In Valparaiso und anderswo

Aufzeichnungen

Monat: Juni, 2019

Von der Würde

„In diesem Buch erfahren Sie nicht, wie sie noch schöner und erfolgreicher werden. Auch nicht, wie Sie es schaffen können, in noch kürzerer Zeit noch besser zu leben. Es verspricht keine sieben Geheimnisse des, keine acht Schritte zu, keine Formel für. Dieses Buch passt nicht in unsere heutige von Effizienzdenken und Erfolgsstreben geprägte Zeit“, lese ich in Gerald Hüthers Würde. Was uns stark macht – als Einzelne und als Gesellschaft (Pantheon, München 2019). Mir gefällt das, sehr sogar, und viele der Gedanken in diesem Buch finden meine Zustimmung. Andererseits: Der Autor, über den ich im Klappentext lese, er zähle zu den bekanntesten Hirnforschern Deutschlands, wird kaum ohne Effizienzdenken und Erfolgsstreben dahin gekommen sein. Dass er darüber hinaus Politiker und Unternehmer berät und regelmässig zu Gast in Rundfunk und Fernsehen ist, ist vor allem ein Ausweis für Angepasstheit an den Zeitgeist.

Doch zum Positiven: Viele der aufgeführten Erkenntnisse sind höchst einleuchtend und so recht eigentlich Ausdruck des gesunden Menschenverstands, der auf Englisch common sense heisst, aber eben nicht sehr common ist. Und genau deswegen tut dieses Buch Not. So weist der Autor unter anderem (man erfährt auch einiges über die Funktionsweise des Hirns) darauf hin, dass die Ansammlung von immer mehr Wissen uns nicht wirklich bei der Frage geholfen hat, woran wir uns orientieren sollen. „Wer irgendwann verstanden hat, was ihm in seinem Leben wirklich wichtig ist, kann nicht mehr so weiterleben wie bisher.“

Das meint Grundsätzliches: Eine Regierung auszuwechseln bringt nichts beziehungsweise meist nicht das Erhoffte oder Befürchtete. Weshalb denn auch die Kernthese dieses Buches lautet: „Wer sich seiner eigenen Würde bewusst wird, ist nicht mehr verführbar.“ Das sagt und schreibt sich leichter als es ist, denn: „Wir beschäftigen uns mit mehr Dingen, als wir verarbeiten können.“ Es gilt also, uns auf Wesentliches zu besinnen. Und dazu leistet dieses Buch einen hilfreichen Beitrag.

Wie gemeinhin üblich, wirft auch Würde einen Blick zurück und die Geschichte zeigt, „dass es in jeder Epoche Personen gab, die nach einer Antwort auf die sehr grundsätzliche Frage suchten, was es bedeutet, ein Mensch zu sein.“ Mit der Zeit kristallisierte sich heraus, dass die Vorstellung von der Würde, die der Mensch besitzt, so recht eigentlich „die entscheidende Voraussetzung jeder demokratischen Gesellschaft“ ist.

Nur eben: auch die demokratische Gesellschaft hat uns bisher nicht davon abgehalten, uns würdelos zu verhalten, also unseren Planeten zu plündern und unsere Lebensgrundlagen zu zerstören. Wie also wäre es möglich, den Menschen zur Umkehr zu bewegen? Gerald Hüther weist auf zwei Möglichkeiten hin: Das Scheitern sowie die Begegnung mit anderen Menschen, denn dabei machen wir die für uns wichtigsten Erfahrungen. „Aus diesen positiven wie auch negativen Erfahrungen, die wir in unseren Beziehungen zu anderen Menschen machen, entsteht im Gehirn ein inneres Bild, eine Vorstellung davon, wie Menschen ihre Beziehungen und ihr Zusammenleben gestalten müssten, damit uns derartige leidvolle Erfahrungen im Umgang mit anderen erspart bleiben. Wenn es uns gelingt, diese Vorstellung mit der Vorstellung unserer jeweiligen Identität zu verknüpfen, entsteht in unserem Hirn dieses besondere Metakonzept, dieses innere Bild, das wir mit dem Begriff und der Vorstellung unserer Würde verbinden.“

Die  Würde, so Gerald Hüther, ist mehr als ein ethisches Postulat, sie ist ein neurobiologisch verankerter innerer Kompass. Er hat erlebt, dass sich Menschen ihrer Würde bewusst werden, wenn diese angesprochen und zum Thema gemacht wird. Dann merken sie auch, „wie bereitwillig sie ihre Würde den Erfordernissen ihres Alltagslebens unterordnen.“ Dem eigenen Wohlbefinden zuträglicher und dem Menschsein angemessener wäre, sich stärker an seinem inneren Kompass auszurichten und die Würde, die in uns allen steckt, ins Zentrum unseres Lebens zu stellen.

