In Valparaiso und anderswo

Aufzeichnungen

Monat: März, 2019

Von der Sucht

Sucht bezeichnet eine Haltung. Süchtig sein kann man nach allem und jedem. Ich selber bin unter anderem süchtig nach Büchern. Ganz viele von denen, die ich gekauft habe, habe ich nicht gelesen. Das erhebende Gefühl nach einem gerade getätigten Kauf, ganz besonders, wenn es sich um ein günstiges (gebundenes!) Restexemplar handelt, ist jedesmal sensationell, hält jedoch (wie bei jeder anderen Droge auch) leider nicht lange an.

Süchtige kriegen den Hals nicht voll. Sie sind gierig. Nie haben sie genug, immer müssen sie mehr und Neues und Anderes haben. Unsere Gesellschaft braucht Süchtige, sie werden Konsumenten genannt. Ohne sie würde „unser“ Wirtschaftssystem zusammenbrechen.

Gier macht abhängig. Den meisten scheint das egal und denen, die damit ein Problem haben, hilft die Einsicht wenig. Denn Gier ist ein Gefühl und dagegen kommt der Verstand nicht an, hingegen hilft häufig ein anderes, stärkeres Gefühl. Wer Veränderung will, muss ein solches hegen und pflegen. Es geht darum, sich in ein neues Gefühl hineinzuhandeln.

Seit einiger Zeit stelle ich mich immer mal wieder vor meine Regale, betrachte die Bücher, nehme einige zur Hand, blättere darin und lese mich gelegentlich fest. Zum Beispiel bei Rodney Smith: Frei von Selbsttäuschung: „Es ist unser Widerstand gegen die Realität, nicht die Realität selbst, was Leiden schafft.“ Und bei Hans Albrecht Moser: Auf der Suche: „Alles muss geübt sein, nicht nur Turnen, Klavierspielen, Reden … auch die Loslösung von dieser Welt. Es wäre eine härtere Welt denkbar, wo alle Übung vergebens wäre.“

Ich merke, dass ich die Bücher bereits habe, die ich zu brauchen glaube. Und dazu noch ganz viele, die darauf warten entdeckt zu werden. Jetzt gilt es nur noch zu tun, was ich weiss, das ich tun sollte: Mich auf das zu konzentrieren, was ich habe und vor meiner Nase liegt. Tue ich das, dann stellen sich auch die Gefühle ein, die der Gier Paroli bieten.

Übrigens: Zu den Büchern, die ich zwar gelesen, aber überhaupt keine Erinnerung an den Inhalt hatte, gehört Dainin Katagiris You have to say something. Manifesting Zen Insight. Ich hatte mir ein paar Stellen darin angestrichen und bin heute bass erstaunt, wie genau sie treffen, was mich mein Leben lang wichtig gedünkt hat und ich auch immer wieder gespürt, gemerkt und gefühlt habe. If you really want to please yourself, just forget your longing and attend to your daily life. In this we find goldenness. Ich habe das Buch auf meinen Tisch, also vor meine Nase, gelegt, als Erinnerungsstütze, denn mein Üben besteht darin, immer wieder auf diese mir den Alltag wertvoll machende Philosophie zurückzukommen.

Lichte Momente

“Wear the world as a loose garment, which touches us in a few places and there lightly.“  Dieser Satz – er wird Franz von Assisi zugeschrieben – begleitet mich seit einigen Wochen recht intensiv und er geht mir auch während der Lektüre von Otto A. Böhmers schönem Buch Lichte Momente (DVA, München 2018) immer wieder durch den Kopf, denn dem Autor gelingt es, Philosophischem, dem meist Schweres und Schwieriges anhaftet, eine Leichtigkeit zu verleihen, die sowohl Herz wie auch Geist erfreut. Mein Blick auf den elitären und rechthaberischen Platon ist jedenfalls ab sofort wesentlich von diesen Sätzen geprägt: „Er galt nicht gerade als Erfinder des Frohsinns. Diogenes Laertius wusste zu berichten, dass der Philosoph in seinem ganzen Leben nie beim Lachen ertappt worden sei.“

