Schweizer Begegnungen

von hansdurrer

Melchtal. Ich weiss nicht mehr, wo ich darüber gestolpert bin, doch am nächsten Tag nehme ich den Zug und fahre hin. Sargans – Zürich – Luzern – Sarnen, und dann mit dem Bus über Kerns – St. Niklausen nach Melchtal, wo mein Grossvater väterlicherseits herstammt. Er ist nach Zürich ausgewandert und hat sich dort einbürgern lassen, weshalb ich Bürger von Zürich und Kerns/OW bin. Melchtal erlebe ich als ein paar Häuser entlang der Hauptstrasse, eine junge Frau mit einem Kind kommt mir entgegen, sonst sehe ich niemanden. Ein Kloster gibt es noch und zwei Hotels, deren Parkplätze leer stehen. Schulkinder besteigen das Postauto nach St. Niklausen, ein Mädchen setzt vis-à-vis von mir. Sie heisst Vanessa Durrer und stammt aus St. Niklausen. Als ich in deinem Alter war, war ich auch einmal in St. Niklausen, sage ich. Woher weisst du, wie alt ich bin? Du hast doch gesagt, du seist in der zweiten Klasse, also bist du sieben. Sie nickt. Woher kommst du?, will sie wissen. Aus Sargans. Sie guckt ratlos. Drei Stunden von hier. Sie schaut zum Fenster hinaus. Morgen gehen wir in die Bibliothek nach Kerns. Liest du gerne? Ja, sehr. Was denn gerade? Sie zählt vier Bücher auf, darunter Asterix und Obelix, das sie super findet, weil es lustig ist.

In Sarnen gehe ich auf einen Cappuccino in ein Café beim Bahnhof. Es dauere aber sieben Minuten, wird mir erklärt, weil es ein speziell schaumiger Cappuccino sei – und er ist es, es dauert bestimmt eine Minute bis ich durch den hoch aufgetürmten Schaum zum exzellenten Kaffee vorstosse. Sarnen habe 10’000 Einwohner und 40 Restaurants, erzählt ein Mann an der Theke, der perfektes Obwaldnerisches redet und, wie er sagt, ursprünglich aus der Türkei stammt. Wo ich her sei?, fragt der Geschäftsführer und leuchtet auf, als ich es ihm sage, denn in Sargans, also genauer im Liechtenstein, habe er einmal eine Freundin gehabt. Ich hätte gerade Melchtal besucht, sage ich, ob das Kloster noch in Betrieb sei? Nein, das sei ein Frauenkloster gewesen und die ehemaligen Nonnen lebten nun im Kloster in Sarnen.

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Zurück in Sargans von einem Spaziergang zwischen Bever und Samedan, treffe ich auf eine Bekannte, die ich sehr mag und selten sehe. Wir reden über Gott und die Welt, was meint, ich lasse sie an meinen neuesten Erkenntnissen teilhaben, die ich bereits wieder vergessen habe, doch ich erinnere mich, dass ich irgendwann bei der Angst lande (das tue ich ständig) und sie sagt, sie habe letzthin mit einem Bauern geredet, der behauptete, überhaupt keine Angst zu haben, vor gar nichts. Als sie ihn darauf hin fragte, warum er ihr dann nicht in die Augen sehen könne, gab er klein bei und sagte, ja, sie habe recht.

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Der Buschauffeur nach Weisstannen fährt erst seit zwei Jahren Bus, vorher war er zwanzig Jahre Büroangestellter. Der Hauptunterschied sei, dass er heutzutage gerne zur Arbeit gehe, sagt er.

An der Haltestelle in Mels will ein alter Mann, der am Stock geht, mein Alter wissen. Als er mich zehn Jahre jünger schätzt, tu ich ihm den Gefallen und frage ihn, wie alt er sei. Er ist neunzig. Was das Wichtigste im Leben sei? Gesund und zufrieden zu sein, meint er. Und wie das gehe, zufrieden zu sein? Also wenn mich einer „aseicht“, dann sage ich dem, er solle „in de Egge dört änä seiche“.

