In Valparaiso und anderswo

Aufzeichnungen

Doch Zufälle gibt es ja nicht

In Szombathely, morgens um halb acht klingelt mein Telefon. Ich kenne die Nummer nicht, am andern Ende ist Laurence aus Choulex, von der ich seit mehr als einem Jahr nichts gehört habe. Sie hat sich verwählt und lacht „Il n’y a pas de hazard“. Ich sehe das auch so. Nicht etwa, weil ich alles für vorbestimmt halte, sondern weil alles genau so ist wie es ist. Und alles kommt wie es kommt. Nein, das ist nicht offensichtlich, schliesslich verleiten uns unsere Hoffnungen und Wünsche ganz anders zu denken, doch es ist wahr, tief wahr. Es bedeutet, die Dinge zu akzeptieren wie sie sind, alle, sie anzunehmen, mit ihnen zu leben.

Eine halbe Stunde nach Laurences Anruf: Ob ich eine offizielle Rechnung brauche? Nein, sage ich, worauf die Rezeptionistin (die einmal ein Jahr als Au Pair in Founex verbrachte und Französisch mit mir sprach) mir eine in dreifacher Ausführung ausdrückt, die ich alle drei unterzeichnen musste. Hören sich Menschen eigentlich überhaupt einmal zu?

Hätte ich letzten Sommer nicht sechs Wochen lang mit einer Ungarin zusammengearbeitet, wäre ich wohl nie nach Ungarn gefahren, hätte kaum zwei Nächte in einem ehemaligen Kloster zugebracht und vermutlich nicht verstanden, dass es keine Zufälle gibt. Denn was einem zufällt ist nicht zufällig. Das heisst nicht, dass unser Schicksal vorgegeben ist (andererseits: wer weiss das schon?) oder unseren Vorstellungen gemäss Sinn macht. Es heisst nur, dass das, was ist, nichts anderes ist und sein kann, als was es ist.

Sie mache keine Fotos mit der Kamera, sie mache ihre Bilder im Kopf, sagt die junge Frau, die mir in Sopron die Nägel macht. Viele der Bilder, die mich schon lange begleiten, existieren auch nur im Kopf und haben da ihren festen Platz – die alte Frau mit einem Bündel Brennholz auf dem Rücken in den Bergen bei Santa Cruz do Sul – , doch die vielen, die mir nicht mehr präsent sind, sind mir ebenso ein Rätsel wie warum einige noch immer locker abgerufen werden können. Das Gedächtnis gehört eindeutig mit zu den eigenartigsten Dingern, die es gibt. Bei den Fotos die ich heute gemacht habe, waren zwei dabei, die ich bereits vor sechs Wochen gemacht habe, als ich zum ersten Mal hier war. Gemerkt habe ich es erst im Nachhinein, als ich anschaute, was ich fotografiert hatte. Dabei waren eine Strassenlaterne und ein Türschloss, die ich ich genau so schon einmal eingerahmt hatte. Dass ich’s im Nachhinein bemerkt habe, spricht zwar für mein Gedächtnis, dass ich es nicht schon vorher merkte, eher nicht.

Auf dem Hauptplatz von Salgótarján steht ein unbewohnter Wolkenkratzer, unser ‚Ghost Hotel‘, sagt meine Bekannte. Seit 15 Jahren steht es jetzt leer, niemand weiss, wem es gehört. Eine Englischlehrerin gesellt sich zu uns. Früher sei dieser Platz an Freitagabenden voller junger Leute gewesen, die seien alle weggezogen, es gebe hier keine Arbeit mehr. In den 1950er und 1960er Jahre sei das eine ganz andere Stadt gewesen, Avantgarde, viele Fabriken, modernste Gebäude. Als dann 1989 der Regimewechsel kam, sei alles zusammengebrochen.

Auch 12jährige Buben seien in der Braunkohle-Mine eingesetzt worden. Und Pferde, die untertags blind geworden und nach vier Jahren gestorben seien, sagt der Museumsführer der Mine (eine von damals insgesamt 44 in der Gegend). Es ist mehr als nur bedrückend in diesen engen Tunnels unter der Erde diesen Geschichten zuzuhören.

„No, I do not need a ticket, I’m sixtysix“, sage ich zur Frau am Fahrkartenschalter der Busstation und halte ihr meine Identitäskarte entgegen, worauf sie in fast nicht mehr zu bändigendes Lachen ausbricht – worüber entzieht sich mir, wir verfügen über keine gemeinsame Sprache. Auch mit der Mutter meiner ungarischen Bekannten kann ich mich auf unserem Ausflug in die Slowakei in keiner der mir mehr oder weniger geläufigen Sprachen unterhalten. Die Verständigung klappt trotzdem. „Panorama problem“, sagt sie und mir ist problemlos klar, wovon sie spricht – der Nebel auf der Burg ist dermassen dicht, dass wir kaum etwas von der Landschaft sehen können.

Am Fahrkartenschalter. Reden Sie Deutsch? Kopfschütteln. Englisch? Kopfschütteln. Das passiert mir regelmässig und so rede ich im Infinitiv und mit gelegentlichen Substantiven weiter. Die Verständigung klappt.

Am Bahnhof von Vezprém hatte ich das Gefühl, ich hätte nicht her kommen sollen. Zwei zahnlose Säufer stolperten aus einer wenig einladend wirkenden Kneipe, die Busse sahen aus wie kurz vor oder kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und wo die Stadt war beziehungsweise wie ich da hinkommen sollte, war mir ein Rätsel. Die Frau am Fahrkartenschalter war ausgesprochen freundlich und empfahl mir ein Taxi, doch als ich die Nummer der Taxizentrale wählte, ertönte eine Ansage ab Band, nur auf Ungarisch, wie in Ungarn üblich, vermutlich zur Stärkung des Nationalbewusstseins, dem Steckenpferd der gegenwärtigen Regierung. Gott sei Dank für Messenger – meine Anlaufstelle für alles Ungarische in Salgótarján half weiter, das Taxi kam, der Fahrer war freundlich und sprach etwas Deutsch, die gebuchte Unterkunft superb und die Innenstadt eine Augenweide.

Der Kirgise, der mich am nächsten Tag anspricht, hält mich für einen Professor der hiesigen Uni, wo er im zweiten Jahr für sein PhD ist. Wir unterhalten uns über Linguistik (das Fach, in dem er dissertiert) und landen irgendwie bei der Migration. Als ich sage, die Gesetze eines Landes zu respektieren, hielte ich für selbstverständlich, egal was für einer Religion jemand anhänge, fragt er: Und was, wenn es keine Gesetze gibt beziehungsweise alle sie brechen? Ob er von Kirgistan rede? Er lacht.

