In Valparaiso und anderswo

Aufzeichnungen

Ein Eidgenosse in China

“Uah”, ertönt es alle paar Sekunden hinter mir, “uah, uah” und es handelt sich wohl um Laute der Zustimmung, die der Mann da von sich gibt, denn sein Gesprächspartner redet ununterbrochen auf ihn ein. Der Minibus rast über die Autobahn. Ich gucke in die stockdunkle Nacht, sehe ab und zu Leuchtreklamen und Lichter von Häusern. Das ist jetzt also China.

Wangming, der Verwaltungsangestellte für Foreign Affairs der Yang-En Universität hatte mich am Flughafen von Xiamen, eine Flugstunde von Hongkong entfernt, erwartet. ‘Hans’ stand auf dem Blatt Papier, das er den ankommenden Fluggästen entgegenstreckte. Die Rückseite des Zettels war mit chinesischen Schriftzeichen versehen, er erwarte noch einen Dozenten, einen Chinesen, der mit einem der nächsten Flüge eintreffen solle.

Ob man hier zwischenzeitlich einen Kaffee kriegen könne? Nein, sagt Wangming. Mich dünkt dies sonderbar, an einem internationalen Flughafen müsste sowas doch möglich sein.
Der Flug des chinesischen Dozenten hat Verspätung. Ich frage noch einmal wegen des Kaffees. Es gebe schon ein Restaurant, aber teuer, viel zu teuer. Na ja, so teuer kann das wohl nicht sein, wende ich weltmännisch ein. Die Rechnung für zwei Kaffee und ein Magnum-Eis beläuft sich dann auf 23 amerikanische Dollar.

Wie viele ausländische Dozenten denn an der Yang-En unterrichten? 28. Ob es welche gebe, die ihren Jahresvertrag verlängern? Eine Amerikanerin, die sei schon vier Jahre da. Doch letztes Jahr hätten zwei frühzeitig aufgegeben. Eine sei Amerikanerin gewesen. Und schwarz. Und damit hätten die Chinesen Mühe. Es sei der Frau aber auch gesundheitlich nicht gut gegangen.

Ich sähe aus wie ein Filmstar, sagt Wangming, das werde mir beim Unterrichten helfen. Ich fühle mich geschmeichelt. Später dann sagt er, ich erinnere ihn an einen früheren amerikanischen Präsidenten. An Reagan. Ah ja? Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie man da drauf kommen kann. Da wären mir ganz andere in den Sinn gekommen. Vielleicht hat der Wangming ja was mit den Augen.

Mein Appartement befindet sich im zehnten Stock eines Hochhauses (im Lift muss man das neunte Stockwerk drücken; das sei das Britische System, wird mir erklärt) und ist karg und lieblos eingerichtet, der Blick durch die Fenster geht auf Berge, einen Fluss und, vor allem, überaus triste Wohnblöcke. Tage später werde ich erfahren, dass es sich dabei um Studentenunterkünfte handelt.

An meinem ersten Tag zeigt sich der Himmel grau in grau, es ist windig, so um die 18 Grad. Ich binde mir seit Jahren wieder einmal eine Krawatte um, ich vermute, das gehört sich hier so.

Das Areal der Universität ist recht gross. Nein, nein, klein, sagt Wangming, der mich herumführt. Klein? Okay, mittel. Wie viele Studenten? 5’000. Und die wohnen alle auf dem Campus.
Es gibt einen Supermarkt, Restaurants, Friseur, Wäscherei, Buchhandlungen, Plattenladen, Bank und Post, es ist alles da, was man zum Leben braucht. Zwei Studenten sprechen mich an, sie wollen ihr Englisch ausprobieren. Das sei das typische ländliche China hier, sagen sie. Die ganz in der Nähe gelegene Stadt Quanzhou zählt 6 Millionen Einwohner.

Heute kehren die Studenten aus den Ferien zurück, werden zum Teil von Eltern und Verwandten gebracht. Vereinzelt sind neue und teuere Autos zu sehen. Ganz wie der Semesteranfang auf dem Campus in Cardiff, wo ich einst studiert habe.
Ich ziehe mich in mein Appartement zurück, packe die Koffer aus, gucke aus dem Fenster und wäre jetzt gerne bei Yonalkis in Havanna. Beginne Tolstois “Krieg und Frieden”, doch ich kann mich nicht recht konzentrieren.

