Was ich immer schlechter ertrage

von hansdurrer

Vor ein paar Tagen war ich bei einem Book Launch: Ein Buchverlag stellte das neue Buch eines Fotografen vor. Anwesend waren der Verleger, ein Journalist, eine Kunstkritikerin und der Fotograf. Und natürlich das Publikum, zu dem auch ich zählte, für eine halbe Stunde, denn dann hatte ich bereits genug. Der einzige der Runde, der wirklich etwas zu sagen hatte, war der Fotograf; die drei anderen waren aufgeblasene Wichtigtuer und solche ertrage ich immer schlechter. Früher dachte ich (manchmal), mir fehle das nötige Wissen, heute weiss ich, dass die eitlen Selbstdarsteller schlicht hohl sind. Ich vermute, meine Einschätzung hat mit meinem fortschreitenden Alter zu tun. Aber nicht nur, denn letztendlich kann sich nur zeigen, was in einem bereits angelegt ist.

Älter werden bedeutet auch, dass sich Charaktereigenschaften deutlicher zeigen. Altersmilde mag vorkommen, Altersradikalität ist häufiger. Und dann gibt es ja auch noch die Altersstarrheit, der die Demenz vorzuziehen ist. Zudem: Die Vorstellung man werde im Alter geduldiger ist ein Mythos. Ich jedenfalls werde ungeduldiger, ertrage Unsinn immer schlechter und Deppen gar nicht mehr.

Was ich darüber hinaus immer schlechter ertrage sind intellektuelle Langweiler. Blöd ist nur, dass ich auf die immer wieder hereinfalle. Genauer: Ich falle auf meine Hoffnungen und Sehnsüchte herein. Als da zum Beispiel wären: neue hilfreiche Erkenntnisse, um das Leben und die Welt besser zu verstehen.

In jüngeren Jahren glaubte ich an den Wert der Bildung. Sich in der Weltliteratur, der Geschichte und der Philosophie auszukennen, war mir nicht nur Gebot, sondern Notwendigkeit. Irgendwann stellte ich dann fest, dass mir von dem, was ich gelesen hatte, kaum mehr etwas präsent war. Ja, ich nahm Bücher aus dem Regal in der Absicht, sie jetzt endlich einmal zu lesen, nur um dann festzustellen (ich hatte mir mich wichtig dünkende Passagen markiert), dass ich sie bereits gelesen hatte.

Eigenartigerweise hinderte mich das jedoch nicht, auch weiterhin an den Wert der Bildung zu glauben. Zumindest theoretisch, praktisch funktionierte es hingegen immer weniger. Ein Buch über den Typus des Tyrannen, das mir laut Pressemitteilung auch den gegenwärtigen amerikanischen Präsidenten erklären sollte, entpuppte sich als gelehrte Studie über die Stücke Shakespeares; ein Buch darüber, wie die Literatur die Geschichte der Menschheit formte, erwies sich als eine (wiederum gelehrte) Spurensuche zu den Grundlagentexten unserer Zivilisation wie das Gilgamesch-Epos und Homers Ilias; und ein (wiederum gelehrtes) Buch über die Odyssee war nichts anderes als eine Einführung ins Fachgebiet des Autors. Kurz und gut: auf die Fragen, die mich bedrängen, haben sogenannt anerkannte und respektierte Professoren, die mich einmal (und aus heutiger Perspektive nicht nachvollziehbaren Gründen) beeindruckt haben, definitiv keine Antworten.

Seit ich mal über den Satz gestolpert bin, wer wissen wolle, wie ein Zen-Meister wirklich sei, solle dessen Frau fragen, hält sich meine Hochachtung auch vor Zen-Meistern in Grenzen. Übrigens: Etwas Nützlicheres als carpe diem ist bis jetzt noch niemandem eingefallen.