanatismus grenzte. Und nicht zuletzt der Schuhmacher an einer vielbefahrenen Strasse (seine Werkstatt bestand aus einer Kiste mit diversen Werkzeugen) im kolumbianischen Barranquilla, ein mundfauler Typ, der seine Sandalen regelrecht kaputt riss, dann aber so geschickt wieder zusammenflickte, dass Harry aus dem Staunen gar nicht mehr herauskam. Weniger Glück hatte sein holländischer Bekannter in Bangkok, der seine exquisiten Lederstiefel von einem Strassenschuhmacher besohlen lassen wollte, der sie mit ’no good‘ kommentierte, den Schaft von der Sohle trennte und schliesslich, da er nicht weiter wusste, es dabei beliess. Der Holländer blickte entgeistert auf das, was gerade noch sehr schöne Stiefel gewesen waren … und brach in kaum mehr zu bändigendes Lachen aus.

Bangkoks Strassen sind überhaupt gewöhnungsbedürftig. Das merkt man spätestens dann, wenn einem auf dem Gehsteig ein Motorrad entgegen gebraust kommt oder man von wild in der Gegend hängenden Kabeln fast stranguliert wird. Robert Hein hat in The Bangkok Survivor’s Handbook empfohlen, sich für diese Stadt die richtige Einstellung zuzulegen, die im Wesentlichen darin besteht, seinen Aufenthalt als Abenteuer zu begreifen und sich mit ganz viel Geduld, Toleranz und gutem Willen zu wappnen, denn die Thais glauben an Karma und Reinkarnation. Konkret: Man stirbt erst, wann seine Zeit gekommen ist. Und man wird wiedergeboren. Diese Zuversicht zeigt sich auch in ihrem Fahrstil. Karma. You are where you are supposed to be or you wouldn’t be there … If, when crossing a street, a vehicle passes within inches of you, don’t get angry at the driver. He’s long gone and thought of you as only an obstacle. Instead, feel grateful that you weren’t hit. When you are crossing a street, anger is a luxury not a survival instinct.

Das Fahrverhalten der Brasilianer ist damit verglichen recht zivilisiert, doch wer annimmt, ein brasilianischer Zebrastreifen sei mehr als bloss eine farbige Markierung, liegt eindeutig falsch. Für ihn sei der kanadische Verkehr ein regelrechter Kulturschock gewesen, berichtet einer von Harrys Schülern. Er sei vor einem Zebrastreifen gestanden, habe nach links und rechts geschaut, als ein Wagen angehalten habe. Was war denn das? Sollte/Konnte er vielleicht die Strasse überqueren? Er traute der Sache nicht und blieb stehen. Weitere Autos hielten, es bildete sich ein ansehnlicher Stau und er begann sich vage schuldig zu fühlen, denn ihm dämmerte, dass das etwas mit ihm zu tun hatte. Und so nahm er schliesslich seinen ganzen Mut zusammen, spurtete so schnell er konnte über den Zebrastreifen und, zu seinem grenzenlosen brasilianischen Erstaunen, überlebte er unverletzt.

Nichtrechthabenwollen

„Mein Faible für das Nichtrechthabenwollen beruht nicht auf dem Glauben, Rechthaben und Rechtfertigung seien von Übel. Es beruht auf dem Glauben, dass es im Denken und Schreiben auch anders geht“, schreibt Martin Seel, Professor für Philosophie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, in Nichtrechthabenwollen (S. Fischer, Frankfurt am Main 2018). Da ich mit Rechthaben Besserwisser assoziiere und mir diese auf die Nerven gehen, begegne ich diesem  schmalen Band, der im Untertitel mit Gedankenspiele bezeichnet wird, mit Sympathie – auch natürlich, weil ich Spielerisches, das ich mit Leichtigkeit in Verbindung bringe, schätze.

Es sei gleich gesagt: es gibt ganz vieles, was ich an diesem Buch mag. Etwa dass er Literaten, Philosophen, Maler und Musiker sowie Filmszenen nicht nur zitiert, sondern sich mit ihnen beziehungsweise ihren Ideen auseinandersetzt. Und dass er englische Sätze nicht übersetzt (also nicht so tut, als seien seine Leser alle einsprachig).  Doch vor allem dies: was der Mann da schreibt, lässt sich nirgendwo zuordnen, ich jedenfalls kenne keine Kategorie dafür. Gedankenspiele trifft es sehr schön.