Vom Schreiben und Lesen

Im Januar 2019 stellte mich eine Professorin der Universität von Santa Cruz do Sul in einem Cafe einem Journalisten der Gazeta do Sul als Autor vor. Das anschliessende Gespräch mit dem Journalisten war sympathisch und anregend und fand auf Deutsch statt. Kurz darauf fragte der Journalist an, ob ich bereit zu einem Zeitungsinterview wäre. Ich sagte zu, nahm an, dieses würde auf Deutsch geführt werden, und war dann ziemlich überrascht, dass der Journalist, von einem Fotografen begleitet, völlig selbstverständlich auf Portugiesisch drauflos redete. Und noch mehr erstaunte mich, dass ich, der ich bislang noch nie längere Gespräche auf Portugiesisch geführt hatte, auf Portugiesisch antwortete und offenbar verstanden wurde – die Ungenauigkeiten, die ich später im gedruckten Text entdeckte, sind im Journalismus normal.

In der Folge war ich für kurze Zeit berühmt, im Supermarkt und beim Friseur wurde ich auf den Artikel angesprochen („Ich habe Sie in der Zeitung gesehen“). Der Journalist lud mich ein, mich dem literarischen Zirkel der Stadt anzuschliessen. Ein paar Literaturinteressierte würden sich regelmässig so gegen 14 Uhr im Cafe zu ungezwungenen Gesprächen treffen. Ich ging ein paar Mal hin, merkte jedoch schnell, dass ich mit Literaturinteressierten wenig gemein habe. Sie waren auf eine Art belesen, die ich von der Uni kannte – sie wussten viel, verstanden es, Texte und Autoren einzuordnen. Mir selber waren die Kategorien, in denen sie zu denken schienen, fremd. Ja, ich merkte, dass mich Literatur, wie sie sie betrieben, nicht wirklich interessierte – ich war auf der Suche nach Einsichten, die mir halfen, besser zu leben. Diese fand ich in Krimis, Sachbüchern und, ja klar, auch in literarischen Werken. Mein eigenes Schreiben  war (und ist) mir Therapie.

Das war nicht immer so gewesen. Mein erster veröffentlichter Text war eine Buchkritik, viele Jahre später, als ich ernsthaft zu schreiben begann, waren es Essays und Reiseerzählungen, die der Welt zeigen sollten, dass ich etwas zu sagen hatte. Die damalige Motivation war wesentlich ein Mich-Beweisen-Müssen. Ich merkte schnell einmal, dass nicht die Qualität eines Textes für die Veröffentlichung entscheidend war, sondern ob man einschlägig vernetzt war, also die richtigen Leute kannte. Das missfiel mir nicht nur, das war (und ist) mir wesensfremd.

Eines Tages erzählte mir der literarisch bewanderte Journalist aus Santa Cruz do Sul, der zu meiner Verwunderung auch zahlreiche Schweizer Autoren kannte, dass er einmal ein ganzes Jahr in Italien verbracht hatte. Nicht physisch, im Kopf – in der Gesellschaft von Italo Svevo und Elio Vittorini, wenn ich mich recht erinnere. Es waren noch andere, mit deren Büchern er sich ein Jahr lang beschäftigt hatte und die ihm Italien näher gebracht hatten. Für ihn bedeuteten Bücher Kopfreisen, Horizonterweiterungen, das Eintauchen in fremde Welten. Nie war mir intensiver bewusst gewesen, dass das Bücherlesen einem fremde Kulturen näher bringen konnte – seine Begeisterung war ansteckend. Ich stelle mir vor, sein Lesen ist auch eine Form der Therapie.