„Wer in der Lage ist, sein Leben wie ein wohlwollender Beobachter zu betrachten, wird feststellen, dass es immer wieder Phasen des Neubeginns gibt, die, zumindest in der nachträglichen Wertung, als eminent wichtig erscheinen und einer Läuterung gleichkommen. Man ist sich fast sicher, dass eine andere Zeit begonnen hat – eine Zeit des fantastischen Gelingens, die auch mit Fehlschlägen auskommen kann.“ Diese lichten Momente – es muss betont werden – erschliessen sich einem so recht eigentlich erst im Nachhinein. Brigitte Kronauer formuliert es so: „Es gibt im glücklichsten Fall einen Kurzschluss wie in der Liebe zwischen zwei Individuen, die bisher ganz gut ohne einander ausgekommen sind und sich auf einmal fragen, wie sie das so lange geschafft haben. Noch in den scheinbar beliebigsten Abschweifungen und düstersten Assoziationen spüren wir eine Bezauberung, eine Zuversicht, die Fatalität des Lebens durch deren Formulierung besiegen zu können.“

Augustinus, Dante, Voltaire, Hume, Diderot, Nietzsche und Tschechow kommen unter anderen zu Wort, dreissig Dichter und Denker sind es insgesamt, von deren Lebens- und Werkgeschichten der geistreiche und humorbegabte Otto A. Böhmer berichtet. Die Augenblicke der Inspiration sind jedoch – entgegen dem Lichte Momente versprechenden Titel – nicht zentral, vielmehr sind es höchst aufschlussreiche Anekdoten und Zitate, die diesen Band zu einem Lesevergnügen machen. So schreibt er etwa von Sokrates: „Er schien nichts anderes zu tun zu haben, als seine Mitbürger in lästige Grundsatzgespräche zu verwickeln.“ Und seinen Text über Lessing leitet er wie folgt ein: „Es ist nicht einfach für einen Dichter, einfach zu schreiben; das Komplizierte macht mehr her. Von einem Dichter, der dunkle Satzgebilde strickt, nimmt man an, dass er schlauer sein könnte als andere, gerade weil man ihn nicht recht versteht. Wer einfach schreibt, muss zudem mutig sein: Er lehnt sich weit aus dem Fenster, alles, was er sagt, kann gegen ihn verwendet werden.“

Otto A. Böhmer promovierte über Fichte, über den er unter anderem zu berichten weiss, dass er mittellos bei Kant vorstellig wurde, der allerdings auf den Besuch eher reserviert reagierte. „Der Königsberger Philosoph war nicht mehr der jüngste; er hatte sein Lebenswerk nahezu beendet und wurde zum Dank dafür von allerlei Altersmalaisen geplagt.“ Wunderbar, wie des Autors feine Ironie die zuweilen abstrakt formulierenden und abgehobenen Philosophen ins richtige Leben zurückholt. Wie übrigens auch den Schriftsteller Thomas Mann, der „sich am liebsten über bedeutende Themen Gedanken“ machte; „es konnte daher nicht ausbleiben, dass er sich auch gern mit sich selbst beschäftigte.“

Unter den Dichtern und Denkern hat man so seine Favoriten. Zu den meinen gehören Henry David Thoreau, über den Nathaniel Hawthornes Fazit lautete: „… ein gedankenreicher und origineller Mensch, mit einer gewissen Starrheit in seinem Charakter, die an einen eisernen Schürhaken erinnert und interessant ist, aber bei näherem und häufigem Umgang ziemlich ermüdend wirkt.“ Ein ganz wunderbarer Fund! So habe ich über Thoreau noch nie gelesen. Am Rande: Die vielfältigen Funde (auch das Finden ist eine Kunst) allein machen dieses Buch für mich zu einem Muss!

