In Valparaiso und anderswo

Aufzeichnungen

Monat: Juli, 2019

Diplomierte Experten für die Seele

Die Frau war sympathisch, offen und witzig. Wir befanden uns in einer Bar am Kata Karon Beach auf Phuket und unterhielten uns bestens. Als sie dann aber sagte, sie sei Psychologin, konnte ich nicht mehr an mich halten und übergoss sie mit  meinem ganzen Widerwillen gegen diese diplomierten Experten für die Seele, von der ich glaubte, wesentlich mehr zu verstehen, weil ich doch so sehr am Leben litt und mir so viele Gedanken über dieses Leiden machte. Erst als Linda, so hiess die Frau aus dem australischen Melbourne, schliesslich lachend sagte: I’m only working part-time, liess ich von meinen Tiraden ab.

Psychologinnen (Männer sind mitgemeint), so meine damalige Sicht der Dinge, konterten jede Kritik mit: Was ist Dein Problem?; Du verdrängst da etwas; Mit Dir stimmt etwas nicht. Jedes Nicht-Einverstanden-Sein mit Irgendetwas wurde als persönliches Problem gesehen. Positiv formuliert: Eigenverantwortung wurde gefordert. Und so sehr ich diese auch befürworte, so sehr gingen mir diese Psychos auf die Nerven. Weil sie Recht hatten? Vielleicht auch, wahrscheinlicher scheint mir jedoch, weil ich sie als Systemerhalter begriff und ich selber voller Wut auf dieses System war. Mit System meinte ich damals die Schule, die für mich nur einen Zweck hatte: uns Schüler in die herrschende Ordnung einzugliedern. Ich empfand sie als Unterdrückungsapparat und war bass erstaunt, als mir einmal ein mir sympathischer Pfarrer erläuterte, dass sie für ihn genau das Gegenteil gewesen sei, nämlich die Möglichkeit, sich aus den beengten sozialen Verhältnissen seiner Herkunft zu befreien (meine eigene soziale Herkunft, mein Vater war ein angesehener Arzt, war privilegiert).

Für die meisten Psychologen gilt, was der Jurist Ludwig Thoma einmal über die Juristen gesagt hat: „Der königliche Landgerichtsrat Alois Eschenberger war ein guter Jurist und auch sonst von mässigem Verstande.“ Shakespeare  sagt es so: „Es gibt mehr Ding‘ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt, Horatio.“

Denke ich an meine Schulzeit, erinnere ich mich vor allem an Charaktereigenschaften meiner Lehrer. Und insbesondere an den zutiefst menschenfreundlichen Pater Giulio Haas und die unkonventionelle Christine Wunderli, die eine Lebensfreude ausstrahlte, die mir im Gymnasium – die Sensiblen litten! – zuwider war. Ich habe Dich damals gar nicht gemocht, erzählte ich ihr Jahre später. Ich weiss, ich Dich aber, lachte sie.

In jeder Schule gibt es gute Lehrer und auch unter den Psychologen gibt es welche, die wissen, wovon sie reden. Aus reflektierter Erfahrung, nicht wegen der Anpassung ans System, die mit einem Diplom belohnt wurde.

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Nachdem ich sechs Jahre lang keinen Alkohol mehr getrunken hatte, begab ich mich nach Hazelden, der berühmten 12-Schritte-Therapie-Einrichtung in Minnesota, um zu sehen, ob die Ausbildung zum addiction counsellor etwas für mich wäre. Nachdem ich zehn Tage erlebt hatte, wie der Laden so lief (und mich wenig überzeugt hatte), fragte mich der Chef-Therapeut, was meine Motivation sei, um counsellor zu werden. Ich sei immer an existenziellen, philosophischen Fragen interessiert gewesen, darum ginge es mir, antwortete ich. Dann sei ich bei ihnen ganz falsch, erwiderte der Chef-Therapeut, bei ihnen gehe es darum, die Patienten wieder fit fürs Arbeitsleben und die Familie zu machen. Das war und ist in der Tat nicht, was mir vorschwebte, denn in meiner Vorstellung ist Sucht nicht einfach ein persönliches Problem. Das Nicht-Genug-Kriegen, das Immer-Mehr-Mehr-Mehr (und genau das ist Sucht) ist geradezu die Grundlage „unseres“ Systems.

Gibt es denn eine Alternative? Sicher, Eckhard Schiffer hat sie in Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde beschrieben. „Am Anfang aller Aufklärung stünden die Selbstaufklärung über die suchtartige Verschreibung an das Leistungsprinzip unter Eltern und Lehrern und Schulbürokraten sowie das Wissen darum, dass das Spielen im Sinne von ‚play‘ und die dazugehörigen Freiräume die wirksamste Immunisierung gegen Suchtgefährdung darstellen.“

Und was tut man, wenn man schon süchtig ist? Selber denken; lernen, bei sich zu sein; nach seinen eigenen Werten zu leben; Meister seiner selbst zu sein. Übung macht den Meister, hiess es einmal. Es gilt noch immer.

