Geschenkte Momente

von hansdurrer

Sonntagmittag, Anfang März. Die Sonne scheint, als ich am Bahnhof von Valendas aus der Rhätischen Bahn steige. Ich will zu Fuss nach Sagogn, die Strasse führt durch den Wald. Das durch die Blätter scheinende Sonnenlicht bringt Farbmuster hervor, die mich bezaubern und zum Fotografieren bewegen. Die Kamera lehrt mich zu sehen.

Im fast leeren Postauto, das mich von Sagogn nach Ilanz bringt, überkommt mich ganz unvermittelt das Gefühl: Was für ein Geschenk dieser Moment doch ist. Ich fühle mich leicht und mit allem einverstanden und staune, dass es gibt, was es gibt – das Postauto, den Chauffeur, die Strasse, die grünen Wiesen, das Dorf, das wir gerade durchfahren. Martin Heidegger geht mir durch den Kopf, der gemeint hat, es sei ein Wunder, dass es überhaupt etwas gebe und nicht einfach nichts.

Am nächsten Morgen beim Aufwachen wiederum dieses Staunen darüber, dass wir die Wirklichkeit erfahren dürfen: dass ich aufwache, meine Augen das allmähliche Heller-Werden des Tageslichts durchs Fenster sehen, meine Hände das über die Bettmatratze gespannte Leintuch spüren können. Und mir wird bewusst: Nichts anderes gilt es zu tun, als zu lernen, mich mit diesen Momenten zufriedenzugeben – und nicht mehr, nichts anderes, nur gerade das, was ist, zu wollen.

Schon klar: Schwierigeres gibt es nicht. Wenn ich es zu fest will, geht es nicht, stellen sich solche Momente nicht ein. Und ob man Nicht-Wollen wollen kann, bezweifle ich. Irgendwie und sowieso. Sich damit abfinden, dass das Leben nicht so funktioniert wie ich denke, dass es so recht eigentlich müsste, geht es darum? „Das Leben gehört uns nicht, wir gehören ihm“, schreibt François Cheng in Fünf Meditationen über den Tod und über das Leben. Denn uns sei aufgegeben, uns der heiligen Ordnung des Lebens rückhaltlos anzuvertrauen, damit „die Entwicklung des Lebens zu einem gewaltigen Abenteuer voller bemerkenswerter Erfolge und unvorhersehbarer Gefahren“ werden kann.

Erica Jongs gescheiter und witziger Roman Angst vorm Sterben geht mir durch den Kopf: „Hingabe ist der Schlüssel zu allem. Hingabe ist alles. Hingabe ist Frieden. Mein ganzes Leben lang wollte ich immer nur Mehr-Mehr-Mehr. Nichts war mir je genug. Ich steckte voller Neid und Missgunst. Ich glaubte, alle hätten mehr als ich. Inzwischen weiss ich, dass diese ganze Sucht nach dem Mehr-Mehr-Mehr eine Krankheit ist, eine Täuschung. Wir haben alle schon genug. Wir wissen es nur nicht.“

Wenn er sterbe, gebe er die Grundbausteine des Lebens, die ihm zur Verfügung gestellt worden seien, wieder zurück, so der 1929 geborene Werner Arber in Ausleben. Gedanken an den Tod verschiebt man gerne auf später von Mena Kost & Annette Boutellier. Diese könnten dann zu etwas Neuem beitragen, möglicherweise auch zu einer Pflanze oder einem Wurm. „Ich finde es sehr befriedigend zu wissen, dass ich diese Grundbausteine wieder abgebe. Das ist für mich die Auferstehung. In dieser Betrachtungsweise fühle ich mich geborgen.“