Später am Nachmittag erhalte ich meinen Stundenplan. Ich werde “Spoken English” unterrichten, 18 Stunden pro Woche. Ausgehändigt werden mir auch – in dieser Reihenfolge – Listen mit den Namen der Studenten sowie Formulare, in welchen die Absenzen festzuhalten sind; zudem drei Exemplare des “English for international communication” – ein “student’s book”, ein “workbook” und die Lehrerausgabe.

Von der Yang-en Universität habe ich durch das Internet erfahren; sie bietet hauptsächlich eine Business-Ausbildung an. Ob es möglich sei, im Rahmen dieses Programms Kommunikation zu unterrichten?, hatte ich per Email angefragt. Und meinen Lebenslauf beigeschlossen. Sie würden meine Kandidatur akzeptieren, ich solle sowohl Zeugnisse als auch eine Kopie des Passes schicken. Kurz darauf erhielt ich den Vertrag laut welchem ich 12 bis 14 Stunden die Woche, “Economics and/or English” unterrichten würde.

“In meinem Vertrag steht nichts von 18 Stunden”, sage ich zu Joe, der Chinese ist, doch wie alle Chinesen hier, die mit Ausländern zu tun haben, auch einen westlichen Namen hat (Wangming, der mich vom Flughafen abgeholt hat, heisst jetzt, seit er eine neue Funktion versieht, die ihn mehr mit Ausländern in Kontakt bringt, Jordan). Joe ist ein weiteres Glied in der Verwaltung, seine Aufgabe ist, Mister Mei, dem Vice President, vorzutragen, was ich gerade ihm, Joe, vortrage. Zudem, führe ich weiter aus, wäre ich der Meinung gewesen, ich würde im “Economics”-Programm das Fach Kommunikation unterrichten. Andrerseits sei mir natürlich klar, dass die kürzlich erfolgten, unverhofften Abgänge bei den Dozenten die Universität in eine schwierige Lage gebracht habe und ich deswegen auch durchaus bereit sei, ein Semester lang “Spoken English” zu unterrichten, auch 18 Stunden, sofern mir die vier Extra-Stunden bezahlt würden.
Joe lächelt nervös. Da ich als Business-Dozent angestellt sei, sei mein Salär ja sowieso schon höher als dasjenige der Englisch-Dozenten … Ich unterbreche ihn, freundlich und bestimmt: Joe, ich rede hier nur von meinem Vertrag und von gar nichts anderem, und mein Vertrag ist inbezug auf die Zahl der Stunden, die ich zu unterrichten habe und bezüglich der Höhe des Lohnes klar und eindeutig. Er verstehe meinem Standpunkt, er werde ihn Mister Mei unterbreiten, sagt Joe.

Aus: Hans Durrer: Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur, Edition Rüegger 2017

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Hans Albrecht Moser: Vineta

Meine Ausgabe von Vineta von Hans Albrecht Moser ist 1968 in zweiter Auflage bei Artemis erschienen, erstanden habe ich mir diese gebundene Sonderausgabe 1983, gelesen habe ich die ersten 550 Seiten dieses insgesamt 874seitigen Werkes im Herbst 2006 in Istanbul. Die Handlung ist mir nicht mehr präsent, doch einige der Gedanken, die ich in diesem Roman angetroffen habe, begleiten mich seither. Als ich letzthin wieder darin blätterte, fielen mir noch andere, längst vergessene Überlegungen auf (ich hatte mir Mich-Wichtig-Dünkendes angestrichen), von denen ich einige hier aufführen will:

Die Schule bringt einem alles mögliche bei, nur eines nicht, was das Wichtigste wäre: die Kunst, sich zu beschränken. Dieser Kunst arbeitet sie geradezu entgegen. Denken Sie, wie sauber, wie kristallklar, die Welt würde, wenn jeder nur Dinge behauptete, die er eigentlich weiss. Wenn der Durchschnittsbürger. statt zu sagen: die Erde dreht sich um die Sonne oder die Sonne ist hundertfünfzig Millionen Kilometer von der Erde entfernt oder Karl der Grosse war ein grosser Monarch oder der Mensch stammt vom Affen ab oder die Welt ist ein Elektronenhaufen usw., sich darauf beschränkte zu sagen: ich habe gehört, gelesen, oder es wird behauptet, dass die Erde sich um die Sonne drehe, die Erde von der Sonne so und so viel Kilometer entfernt sei, usw.