Im Zug von Innsbruck nach Sargans komme ich bis Sankt Anton am Arlberg mit einer Malerin ins Gespräch, die vom Nebel schwärmt (man sehe da die Dinge nur ansatzweise und dürfe sich dann vorstellen, wie sie weitergehen) und ausschliesslich den Schnee malt, der ja in vielerlei Gestalt daherkäme (man denke an die Eskimo und ihre dreissig Worte für Schnee). Jetzt im Nachhinein gehen mir beim Blick in den Morgennebel einige ihrer Ausführungen durch den Kopf – dass der Schnee zudecke, es ganz viele Weiss gäbe und er gewaltig, ja auch bedrohlich sei. Eigenartig und berührend, wie einige Begegnungen nachhallen.

Was ich immer schlechter ertrage

Vor ein paar Tagen war ich bei einem Book Launch: Ein Buchverlag stellte das neue Buch eines Fotografen vor. Anwesend waren der Verleger, ein Journalist, eine Kunstkritikerin und der Fotograf. Und natürlich das Publikum, zu dem auch ich zählte, für eine halbe Stunde, denn dann hatte ich bereits genug. Der einzige der Runde, der wirklich etwas zu sagen hatte, war der Fotograf; die drei anderen waren aufgeblasene Wichtigtuer und solche ertrage ich immer schlechter. Früher dachte ich (manchmal), mir fehle das nötige Wissen, heute weiss ich, dass die eitlen Selbstdarsteller schlicht hohl sind. Ich vermute, meine Einschätzung hat mit meinem fortschreitenden Alter zu tun. Aber nicht nur, denn letztendlich kann sich nur zeigen, was in einem bereits angelegt ist.

Älter werden bedeutet auch, dass sich Charaktereigenschaften deutlicher zeigen. Altersmilde mag vorkommen, Altersradikalität ist häufiger. Und dann gibt es ja auch noch die Altersstarrheit, der die Demenz vorzuziehen ist. Zudem: Die Vorstellung man werde im Alter geduldiger ist ein Mythos. Ich jedenfalls werde ungeduldiger, ertrage Unsinn immer schlechter und Deppen gar nicht mehr.

Was ich darüber hinaus immer schlechter ertrage sind intellektuelle Langweiler. Blöd ist nur, dass ich auf die immer wieder hereinfalle. Genauer: Ich falle auf meine Hoffnungen und Sehnsüchte herein. Als da zum Beispiel wären: neue hilfreiche Erkenntnisse, um das Leben und die Welt besser zu verstehen.

In jüngeren Jahren glaubte ich an den Wert der Bildung. Sich in der Weltliteratur, der Geschichte und der Philosophie auszukennen, war mir nicht nur Gebot, sondern Notwendigkeit. Irgendwann stellte ich dann fest, dass mir von dem, was ich gelesen hatte, kaum mehr etwas präsent war. Ja, ich nahm Bücher aus dem Regal in der Absicht, sie jetzt endlich einmal zu lesen, nur um dann festzustellen (ich hatte mir mich wichtig dünkende Passagen markiert), dass ich sie bereits gelesen hatte.

Eigenartigerweise hinderte mich das jedoch nicht, auch weiterhin an den Wert der Bildung zu glauben. Zumindest theoretisch, praktisch funktionierte es hingegen immer weniger. Ein Buch über den Typus des Tyrannen, das mir laut Pressemitteilung auch den gegenwärtigen amerikanischen Präsidenten erklären sollte, entpuppte sich als gelehrte Studie über die Stücke Shakespeares; ein Buch darüber, wie die Literatur die Geschichte der Menschheit formte, erwies sich als eine (wiederum gelehrte) Spurensuche zu den Grundlagentexten unserer Zivilisation wie das Gilgamesch-Epos und Homers Ilias; und ein (wiederum gelehrtes) Buch über die Odyssee war nichts anderes als eine Einführung ins Fachgebiet des Autors. Kurz und gut: auf die Fragen, die mich bedrängen, haben sogenannt anerkannte und respektierte Professoren, die mich einmal (und aus heutiger Perspektive nicht nachvollziehbaren Gründen) beeindruckt haben, definitiv keine Antworten.

Seit ich mal über den Satz gestolpert bin, wer wissen wolle, wie ein Zen-Meister wirklich sei, solle dessen Frau fragen, hält sich meine Hochachtung auch vor Zen-Meistern in Grenzen. Übrigens: Etwas Nützlicheres als carpe diem ist bis jetzt noch niemandem eingefallen.

Die Bedeutung des Gesprächs

Wenn ich Buchverlage um Besprechungsexemplare anfrage, lasse ich mich von meinen Interessen leiten und da diese mannigfaltig sind und ich selber masslos bin, laufe ich regelmässig Gefahr, von Bücherstapeln erschlagen zu werden, was mir übrigens schon vor vielen Jahren, ich war damals Anfang zwanzig, eine mittlerweile berühmte Schauspielerin prophezeit hat. Gelegentlich geschieht es auch, dass ein Rezensionsexemplar in meiner Post landet, um das ich mich gar nicht bemüht hatte und worauf ich selber wohl nicht gekommen wäre. Und manchmal ist das ein echter Glücksfall und von einem solchen soll hier die Rede sein.

Ernst Jünger
Gespräche im Weltstaat
Interviews und Dialoge 1929-1997
Hrsg. von Rainer Barbey und Thomas Petraschka
Klett-Cotta, Stuttgart 2019

Und so beginnt dieses Werk. „Ich glaube“, schreibt Ernst Jünger am 4. März 1920 an seinen Bruder Friedrich Georg, „dass im Gespräch unsere bedeutendste Leistung liegt; leider lässt sie keine Denkmäler zurück wie die Literatur oder Malerei. Immer werden die gesamten Elemente einer Zeit in unzähligen Gesprächen bis in ihre feinsten Einzelheiten durchdrungen, in Gebilden, die so leicht und unbestimmt sind wie die Wolken, und die doch alles Wasser in sich enthalten, das dann in Strömen die Mühlen treibt und die Schiffe trägt.“ Wie wahr!, durchfährt es mich. Und gleichzeitig: Wie eigenartig, dass mir dieser Gedanke noch nie gekommen ist!

Doch first things first: Ernst Jünger ist mir nur dem Namen nach geläufig. Ich weiss, dass er „In Stahlgewittern“ geschrieben hat und bei einigen als Kriegsverherrlicher gilt. Und auf einem meiner ungelesenen Stapel liegt sein „Annäherungen. Drogen und Rausch“. Mit anderen Worten: Ich gehe die Lektüre dieses Bandes fast gänzlich unbeschwert an und gebe hier einfach einige meiner Eindrücke dieser Interviews und Dialoge wieder, wobei mir der Kontext (welcher auch immer, jeder Kontext ist artifiziell und willkürlich) unwesentlich ist. Mich interessiert allein, ob etwas hilfreich für mein Leben ist. Jünger sagt es in einem Gespräch mit Julien Hervier so: „Kierkegaards Roman ‚Tagebuch des Verführers‘ hat mich sehr interessiert. Doch bei Kierkegaard, genau wie bei anderen, bei Baader und Hamann, schlendere ich gleichsam auf einer Wiese herum, pflücke manchmal eine Blume, die mir besonders gefällt, aber ich identifiziere mich nicht mit dem Ganzen.“

„Ich glaube, dass meine Bücher ein Teil von Deutschlands moralischem und geistigem Rüstzeug für den nächsten Krieg sind“, verlautbarte Jünger 1929, im Alter von 34 Jahren. An Selbstbewusstsein fehlte es dem Mann offenbar nicht. Krieg findet er notwendig und hat „das grösste Vergnügen an einem Kampf um die Macht, wo auch immer er stattfindet und egal wer gewinnt.“ Mir ist das fremd und „dass ein Mann höchsten Wert erlangen könne, wenn er sich freiwillig opfere“ finde ich eine ganz furchtbare Haltung. Dass Jünger hingegen nach Goslar gezogen ist, weil er da die Möglichkeit weiter Spaziergänge hat, sagt mir sehr zu. „Ich muss in einer Landschaft spazierengehen können, die den Menschen weder vergewaltigen noch erdrücken.“ Eine hellsichtige Bemerkung!

