In Valparaiso und anderswo

Aufzeichnungen

Monat: Dezember, 2019

„Ich suche Helden und nicht langweilige Durchschnittstypen mit Bauch.“

Robert P. Siglo, der Konsalik von Papua Neu Guinea, im Interview.
F: Wie sind Sie denn, wenn ich fragen darf, zum Schreiben gekommen, verehrter Meister?
A: Durch Zufall.
F: Aha, interessant.
A: Ja.
F: Könnten Sie unseren Lesern vielleicht etwas über diesen Zufall sagen?
A: Ja, schon.
F: Also?
A: Also. Ich bin immer schon ein grosser Leser vor dem Herrn gewesen.
F: Wieso vor dem Herrn?
A: Das sagt man so.
F: Aha, und was bedeutet es?
A: Weiss ich nicht. Spielt auch keine so grosse Rolle. Auf jeden Fall – und bitte unterbrechen Sie mich nicht dauernd, Sie unterbrechen ständig meinen Gedankenfluss. Das ist übrigens auch so ein Wort, Gedankenfluss. Als ob Gedanken fliessen. Meine jedenfalls nicht. Meine hopsen und springen – egal. Auf jeden Fall: Ich habe immer schon viel gelesen. Bücher, Zeitungen, Magazine. Alles, was mit dem geschriebenen Wort zu tun hat, interessiert mich. Auch mir dem gesprochenen Wort. Mit Sprache halt. Komischerweise – ich sage komischerweise, weil man allgemein, so scheint mir wenigstens, der Auffassung ist, dass ‚über ein Buch zu lesen‘ lange nicht so interessant sei, wie das Buch selber zu lesen – habe ich immer lieber gelesen, was man über Bücher sagte. Und noch viel viel mehr haben mich die Menschen interessiert, die Bücher schreiben. Im Laufe der Jahre liess mein Interesse immer mehr nach, was auch damit zu tun hatte, dass man Schriftsteller bei Lesungen oder im Fernsehen sehen konnte. Leider. Das hat mir viele Illusionen genommen.
F: Inwiefern?
A: Ja, schauen Sie sich die doch mal an!
F: Ich verstehe nicht. Was meinen Sie bloss?
A: Ich suche Helden und nicht langweilige Durchschnittstypen mit Bauch. Am schlimmsten jedoch finde ich die Kritiker vom Typ Klassenbester. Einer, der auch im Fernsehen erzählt, welche Bücher er gerne gelesen hat und welche nicht, ist mit mir zusammen in dieselbe Klasse gegangen. Der war schon damals ein ehrgeiziger Langweiler, der beim Aufstellen der Fussballmannschaft fast immer als letzter übrigblieb. Der Liebling des Deutschlehrers natürlich. Und wer wird schon Deutschlehrer? Eben. Und da habe ich beschlossen, selber zu schreiben und zwar Bücher, die garantiert kein Kritiker liest.
F: Und das ist Ihnen ja zweifellos gelungen.
A: Das kann man wohl sagen. Dafür lesen mich jetzt ein Haufen Leute, mit denen ich genauso wenig zu tun haben möchte wie mit den Kritikern.
F: Das klingt ziemlich arrogant.
A: Ist es auch.
F: Und das kümmert Sie nicht?
A: Nur am Sonntag, in der Kirche.

Mein tägliches Nebeneinander

Am Bahnhof Sargans kaufe ich Fahrkarten. Eine nach Sopron und zurück, eine nach Genua. Für jede Fahrt brauche ich eine Platzreservierung. Als ich nach Hause komme, klingelt das Telefon. Frau Grünenfelder vom Bahnhof Sargans teilt mir mit, sie habe mir fünf Franken zu viel berechnet. Ich gehe zurück zum Bahnhof, er liegt nur ein paar Minuten von meiner Wohnung, wo ich nicht nur meine fünf Franken wiederbekomme, sondern auch noch ein Glas Honig. In solchen Momenten liebe ich die Schweiz!

„Alle Menschen sind sterblich, aber für jeden Menschen ist der Tod ein Unfall, ein unverschuldeter Gewaltakt.“
Simone de Beauvoir.