Mit unseren Welterklärungen wird uns mehr genommen als gegeben. Sie erklären nichts, setzen nur an die Stelle des Geheimnisses eine Gewohnheit zu denken.

Das Schema ist das Denken all derer, die für eine Sache nicht geboren sind. Es kommt besonders deutlich zum Ausdruck bei den nicht geborenen Psychologen.

Im Leben ist es wie im Zirkus: die einen produzieren sich, die andern schauen zu.

Glückliche Menschen brauchen keine Philosophie, sie haben ja, wozu Philosophie verhelfen will.

Wir sind der Gescheitheiten müde geworden. Wir brauchen keine gelehrten Wälzer, wir brauchen einen Gedanken, der wie der Blitz die Finsternis erleuchtet.

Vornehmheit ist zur Hälfte Verzichtenkönnen. Nur der Pöbel aller Stände kann nicht verzichten.

Die wenigsten wünschen den Tod herbei, und doch wünschen die meisten am Morgen, es wäre schon Abend.

Ist es nicht ein verhängnisvoller Irrtum zu glauben, wir könnten unser Ziel erreichen und damit unsern Sinn erfüllen, indem wir wissentlich leben, wie wir nicht leben sollten?

Es liegt mir fern, eine Philosophie zu geben. Mir geht es nicht um eine Philosophie, sondern um das Erlebnis des Lebens.

Diplomierte Experten für die Seele

Die Frau war sympathisch, offen und witzig. Wir befanden uns in einer Bar am Kata Karon Beach auf Phuket und unterhielten uns bestens. Als sie dann aber sagte, sie sei Psychologin, konnte ich nicht mehr an mich halten und übergoss sie mit  meinem ganzen Widerwillen gegen diese diplomierten Experten für die Seele, von der ich glaubte, wesentlich mehr zu verstehen, weil ich doch so sehr am Leben litt und mir so viele Gedanken über dieses Leiden machte. Erst als Linda, so hiess die Frau aus dem australischen Melbourne, schliesslich lachend sagte: I’m only working part-time, liess ich von meinen Tiraden ab.

Psychologinnen (Männer sind mitgemeint), so meine damalige Sicht der Dinge, konterten jede Kritik mit: Was ist Dein Problem?; Du verdrängst da etwas; Mit Dir stimmt etwas nicht. Jedes Nicht-Einverstanden-Sein mit Irgendetwas wurde als persönliches Problem gesehen. Positiv formuliert: Eigenverantwortung wurde gefordert. Und so sehr ich diese auch befürworte, so sehr gingen mir diese Psychos auf die Nerven. Weil sie Recht hatten? Vielleicht auch, wahrscheinlicher scheint mir jedoch, weil ich sie als Systemerhalter begriff und ich selber voller Wut auf dieses System war. Mit System meinte ich damals die Schule, die für mich nur einen Zweck hatte: uns Schüler in die herrschende Ordnung einzugliedern. Ich empfand sie als Unterdrückungsapparat und war bass erstaunt, als mir einmal ein mir sympathischer Pfarrer erläuterte, dass sie für ihn genau das Gegenteil gewesen sei, nämlich die Möglichkeit, sich aus den beengten sozialen Verhältnissen seiner Herkunft zu befreien (meine eigene soziale Herkunft, mein Vater war ein angesehener Arzt, war privilegiert).