Das Erzählen hält die Möglichkeit bereit, ohne Rechthabenwollen auszukommen. Warum sich also nicht dafür entscheiden? „Weil ich es nicht kann. Aber ich möchte weiter schreiben können. Warum? Weil ich nichts anderes kann.“ Okay. So weit so gut. Und durchaus einleuchtend. Doch schon kommt die Relativierung: „Das stimmt nun auch wieder nicht.“ Weil er auch anderes kann. Staubsaugen, Auto fahren, Verträge abschliessen und anderes mehr, was viele können. Doch nur auf Schreiben kann er nicht verzichten. Die Relativierung hätte er sich sparen können, wenn es denn eine gewesen wäre. Es war keine, er erzählte eine Geschichte. Und doch: „So unschätzbar die Meriten des Erzählens sind, auch sie kann man überschätzen.“ Man denke an die traditionelle Struktur, die einen Anfang, einen Mittelteil und ein stimmiges Ende verlangt. Diese Vorhersehbarkeit kann auch langweilen.

Auch argumentieren lässt sich ohne recht haben wollen, for the sake of argument. So argumentiert er. Und hat recht damit. Was er unter anderem will, ist dies: „Ich möchte bloss keine Texte mehr machen, die um Zustimmung betteln,.“ Ein Satz, den er sogleich relativiert („Aber habe ich das je getan?“). Ohne die Relativierung hätte ich mich darin erkannt. Als ob es Professor Seel darum gehen würde …

Erfreulich ist auch, dass der Autor sich nicht hinter seinem Fach versteckt, Das Schreiben bezeichnet er als seine Religion. „Etwas machen, von dem man während der Arbeit – Arbeit ist es ja schon – nicht weiss, wie es zustande kommt, und dessen Zustandekommen im Nachhinein vollends rätselhaft ist: näher komme ich dem Numinosen nicht.“ (Genau so kenne ich das Schreiben auch, obwohl es für mich eher Selbsttherapie als Religion ist). L’idiot de la famille sei die Rolle, „die einem Nichtrechthabenwollenden auf den Fluren der scientific community zufällt.“ Mit einer festen universitären Anstellung und einem Professorengehalt müsste das auszuhalten sein, dachte es so in mir.

Nichtrechthabenwollen ist ein höchst anregendes Werk, gekennzeichnet nicht zuletzt durch wunderbar formulierte Folgerungen „Wenn wir allen gefallen wollen, können wir uns nicht gefallen – und werden fallen“ oder „Schreibende sind Leser, die in Worte zu fassen versuchen, was sie selber gerne gelesen hätten. “ Doch nicht alle haben mich überzeugt. „Man singt für sich selbst, spielt für sich selbst, lebt und liebt für sich selbst, aus Impulsen, die man nur teilweise kennt, und kommt so den anderen nahe.“ Und kommt so den anderen nahe? Vielleicht einigen wenigen, den meisten jedoch nicht. Jedenfalls gemäss meiner Erfahrung.

Von den Gedichten schreibt er, sie seien Sätze ohne das überflüssige Drumherum. Ein Gedanke, der sie mich völlig neu sehen lässt. Auch was er über die Tugend schreibt „… die Umkehrung eines für eine Tugend gehaltenen Lasters macht allein noch keine Tugend“ … finde ich überaus treffend. Wie überhaupt ganz vieles in diesem schmalen Band, den ich hier nicht rekapitulieren will … ich könnte es auch gar nicht.

„Im Vorwort seines Buchs über Wittgenstein on Rules and Private Language schreibt Saul Kripke, er habe nicht vor, Wittgensteins Auffassung zu präsentieren, sondern ‚Wittgenstein’s argument as it struck Kripke‘. So darf, so soll, so muss es sein.“ Ich selber gehe mit Seels Nichtrechthabenwollen noch einmal anders um und will damit nicht recht haben. Ich lasse diese Gedanken einfach auf mich wirken. Dabei ist mir völlig entgangen, dass das Buch, wie ich im Klappentext lese, in drei Teile gegliedert ist. Auf mich wirkte es als Dokument vielfältigster Interessen, der Lust am Denken sowie dem Zwang, Pointen zu produzieren.

Die Belesenheit sowie das differenzierte Lesen des Martin Seel spricht mich auch deswegen so sehr an, weil es nicht nur ihm, sondern auch mir die Sinne schärft. Aus Robert Walsers Geschwister Tanner schliesst er unter anderem: „Wie andere Süchtige kennt er kein Mass. Nicht Religion, Pflichtversessenheit ist das Opium des Volkes.“ Und das Geschehen an Bahnhöfen charakterisiert er so: „Ein von unsichtbarer Hand inszeniertes Happening mit realen Protagonisten bietet sich hier überall.“

Er stellt Verbindungen her, die wohl den meisten (okay, ich spreche von mir) entgehen – etwa zwischen Proust und Tarantino. Weist auf einen ironischen Kant hin, stellt klar, was Philosophen als das gute Leben preisen: es „ist nichts weiter als ein Sichtnichtunterkriegenlassen, günstigenfalls unterlegt mit grundloser Gelassenheit.“ Und er erkennt die Weisheit auf einer Zigarettenreklame: „Such nicht den Sinn, such den Geschmack.“

Ein genuin Neugieriger und Wissensdurstiger ist hier unterwegs, fantasievoll, hoch differenziert und wunderbar inspirierend.