Ich lese mal hier und mal dort rein und bin höchst angetan von der Gedankenschärfe dieses Mannes, seiner Fähigkeit, Wesentliches herauszuschälen. In einem Gespräch mit Jacques Le Rider aus dem Jahre 1982 bezeichnet er die neuen mechanischen Uhren als eine der wichtigsten Entwicklungen des 20. Jahrhunderts. „Diese Uhren erweitern ihren Machtbereich und werden immer furchterregender, sie sind es, die die modernen Waffen einstellen, steuern und zur Explosion bringen. Sie messen die Zeit nicht, sie stellen sie her. Sie erlauben dem Menschen nicht, die Zeit zu beherrschen, sondern unterwerfen ihn ihrem Automatismus.“ Es ist dem Menschen eigen, die Auswirkungen seiner Erfindungen nicht abschätzen zu können. Obwohl: Er könnte mittlerweile wissen, dass sich vieles, das er einstmals als nützlich empfand, sich gegen ihn wendet. Mehr noch: in seinem Bestreben, sich von Zwängen frei zu machen, schafft er neue, schlimmere. Und wird zum Sklaven. Man denke etwa an Handys.

Auch seine patente und gescheite Frau, Liselotte Jünger, wird gelegentlich ins Gespräch einbezogen. „Der Gauleiter von Hannover, wie hiess er doch, Liselotte?“ fragt ihr Mann einmal. Worauf sie antwortete: „Keine Ahnung, damals kannten wir uns noch nicht.“

Auf André Müllers Frage, was ihm Hoffnung mache, antwortet Jünger, 1989 war das: „Ich studiere den Mythos, und da erfährt man, dass der Titanismus, in dem wir uns augenblicklich befinden, immer gescheitert ist. Nietzsches Übermensch hat versagt. Ich setze auf den musischen Menschen, auf die Verbindung zum Göttlichen überhaupt.“ Es ist diese Fähigkeit zur Distanznahme, die das Leben als eine Art Schauspiel betrachtet, die den Büchermenschen („Ich bin auch nur von Büchern umgeben, und diese Bücher, die lassen sich ja auf vierundzwanzig Buchstaben zurückführen, und diese vierundzwanzig Buchstaben erzeugen auch ein gewisses Medium. Man fühlt sich doch zu Hause, wenn man von Büchern umgeben ist.“) Ernst Jünger, der auch von Insekten sowie von Betrachtungen zu Ordnungsvorgängen fasziniert ist, unter anderem auszeichnet.

Ganz besonders die Ausführungen zur Natur haben mich angesprochen. „Das Verhältnis zur Natur ist heute nicht nur für mich, sondern auch für viele andere Menschen eine Leidensbeziehung. Die Urwälder des Amazonas werden zerstört, die Meere werden überfischt, die Atmosphäre, nun man sieht ja, in welchem Zustand sie ist; mit einem Wort, wir gehen direkt gegen die Elemente an.“ Und seine Überlegungen zu Drogen. „Alkohol ist die Droge für die Armen, das, was Bibliotheken und Museen für die anderen sind. Einen kurzen Augenblick ahnt man das Unbegrenzte.“ Er glaubt auch an ein Weiterleben nach dem Tod. „Bei einer gewissen geistigen Höhe ist das eigentlich für jeden so.“

Gespräche im Weltstaat ist ein Buch reich an Lebensweisheiten – „Man kann Dummheiten begehen, die niemals wiedergutzumachen sind. Dagegen kann aber auch eine glückliche Begegnung über das ganze Leben entscheiden.“ – , ein Buch, das vielfältig anregt und sich nicht zuletzt zur Aufgabe des Schriftstellers äussert, der politisch keinen Anstoss, sondern ein Beispiel geben soll. „Ich sage gerne, dass ich es vorziehe, eine Landschaft zu zeichnen, als die Rolle des Wegweisers zu spielen.“

PS: Bei der Beschäftigung mit diesem Buch bin ich auch (Zufälle gibt es ja nicht, ausser im eigentlichen Sinne des Wortes: Was einem zu fällt) auf ein Zitat aus Jüngers Tagebuch Siebzig verweht gestossen, das ich ganz wunderbar beobachtet finde. Sylvain Tesson gibt es in In den Wäldern Sibiriens wieder: „Je weniger wir auf die Unterschiede achten, desto stärker wird die Ahnung; wir hören nicht mehr den Baum rauschen, sondern den Wald, der dem Wind antwortet.“

Auf der Flucht

Die Vorstellung, pensioniert zu sein, hat mich bis vor Kurzem (also bis vor ein paar Monaten) noch erheitert. Ich konnte das schlicht nicht ernst nehmen. Das ist zwar immer noch so, doch kam auch das Eingeständnis dazu, dass mein AHV-Alter eine Tatsache ist. Da ich zu denen gehöre, die Tatsachen-Leugner für Idioten halten und ich keiner sein will, ist mir gar nichts anderes übrig geblieben, als mich zu fügen.

Was meine jetzige Lebensphase mehr als alles andere charakterisiert, ist, dass ich Zeit darauf verwende, meine Stimmungen zu beobachten. Dabei ist mir aufgefallen, dass sie nicht nur andauernd wechseln, sondern darüber hinaus in rasend schneller Abfolge. Ich konstatiere eine ungeheure Fülle von ganz unterschiedlichen Gefühlen, nicht etwa hinter- sondern nebeneinander, es scheint als ob die alle gleichzeitig da sind.

Wie fühle ich mich dabei? Verwirrt. Verblüfft. Staunend. Fühlt es sich angenehm an? Manchmal, manchmal auch nicht. Gebe ich mich diesen Stimmungen hin – und das tue ich immer öfter – , so wird mir immer bewusster, dass ich nicht den leisesten Schimmer habe, was da vor sich geht.

Mein Unbewusstes führt Regie. Immer schon. Wirklich aufgefallen ist es mir erst letzthin. In gewissem Masse lässt es sich lenken – der Fernseher lässt sich abstellen; meine Aufmerksamkeit kann ich auf Dinge richten, die mir gut tun; was die Medien mir anbieten läuft fast ausschliesslich unter „Brot und Spiele“.

