In Valparaiso und anderswo

Aufzeichnungen

Monat: April, 2020

Die Angst vor dem Leben

Frankly, I was horrified by life, at what a man had to do
simply in order to eat, sleep, and keep himself clothed.
So I stayed in bed and drank. When you drank the world
was still out there, but for the moment it didn’t have you by the throat.
― Charles Bukowski

„Ohne triftigen Grund und zwingende Notwendigkeit bewegen wir uns nicht vom Fleck“, schreibt Vincent Deary in seinem lebensklugen „Wie wir sind“. Weil das Vertraute uns Sicherheit gibt, wir selten Erkenntnis, sondern meist Bestätigung suchen. Und weil wir in hohem Masse Gewohnheitsmenschen sind.

Aus gutem Grund, denn etwas Unsichereres als das menschliche Leben ist schwer vorstellbar. Jederzeit ist alles möglich. Auch wenn man, so man denn wie ich in der Schweiz aufgewachsen ist, glauben mag, dass da, wo man selber ist, sich überhaupt nie etwas ändert. Und dass, was vielleicht andernorts möglich ist, hier gar nicht vorkommen kann. So sagte etwa Bundesrat Léon Schlumpf nach dem Reaktorgau in Tschernobyl, so etwas sei in der Schweiz nicht möglich. Einige haben diese Aussage vermutlich ziemlich absurd gefunden, aber eben irgendwie doch geglaubt. Ich zum Beispiel.

Was der Mensch zu wissen glaubt, erweist sich bekanntlich oft als Irrtum. Das ist wenig beruhigend. Noch weniger beruhigend ist, was die Wissenschaft über den Planeten, auf dem wir durchs Weltall düsen, herausgefunden hat, denn Wissen kann auch überfordern. Der Planet Erde – der gemäss neuen Forschungen 20 bis 90 Millionen Jahre jünger ist als vermutet und jetzt als zwischen 4,51 und 4,44 Milliarden Jahre alt gilt (so „Der Spiegel“ am 27. Mai 2010) – ist ein Teil der Milchstrasse, einer Galaxie, die aus Millionen von Planeten besteht. Behauptet die Wissenschaft. Mir kommt das zwar etwas eigenartig vor (Wie kann man das wissen, wer hat alle diese Planeten eigentlich gezählt?), ich glaube es trotzdem. Irgendwie. Shakespeare sagt es am besten: „So I have heard and do in part believe it“.

Ein klarer nächtlicher Sternenhimmel erfüllt mich jedenfalls mit Ehrfurcht. Auch wenn mir nicht wirklich klar ist, was genau ich da sehe. Vor Jahren, auf einem Parkplatz in der südkalifornischen Wüste, hatten Hobby-Astronomen ihre Teleskope aufgebaut und Interessierte eingeladen, einen Blick hindurch zu werfen. Ich sah zwar nur gelbe Punkte, fühlte mich jedoch gleichwohl bemüssigt, etwas Positives zu sagen. „Der dort bewegt sich aber sehr schnell!“ Nach einem kurzen Blick durchs Teleskop meinte der Besitzer: „Das ist ein Jet im Landeanflug auf LAX“, den Flughafen von Los Angeles.

1990 wurde das Hubble-Teleskop im Weltraum ausgesetzt und liefert seitdem Bilder, die zeigen, dass es neben der Milchstrasse noch Milliarden von weiteren Galaxien gibt. Vorstellen kann man sich bekanntlich vieles, aber das dann doch nicht. Jedenfalls ich nicht. Hingegen ist klar, was dies bedeutet: Wir sind nicht dazu gemacht, das Universum zu verstehen, sind so recht eigentlich schon ziemlich überfordert, mit dem Leben auf der Erde klarzukommen.

