In Valparaiso und anderswo

Aufzeichnungen

Monat: Mai, 2019

Vom Festklammern

April 2019, Kamukura, Japan. Das junge Paar, bei dem ich zwei Nächte verbringe, hat eine neunmonatige Tochter, die nach Allem und Jedem greift und sich daran festhält, wie das eben kleine Kinder so tun. Dieses Festklammern an allem Möglichen gehört wohl zum Charakteristischsten eines Menschenlebens. Wir klammern uns an die Familie, den Beruf, unsere Meinungen und Voreingenommenheiten – und lesen Bücher übers Loslassen. Nicht alle, aber doch einige.

Dass wir uns klammern, ist einleuchtend – wir suchen und brauchen Halt und Orientierung. Angesichts der Tatsache, dass wir weder wissen, woher wir kommen und wohin wir gehen, noch was wir auf diesem Planeten, der inmitten von Millionen von anderen Planeten durchs Weltall saust, eigentlich sollen, ist das mehr als verständlich – es ist notwendig. Zumindest glauben wir das und was wir glauben, bestimmt, wie wir uns verhalten.

„It is possible to think this: Without a reference point there is meaninglessness. But I wish you’d understand that without a reference point you are in the real“, schreibt Sharon Cameron in Beautiful Work: A Meditation on Pain. Sich diesem Realen auszusetzen, so oft wie möglich, ist das Hilfreichste, was ich kenne. In meinem Fall bedeutet das: ohne bewusste Gedanken gegenwärtig sein. Am Häufigsten erlebe ich es beim Gehen.

Ich weiss nicht, weshalb mir der Glaube an Beruf, Karriere, soziales Ansehen oder eine bestimmte Identität fehlt. Nicht etwa, dass mir solche Bedürfnisse fremd wären, nur eben: sie überzeugen mich nicht. Doch vor allem: mein Leben hat sich ihnen nicht untergeordnet. Was man glaubt und denkt, zeigt sich darin, wie man lebt.

Jordan B. Peterson, der ganz im Gegensatz zu mir an seine eigene Kompetenz glaubt, hat es in 12 Rules for Life auf den Punkt gebracht: „Was Sie nämlich wirklich glauben (nicht, was Sie zu glauben meinen), wird man nur herausfinden, wenn man sich ihr Verhalten ansieht. Davor wissen Sie selbst nicht, was Sie glauben. Sie sind viel zu komplex, um sich selbst zu begreifen.“

Im Vorwort zu Petersons Buch weist der Arzt und Neurowissenschaftler Norman Doidge auf Fundamentales hin, das nicht immer gern gehört wird: Das Leben ist gleichbedeutend mit Leiden. Nicht, weil die falschen Leute an der Regierung sind oder weil der Chef ein Depp ist. Klar, deswegen auch, doch das ist nicht das Entscheidende. Es geht um Grundsätzlicheres: „Wir leiden, weil wir als Menschen zur Welt gekommen sind und allein dadurch Kummer genug mitgebracht haben. Und selbst wenn Sie oder eine Ihnen nahestehende Person zufällig einmal nicht leidet, die Aussicht, dass es in Zukunft so bleibt, steht eher schlecht – falls sie nicht unverschämtes Glück haben. Denn eigentlich ist alles schwer. Kinder grosszuziehen ist schwer. Arbeit ist schwer. Alter, Krankheit und Tod sind schwer. Laut Peterson würde es sogar noch schwerer, wenn man all dies allein durchstehen müsste, ohne Liebe, ohne Weisheit, ohne die Weisheit der grossen Psychologen.“

Einverstanden, doch noch wichtiger scheint mir, die Weisheiten umzusetzen. Nur dann natürlich, wenn die alten Wege sich als unbefriedigend und hinderlich erwiesen haben. Loslassen lässt sich üben. Jederzeit und überall. Mein Vorbild dabei ist der Krieger, der im Gleichgewicht und bereit ist, für was immer auch kommt. Joseph Goldstein hat über ihn in The Experience of Insight geschrieben: „It’s inspiring to become a warrior. There’s no one else who can do it for us. We each have to do it for ourselves.“

Japanisches (1)

Bahnhof Hashimoto, Ticketschalter. Der junge Beamte bedient sich eines kleinen Übersetzungsgeräts, das die Sätze, die er sagt, ins Englische überträgt und meine englischen ins Japanische.

