In Valparaiso und anderswo

Aufzeichnungen

Monat: Januar, 2020

Vom Üben

Bücher haben mich viel gelehrt. Klar, sie unterhalten mich auch (jedenfalls einige), doch in erster Linie erlebe ich sie als Fundgruben, die mich entdecken lassen, was eh schon in mir ist.

In Ilka Piepgras‘ Wie ich einmal auszog, den Tod kennenzulernen, und dabei eine Menge über das Leben erfuhr lese ich von der 84jährigen Künstlerin Mary Bauermeister, die das ganze Leben als Schulprogramm, als Gelegenheit zum Üben versteht, und den Rat gibt: „Tu immer das, was den grössten Mut erfordert. Geh darauf zu, wovor du Angst hast, und du wirst wunderbare Dinge erleben.“ Auch andere Gedanken in diesem hilfreichen Buch schätze ich sehr, etwa diesen der amerikanischen Kolumnistin Lucy Kellaway: „Der Tod konfrontiert dich mit der Frage, ob das, was du tust, auch das ist, was du tun willst. Seine Brutalität bringt alles Gewohnte durcheinander.“ Oder diesen des schwer kranken katholischen Theologen und Jesuiten Medard Kehl, der meint, dass es nicht darum geht, „was der Verstand für wahr hält, sondern darum, wonach man sein Leben ausrichtet. Um die Geisteshaltung.“

Das Leben als Gelegenheit zum Üben, dieser Gedanke hat es mir ganz besonders angetan. Nichts anderes hat mich interessiert, als ich in jungen Jahren begeistert Fussball spielte. Ich lief auch Ski, betrieb Leichtathletik, ja so recht eigentlich versuchte ich mich in fast jeder Sportart. Doch meine Passion gehörte dem Fussball. Im Regen und im meterhohen Schnee, auf schlammigem Boden und in der heissen Sonne. Ich wollte ein guter Fussballer sein, sonst nichts, dafür tat ich alles. Jeden Tag wurde trainiert, ob die Glieder schmerzten oder nicht.

Im Nachhinein scheint mir, es sei mir darum zu tun gewesen, meinen Körper und meinen Geist zu stählen, mich selber zu meistern. Diese Geisteshaltung steht mir nahe; ich bilde mir ein, sie mache mich aus. Nicht immer, doch manchmal. „Fauler Hund“ lachte mein Vater jeweils, wenn ich keine Lust auf Schulaufgaben hatte.

Sagt die Mutter zu der kleinen Marie: „Wenn ich nach Hause komm, hast du dein Zimmer aufgeräumt, hörst mi?“ Als das Zimmer dann doch nicht aufgeräumt ist und die Mutter sich aufregt, erwidert die Kleine zerknirscht: „Ja, Mama, das tut mir ja selber so leid, dass i net megn hab.“

***

„Fascination is the true and proper mother of discipline“, heisst es in Michael Murphys Golf in the Kingdom.

Was einen fasziniert, springt einen nicht immer unvermittelt an, doch manchmal liegt es in einem verborgen und harrt der Entdeckung. Während des Schreibens meiner Magisterarbeit über Dokumentarfotografie (ich zählte damals 46 Jahre), begeisterte mich unter anderem Preisen will ich die grossen Männer von James Agee und Walker Evans, ein Werk, das sich schon über zwanzig Jahre in meinem Besitz befand, ohne dass ich mich gross mit ihm befasst hätte. Zu Bewusstsein kam mir damals auch, dass ich im Alter von siebzehn hatte Fotograf werden wollen.

Mein Schreiben über Fotografie hielt viele Jahre an, bis es von einer anderen Thematik abgelöst wurde (Sucht und Verhaltensänderungen). Doch auch diese erschöpfte sich. Was nun? Ich begann selber zu fotografieren, rahmte ein, was meinen Augen gefiel. Das tat zwar gut, doch es genügte nicht.

„Der Tod verwandelt das Leben in Schicksal“, schrieb einst André Malraux. François Cheng kommentiert in seinen Fünf Meditationen über den Tod und über das Leben: „Demzufolge ist das Universum nicht bloss ein Haufen von Entitäten, die sich blind bewegen, es besteht aus einer ausserordentlichen Vielfalt von Wesen, von denen jedes, getrieben vom Wunsch zu leben, einer gerichteten Bahn folgt, einer Bahn, die ausschliesslich ihm eigen ist.“ Sich dies zu vergegenwärtigen, lässt einen (zugegeben, ich spreche von mir) das Leben auch „als ein unglaubliches, heiliges Geschenk“ sehen – und für Geschenke sollten wir dankbar sein.