Was dem Selber-Denken im Wege steht, hat Immanuel Kant gemeint, seien Faulheit und Feigheit. Das war 1784; es  gilt noch immer.

14. Juli

In jüngeren Jahren war mein Interesse an Geschichte gross, weltgeschichtliche Zusammenhänge faszinierten mich. Historisch bewandert zu sein, galt mir als Ausweis von Kultur. Doch mit dem Alter wurde auch die Skepsis gegenüber breit anerkanntem Wissen grösser, was in der Schule (inklusive Universität) gelehrt wurde, war mir häufig vor allem suspekt – hier wurde gelehrt, was mehrheitsfähig war. Mich hingegen interessierte die Wahrheit, und diese, davon war ich überzeugt, war nicht mehrheitsfähig.

Als ich auf Éric Vuillards Bücher stiess, lernte ich eine andere als die mir vertraute Geschichtsschreibung kennen. Natürlich, auch sie war interpretativ (und ohne zu interpretieren können wir gar nicht existieren), doch der Mann macht etwas, was für mich gänzlich neu war. Er nimmt einen kleinen Ausschnitt, in 14. Juli (Matthes & Seitz Berlin 2019) sind es ein paar Tage im Jahre 1789, die Geburtsstunde der Französischen Revolution,  und beleuchtet sie detailliert und von ganz unterschiedlichen Seiten. „Um die für die königliche Mundküche zuständigen eintausendfünfhundert Personen unterzubringen, hatte man die ganze, ja tatsächlich die gesamte Bevölkerung des ehemaligen Dorfes Versailles enteignet! Geht doch woanders zum Henker, ihr Lumpen und Trunkenbolde!“

Die hungrigen Menschen lehnen sich auf, unter den Aufständischen gibt es Tote. Éric Vuillard holt sie aus der Anonymität, führt sie den Lesern vor Augen:  „Nummer 1 ist ein etwa fünfunddreissigjähriger Mann, sein Haar wird von einer Bandschleife zusammengehalten, er hat eine Adlernase und ein schief geschnittenes Gesicht. Er trägt eine Jacke aus dickem Tuch, eine rote Weste mit Kupferknöpfen und ein grobes Leinenhemd; dazu eine blaue Hose und eine Zwillichschürze.“

In Versailles wurde damals geprasst und gespielt, „man spielt auf unverschämte, unermüdliche, verrückte und leichtfertige Weise, spielt um unerhörte Summen, ganz Versailles spielt. Der König. Die Königin.“ Die abgehobenen Eliten, die von den Nöten der einfachen Leute nichts verstehen, ja nichts verstehen können, fordern die Rebellion geradezu heraus. „Die Revolutionäre waren blutjung, zwanzigjährige Verwaltungsbeamte, fünfundzwanzigjährige Generäle. Das hat es seither nicht mehr gegeben …. Man hörte sämtliche Mundarten Frankreichs.“ Es sind solche Detail-Informationen, die mir dieses Werk unter anderem wertvoll machen.

Andererseits, woher weiss der Mann das alles? Kann man überhaupt wissen, was damals geschah? „Es gilt aufzuschreiben, was man nie wissen wird. Im Grunde weiss man nicht, was sich am 14. Juli ereignet hat. Die Berichte, die wir davon haben, sind spröde oder lückenhaft. Die Dinge müssen von der namenlosen Menge aus betrachtet werden. Und man muss erzählen, was nicht geschrieben steht. Muss es ableiten aus der Zahl, von dem, was man aus der Schenke und von der Strasse weiss, was man tief aus den Taschen und einem Kauderwelsch der Dinge zieht, zerknüllte Liards, Brotkanten.“ Doch was ist das eigentlich, eine Menge? Éric Vuillard gibt den Menschen, aufgrund einer dürftigen, nachträglich aufgestellten Liste, Namen und damit so etwas wie eine Identität.