Ansichten und Einsichten

Aufzeichnen wollte er, was ihm durch den Kopf ging. Keine Stream-of-Consciousness Geschichte. Beschreiben, was er wahrnahm, unvollständig und subjektiv, so subjektiv wie möglich. Nicht den unablässigen Gedankenfluss zu fassen suchen, nicht danach trachten, das Leben in den Griff zu kriegen. Die ihm gemässe Form, so beschloss er, waren die Tupfer, das Nebeneinander von ganz Unterschiedlichem, Anekdoten neben Ratschlägen, Einsichten neben Ansichten. Nach Lust und Laune? Einfach so, wie es ihm gerade beliebte? Sowieso. Und mit dem Ziel, so oft wie möglich gegenwärtig zu sein.

I got the blues thinking of the future, so I left off and made some marmalade. It’s amazing how it cheers one up to ’shred oranges and scrub the floor. D. H Lawrence

Zen pur. Tue was du tust und tue es ganz. Hier und Jetzt. Einem Kind ist das selbstverständlich, auch als Harry ein junger Mann war, musste ihm das niemand erklären. Lange Zeit hatte er sich mit der Frage herumgeschlagen, wieso ihm dieses intuitive Wissen abhanden gekommen, was passiert war. Bis er anfing zu ahnen, dass dieses Problematisieren das eigentliche Problem war.

Was den Menschen fehle, hat Joseph Campbell gesagt, seien nicht Antworten auf Warum-Fragen, sondern the experience of being alive. Diese Erfahrung ist jederzeit und überall möglich. Für jeden und jede.

Be aware, moment to moment, paying attention to what’s happening in a total way. There’s nothing mystical about it, it’s so simple and direct and straightforward, but it takes doing. Joseph Goldstein: The Experience of Insight
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Nichts dünkte Harry befremdlicher, als dass er vor ein paar Tagen siebzig geworden war. In unregelmässigen Abständen tauchte in seinen Gedanken der Satz von  Balzac auf, der ihm immer wieder als Nachweis eines gänzlich misslungenen Lebens gegolten hatte. „Der Siebzigjährige sehnte den Augenblick herbei, da er leben könne, wie es ihm behagte.“ Behagte? Keine Ahnung, was ihm wirklich behagte. Einmal das, dann wieder was anderes. Andererseits wusste er ganz genau, wie er leben wollte, doch aus ihm unerfindlichen Gründen tat er es nicht. Wobei: So unerfindlich waren sie ihm eigentlich gar nicht, nur passte es ihm hinten und vorne nicht, dass er sich auf eine bestimmte Art anstrengen sollte, jedenfalls dann, wenn sein Leben gelingen sollte. Das müsste sich doch ganz natürlich, gleichsam organisch ergeben, überzeugte er sich.

Kein Mensch wollte sich ändern, auch Harry nicht. Er redete lieber darüber. Und weil er so viel darüber redete und dabei auch viel Gescheites, das er sich angelesen hatte, von sich gab, merkte er meist gar nicht, dass er sich genauso verhielt wie alle anderen auch. Allerdings mit einem Unterschied, beruhigte er sich sofort: Ich weiss es! Ich habe darüber nachgedacht! Und das ist schon wertvoll an sich und ganz besonders angesichts der vielen ausschliesslich von Impulsen gesteuerten Trottel, die diesen Planeten bevölkern. Wenn nur diese blöden Zweifel nicht wären.

Es war ihm zur Gewohnheit geworden, in unregelmässigen Abständen Bücher aus dem Regal zu nehmen und für künftige Lektüre herauszulegen. Er griff zu Ionescos Tagebuch heute und gestern, gestern und heute, blätterte darin, begann zu lesen. „Diese Todesangst, die immerwährende, schnürte mir die Kehle zu. Warum habe ich immer noch Furcht vor dem Tode, wie kommt es, dass ich ihn nicht glühend herbeiwünsche?“ Und im darauf folgenden Abschnitt: „Ich habe immer versucht, an Gott zu glauben. Nicht naiv, nicht subtil genug. Gewissermassen eine metaphysische Unzulänglichkeit. Doch ich habe noch nicht alle Brücken zu Gott abgebrochen.“ Genau so empfand Harry. Er war mit siebzehn auf Ionesco gestossen, und auf Zen Buddhismus. Immer wieder, in ganz unregelmässigen Abständen, war er zu diesen beiden zurückgekehrt, hatten sich Gedanken bei ihm gemeldet, die er mit diesem Rumänen in Paris und Zen-Ideen, in Verbindung brachte.