Dankbar sein kann man üben. Der Perspektivenwechsel, den François Cheng vorschlägt, hilft dabei: „Anstatt den Tod von dieser Seite des Lebens aus wie ein Schreckgespenst anzustarren, könnten wir den Tod in unsere Sicht einbeziehen und das Leben von der anderen Seite, nämlich von unserem Tod aus betrachten …“.

Lebenshilfen

Die hier aufgeführten Zitate drücken Wahrheiten aus, die mir teuer sind und mich leiten. Damit ich sie nicht vergesse, habe ich sie aufgeschrieben (in der Sprache, in der ich auf sie gestossen bin): Als Gedankenstützen, auf die ich immer wieder zurückkomme, denn sie konfrontieren mich mit der Realität und machen mir so das Leben erträglich und gelegentlich auch leicht.

Leben ist nur ein wandelnd Schattenbild:
ein armer Komödiant, der eine Stunde lang
sich spreizt und fuchtelt auf der Bühne, dann
nicht mehr gehört wird; eines Toren Fabel nur,
voll Schall und Wahn, jedweden Sinnes bar.
William Shakespeare
Macbeth, V. Akt, 5. Szene

Existence with all its horrors is endurable only as an aesthetic fact.
Richard Rorty

Im Grunde sind alle Ideen falsch und absurd. Es bleiben nur die Menschen, so wie sie sind.
Émile Michel Cioran

Caminante, son tus huellas
el camino y nada más;
caminante, no hay camino,
se hace camino al andar.
Antonio Machado

Wenn Du hervorbringst, was in Dir ist, wird das, was Du hervorbringst, Dich retten. Wenn Du nicht hervorbringst, was in Dir ist, wird das, was Du nicht hervorbringst, Dich zerstören.
Thomas Evangelium

Wear the world as a loose garment, which touches us in a few places and there lightly
St. Francis of Assisi

Was Sie nämlich wirklich glauben (nicht, was Sie zu glauben meinen), wird man nur herausfinden, wenn man sich ihr Verhalten ansieht. Davor wissen Sie selbst nicht, was Sie glauben. Sie sind viel zu komplex, um sich selbst zu begreifen.
Jordan B. Peterson
12 Rules for Life

Quelle que soit la durée de votre séjour sur cette petite planète, et quoi qu’il vous advienne, le plus important c’est que vous puissiez – de temps en temps – sentir la caresse exquise de la vie.
Jean-Baptiste Charbonneau
Avis de Passage (1957)

Spezialität ist mir unmöglich. Ich werde belächelt. Sie sind kein Dichter. Sie sind kein Philosoph. Sie sind weder Geometer noch sonst etwas. Sie betreiben nichts gründlich. Mit welchem Recht sprechen Sie von dieser Sache, da Sie sich ihr nicht mit Ausschliesslichkeit widmen? Ach ja, – ich bin wie das Auge, welches sieht, was es sieht. Es braucht sich nur ein klein wenig zu bewegen, und die Mauer verwandelt sich in eine Wolke; die Wolke in eine Uhr; die Uhr in Buchstaben, die sprechen. – Vielleicht ist das meine Spezialität. Meine Spezialität, das ist mein Geist.
Paul Valéry

Liberdade é pouco. O que eu desejo ainda não tem nome.
Clarice Lispector

Erst im späten Alter erlangt der Mensch ganz eigentlich das horazische nil admirari, d.h. die unmittelbare, aufrichtige und feste Überzeugung von der Eitelkeit aller Dinge und der Hohlheit aller Herrlichkeiten der Welt: die Chimären sind verschwunden.
Arthur Schopenhauer
Aphorismen über Alter und Tod

Die Welt ist ein Betätigungsfeld und weiter nichts.
Hans Albrecht Moser
Vineta

… the emphasis falls less on knowing than on imagining, more on freeing oneself up than on getting something right.
Richard Rorty

Wie kann man sich selbst kennen lernen? Durch Betrachten niemals, wohl aber durch Handeln. Versuche, deine Pflicht zu tun, und du weisst gleich, was an dir ist. Was aber ist deine Pflicht? Die Forderung des Tages.
Johann Wolfgang von Goethe
Maximen und Reflexionen