In Valparaiso und anderswo

Aufzeichnungen

Monat: Februar, 2020

Einfachheit ist der Schlüssel

Der 1957 in Oberösterreich geborene Leopold Federmair lebt seit Jahren in Japan und denkt in Die grossen und die kleinen Brüder Japanische Betrachtungen über das Leben an und für sich nach. Etwa anhand der Desillusionierungskunst Dazais, dem nicht Hoffnung, sondern fröhliche Hoffnungslosigkeit vorschwebte: „Es ist alles egal, also tun wir etwas, zumindest Bücher schreiben, Bilder malen, Karikaturen zeichnen, ‚Take Pictures‘.“

Bei mir steht seit einiger Zeit das ‚Take Pictures‘ im Vordergrund. Während vieler Jahre hatte ich über Fotografie nachgedacht und Essays publiziert, in denen ich mich mit der Dokumentar- und der Pressefotografie auseinandersetzte. Bei der Kombination von „Pictures with Words“ faszinierte mich vor allem die Geschichte hinter dem Bild. Heute ist das anders, heute interessiert mich das Bild, die Oberfläche.

Man müsse den Dingen auf den Grund gehen, lautet einer der Glaubenssätze der westlichen Kultur. Da, wo ein Grund auszumachen beziehungsweise zuzuordnen ist, macht das auch durchaus Sinn (etwa beim Versagen eines technischen Gerätes), bei allem andern jedoch nicht, So gibt es zum Beispiel keine Geschichte zum Bild, sondern immer ganz viele. „Er lügt wie eine Augenzeuge“, heisst das russische Sprichwort.

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Die Angriffe auf Peter Handke, als er den Nobelpreis für Literatur zugesprochen gekriegt hatte, hatten auf mich fast nur einen Effekt: Was seine Kritiker geschrieben haben, werde ich nicht lesen. Weder was sie zu Handke geäussert haben noch anderes. Denn ich habe Handke gelesen, vieles von ihm, auch sein Buch über Serbien, Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien. Ich habe es verstanden als eine Gegenposition zu dem Einheitsbrei der westlichen Medien. Kriegshetze fand ich darin nicht. Überhaupt nicht.

Ich bin skeptisch, wenn sich alle einig sind. Es gibt in keinem Krieg die Guten und die Bösen, es gibt sie nie, gar nie. In uns allen gibt es immer alles und einmal kommt das Eine, ein anderes Mal das Andere hoch. Nein, das meint nicht, das alles relativ ist, das meint etwas ganz anderes: dass die Welt von der Ignoranz regiert wird.

Ich kenne Peter Handke nur aus seinen Büchern, finde ihn gelegentlich etwas sehr esoterisch, viel häufiger jedoch macht er mir bewusst, was auch mich umtreibt. Aus Mein Jahr in der Niemandsbucht:
„Ich lebte kaum mehr mit meiner Zeit, oder ging nicht mit, und da mir nichts je so zuwider war wie die Selbstzufriedenheit, wurde ich zunehmend gegen mich aufgebracht. Welch ein Mitgehen hatte sich zuvor ereignet, was für eine grundandere Begeisterung war das gewesen, in den Stadien, im Kino, auf einer Busfahrt, unter Wildfremden. War das ein Daseinsgesetz: kindliches Mitgehen, ausgewachsenes Alleingehen.
Ich freute mich an meinem Alleingehen und war doch bedürftig des Mitgehens; und füllte mich jene Freude einmal aus, entbrannte ich nach den Abwesenden: Ich sollte die Fülle, damit dies gelte, augenblicklich mit ihnen teilen und weiten. Die Freudigkeit in mir konnte nur heraus in Gesellschaft, freilich in welcher?
Indem ich für mich blieb, drohte ich zu verkümmern. Die neue Verwandlung wurde dringlich. Und anders als jene erste, die mich hinterrücks befallen hatte, würde ich sie diesmal selber in Gang setzten.“

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„Versuche einfach, ein guter Mensch zu sein“, rät ein tibetischer Mönch einer aggressiven Fünfjährigen, die im Waisenhaus, dem er vorsteht, für Unruhe sorgt. Wer jetzt fragt, was ist das genau, ein guter Mensch, versteht denn nicht jeder darunter etwas anderes?, will diskutieren und nicht begreifen.

„Understanding is a feeling“, habe ich bei meiner Beschäftigung mit der Fotografie gelernt. Zu fühlen verlangt, sich Zeit zu nehmen. Wer sich für den Satz „Versuche einfach, ein guter Mensch zu sein“ Zeit nimmt und bereit ist, ihn auf sich wirken zu lassen, wird ihn verstehen. Das weiss ich, weil ich es erlebt habe.

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„This day is the first day of the rest of your life.“

Ungarische Impressionen

Zalaegerszeg
Ungünstiger kann man kaum den Tag beginnen. Als ich aus der Duschkabine trete, hole ich mir einen blutenden Zeh und kurz darauf schneide ich mir beim Rasieren in die Nasenspitze …. eine Premiere.

Es ist ausgesprochen finster in meinem Hotel, die an der Flurwand angeheftete Information in Sachen Frühstückszeiten mangels Licht nicht lesbar. Die Rezeptionistin, die keine mir bekannte Sprache spricht, funktioniert ihr Handy zu einer Taschenlampe um und dann kann ich lesen, dass eine Stunde fürs Frühstück vorgesehen ist, von 8 bis 9.