Ich bin jeweils der einzige Nicht-Japaner in den Hotels, in denen ich in den letzten drei Wochen abgestiegen bin. Ein mitunter etwas eigenartiges Gefühl. Beim Frühstück staunte mich ein kleines Mädchen mit derart grossen Augen an, dass ich mich als Quasi-Ausserirdischer fühlte. Sie strahlte, als ich ihr meine Hand hinstreckte und noch mehr, als sie sie dann ergriff.

Happy Hour bei der Hotelkette Kuretaki bedeutet, dass man sich zwischen 18 und 20 Uhr mit Reiscurry bedienen sowie ein Getränk genehmigen kann.

Verblüfft war ich, in den meisten japanischen Hotelzimmern einen Bademantel/Schlafanzug vorzufinden. Üblich ist auch das Bereitstellen von Zahnbürste, Zahnpasta und Rasierer.

Das Frühstück ist von Hotel zu Hotel verschieden, vom üppigen Buffet mit Nudeln, Gemüse und Reis (das ich eher mit Mittagessen assoziiere) zu der kargen Schweizer-Variante mit Gipfeli, Butter und Konfitüre. Miso-Suppe fehlt nie (und ist ganz unterschiedlich gut).

Schlangestehen allüberall, vor dem Ticket-Schalter am Bahnhof bis zur Bäckerei. Das geschieht weitestgehend sehr diszipliniert, doch natürlich gibt es auch hier ärgerliche Ausnahmen. Rücksichtsnahme als Notwendigkeit, das System würde ohne sie kollabieren. Auch dass Japan ein stilles Land ist (im Zug wird man aufgefordert, sein Handy auf lautlos zu stellen und Telefongespräche zu unterlassen), ist eine Notwendigkeit, das Zusammenleben so vieler Menschen auf engstem Raum sonst kaum möglich.

Japaner sähen keinen Sinn darin, anderen gegenüber ihre Seele auszuschütten, habe ich einmal gelesen. Was mir damals ein einleuchtendes Argument gegen die Über- Psychologisiererei der westlichen Welt erschien, empfinde ich mittlerweile als wenig überzeugende Rechtfertigung des Verleugnens von Gefühlen. Unter der freundlichen Oberfläche brodelt es, das spürte ich immer mal wieder. Unter anderem zeigte es sich darin, wie ein junger Hotelmanager seinen älteren Angestellten (ein fliessend Englisch sprechender pensionierter Bankkader, der sich im Hotel in untergeordneter Stellung etwas dazu verdiente) zurechtwies –  scharf, entschieden und unbarmherzig.

Mit dem Shinkansen, dem japanischen TGV, unterwegs zu sein, hatte ich mir anders vorgestellt – die Überraschung war gross, dass ich mehr in die Weite und von der Landschaft sehen konnte als in Lokalzügen, bei denen ich nur Häuser vor der Nase hatte. Was sich dann änderte, als ich irrtümlicherweise von Chiba nach Choshi fuhr und zum ersten Mal die, in dieser Gegend flache, japanische Landschaft sehen konnte.

Als Kontaktlinsenträger kam ich aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, als eine junge Frau im total vollen Tokio-Zug sich im Stehen ihre Linsen einsetzte – ich selber brauche dafür Stuhl und Tisch und vor allem keine (womöglich unfreiwillig) schubsenden Leute um mich rum.

Was mich nach Hashimoto gebracht habe? wollte eine Frau in meinem Alter wissen, da kämen Fremde doch kaum einmal hin. Ein relativ günstiges Hotel, erwiderte ich, denn in der jetzigen Ferienwoche seien die Zimmerpreise enorm gestiegen. Diese Angebot und Nachfrage Schmarren-Theorie, die wir den „Wissenschaftlern“ abgekauft haben, ist nichts als primitivste kapitalistische Abzockerei.

Ein Konsumwahnsinn sondergleichen, eine Emsigkeit, die mich an Ameisen denken lässt, eine aufgesetzte Freundlichkeit, die mir bei weitem lieber ist, als die authentische Rüpelhaftkeit anderer Nationen und eine Stille, die ich so noch nirgendwo wahrgenommen habe und die mich ruhig werden lässt – so erlebe ich Japan.

Japanisches

Japan fasziniert mich seit ich in meiner Jugend den Zen-Buddhismus entdeckte. Allerdings habe ich nur einmal ein Zen Dojo betreten, das war im Zürcher Niederdorf – die überaus ernste Atmosphäre schreckte mich ab. Doch Zen beziehungsweise meine Vorstellung von Zen hat mich mein Leben lang begleitet. Tu, was du tust, voll und ganz.