Von der Wut

Im Zug, auf der Rückfahrt von Magliaso nach Sargans, überkam mich eine heftige Wut, kurz nach Bellinzona war das (hat das damit zu tun, dass ich da einmal gewohnt habe? – gibt es eigentlich auch Dinge, die das Hirn nicht zu kontextualisieren versucht?), die mich an diese Sätze denken liess: „Ich war wütend auf das Leben, auf viele Menschen und überhaupt auf diese ganzen Lebensumstände. Ich war wütend, dass ich überhaupt geboren worden bin und deshalb eines Tages sterben muss. Ich fand das einfach unfair! Ich war auch wütend, weil meine Mutter so früh starb, also ich noch so klein war … Auch heutzutage bin ich immer noch auf mich selbst wütend, wenn ich an alle die Versuche denke, meine innere Wut zu verleugnen und zu verdrängen, nur weil ich soviel Angst vor dieser Wut hatte …“. Auch wenn meine Lebensgeschichte eine andere ist als die dieses Therapeuten der psychosomatischen Klinik Bad Herrenalb, diese Wut, die kenne ich. Und die Offenheit dieses Mannes (zitiert in Jacqueline Lairs „Mein weiser Narr“) hat dazu beigetragen, dass ich einmal in Bad Herrenalb eine Hospitanz gemacht habe, dort allerdings niemanden traf, der ähnlich aufrichtig von seinen Gefühlen sprach.

„… nimm einfach diese gewaltige Energie wahr, die sie auslöst … man muss lernen, diese Energie und die innere Unruhe, die sie mit sich bringt, auf konstruktive Art und Weise auszudrücken, das ist alles.“ Für mich heisst das: Meine Aufmerksamkeit und mein Handeln darauf zu lenken, was ich wirklich tun will. Ernst machen mit meinen Vorsätzen.. Die eigene Bequemlichkeit bekämpfen.  Zu lernen, das Leben als das zu nehmen, was es ist: eine Gelegenheit zum Üben. Wozu denn das, wenn man ja doch einmal stirbt? Weil ich mich jetzt, Hier und Heute, wohl in meiner Haut fühlen will.

Procrastination can get to be a disease stand viele Jahre an der Innenseite meiner Wohnungstür, der Effekt war gleich Null. Dann las ich beim Sozialwissenschaftler Dan Arieli: „Das Auf-die-lange-Bank-Schieben lästiger Aufgaben ist ein nahezu universelles Problem …“, nun ja, es half auch nicht. Und vor allem:  ich schiebe nicht nur lästige Sachen auf, ich schiebe vor allem die wichtigen Dinge auf oder genauer: die, von denen ich mir  einbilde, ich halte sie für wichtig. Dass mein früherer Nachbar noch schlimmer war – er zog seinen besten Anzug so viele Jahre nicht an (er wollte ihn schonen), dass er ihm zu klein geworden war, als er sich dann doch traute – , beruhigte mich immer nur kurz. Die Wende brachte ein Wutanfall, dem, wenn ich mich recht erinnere, die erneute Lektüre von Hans Albrecht Mosers gescheitem Satz aus „Vineta“ vorangegangen war: „Ist es nicht ein verhängnisvoller Irrtum zu glauben, wir könnten unser Ziel erreichen und damit unsern Sinn erfüllen, indem wir wissentlich leben, wie wir nicht leben sollten?“ So mache ich nicht mehr weiter, brach es aus mir heraus. Auf keinen Fall, auf gar keinen Fall!

Ich entsorgte ein paar Kleider, ein paar Schuhe, den schon lange nicht mehr funktionstüchtigen Drucker (der mir nur noch als Ablage-Schemel diente) sowie den Fernseher, ein uraltes Gerät (das ich einst in Bellinzona erstanden hatte und das mich an glückliche Zeiten mit Yonalkis erinnerte – Gründe für mein ständiges Aufschieben finde ich immer), bei dem vor einigen Wochen eine Röhre geplatzt sein musste und das seither, wenn überhaupt, nur noch ein  rotes Bild (der Ton war einwandfrei) lieferte. Was bei den meisten wohl nichts Anderes als das Normale gewesen wäre (unbrauchbar Gewordenes schmeisst man weg), war bei mir, so überzeugte ich mich, ein radikaler Neuanfang!