Für die meisten Psychologen gilt, was der Jurist Ludwig Thoma einmal über die Juristen gesagt hat: „Der königliche Landgerichtsrat Alois Eschenberger war ein guter Jurist und auch sonst von mässigem Verstande.“ Shakespeare  sagt es so: „Es gibt mehr Ding‘ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt, Horatio.“

Denke ich an meine Schulzeit, erinnere ich mich vor allem an Charaktereigenschaften meiner Lehrer. Und insbesondere an den zutiefst menschenfreundlichen Pater Giulio Haas und die unkonventionelle Christine Wunderli, die eine Lebensfreude ausstrahlte, die mir im Gymnasium – die Sensiblen litten! – zuwider war. Ich habe Dich damals gar nicht gemocht, erzählte ich ihr Jahre später. Ich weiss, ich Dich aber, lachte sie.

In jeder Schule gibt es gute Lehrer und auch unter den Psychologen gibt es welche, die wissen, wovon sie reden. Aus reflektierter Erfahrung, nicht wegen der Anpassung ans System, die mit einem Diplom belohnt wurde.

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Nachdem ich sechs Jahre lang keinen Alkohol mehr getrunken hatte, begab ich mich nach Hazelden, der berühmten 12-Schritte-Therapie-Einrichtung in Minnesota, um zu sehen, ob die Ausbildung zum addiction counsellor etwas für mich wäre. Nachdem ich zehn Tage erlebt hatte, wie der Laden so lief (und mich wenig überzeugt hatte), fragte mich der Chef-Therapeut, was meine Motivation sei, um counsellor zu werden. Ich sei immer an existenziellen, philosophischen Fragen interessiert gewesen, darum ginge es mir, antwortete ich. Dann sei ich bei ihnen ganz falsch, erwiderte der Chef-Therapeut, bei ihnen gehe es darum, die Patienten wieder fit fürs Arbeitsleben und die Familie zu machen. Das war und ist in der Tat nicht, was mir vorschwebte, denn in meiner Vorstellung ist Sucht nicht einfach ein persönliches Problem. Das Nicht-Genug-Kriegen, das Immer-Mehr-Mehr-Mehr (und genau das ist Sucht) ist geradezu die Grundlage „unseres“ Systems.

Gibt es denn eine Alternative? Sicher, Eckhard Schiffer hat sie in Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde beschrieben. „Am Anfang aller Aufklärung stünden die Selbstaufklärung über die suchtartige Verschreibung an das Leistungsprinzip unter Eltern und Lehrern und Schulbürokraten sowie das Wissen darum, dass das Spielen im Sinne von ‚play‘ und die dazugehörigen Freiräume die wirksamste Immunisierung gegen Suchtgefährdung darstellen.“

Und was tut man, wenn man schon süchtig ist? Selber denken; lernen, bei sich zu sein; nach seinen eigenen Werten zu leben; Meister seiner selbst zu sein. Übung macht den Meister, hiess es einmal. Es gilt noch immer.

Was dem Selber-Denken im Wege steht, hat Immanuel Kant gemeint, seien Faulheit und Feigheit. Das war 1784; es  gilt noch immer.

14. Juli

In jüngeren Jahren war mein Interesse an Geschichte gross, weltgeschichtliche Zusammenhänge faszinierten mich. Historisch bewandert zu sein, galt mir als Ausweis von Kultur. Doch mit dem Alter wurde auch die Skepsis gegenüber breit anerkanntem Wissen grösser, was in der Schule (inklusive Universität) gelehrt wurde, war mir häufig vor allem suspekt – hier wurde gelehrt, was mehrheitsfähig war. Mich hingegen interessierte die Wahrheit, und diese, davon war ich überzeugt, war nicht mehrheitsfähig.

Als ich auf Éric Vuillards Bücher stiess, lernte ich eine andere als die mir vertraute Geschichtsschreibung kennen. Natürlich, auch sie war interpretativ (und ohne zu interpretieren können wir gar nicht existieren), doch der Mann macht etwas, was für mich gänzlich neu war. Er nimmt einen kleinen Ausschnitt, in 14. Juli (Matthes & Seitz Berlin 2019) sind es ein paar Tage im Jahre 1789, die Geburtsstunde der Französischen Revolution,  und beleuchtet sie detailliert und von ganz unterschiedlichen Seiten. „Um die für die königliche Mundküche zuständigen eintausendfünfhundert Personen unterzubringen, hatte man die ganze, ja tatsächlich die gesamte Bevölkerung des ehemaligen Dorfes Versailles enteignet! Geht doch woanders zum Henker, ihr Lumpen und Trunkenbolde!“