Nach Tokio zu fliegen hatte ich eigentlich nie beabsichtigt,  obwohl mich Takako, eine Japanerin, die den grössten Teil ihres Lebens in Brasilien verbracht hat, schon letztes Jahr und im vorletzten dazu ermuntert hatte. An Interesse hat es mir nicht gemangelt, doch wenn ich diesen Flug nach San Francisco nicht hätte umbuchen müssen, weil er sonst verfallen wäre, wäre ich vermutlich nie hin geflogen.

Ich bereitete mich nicht vor, das wird sich dann alles irgendwie ergeben, dachte es so in mir. Ein paar Tage vor meiner Abreise fiel mir ein, dass ich doch vor Jahren einmal einem jungen japanischen Fotografen, dessen Arbeiten ich schätze, mit seiner Homepage geholfen hatte, und so kontaktierte ich ihn. Er wohne in Kamakura, eine gute Zugstunde von Tokio, wir sollten doch zusammen auf einen Kaffee gehen, mailte er zurück.

Ich verbrachte dann zwei Nächte bei ihm und seiner Frau und ihrer neun Monate alten Tochter in einer sehr, sehr engen Wohnung. Beim Abendessen im Sushi-Restaurant fragte mich seine Frau nach meinen Hobbys. Als mir dazu nichts einfiel, da ich mit Hobby Briefmarkensammeln assoziiere, lachte sie: „Your hobby is thinking.“

Ich war mit Lokalzügen unterwegs, die allerdings nicht gemächlich durch die Gegend rumpeln, sondern Schweizer S-Bahnen vergleichbar sind, und besuchte Orte, von denen ich, mit Ausnahme von Nagoya, noch nie gehört hatte. Mishima, Hamamatsu, Toyohashi, Gamagori, Hashimoto, Choshi, Oami, Chiba und Koga. Die Hektik und freundliche Beflissenheit in der Millionenstadt Nagoya  (dass es so viele Japaner gibt!) deprimierten mich, doch hatte ich in derselben Stadt auch einen meiner emotionalen Höhepunkte: Der Anblick eines Mannes, der in einem kleinen Park auf einer überdachten Holzbank sitzend den Regen betrachtete, erfüllte mich für einige Minuten mit tiefem Frieden.

Ich las, dass die Japaner die Natur sehr schätzen. Kein Wunder, ich sah davon nicht viel – stundenlang fuhren die Züge durch Steinwüsten, mir kam es vor als sei ich in einer einzigen Stadt unterwegs. Und verstehe jetzt auch, weshalb der Manjushri, der Bodhisattva der Meditation, ein Schwert zum Zerschneiden der Gedanken in Händen hält. Denkt man nämlich über diese Zubetonierung der Landschaft nach, dann dreht man durch – nicht zu denken, hilft zu überleben.

Doch es gibt Oasen in diesen Steinwüsten, Wege abseits der Hauptverkehrsadern, ruhige Quartierstrassen, viele Bäume und zahlreiche farbenprächtige Blumenbeete. Immer wieder fällt mir die Aufmerksamkeit fürs Detail auf. Diese sei charakteristisch für die Gestalter, meint der Fotograf aus Kamakura, die Leute gingen jedoch daran vorbei, ohne ihnen Beachtung zu schenken.

Am meisten hat es mir die japanische Stille angetan, selten hört man eine laute Stimme, selbst der Verkehr kommt mir meist geräuschlos vor. Ich gehe täglich während Stunden spazieren und übe das Gehen entlang oft schnurgerader, fast verkehrsfreier Strassen und höre nicht einmal meine Schuhe auf dem Asphalt auftreffen – ich kann mich nicht erinnern, jemals so leicht und federnd unterwegs gewesen zu sein. Möglich, dass es auch an den Gummisohlen meiner Schuhe lag.

Selten habe ich die Absurdität der menschlichen Existenz intensiver empfunden als in überfüllten japanischen Zügen, wo einen die Lebensfreude ebenso wenig anspringt wie in der Schweiz. Zum Ausgleich gibt es dann allüberall eindrückliche Manifestationen von ganz wunderbarer Kreativität, die mich innerlich jubeln lassen.

Widersprüche existieren nur im Kopf. Wenn ich gehe, einfach nur gehe und schaue – besonders durch diese stillen japanischen Quartiere –  , dann sind sie zwar da, doch sie stören nicht, sie dürfen sein wie sie sind.

Ein vielfältiges Nebeneinander von allem Möglichen, das sich für mein Empfinden nicht beisst und somit auch nicht aufgelöst werden muss; es genügt, sich auf das zu konzentrieren, was gerade vor einem liegt – so erlebe ich (mich in) Japan.