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Die Frau neben mir auf der Wartebank am Bahnhof Grüsch ist 87 und stammt aus Seewis. Wie heisst noch einmal diese beeindruckende Felswand, die man von Seewis aus sieht?, frage ich. Sie wisse es nicht mehr, sie habe Mühe mit dem Gedächtnis seit sie fünfzig sei. Und eigentlich bereits in der Schule, doch sie habe einen guten Lehrer gehabt, der gemerkt habe, wie sie ticke und das akzeptiert habe. Ob sie mir ein Beispiel geben könne? Beim Vorlesen habe sie jeweils einen Satz gelesen und dann gesagt, ich gebe weiter, und dann habe die nächste Schülerin übernommen.. Der Lehrer habe das respektiert. Schön, dass es solche Lehrer gibt, sage ich. Ja, deswegen konnte ich später auch Schneiderin lernen, antwortet sie.

Ich bin ausgesprochen angetan von der Farbqualität, die meine Kamera liefert und zeige ihr die Fotos, die ich zwischen Schiers und Grüsch aufgenommen habe. Das sind sehr schöne Bilder, sagt sie. Danke, dass Sie sie mir gezeigt haben.

Im Zug nach Landquart komme ich neben eine junge Frau zu sitzen, die hoch konzentriert ihre Hose glatt streicht. Scheint eine ziemliche Herausforderung zu sein, kommentiere ich. Sie sei heute zum zweiten Mal an exakt der gleichen Stelle hingefallen, lacht sie. Und erklärt mir dann im Detail, wo in Grüsch das passiert ist (wohl in der Annahme, ich kenne mich im Ort aus, was ich jedoch nicht tue) und so sage ich: Dann wissen Sie ja jetzt, wo Sie beim nächsten Mal aufpassen müssen. Sie grinst zustimmend.

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Im Bus von Furna nach Schiers komme ich mit einer Ukrainerin ins Gespräch, die im Winter in Furna und im Sommer auf einer Walliser Alp als Käserin arbeitet. Wie sie dazu gekommen sei? Sie habe im Internet einen deutschen Käser in der Schweiz kennengelernt, geheiratet, sich wieder getrennt, doch das Käsen sei ihr geblieben. Im Wallis arbeite sie immer mit drei Männern zusammen, meist Schweizern, doch letztes Jahr seien zwei Rumänen dabei gewesen; die Chefin sei sie und ihr Raclette übrigens berühmt.

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In Klosters habe er lange gelebt, sagt der Mann, der im Werkhof Sargans die Aufsicht hat. Ob er mir einen schönen Wanderweg empfehlen könne? Monbiel, antwortet er. Am Bahnhof von Klosters frage ich bei den Postautos, wie ich da  hinkomme. Mit diesem Bus hier, sagt einer der Chauffeure, und so steige ich ein und erkundige mich beim Fahrer, wo ich am besten aussteige, wenn ich etwa eine Stunde durch die Gegend wandern wolle. Nicht nur erhalte ich umfassend Antwort, er rät mir überdies, bis zur Endstation mitzufahren, weil ich von dort den besten Überblick hätte. Auf der Rückfahrt werde er mir dann zeigen, wo ich eine gute Strecke finde.

Manchmal ist es von Vorteil, Schaf zu spielen, und so lasse ich mich von dem Mann leiten, der nicht nur vom Prättigau begeistert ist, sondern auch ausgesprochen redselig. Seit 1991 fahre er jetzt Postauto, früher sei er Metzger gewesen, in der Innerschweiz und dann im Liechtenstein. Wegen des Rückens habe er umsatteln müssen. Er gehe viel wandern, mit Feldstecher und Znüni, er nehme sich Zeit. das sei das Wichtigste. Immer wieder bricht seine Freude am Leben durch und ich lasse mich gern davon anstecken.