Zugegeben, nicht alle. Als Stellvertreter für viele möge das Denken des Autors von „Kein schönes Land in dieser Zeit“ dienen, über den im Klappentext zu lesen steht: „Dr. Mehmet Gürcan Daimagüler MPA, geboren in Siegen als Sohn türkischer Gastarbeiter, studierte Jura, VWL und Philosophie in Bonn, Kiel, Witten-Herdecke, Harvard und Yale. Er ist ‚World Fellow‘ der Yale University und ‚Littauer Fellow‘ der Harvard University. Er war Berater der Boston Consulting Group und ist als Rechtsanwalt und Strategieberater in Berlin tätig. Das ‚World Economic Forum‘ in Davos kürte Mehmet Daimagüler im Jahr 2005 auf Initiative des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder zum ‚Young Global Leader’“, dessen Haltung – „Strukturiert vorgegangen ist jedes noch so grosse Problem rasch lösbar, nicht nur in Jura, sondern überall“ – von einer Zuversicht geprägt ist, die sensibleren Menschen etwas arg simpel vorkommen mag. Wie heisst es doch bei Ludwig Thoma: „Der königliche Landgerichtsrat Alois Eschenberger war ein guter Jurist und auch sonst von mässigem Verstand.“

Hans Durrer
Wie geht das eigentlich, das Leben?
Anregungen zur Selbst- und Welterkundung
neobooks, München 2017

Alles ist gut, alles

Zu seinen Gewohnheiten gehörte, Unangenehmes so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Die Idee dahinter – wenn es denn überhaupt eine Idee war, so war es keine bewusste, von der ihm klar war, dass sie sein Verhalten leitete, sondern eine nachgereichte – war, anschliessend das machen zu können, wozu er mehr Lust hatte. Leider ist es nun aber so, dass, kaum hatte er die eine unangenehme Sache (meist Problem genannt) hinter sich gebracht, schon die nächste vor seiner Nase stand. Mit anderen Worten: Er räumte ständig so schnell wie möglich Probleme aus dem Weg, deren Anzahl sich deswegen jedoch nicht zu verringern schien.

Wer sich ändern wollte, musste sich anstrengen, hatte er sein Leben lang geglaubt. Neues zu wagen, erforderte Mut. Das war zwar nicht falsch, doch es umschiffte, worum es wirklich ging – man musste nicht ändern, was man tat (sicher, das war manchmal notwendig – wenn man dem Suff verfallen war, zum Beispiel), sondern wie man es tat. Dass das Leben schwierig war, war nicht das Problem, sondern dass man nicht akzeptieren wollte, dass es schwierig war.

Hehre Worte, doch seine Praxis war anders und bestand wesentlich darin, darauf zu warten, dass alles sich ganz plötzlich perfekt anfühlte. Das war sein Muster und er war unfähig, es zu brechen. Und dann, er merkte es erst im Nachhinein, ging er auf einmal anders durch den Tag als zuvor, haderte er nicht mehr mit seinen ständig misslingenden Versuchen, ein neues Leben zu beginnen. Es war ihm, als ob er endlich begriffen hätte, dass er ohne sein Scheitern nicht aufgegeben hätte und dass Aufgeben (surrender, wie es im Englischen zutreffend heisst) die Voraussetzung für die andere Art von Leben war, die ihm vorschwebte. Scheitern war notwendig, war Vorbereitung für das, was ultimativ zählt – die Hingabe ans Leben. Schon etwas esoterisch, dachte er so bei sich, doch was zählte waren nicht die Worte, sondern die Erfahrung zu machen.

Alles ist gut, alles. Für alle die ist es gut, die da wissen, dass alles gut ist. Wenn sie wüssten, dass sie es gut haben, dann hätten sie es gut, aber so lange sie das nicht wissen, so lange werden sie es auch nicht haben. Das ist der ganze Gedanke, der ganze Sinn, einen weiteren gibt es überhaupt nicht.
Fjodor M. Dostojewski: Die Dämonen

Hans Durrer
Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn
Ansichten und Einsichten
neobooks, München 2019