Als mein jüngerer Bruder vor mittlerweile zwei Jahren fragte: Was machst du jetzt mit dem Rest deines Lebens? haute es mich regelrecht um. Nicht nur, dass mir in diesem Moment meine Endlichkeit bewusst wurde (ich habe mich nicht gewehrt, als dieser Gedanke in Null-Komma-Nichts von einem anderen – lieber ein Erdbeer- oder ein Vanille-Glacé? – abgelöst wurde), mir fiel auch keine Antwort ein.

Stellte ich Bekannten in meinem Alter dieselbe Frage, so sagten sie regelmässig, sie würden jetzt endlich tun, was sie schon immer tun wollten. Da ich immer schon gemacht habe, was ich wollte (oder glaubte zu wollen), war und ist das für mich keine Option. Mir schwebte etwas Anderes, Neues vor. Nur was?

Fündig wurde ich bei „Zen im Alltag“ von Charlotte Joko Beck, das ich vor über zwanzig Jahren zum ersten Mal gelesen habe. Angestrichen habe ich mir damals unter anderem: „… wenn wir wirklich beobachten, was in unseren Köpfen passiert, dann sehen wir, dass wir ständig um Wunschträume kreisen, wie wir sein sollten oder nicht sein sollten, oder wie jemand anders zu sein hätte; wie wir in der Vergangenheit waren, wie wir in der Zukunft sein werden oder wie wir die Dinge hinbiegen können, dass wir bekommen, was wir haben wollen.“

Eine neue Lebenseinstellung, bei der das Üben zum Zeugen zu werden im Vordergrund steht, ist also gefragt. Bei diesem Üben geht es darum, „uns die Angst bewusst zu machen, anstatt in unserer Zelle der Angst aufgeregt herumzulaufen und zu versuchen, sie zu verschönern und uns dabei besser zu fühlen. Alle unsere Bemühungen im Leben sind solche Fluchtversuche – wir versuchen, dem Leiden zu entfliehen, dem Schmerz darüber, was wir sind. Selbst Schuldgefühle sind eine Flucht. Die Wahrheit jedes Augenblicks ist immer die, dass wir einfach sind, was wir sind. Das bedeutet, dass wir unsere Unfreundlichkeit spüren, wenn wir unfreundlich sind. Aber das wollen wir ja nicht. Wir wollen uns für freundliche Menschen halten. Oft aber sind wir es nun einmal nicht.“

Es geht also um Akzeptanz, uneingeschränkte Akzeptanz. Wenn wir diese erlangen, werden wir ein anderer Mensch sein. In diesem Abschnitt meines Lebens, so nehme ich mir vor, will ich das versuchen. „Wenn wir uns selbst erleben, wie wir sind, dann entspriesst aus diesem Tod des Ich, aus diesem verdorrten Baum, eine Blüte – ein Bild aus dem wunderschönen Vers des Shōyō Rōku. Die Blüte blüht nicht aus einem geschmückten, sondern einem verdorrten Baum. Wenn wir von unseren Idealen Abstand nehmen und sie genau betrachten, indem wir Zeugen sind, dann kehren wir zu dem zurück, was wir sind, und das ist die Klugheit des Lebens selbst.“

Unterwegs in Ungarn

Im Bus von Wien nach Bratislava sitze ich neben einer russischen Stewardess, die die Menschen im heimischen Sibirien viel wärmer findet als die ständig nörgelnden Moskowiter, die sie als fast schon genetisch unzufrieden bezeichnet. Ganz im Gegensatz zu den Habaneros, die sie, wie überhaupt die Kubaner, als rundum lebenspositiv erlebt hat.

Es hat Nachteile, wenn man nur vage informiert eine Reise antritt. Ich hatte vorgehabt, von Bratislava nach Györ mit dem Zug zu fahren und meine Internet Recherchen hatten ergeben, dass das zwei bis drei Stunden dauern würde. Nur gibt es dann keinen Zug und der Bus fährt nur sehr früh am Morgen bzw. sehr spät am Abend; ich muss nach Wien zurück, von dort gibt es eine Verbindung.

Der Zug von Wien nach Györ (Endstation ist Budapest) ist voll, die junge Frau am Schalter am Wiener HB empfiehlt mir eine Last Minute Sitzreservation, die ich auch unverzüglich mache (sie zahlt sich aus, ohne wäre ich wohl im Stehen gereist. Obwohl: ich hatte das Pech, in Hörweite einer ungarischen Telefon-Dauerplauderin zu sitzen, die ich hätte erwürgen können). Wie lob ich mir die japanischen Züge, in denen das Handy-Palaver nicht gestattet ist und man von der Dummheit (die man auch ohne in der jeweiligen Sprache bewandert zu sein heraushört) verschont wird. Sie selber, meinte die Frau am Schalter noch, würde niemals an einem Freitag, überhaupt an einem Wochenende, den Zug nehmen. Das merke ich mir.

Es kämen viele Schweizer hierher, meint der Kellner im Hotel in Györ, der Zahnarzt (es war eine ganze Klinik) sei gleich gegenüber. Was mich an meinen früheren Nachbarn erinnerte, der sich vor seinem Ungarn-Zahnarzt-Besuch eigenhändig mit einer Kneifzange Zähne herausbrach … um Kosten zu sparen …

Ich wolle mit dem Zug nach Szeged, sage ich zur Rezeptionistin. Sie guckt nach, es gibt keinen direkten Zug, doch einen Bus, der fast sechs Stunden braucht. Ob es einen Ort dazwischen gebe, der sich lohnen würde? Sie leuchtet auf. Ja, Szekesfehervar, das sei sehr schön. Und genau da fahr ich dann hin … und bin begeistert: die Altstadt ist umwerfend schön.

Ein Mann nähert sich der Rezeption, er will seine Rechnung begleichen. Er spricht gut Englisch mit einem für mich unüberhörbaren Schweizer Akzent und so spreche ich ihn auf Schweizerdeutsch an. Er habe sich einmal, erzählt er, für einen Englischkurs in San Francisco aufgehalten und da in der Jugendherberge gelebt, wo er auch einen Deutschen kennen lernte, mit dem er sich oft unterhielt. Auf Englisch, er war ja wegen des Englischlernens vor Ort. Eines Abends bemerkte er einen älteren Mann, der sie beobachtete, dabei dauernd lächelte und ihn schliesslich mit den Worten ansprach: Ich kenne Sie, Sie sind Schweizer. Nein, sei er nicht, erwiderte dieser, der sich seines Schweizer Akzents durchaus bewusst war, jedoch Englisch sprechen wollte. Doch, insistierte der Mann, ich kenne Sie. Aus Davos, Sie waren dort Postautochauffeur und ich habe vor drei Jahren ein Postauto bestiegen, das Sie fuhren. Ich fragte sie auch über die Endstation der Fahrt aus. Ich bin Kanadier und war in Davos in den Ferien. Stimmt, das war ich einmal, gab der ehemalige Postautochauffeur zu und begann sich nach und nach an seinen ehemaligen Fahrgast zu erinnern.