Die Medien vermitteln mir den Eindruck eines  fremdenfeindlichen Ungarn. Dass man nur Leute mit Papieren ins Land lasse, findet der Hotelbesitzer in Ordnung. Besonders nationalistisch scheint mir dies nicht. Zudem schafft eine solche Haltung auch Arbeitsplätze – man denke an die Passfälscher.

Das man sich ausweisen soll, ist mir selbstverständlich, dass man wissen soll, wer ins Land kommt, ebenso. Soll man das echt diskutieren? Ich nicht.

Wie überall auf der Welt, werden Leute mit Geld gern willkommen geheissen. Für Geld tut man heutzutage alles; früher nannte man das Prostitution. Die Chinesen haben gerade wieder ein Hotel gekauft und in kürzester Zeit umgebaut. Bis auf zwei Ungarn seien alle Angestellten Chinesen, sagt der Hotelbesitzer.

Heute Sonntag um zehn treffe ich mich mit Kollegen im Café zum Ratschen, also zum Lügen, grinst er. Der Unterschied zu früher: Damals habe er jeweils am Sonntag seine Mutter auf dem Land besucht. Sie seien zusammen in die Kirche und anschliessend zum Essen gegangen. Heute greift man zum Handy und fragt, ob alles klar sei.

Ob mir die ungarischen Noten gefallen?, fragt die Bedienung im Café, die sich freut, wieder einmal Englisch zu sprechen. Sie hat einige Jahre in London gelebt, ist seit Kurzem wieder zurück und malt. Sie zeigt mir auf ihrem Handy einige ihrer Bilder, die mich ansprechen, weil sie mich an meine Fotos gemahnen – einfach und ästhetisch. Ja, die ungarischen Banknoten gefallen mir. Ohne die Frage der jungen Frau hätte ich sie mir wohl gar nie richtig angeschaut.

Der Mann, mit dem ich am Bahnhof ins Gespräch komme, hat, sofern ich seinen melodiösen Mix richtig verstehe, 12 Jahre in Schottland verbracht, musste dann aber wegen Steuerproblemen von fünfeinhalb Millionen Forint nach Ungarn zurückkehren. Schon interessant, was einem gewisse Leute innert der ersten paar Minuten des Kennenlernens so alles erzählen, und dazu noch auf Schottisch-Ungarisch
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Zu den wichtigeren Gründen im Alter zu reisen, gehört, dass die Zeit langsamer vergeht, wenn man aus den Routinen fällt.

Die eigene Unfähigkeit zur Geduld, die uns alle peinigt … Michael Naura, Pianist
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Szombathely
Im zum Tagungszentrum umfunktionierten ehemaligen Karmelitenkloster kriege ich dasselbe Zimmer wie beim letzten Mal und wiederum bin ich der einzige Gast. Die Stille beruhigt .

Die Bedienung im Café hat nach eigenen Angaben einen langweiligen Sonntag hinter sich, kaum Gäste. Sie erzählt mir, sie habe vor einem Jahr, im Alter von 25, eine ‚to do‘-Liste erstellt, die alle Dinge beinhalten, die sie vor 30, also vor dem Ehemann/Kinder/Haus-Programm, machen wolle. Die ersten fünf sind: Ägypten, Tandem-Springen, River Rafting, mit einem Dodge über die Rennbahn und Las Vegas. Ob Sie immer schon so klare Vorstellungen gehabt habe? Ja, und sie ziehe diese Dinge dann auch immer durch. Sie zeigt mir Fotos, wie sie im Tandem aus dem Flugzeug sprang. Die beste Art, gesund zu bleiben, denkt es so in mir, ist herauszufinden, was einem Freude macht und das dann auch tun.

Sopron
Die Türe zum Schumacher Laden, der gemäss Schild durchgehend von 7 bis 16 Uhr geöffnet hat, ist geschlossen. „Um 13 Uhr zurück“ lese ich und komme um 13 Uhr wieder, stehe dann 10 Minuten vor der geschlossenen Türe, bevor ich mich wieder davon mache und auf Rache sinne. Der Gedanke streift mich kurz, der Schumacher liege wahrscheinlich mit einem Hangover im Bett oder habe womöglich einen Unfall gehabt. Das geht natürlich nicht, denn ich will jetzt meine Schuhe zurück, der Mann hatte schliesslich eine ganze Woche Zeit. Jetzt reg dich nicht auf, vielleicht ist er ja krank. So ein Schmarren, dann hätte er doch nicht eine Notiz hinterlassen, er werde um 13 Uhr zurück sein. Nun ja, aus irgendeinem Grund musste er weg. Schon komisch, dass mich meine Überlegungen emotional überhaupt nicht erreichen. Als ich um 13 Uhr 45 wieder vorbei schaue, sehe ich den Schumacher gerade die Tür aufschliessen. Er musste im Spital drei Stunden warten, sagte er, nur um dann gesagt zu kriegen, er solle morgen zu einer Ultraschalluntersuchung wieder zurückkommen.

„In Kürze erreichen wir Neufeld an der Leiter“, ertönt die Durchsage im Zug von Sopron nach Wien. Komische Namen haben die ja schon, die Österreicher, denkt es so in mir. Dann sah ich den Ortsnamen geschrieben: Neufeld an der Leitha.