Die hungrigen Menschen lehnen sich auf, unter den Aufständischen gibt es Tote. Éric Vuillard holt sie aus der Anonymität, führt sie den Lesern vor Augen:  „Nummer 1 ist ein etwa fünfunddreissigjähriger Mann, sein Haar wird von einer Bandschleife zusammengehalten, er hat eine Adlernase und ein schief geschnittenes Gesicht. Er trägt eine Jacke aus dickem Tuch, eine rote Weste mit Kupferknöpfen und ein grobes Leinenhemd; dazu eine blaue Hose und eine Zwillichschürze.“

In Versailles wurde damals geprasst und gespielt, „man spielt auf unverschämte, unermüdliche, verrückte und leichtfertige Weise, spielt um unerhörte Summen, ganz Versailles spielt. Der König. Die Königin.“ Die abgehobenen Eliten, die von den Nöten der einfachen Leute nichts verstehen, ja nichts verstehen können, fordern die Rebellion geradezu heraus. „Die Revolutionäre waren blutjung, zwanzigjährige Verwaltungsbeamte, fünfundzwanzigjährige Generäle. Das hat es seither nicht mehr gegeben …. Man hörte sämtliche Mundarten Frankreichs.“ Es sind solche Detail-Informationen, die mir dieses Werk unter anderem wertvoll machen.

Andererseits, woher weiss der Mann das alles? Kann man überhaupt wissen, was damals geschah? „Es gilt aufzuschreiben, was man nie wissen wird. Im Grunde weiss man nicht, was sich am 14. Juli ereignet hat. Die Berichte, die wir davon haben, sind spröde oder lückenhaft. Die Dinge müssen von der namenlosen Menge aus betrachtet werden. Und man muss erzählen, was nicht geschrieben steht. Muss es ableiten aus der Zahl, von dem, was man aus der Schenke und von der Strasse weiss, was man tief aus den Taschen und einem Kauderwelsch der Dinge zieht, zerknüllte Liards, Brotkanten.“ Doch was ist das eigentlich, eine Menge? Éric Vuillard gibt den Menschen, aufgrund einer dürftigen, nachträglich aufgestellten Liste, Namen und damit so etwas wie eine Identität.

Der 14. Juli ist ein erhellendes und packendes Werk (Das Aufeinanderprallen des Aufständischen Jean-Baptiste Humbert mit einem Schweizer Gardisten auf dem Turm der Bastille und wie sich Letzterer in der Folge des verletzten Aufständischen annimmt, ist eine ungemein bewegende Szene). Darüber hinaus überzeugt dieser schmale Band auch durch Aufklärungen ungewöhnlicher und grundsätzlicher Art. „Die Stadt ist eine gigantische Verdichtung aus Menschen, aber auch aus Tauben, Ratten und Asseln. Städte gibt es seit ungefähr fünftausend Jahren, sie entstanden irgendwo zwischen Euphrat und Tigris, wie der Ackerbau, die Schrift oder der Garten Eden. Kain soll die erste Stadt gegründet haben, im Land der ewigen Wanderschaft. Und in der Tat ist jede Stadt eine Ballung aus Immigranten und Taugenichtsen, hier sammeln sich alle Heimatlosen.“

Paris war zur Zeit des Sturms auf die Bastille eine der grössten Städte der Welt. Was damals dort geschah, ist in den Mega-Städten von heute genauso möglich. Ja, die zunehmend schreiende Ungleichheit macht eine Revolution immer wahrscheinlicher. Der 14. Juli sollte auch als eindringliche Warnung gelesen werden.