In Szeged zeigt mir eine junge Medizinstudentin den Weg zum Hotel. Wir kommen ins Gespräch, sie stamme aus Eger, da müsse ich hin, das sei die schönste Stadt Ungarns.
Mein Plan ist jedoch, mit dem Zug eine Schlaufe zu machen, zuerst ins rumänische Timisoara, von dort ins serbische Novi Sad und dann wieder zurück nach Szeged. Das erweist sich jedoch als komplizierter als gedacht, da die meisten Züge in Ungarn via Budapest verkehren. Liegt denn die serbische Grenze nicht ganz nahe? frage ich die 18jährige Rezeptionistin, die 12 Stunden pro Tag arbeitet. Doch, etwa 15 Kilometer seien es bis dahin, doch sie kenne sich nicht wirklich aus, sie sei noch nie in Serbien gewesen, dafür bereits sieben Mal in London, ihre Eltern führten dort ein Geschäft. Je weiter weg je besser, je grösser die Stadt je attraktiver? erkundige ich mich. Ja, genau, lacht sie. In ihrem Alter dachte ich auch so.

Szeged ist eine Universitätsstadt, junge Leute aus der ganzen Welt studieren hier vor allem Medizin. Im Kebab-Restaurant komme ich mit einer jungen Medizinstudentin aus Marokko ins Gespräch, die es aus Zufall hierher verschlagen hat, im benachbarten Café mit einem jungen Mann aus Laos, der ein Doktorat in Politischen Wissenschaften absolviert.

Umsteigen in Szolnok: Der Zug nach Hatvan steht bereits eine halbe Stunde vor Abfahrt auf Gleis 12. Ich steige ein, suche mir einen Platz, andere tun es mir nach. Eine Kondukteurin geht durch den Zug, kontrolliert hier und da etwas und steigt wieder aus. Zehn Minuten vor Abfahrt kommt ein Rangierarbeiter in „meinen“ Wagen, macht sich auf zwei Sesseln breit und sagt (jedenfalls verstehe ich ihn so), der Zug nach Hatvan fahre auf dem gegenüberliegenden Gleis. Und so ist es denn auch …

Etwas 300 Kilometer sind es bis Eger, die Fahrt dauert mit dreimal Umsteigen gute fünf Stunden. Am Bahnhof frage ich zwei Taxifahrer nach dem Weg zum Hotel. Das sei sehr weit, sagen sie mir, doch ich weiss, dass das nicht stimmt und überhaupt: wer glaubt schon Taxifahrern? Nur erweist es sich dann, dass es nicht nur weit, sondern auch ausgesprochen schwierig zu finden ist.

Die Frau Mitte vierzig, die das Hotel führt, spricht keine Sprache, die ich verstehe, ausser „no communication, activity“. Sie drückt mir zwei Schlüssel in die Hand, der eine ist offenbar für die Haustür, der andere fürs Zimmer, doch welcher für welche Tür? „Proba“, sagt sie, das hat sie in Kuba gelernt.

Die Innenstadt wimmelt von Touristenhorden, die historisch informiert werden.

Am Tage meiner Abreise treffe ich im Gemeinschaftsraum auf eine Englischlehrerin und ihre Tochter, die beiden leben an der ungarisch-slowakischen Grenze. Für die Ungarn sei die Schweiz perfekt, sagt sie. Was denn die Schweizer von den Ungarn hielten? Beschämt musste ich mir eingestehen, dass ich mir über die Ungarn bislang noch gar nie Gedanken gemacht hatte.

Sopron, der erste Eindruck: grossartige Architektur, wie überall in Ungarn. Der zweite: an zwei Strassenecken jeweils Gruppen von Jugendlichen, Mädchen und Jungen, von denen jeder einzelne mit seinem Handy beschäftigt ist, ausnahmslos.

„It’s not enough to have talent, you also have to be Hungarian“, steht in Grossbuchstaben an der Wand des Cafés. Ob Robert Capa, der Fotograf, der dies gesagt hat, in Ungarn berühmt sei? Die Ungarn hätten einmal eine ganz andere Bedeutung gehabt als heute, meint daraufhin der Café-Betreiber.

Sopron ist teurer als Szeged, profitiert vom österreichischen Einkaufstourismus, dem alles angeboten wird, was das Konsumentenherz begehrt inklusive thailändischer Massage. Die Österreicher seien viel gestresster als die Ungarn und definitiv ungeduldiger, erzählt mir eine Einheimische. Von einer Chinesin, die sich hier niedergelassen hat, erfahre ich, dass sie die schlechte Luft in Peking und das chinesische System der Günstlingswirtschaft, besonders auf dem Land sei diese ein Horror, nur Leute mit Beziehungen florierten da, nicht mehr ertragen habe. Die chinesische Umweltmigration steht der Welt wohl noch bevor.

Im Zug von Sopron nach Wien schaut der Grenzbeamte etwas sehr lange, so scheint es mir, auf meine Schweizer Identitätskarte und so frage ich, ob er sie exotisch finde? Er lacht und erwidert, es sei selten, dass er eine solche zu Gesicht bekomme, doch weiter hinten sitze heute noch einer mit einer solchen. Merkwürdig, es komme fast nie vor, doch heute gleich zweimal.

Eine Geschichte über uns und unsere Vorfahren

„So etwas hatte Europa noch nie erlebt. Der Strom an  Migranten, der über den Balkan ins Zentrum des Kontinents vordrang, markierte eine echte – hier passt das Wort tatsächlich – Zeitenwende. Nichts war danach mehr wie zuvor. Unzählige bäuerlich geprägte Grossfamilien kamen, sie wollten vor allem eins: neues Land in Besitz nehmen. Die alteingesessenen Europäer waren ohne Chance. Zunächst zogen sie sich zurück, später verschwand die alte europäische Kultur. Die Menschen, die Europa fortan bewohnten, sahen anders aus als jene, die sie verdrängt hatten – ein Bevölkerungsaustausch.“

Das ist kein Science Fiction, das ist die Realität von vor 8000 Jahren und beschreibt die Ankunft der Anatolier in Europa, die damals die Jäger und Sammler vertrieben. Der Wissenschaftler Johannes Krause und der Journalist Thomas Trappe erläutern in Die Reise unserer Gene. Eine Geschichte über uns und unsere Vorfahren (Propyläen, Berlin 2019) den neuen Wissenschaftszweig der Archäogenetik, der unter anderem davon handelt, wie aus alter DNA die Geschichte unserer Vorfahren rekonstruiert werden kann. Es ist ein sehr ansprechendes Buch, auch wenn es mutiger (doch das sind Akademiker sowieso eher nicht) gewesen wäre, in der aktuellen Migrationsdebatte Stellung zu beziehen. „Es sind politische Auseinandersetzungen, in denen die Archäogenetik sich nicht zum Schiedsrichter aufschwingen sollte, und sie will das auch gar nicht. Aber sie kann helfen, besser einzuordnen. Und Europa als das zu verstehen, was es ohne Zweifel ist: eine sich über Jahrtausende erstreckende Fortschrittsgeschichte, die ohne die Migration und Mobilität von Menschen unmöglich gewesen wäre.“