Zu Fuss auf dem Weg von Zernez nach Susch schaue ich gelegentlich auf die Uhr. Werde ich den Zug um 13 Uhr 37 schaffen? Mich stört, dass mich diese Frage beschäftigt, schliesslich geht um 13 Uhr 58 bereits der nächste und ich habe Zeit, ich bin pensioniert, und doch lässt mich diese Frage nicht los. Oder lasse ich sie nicht los? Ich konzentriere mich auf den Weg, setze einen Schritt vor den andern, langsam. Kurz vor Susch kommt mir eine Frau entgegen, ich kenne sie, wir sind uns vor einem halben Jahr an fast genau derselben Stelle begegnet. Sie ist 84 und erzählt mir – ich beschliesse, den späteren Zug zu nehmen – , als ich ihr meine Fotos zeige, wie sie einmal eine Krähe fotografieren wollte, die einen Wurm im Mund hatte. Langsam griff sie zur Kamera, behutsam setzte sie zum Schuss an, doch die Krähe war weg, in einer offenen Wasserabflussröhre des nahegelegenen Hauses verschwunden. Die Frau wartete, die würde doch wieder heraus kommen. Nach dreieinviertel Stunden tauchte die Krähe wieder auf, ohne Wurm im Mund, doch begleitet von ihrem piepsenden Nachwuchs.

„… und ich war in Gedanken ganz bei ihr, dadurch, dass ich nicht ein Mal an mich dachte, war ich voll und ganz ich selber.“
Stig Sæterbakken: Durch die Nacht.

Bei der Fahrt mit dem Zug von Sargans nach Wien fällt mein Blick oft auf die vorbeiziehende Landschaft, die bis etwa Salzburg auch nicht anders ausschaut als die in der Schweiz. Hügel, Berge, Täler. Dann wird sie weiter, die haben hier im Gegensatz zur Schweiz Platz, geht mir durch den Kopf. Die Einwohnerzahl ist in etwa dieselbe (achteinhalb Millionen), die Fläche jedoch mehr als doppelt so gross. Wieder einmal wird mir bewusst, wie eingeklemmt wir Schweizer leben, kein Wunder, kommt da so was Verwürgtes raus.

„Ich würde eine Welt lieben, in der es gar kein Kriterium gäbe, keine Form und keinerlei Prinzip, eine Welt der absoluten Unbestimmtheit. Denn in unserer Welt sind alle Kriterien, Formen und Prinzipien schal.“
E.M. Cioran

In Salzburg kostet mein erster (grosser) Cappuccino 4 Euro 80, das Croissant 1 Euro 70. Es sei die teuerste Stadt Österreichs sagt mir eine Einheimische, die sich überlegt, nach Linz zu ziehen. Auch Wien sei wesentlich billiger. Es wimmelt von Touristen, „mein“ Hotel ist voll. Um Mitternacht schrillt der Feueralarm, der darauf folgende Exodus geht unaufgeregt vonstatten und nach ein paar Minuten können wir wieder rein. Vermutlich hat irgendein Idiot (oder eine Idiotin) im Zimmer geraucht.

„ … wie abrupt und unnatürlich der Tod doch ist, zumindest in unserer Wahrnehmung – immer unterbricht er etwas, bleibt Unvollendetes zurück.“
Katie Kitamura: Trennung

Als ich in Innsbruck das Hotel verlasse, komme ich mit zwei Paaren aus Brasilien ins Gespräch, die an Österreich vor allem beeindruckt, wie alt die Häuser sind und dass diese immer noch stehen.

„Es war nichts Erstaunliches daran, dass Dinge nicht funktionierten und zerfielen. Versagen und Verfall waren der natürliche Zustand der Welt. Erstaunlich war eher, dass überhaupt etwas wie beabsichtigt funktionierte, für wie lange auch immer.“
Lionel Shriver: Eine amerikanische Familie

Im bayerischen Landtag, es liegt schon einige Zeit zurück, wurde über die Prügelstrafe in der Schule gestritten. Dabei fiel auch das Argument, sie sei auch deswegen beizubehalten, da sie sich bis hinauf zu den Polizeihunden bewährt habe, Angesichts der primitiven Rechthabereien und hinterfotzigen Unerbittlichkeiten, die uns die Politiker täglich vorführen, besteht in der Tat kein Zweifel, das eine Hinaufentwicklung Richtung Tier sich aufdrängt. Wenn es nicht anders geht, auch durchaus mit Prügel.