„Wir haben Angst, kein Etwas mehr zu sein, keine Identität zu haben, sich einfach im Nichts aufzulösen. Wir haben Angst, dass etwas anderes ‚ist‘ und nicht wir“, notierte Alexander Poraj in ALLEIN. Zen oder die Überwindung der Einsamkeit. Einverstanden, und was jetzt? Innehalten, aus der Gewohnheit fallen, sich der Gegenwart hingeben. Er habe immer gemeint, schrieb Masaoka Shiki kurz vor seinem Tod, das Erwachen, von dem im Zen-Buddhismus die Rede ist, bedeute, mit Gleichmut zu sterben. „Welch ein Irrtum: Erwachen bedeutet, mit Gleichmut zu leben.“ Möglicherweise war das auch ein gutes Rezept gegen die eher düstere Erkenntnis in Richard Flanagans Der Erzähler: „Die Leute haben keine Angst vor dem Tod, Kif, sagte er. Sie fürchten das Leben. Sie fürchten sich davor, im Augenblick des Sterbens einsehen zu müssen, dass sie nie gelebt haben. Der Tod führt uns unser Versagen vor Augen: Niemand hat so gelebt, wie er hätte leben sollen.“

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Am Flughafen in Zürich. Die Frau auf dem Sitz neben ihm, las in einem Kindle. Was sie lese? Phillip Roth, I married a communist, erwiderte die Frau. Es war eines der wenigen von Roths Büchern, die er gelesen hatte. An den Inhalt erinnerte er sich jedoch nicht. Das ging ihm bei den meisten Büchern so. Balzacs Verlorene Illusionen hatte er mindestens zwei Mal gelesen, ohne Erinnerung an den Inhalt oder spezifische Szenen. Beide standen mit eigenhändigen Anmerkungen versehen nebeneinander im Regal. In jungen Jahren hatte er geglaubt, man lese, um sich zu bilden, doch was, wenn man kaum etwas von dem vielen Gelesenen abrufen konnte?

Sie sei pensionierte Anglistin, sagte die Frau, und habe viele Roth-Bücher gelesen. Welches sie ihm empfehlen würde? Schwer zu sagen, sie habe so ihre liebe Mühe mit Roth, schätze ihn aber auch. Weil er autobiographisch schreibe? Nein, nein, nicht alles sei autobiographisch, das liesse sich durchaus unterscheiden. Die Frau hatte offenbar eine andere Vorstellung von Autobiographischem als Harry, für den alles, wirklich alles, autobiographisch war. Wie hätte es auch anders sein können? Bei allem, was man sagte oder schrieb, gab man immer nur Auskunft über sich selber. Wie man etwas wahrnahm und beurteilte. Etwas anderes war gar nicht möglich, schliesslich kannte man nur sich selber, wenn auch höchst unvollständig.

Die Anglistin sah das anders und zwar so, wie sie es studiert hatte. Wenn man auf Ereignisse in seinem Leben Bezug nimmt, ist das doch nicht mit dem zu vergleichen, was man sich ausdenkt, sagte sie. Schon, erwiderte Harry, doch beides existiert in diesem Moment nur im Kopf und etwas anderes als diesen Moment können wir doch nicht erleben. Die Dinge so zu betrachten, bedeute, jegliche Form der Kommunikation zu verweigern, gab sie ungehalten zurück. Nicht jegliche, nur ihre.

Als Hemingway in Paris Fiesta schrieb, setzte er sich jeden Morgen vor seine Schreibmaschine, platzierte seine Finger über die Tasten, schaute gen Himmel und sagte: Tu peux venir. Sie war nicht beeindruckt. „Ach der Hemingway, der sagte viel.“ Er fühlte sich bemüssigt, darauf hinzuweisen, die Geschichte habe er von Cormac McCarthy gehört, was sie mit „Drei Bücher habe ich von ihm gelesen“ konterte. Harry, der weder den Zusammenhang verstand noch Lust auf einen Wettbewerb über gelesene Bücher hatte, verabschiedete sich und eilte viel zu früh zum Gate.

Hans Durrer: Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten. (Work in Progress).