Überaus erfreulich ist, wie persönlich und nachvollziehbar dieses Werk geschrieben ist. Und dass unter anderem aufgezeigt wird, wie aus Fehlern gelernt werden kann und wurde. Die DNA müsse gut erhalten sein für eine Sequenzierung, lese ich. Nur, was ist das, eine Sequenzierung? Wikipedia hilft weiter: „DNA-Sequenzierung ist die Bestimmung der Nukleotid-Abfolge in einem DNA-Molekül.“ Irgendwelche DNA lasse sich immer aufspüren, ob sie dann aber brauchbar sei, hingegen eine andere Frage. „NA verteilt sich ähnlich effektiv wie Sand in einem Ferienhaus am Meer, nämlich unaufhörlich und bis in die letzten Winkel. Die DNA zum Beispiel, die Svante Pääbo in den Achtzigern aus seiner Mumie entnahm, kam – das ist heute so gut wie sicher – nicht etwa aus Ägypten, sondern aus Schweden, nämlich von ihm selbst.“

Zugegeben, ich staune immer wieder wie man – angesichts der gefühlten Tatsache, dass die Wetterprognose für Morgen eine in etwa 50prozentige Chance hat, richtig zu sein – zu Aussagen kommen kann, das Pleistozän (auch Eiszeitalter genannt) habe vor 2,4 Millionen Jahren begonnen und die letzten Neandertaler hätten vor 39 000 bis 37 000 Jahren gelebt, doch ich habe das alles ja auch nicht studiert und kann mir durchaus vorstellen, dass wahr sein kann, was mir selber selber nicht unmittelbar einleuchtet.

Die Reise unserer Gene zeichnet sich nebst vielfältigsten Informationen über ganz unterschiedliche Aspekte unseres Herkommens auch durch wunderbar gelungene Überschriften aus. So finden sich unter dem Titel „Sprachlose Knochen“ Theorien darüber, wie die indoeuropäischen Sprachen (zu denen neben Pfälzisch und Plattdeutsch auch Hindi und Isländisch gehören) nach Europa kamen. Andere Titel fassen prägnant zusammen und nehmen vorweg, was der nachfolgende Text ausführt: „Die Lepra geht, die Tuberkulose kommt“, „Nationale Grenzen sind keine genetischen“, „Volk und Rasse waren einmal“.

Zum Schluss dieses gut geschriebenen und sehr lesbaren Werkes folgern die Autoren: „Die Welt der Zukunft wird eine Welt der Vernetzung sein, der globalen Gesellschaft. Die Menschheit setzt den Weg fort, den sie seit Anbeginn beschritt. Wo er endet, ist offen. Klar scheint nur, dass das Dogma von der Abschottung in der Sackgasse enden wird. Solch eine Welt gab es nie. Die Reise der Menschheit wird weitergehen. Wir werden an Grenzen stossen. Und die Grenzen nicht akzeptieren. Dafür sind wir nicht gemacht.“

Ein Buch, das dazu beiträgt, die Dinge nüchtern und sachlich zu sehen.

Kopfreisen

So recht eigentlich bin ich ständig unterwegs. Nicht physisch, im Kopf. Ein aktiveres Organ als mein Hirn ist mir nicht vorstellbar. Dass es überdies gänzlich unabhängig, also ohne mein Zutun funktioniert, macht mich staunen. Aber nicht nur, manchmal beunruhigt mich das auch – auf die Albträume, die es mir gelegentlich beschert, könnte ich jedenfalls locker verzichten.

Das Einzige, was ich mehr oder weniger beeinflussen kann, ist, worauf ich meine Aufmerksamkeit richte. Nicht im Sinne von ‚Jetzt denk doch einfach positiv‘, denn dass das nicht funktioniert, weiss nun wirklich jeder. Ausser vielleicht die, welche glauben, man könne seine Gedanken im Griff haben. Ich gehöre nicht dazu, ich weiss nicht einmal, ob ich überhaupt denke, mir kommt es eher vor, als ob etwas in mir denke.

Beobachte ich eine Zeitlang die Kämpfe, die „meine“ Gedanken da ständig ausfechten (Soll ich jetzt das oder dies oder doch jenes? Und was ist, wenn dann, also vielleicht doch besser nicht?), wird mir halb schwindelig. Wenn ich mich schliesslich erschöpft zurücklehne und ausrufe ‚So, jetzt gebt doch endlich einmal Ruhe!‘, nützt das auch nichts, denn mit Gedanken lässt sich den Gedanken nun einmal nicht beikommen.

Also gebe ich mich ihnen hin und nehme sie nicht allzu ernst. Was soll ich mich auch gross einmischen, sie machen eh, was sie wollen. In letzter Zeit habe ich bemerkt, dass sie oft an Orten unterwegs sind, die ich physisch besucht habe. Gerade eben war ich in Tirano, wo ich vor einigen Monaten durch die Strassen gewandert bin. Und jetzt in Trondheim, in Magliaso, in Hamamatsu, in Sinimbu, in La Paz, in Curitiba, am Bahnhof von Palézieux … Was diese Bilder dieser ganz unterschiedlichen und weit verstreuten Orte in meinem Kopf ausgelöst hat? Keine Ahnung, das Rätselraten sogenannter Motivforscher, deren Zuschreibungen mir willkürlich und suspekt scheinen und hauptsächlich über deren beschränkte Vorstellungskraft Auskunft geben, ist mir mit zunehmendem Alter abhanden gekommen und hat dem Staunen Platz gemacht..

Wie sagte doch Osho einmal: „Life is not a problem to be solved, but a miracle to be experienced.“ Meine Aufmerksamkeit auf diesen Gedanken zu lenken, erlebe ich als hilfreich. Und wenn er sich dann wieder, wie das Gedanken so an sich haben, selbstständig macht und davonfliegt? Auch gut, ich kann ja gelegentlich darauf zurückkommen und lernen, den Rat des Franz von Assisi zu beherzigen, der (offenbar auf Englisch) gesagt hat: „Wear your life like a loose garment, which touches us in a few places and there lightly.“

Empirie und Mythologie

Jordan B. Petersons Warum wir denken, was wir denken. Wie unsere Überzeugungen und Mythen entstehen (mvgverlag, München 2019) ist ein Wälzer von insgesamt 670 Seiten mit derart vielen Wörtern auf einer Seite, dass bei einem gängigen Satzspiegel locker die doppelte Seitenanzahl zustande gekommen wäre. Die Zeiten, in denen mein Bildungshunger mich dazu verleitet hat, solch monumentale Werke von Anfang bis Ende zu studieren, sind längst vorbei – ich verstehe heute beim besten Willen nicht mehr, weshalb eine Grundüberzeugung, die in der Regel auf ein paar simplen Gedanken beruht, dermassen ausufernd dargestellt werden muss und so blättere ich mich durchs Buch, lese hier und da rein und mich auch immer mal wieder fest, meist bei langen Zitaten von Tolstoi, Dostojewski, Nietzsche und C.G. Jung.