„Schale nicht zum Verzehr“ werden die an Orangen interessierten Konsumenten bei SPAR in Salzburg gewarnt …

Eva Behrendt in ihrer Besprechung von „Lauren Groff: Florida“ in ‚Die Zeit‘: „Worin ein Trost liegt: Denn wer sich der Natur, dem Leben in all seinen Erscheinungsformen und also dem Tod ausliefert, wer bereit ist, sich als Teil dieser Kreisläufe und nicht als ihnen überlegen zu begreifen, verliert womöglich die Angst.“

Der kleine Schirm, der früher in der Schweiz als Knirps bekannt war, den ich mir bei Tesco im ungarischen Eger erstehe, trägt auf der Schutzhülle die Bezeichnung „happy rain“. Als ich das auf mich wirken lasse (Werbeleute leben schon in einer sehr eigenen Welt), geht mir eine junge Frau aus Vancouver Island durch den Kopf, die, als es auf einem Ausflug unseres Spanischkurses in Costa Rica zu regnen anfing, träumerisch erklärte: „ I just love weather!“ Nein, sie stand nicht unter Drogen.

Merken will ich mir, was Ina Hartwig in „Die Zeit“ notiert hat: „So schreibt Handke einmal, es sei schon viel wert, wenn er an einem Tag nicht Fernsehen geschaut oder kein Geld ausgegeben habe. Im Lesen und Gehen hingegen sei er ganz bei sich selbst.“

Shunryu Suzuki: That we are here means we will vanish.

Heute, Hier & Jetzt

Ende Oktober, morgens um acht, der Himmel ist bedeckt, alles grau in grau. Keine Lust zur gar nichts und gleichzeitig diese eigenartige Erkenntnis: Das ist Dein Leben. Plötzlich wusste ich das nicht nur, ich spürte es. Nicht lange und schon gar nicht anhaltend, für ein paar Sekunden nur. Beim Gang zum Bäcker dann erneut: Das gerade Jetzt, das ist Dein Leben.

Ich kann mich nicht erinnern, das schon einmal erlebt zu haben. Sicher, das kann an meinem Gedächtnis liegen, doch so recht eigentlich tickte ich mein Leben lang meist so wie Eric Ambler einmal auf die Frage, wo er am liebsten lebe, geantwortet hat: Immer gerade da, wo ich gerade nicht bin. Nein, nicht immer und schon gar nicht, wenn ich verliebt war. Also so ziemlich fast immer.

Klar ist mir schon lange, dass es darauf ankommt, in der Gegenwart zu sein. Doch dass mir etwas klar ist, bedeutet nicht viel, denn Gedanken sind nicht nur flüchtig, sondern auch nicht zu fassen. Entscheidend ist nicht, was ich weiss, sondern was ich tue. Auch dieses Wissen hilft wenig.

Wobei: Ich gebe mir durchaus Mühe. Zwei bis dreimal die Woche fahre ich mit dem Zug in die Berge, wo ich mich regelmässig eine gute Stunde in Walking Meditation übe. Und dabei vor allem merke, dass mein Kopf offenbar ganz andere Vorstellungen hat und mich meist weit weg führt von da, wo ich gerade bin.

Am ehesten ist es mir im April in Japan gelungen nicht nur physisch, sondern auch gedanklich vor Ort zu sein. Wobei: Auch während meiner Zeit dort war ich oft in Brasilien, der Schweiz und wer weiss noch wo. Trotzdem erlebte ich mich nie präsenter als beim stundenlangen Flanieren auf japanischen Strassen.

Mir wäre lieb gewesen, das hätte angehalten. Leider war dem nicht so. Zurück in der Schweiz liess ich mich wieder einlullen von BBC-Diskussionen über Brexit und Berichten über den Durchgeknallten, den die Amerikaner Mister President nennen.

An dem nebligen Morgen im Oktober antwortete ein Fernseh-Experte auf die Frage, was er seinen Kunden in Sachen Brexit rate: Auf alles gefasst zu sein, meinte er. Das erinnerte mich an John Clancys “The Teeth of the Tiger“, das ich vor Jahren in einem B&B im chilenischen Valparaíso gelesen habe und worin der Autor das amerikanische Fernsehen so beschreibt: „They endlessly repeated the hard facts they had managed to gather, and hauled in ‚experts‘ who knew little but said a lot. It was good for filling airtime, at least, if not to inform the public.“

„Understanding is a feeling“ hat mich meine Auseinandersetzung mit der Fotografie gelehrt. Und Gefühle lassen sich auch herbeiführen. Etwa indem man das Richtige tut. Ich schaltete den Fernseher aus, machte mir ein Sandwich, ging zum Bahnhof und bestieg den Zug in die Berge. Heute, Hier & Jetzt, das ist mein Leben.