Der 14. Juli ist ein erhellendes und packendes Werk (Das Aufeinanderprallen des Aufständischen Jean-Baptiste Humbert mit einem Schweizer Gardisten auf dem Turm der Bastille und wie sich Letzterer in der Folge des verletzten Aufständischen annimmt, ist eine ungemein bewegende Szene). Darüber hinaus überzeugt dieser schmale Band auch durch Aufklärungen ungewöhnlicher und grundsätzlicher Art. „Die Stadt ist eine gigantische Verdichtung aus Menschen, aber auch aus Tauben, Ratten und Asseln. Städte gibt es seit ungefähr fünftausend Jahren, sie entstanden irgendwo zwischen Euphrat und Tigris, wie der Ackerbau, die Schrift oder der Garten Eden. Kain soll die erste Stadt gegründet haben, im Land der ewigen Wanderschaft. Und in der Tat ist jede Stadt eine Ballung aus Immigranten und Taugenichtsen, hier sammeln sich alle Heimatlosen.“

Paris war zur Zeit des Sturms auf die Bastille eine der grössten Städte der Welt. Was damals dort geschah, ist in den Mega-Städten von heute genauso möglich. Ja, die zunehmend schreiende Ungleichheit macht eine Revolution immer wahrscheinlicher. Der 14. Juli sollte auch als eindringliche Warnung gelesen werden.

10 Bücher

Vor Kurzem besprach ich „This Empty World“, ein grossformatiges Fotobuch von Nick Brandt, für das in Chicago erscheinende Online-Magazin F-Stop, für das ich regelmässig Fotobücher rezensiere. In der Folge habe ich mir auf Brandts Homepage angesehen, was andere zu seinen Büchern sagen, entdeckte da auch ein Zitat von Alice Sebold und befand mich innert Sekundenbruchteilen bei ihrem „Glück gehabt“, in dem sie die Geschichte ihrer Vergewaltigung (sie war damals 18 und auf dem Heimweg in ihr Studentenwohnheim) schilderte. Ich habe das Buch nicht mehr im Detail präsent, könnte es wohl auch nicht nacherzählen, doch die Bilder, die sich sofort in meinem Kopf einstellen (und das damit einhergehende Verkrampfen des Magens), sind derart gegenwärtig, dass ich mich (auch wieder ganz automatisch) frage, ob andere Bücher ähnlich starke Emotionen bei mir zurückgelassen haben.

In den Sinn kommen mir gerade „Another City, Not My Own“ von Dominick Dunne,  die Geschichte der O.J. Simpson Gerichtsverhandlung in Los Angeles, die Dunne ungemein engagiert und wütend verfolgt und dabei auch offenbart, woher seine Wut stammt:  Der Mörder seiner Tochter Dominique kam mit einer leichten Strafe davon. Und dann „Submission“ von Amy Waldman, wo bei einem Architekturwettbewerb um eine 9/11-Gedenkstätte ein Muslim obenaus schwang. Und „Passage to Juneau“ von Jonathan Raban, der auf einer einsamen Bootsfahrt von Seattle nach Alaska nicht nur durch die teilweise stürmische See, sondern auch durch verschiedene aufrüttelnde persönliche Turbulenzen hindurch muss.

Richtiggehend gefressen hatte ich „The Fontainhead“ von Ayn Rand. von dem ich nur noch weiss, dass es von einem Architekten handelt, und dass ich auf Ibiza, auch beim Warten auf den Bus, nicht davon ablassen konnte (als ich letzthin darauf stiess, dass Donald Trump es gelesen und toll gefunden habe … na ja, ob das wohl stimmt? hat der wirklich schon einmal ein Buch gelesen? … und auch, dass ich mittlerweile weiss, dass Ayn Rand eine glühende Kapitalismusverfechterin gewesen ist, lässt meine damalige Begeisterung nicht ungeschehen machen). Und dann natürlich die Stieg-Larsson-Trilogie sowie „Der Serienkiller, der keiner war“ von Dan Josefsson, worin eindringlich  aufgezeigt wird, was Voreingenommenheiten alles ausrichten können. Und „Schwarz und Weiss“ von Irene Dische, die über Tagträume notiert: „Als es noch keine elektronischen Spielzeuge gab, waren Tagträume ein beliebter Zeitvertreib. Sie waren gebührenfrei, mobil, unterlagen keiner Zensur und mussten nicht bestellt oder nachgeladen werden.“

Zu den tiefst beeindruckenden gehört auch „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara, die einen ihrer Protagonisten über die Schuldgefühle vieler ohnmächtiger Helfer sagen lässt: „Ich habe es toleriert. Ich habe mich entschieden zu vergessen, dass er es tat, weil es zu schwierig war, eine Lösung zu finden, und weil ich mich an dem Menschen erfreuen wollte, als der er von uns gesehen werden wollte, obwohl ich es besser wusste.“ Und was oder wen erwähne ich noch, da ich mich doch hier auf 10 Bücher beschränken will? Mein allererstes Buch, über Fussball natürlich, meinem damaligen Ein und Alles, „Elf Freunde müsst ihr sein“ von Sammy Drechsel.

Wie heisst es doch in Philipper 2.2: „Machet meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr gleichgesinnt seid im Besitz der gleichen Liebe, in der Seele verbunden, den Geist auf Einigkeit gerichtet.“