Die grösste Entdeckung in diesem Buch der Entdeckungen war für mich Cioran, natürlich auch deswegen, weil mir ausser seinem Namen und seiner rumänischen Herkunft so recht eigentlich nichts von ihm bekannt war, der mit gerade einundzwanzig Jahren schrieb: „Ich habe damals Philosophie studiert, ganz ernsthaft. Philosophie ist sehr gefährlich für junge Leute, man wird dünkelhaft, man  bläht sich auf, man ist unglaublich von sich selbst eingenommen. Die Philosophiestudenten sind eigentlich unerträglich, überheblich, von einer provozierenden Eitelkeit …“. Als er mit 26 Jahren nach Paris ging, kommentiert Otto A. Böhmer das so: „Als Philosoph mochte sich Cioran noch immer nicht sehen, eher als ‚missglückten Buddhisten‘. An der Philosophie störte ihn ihr ausgeprägter Ordnungssinn, ein fast beamtenhaftes Bemühen das Chaos der Weltläufigkeit in Regelwerke zu kleiden, die nicht haltbarer sein konnten als die vom regen Zerfall bedrohten Körper ihrer Urheber.“ Solcher Sätze (und Erkenntnisse) wegen lese ich Bücher. Und wegen dieser hilfreichen Einsicht Ciorans: „Schreiben ist die einzige Behandlung, wenn man keine Arzneien nimmt. Dann muss man schreiben. Auch der Akt des Schreibens allein ist eine Genesung. … Formulieren ist Heilung, auch wenn man Unsinn  schreibt, auch wenn man kein Talent hat ..“.

Schopenhauer: Aphorismen über Alter und Tod

Wenn, in meinen Jünglingsjahren, es an meiner Tür schellte, wurde ich vergnügt: denn ich dachte, nun käme es. Aber in späteren Jahren hatte meine Empfindung, bei demselben Anlaß, vielmehr etwas dem Schrecken Verwandtes: ich dachte: »da kommt’s.«

So lange wir jung sind, mag man uns sagen, was man will, halten wir das Leben für endlos und gehen danach mit der Zeit um. Je älter wir werden, desto mehr ökonomisieren wir unsere Zeit. Denn im späteren Alter erregt jeder verlebte Tag eine Empfindung, welche der verwandt ist, die bei jedem Schritt ein zum Hochgericht geführter Delinquent hat.

Erst im späten Alter erlangt der Mensch ganz eigentlich das horazische nil admirari, d.h. die unmittelbare, aufrichtige und feste Überzeugung von der Eitelkeit aller Dinge und der Hohlheit aller Herrlichkeiten der Welt: die Chimären sind verschwunden.

Der Grundcharakterzug des höheren Alters ist das Enttäuschtsein: die Illusionen sind verschwunden, welche bis dahin dem Leben seinen Reiz und der Tätigkeit ihren Sporn verliehen; man hat das Nichtige und Leere aller Herrlichkeiten der Welt, zumal des Prunkes, Glanzes und Hoheitsscheins erkannt, man hat erfahren, daß hinter den meisten gewünschten Dingen und ersehnten Genüssen gar wenig steckt, und ist so allmählich zu der Einsicht in die große Armut und Leere unsere ganzen Daseins gelangt.

Was einer »an sich selbst hat«, kommt ihm nie mehr zu gute, als im Alter. Die meisten freilich, als welche stets stumpf waren, werden im höheren Alter mehr und mehr zu Automaten: sie denken, sagen und tun immer dasselbe, und kein äußerer Eindruck vermag mehr etwas daran zu ändern oder etwas neues aus ihnen hervorzurufen. Zu solchen Greisen zu reden, ist wie in den Sand zu schreiben: der Eindruck verlischt fast unmittelbar darauf. Ein Greisentum dieser Art ist denn freilich nur das Totengesicht des Lebens.

Ein sehr langes Leben zu begehren, ist jedenfalls ein verwegener Wunsch. Denn: wer lange lebt, hat viel Leid zu ertragen, sagt das spanische Sprichwort.

Wenn was uns den Tod so schrecklich erscheinen läßt der Gedanke des Nichtseins wäre; so müßten wir mit gleichem Schauder der Zeit gedenken, da wir noch nicht waren. Denn es ist unumstößlich gewiß, daß das Nichtsein nach dem Tode nicht verschieden sein kann von dem vor der Geburt, folglich auch nicht beklagenswerter.

Arthur Schopenhauer: Aphorismen über Alter und Tod