Keine Frage, diesem Werk werde ich damit in keinster Weise gerecht. Doch das ist auch gar nicht mein Ziel. Mir geht es vielmehr darum, Petersons Haltung und Denkweise, die mir bereits aus 12 Rules for Life bekannt ist, in einem nochmals anderen Licht zu sehen. Und werde bereits beim Vorwort fündig. Jordan Peterson ist ein Suchender, der weder in der Religion noch in der Vorstellung von einer gerechteren Welt Trost findet. „Mein Glaube an die Ideologie schwand, als ich zu verstehen begann, dass die Identifikation mit einer Ideologie selbst ein schwerwiegendes und mysteriöses Problem darstellt.“

Ich will zwei Aspekte herausgreifen, weil ich sie für mich und mein praktisches Leben als nützlich erachte – das Primat des Handelns und die Frage von Empirie und Mythologie.

Zum Handeln führt Peterson aus: „Wir handeln angemessen, bevor wir verstehen, wie wir handeln – genauso wie Kinder lernen, sich zu benehmen, bevor sie die Gründe für ihr Verhalten nennen können. Erst durch die Beobachtung unserer über Jahrhunderte angesammelten und ‚destillierten‘ Verhaltensweisen verstehen wir unsere eigenen Motivationen und die Verhaltensmuster, die unsere Kulturen prägen (und die sich im Laufe der Zeit durch unser Tun verändern) … Zuerst handeln wir. Danach vergegenwärtigen wir uns das Muster, das unsere Handlungen darstellt. Dann lassen wir uns in unserem Handeln von diesem Muster leiten.“

Man muss diese Überlegung einmal richtig in sich einsenken lassen. Erst dann (zugegeben, ich spreche von mir) wird einem ihre Tragweite klar. Das Handeln kommt zuerst, die Gründe für dieses Handeln schieben wir nach. Das bedeutet unter anderem, dass man sich in ein gesundes Denken hinein handeln kann. Also: Nicht auf den richtigen Moment warten, sondern den richtigen Moment herbeiführen.

Zur Empirie und Mythologie: Von allen Kulturen beruft sich allein die westliche auf die Empirie. Alle anderen haben keine auf ‚objektiven Ereignissen‘ basierende Geschichte, sondern sind mythologischer Natur, beschreiben also „mittels psychologischer Begriffe, was für eine Bedeutung ein Ereignis hat, und nicht mittels empirischer Begriffe, wie sich das Ereignis abgespielt hat.“

Nietzsche sieht es so: „Jede Zeit hat ihre eigne göttliche Art von Naivität, um deren Erfindung sie andere Zeitalter beneiden dürfen – und wie viel Naivität, verehrungswürdige, kindliche liegt in diesem Überlegenheits-Glauben des Gelehrten, im guten Gewissen seiner Toleranz, in der ahnungslosen, schlichten Sicherheit, mit der sein Instinkt den religiösen Menschen als einen minderwertigen und niedrigeren Typus behandelt, über den er selbst hinaus, hinweg, hinauf gewachsen ist – er, der kleine anmassliche Zwerg und Pobelmann, der fleissig-flinke Kopf- und Handarbeiter der ‚Ideen‘, der ‚modernen Ideen‘.“

Obwohl die von Empirie geprägte westliche Weltsicht sich der mythologischen überlegen wähnt, ja, auf diese hinunter schaut, ist es dennoch so, „dass die gesamte Ethik des Westens, einschliesslich der in den westlichen Gesetzen explizit formulierten, auf einer mythologischen Weltsicht basiert, die dem Individuum einen göttlichen Status spezifisch zuweist. Das moderne Individuum befindet sich deshalb in einer erstaunlichen Position: Es glaubt nicht mehr an die Prinzipien, auf denen sein ganzes Verhalten gründet. Man könnte darin einen zweiten Sündenfall sehen, der in der Zerstörung der westlichen mythologischen Barriere besteht, wodurch die zentrale Tragödie der individuellen Existenz wieder sichtbar wurde.“

Der ausschliessliche Glaube an empirische Fakten hat zur Zurückweisung moralischer Wahrheiten geführt. „Aus objektiver Perspektive ist der Mensch ein Tier, dem keine grössere Bedeutung zuzumessen ist, als es die momentane Meinung und Situation eben vorgibt. Aus mythischer Sicht dagegen ist jedes Individuum einzigartig und stellt ein neues Set von Erfahrungen, ein neues Universum dar. Es hat die Fähigkeit, etwas Neues ins Dasein zu bringen und am Akt der Schöpfung selbst teilzuhaben. Es ist der Ausdruck dieser schöpferischen Fähigkeit, durch den die tragischen Bedingungen des Lebens nicht nur erträglich werden, sondern auch bemerkenswert und wunderbar.“

Das setzt voraus – und dafür plädiert Peterson – , seine persönliche Verantwortlichkeit (und damit das Göttliche im Menschen) anzuerkennen. „Diese Verantwortlichkeit bedeutet, sowohl die Prüfungen und Schwierigkeiten, die mit dem Ausdruck der eigenen Individualität verknüpft sind, anzunehmen als auch diesen Ausdruck bei anderen zu respektieren. Unabdingbar dafür ist Mut in Abwesenheit von Sicherheit und Disziplin auch bei den unscheinbarsten Angelegenheiten.“

Warum wir denken, was wir denken. Wie unsere Überzeugungen und Mythen entstehen ist eine differenzierte, engagierte, anregende und echt hilfreiche Auseinandersetzung mit den Grundfragen unserer Existenz.

In den Tropen

Ein heftiges Gewitter weckte ihn. Er stand auf und stellte sich ans Fenster. Draussen war es stockfinster, nur über der Haustür des Managers brannte eine nackte Glühbirne. Die Regentropfen prasselten mit einer ihm unbekannten Intensität vom Himmel herab. Er zündete sich eine Zigarette an, griff zur Whiskey-Flasche und nahm einen Schluck. Nach ein paar Minuten legte er sich wieder hin, starrte an die Decke und hörte dem Regen zu. So also fühlte sich Asien an. Melancholisch. So hatte er es sich immer vorgestellt.

Er war am Vortag angekommen und zum ersten Mal in den Tropen. Auf dem Flug von Jakarta nach Denpasar war er mit einer Französin ins Gespräch gekommen, die sich nach der Landung wie eine Klette an ihn gehängt hatte. Weder gefiel sie ihm, noch war sie nett und zudem insistierte sie, Englisch zu reden, was, wie jeder weiss, für einen Menschen französischer Zunge schon mehr als ungewöhnlich ist. So recht eigentlich hätten ihm ja bereits im Flieger, als er ihr angeboten hatte, Französisch zu sprechen und sie nicht darauf eingegangen war, alle Warnlichter angehen müssen: Die Frau war süchtig nach Gesellschaft, konnte nicht allein sein. Ein Horror.

Kurz nachdem er sich ein wenig ausserhalb von Kuta einquartiert und es sich auf dem Balkon bequem gemacht hatte, tauchte sie mit zwei Neuseeländern im Schlepptau auf. Sie wollten nach Legian, da gebe es ‚Magic Mushrooms‘, er solle doch mitkommen. Er hatte keine grosse Lust auf Psychedelisches, sagte das auch, doch er würde sie begleiten, es interessiere ihn nämlich, ob, was man sich so erzähle, auch wahr sei, man in einigen Restaurants auf Bali ‚Magic Mushrooms‘ ordern könne, so wie ganz normale Speisen und Getränke.

Sie mieteten Fahrräder und trafen zwanzig Minuten später in Legian ein. „Mushrooms?“, flüsterte einer der Neuseeländer, als ein Kellner an ihren Tisch trat. „Omelette oder Drink?“, erwiderte dieser in Normal-Lautstärke. Beides. Ob er nicht doch probieren wolle? Nein, wirklich nicht. Ein ganz klein wenig? Nein. Ach komm doch. Er hätte sie erwürgen können, doch stattdessen leerte er in einem Zug einen Drittel ihres Glases. Was glaubte diese blöde Gans eigentlich!
Die Neuseeländer wollten zum Strand. Er solle doch auch mitkommen, es sei immer gut, jemanden dabei zu haben, der klar im Kopf sei. Schon klar, dachte Harry so bei sich, doch er hatte keine Lust mit drei geistig und seelisch Abgehobenen in der stockfinsteren Nacht am Strand herumzuhängen. Er sei müde, sagte er, und wolle zurück.

Als er von der Hauptstrasse in die Einfahrt zu seiner Unterkunft abbog, erwischte es ihn. Ganz plötzlich halluzinierte er orientalische Schlösser und Burgen in den prächtigsten Farben. Er sah den Weg nicht mehr und musste vom Fahrrad absteigen. Kalter Schweiss rann ihm über Brust und Rücken. Auf den Lenker gestützt stolperte er auf seinen Bungalow zu, legte sich aufs Bett und starrte zur Decke, wo wieder die Märchenwelt auftauchte. Er versuchte mit Willensanstrengungen die Bilder zu verscheuchen. Ergebnislos. Und so suchte er Zuflucht beim einzigen Mittel gegen die Angst, das er kannte. Als er am nächsten Morgen aufwachte, war die Flasche Dimple zur Hälfte geleert und ihm war zum Kotzen.

Aus: Hans Durrer: Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten. neobooks 2019.

21 Lektionen für das 21. Jahrhundert

Yuval Noah Harari, geboren 1976 in Haifa, Israel, unterrichtet Weltgeschichte an der Hebrew University in Jerusalem, und gehört wohl zu den meistdiskutierten Historikern der Gegenwart. Zu Recht, wie ich meine. Nicht nur, weil er zu grundsätzlichen Fragen Stellung nimmt (Akademiker tun fast ausschliesslich das Gegenteil), sondern auch, weil er auch selber (jedenfalls in seinem bisher letzten Buch – die anderen habe ich nicht gelesen – 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert (C.H. Beck, München 2018) als handelnde Person in Erscheinung tritt. Und das liest sich dann so: „Ich bin mir durchaus bewusst, dass die Eigenheiten meiner Gene und Nervenzellen, meiner persönlichen Geschichte und meines Dharma nicht bei jedem zu finden sind. Aber vielleicht sollten die Leser zumindest wissen, welche Farben die Brille tönen, durch die ich die Welt sehe, und dabei meinen Blick und mein Schreiben verzerren.“

Als Heranwachsender sei er rastlos und voller Sorgen gewesen, auf seine Fragen ans Leben bekam er keine Antworten. Und schon gar nicht an der Universität, die ja hauptsächlich dazu da ist, den Studierenden grundsätzliche Fragen aus- und ihre Integration ins System voranzutreiben. „Es war extrem frustrierend“, notiert Harari und wendet sich der Vipassana-Meditation zu, die er seit dem Jahre 2000 jeden Tag während zwei Stunden praktiziert. Zudem begibt er sich einen oder zwei Monate pro Jahr in ein Meditations-Retreat. Von einem solchen Mann lasse ich mir Aufklärungen gerne gefallen, denn es geht künftig darum, die Welt in uns drinnen und nicht mehr wie bis anhin die Welt ausserhalb von uns zu beherrschen.

„Die Menschen denken eher in Geschichten als in Fakten, Zahlen oder Gleichungen, und je einfacher die Geschichte, desto besser. Von den drei Geschichten, die das 20. Jahrhundert prägten – die faschistische, die kommunistische und die liberale Erzählung – , hat sich die liberale („Wenn wir unsere politischen und wirtschaftlichen Systeme nur immer weiter liberalisieren und globalisieren, werden wir Frieden und Wohlstand für alle schaffen.“) am längsten gehalten, doch die globale Finanzkrise und das gegenwärtige Chaos in den USA (und anderswo) haben uns den Glauben an die liberale Erzählung weitgehend genommen.

Trotzdem  wursteln wir alle weiter wie bisher anstatt uns den Herausforderungen zu stellen, welche uns künstliche Intelligenz, Big-Data-Algorithem und Bioengeneering bereiten werden. Ein nüchterner Blick auf die Realität ist den wenigsten Menschen gegeben, dass er nötig ist, zeigt  Yuval Noah Harari höchst überzeugend auf. Er guckt genauer und unvoreingenommener hin als viele, und erkennt deswegen: „Die vielgepriesene ‚menschliche Intuition“ ist in Wirklichkeit ‚Mustererkennung‘. Gute Fahrer, Bankangestellte und Anwälte haben kein magisches Gespür für Verkehr, Investitionen oder Verhandlungen – vielmehr erspähen sie, indem sie wiederkehrende Muster erkennen, besonders gut gedankenlose Fussgänger, ungeeignete Kreditnehmer und schamlose Betrüger.“ Doch da die biochemischen Algorithmen des menschlichen Gefühls alles andere als perfekt sind, machen gute Fahrer, Bankangestellte und Anwälte manchmal dämliche Fehler. Mit anderen Worten:  die künstliche Intelligenz  kann der Intuition überlegen sein.

21 Lektionen für das 21. Jahrhundert klärt vielfältigst auf, nicht nur  über Technologie und Politik, sondern auch über Verzweiflung, Hoffnung und Wahrheit. Dabei macht Harari deutlich, dass die Geschichten, die sich die Menschen seit Jahrhunderten erzählen, reine Fiktion sind und es hilfreicher wäre, sich der Realität zu stellen. Das bedeutet, dass es auszuhalten gilt, dass das Leben keinen Sinn hat. Dafür wäre Demut angebracht. „Von allen Formen der Demut ist die vielleicht wichtigste die Demut vor Gott. Immer wenn die Menschen von Gott reden, bekunden sie allzu oft nach aussen demütige Zurückhaltung, verwenden den Namen Gottes aber dann, um sich gegenüber ihren Brüdern als Herren aufzuspielen.“