10 Bücher

Vor Kurzem besprach ich „This Empty World“, ein grossformatiges Fotobuch von Nick Brandt, für das in Chicago erscheinende Online-Magazin F-Stop, für das ich regelmässig Fotobücher rezensiere. In der Folge habe ich mir auf Brandts Homepage angesehen, was andere zu seinen Büchern sagen, entdeckte da auch ein Zitat von Alice Sebold und befand mich innert Sekundenbruchteilen bei ihrem „Glück gehabt“, in dem sie die Geschichte ihrer Vergewaltigung (sie war damals 18 und auf dem Heimweg in ihr Studentenwohnheim) schilderte. Ich habe das Buch nicht mehr im Detail präsent, könnte es wohl auch nicht nacherzählen, doch die Bilder, die sich sofort in meinem Kopf einstellen (und das damit einhergehende Verkrampfen des Magens), sind derart gegenwärtig, dass ich mich (auch wieder ganz automatisch) frage, ob andere Bücher ähnlich starke Emotionen bei mir zurückgelassen haben.

In den Sinn kommen mir gerade „Another City, Not My Own“ von Dominick Dunne,  die Geschichte der O.J. Simpson Gerichtsverhandlung in Los Angeles, die Dunne ungemein engagiert und wütend verfolgt und dabei auch offenbart, woher seine Wut stammt:  Der Mörder seiner Tochter Dominique kam mit einer leichten Strafe davon. Und dann „Submission“ von Amy Waldman, wo bei einem Architekturwettbewerb um eine 9/11-Gedenkstätte ein Muslim obenaus schwang. Und „Passage to Juneau“ von Jonathan Raban, der auf einer einsamen Bootsfahrt von Seattle nach Alaska nicht nur durch die teilweise stürmische See, sondern auch durch verschiedene aufrüttelnde persönliche Turbulenzen hindurch muss.

Richtiggehend gefressen hatte ich „The Fontainhead“ von Ayn Rand. von dem ich nur noch weiss, dass es von einem Architekten handelt, und dass ich auf Ibiza, auch beim Warten auf den Bus, nicht davon ablassen konnte (als ich letzthin darauf stiess, dass Donald Trump es gelesen und toll gefunden habe … na ja, ob das wohl stimmt? hat der wirklich schon einmal ein Buch gelesen? … und auch, dass ich mittlerweile weiss, dass Ayn Rand eine glühende Kapitalismusverfechterin gewesen ist, lässt meine damalige Begeisterung nicht ungeschehen machen). Und dann natürlich die Stieg-Larsson-Trilogie sowie „Der Serienkiller, der keiner war“ von Dan Josefsson, worin eindringlich  aufgezeigt wird, was Voreingenommenheiten alles ausrichten können. Und „Schwarz und Weiss“ von Irene Dische, die über Tagträume notiert: „Als es noch keine elektronischen Spielzeuge gab, waren Tagträume ein beliebter Zeitvertreib. Sie waren gebührenfrei, mobil, unterlagen keiner Zensur und mussten nicht bestellt oder nachgeladen werden.“

Zu den tiefst beeindruckenden gehört auch „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara, die einen ihrer Protagonisten über die Schuldgefühle vieler ohnmächtiger Helfer sagen lässt: „Ich habe es toleriert. Ich habe mich entschieden zu vergessen, dass er es tat, weil es zu schwierig war, eine Lösung zu finden, und weil ich mich an dem Menschen erfreuen wollte, als der er von uns gesehen werden wollte, obwohl ich es besser wusste.“ Und was oder wen erwähne ich noch, da ich mich doch hier auf 10 Bücher beschränken will? Mein allererstes Buch, über Fussball natürlich, meinem damaligen Ein und Alles, „Elf Freunde müsst ihr sein“ von Sammy Drechsel.

Wie heisst es doch in Philipper 2.2: „Machet meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr gleichgesinnt seid im Besitz der gleichen Liebe, in der Seele verbunden, den Geist auf Einigkeit gerichtet.“

Von der Würde

„In diesem Buch erfahren Sie nicht, wie sie noch schöner und erfolgreicher werden. Auch nicht, wie Sie es schaffen können, in noch kürzerer Zeit noch besser zu leben. Es verspricht keine sieben Geheimnisse des, keine acht Schritte zu, keine Formel für. Dieses Buch passt nicht in unsere heutige von Effizienzdenken und Erfolgsstreben geprägte Zeit“, lese ich in Gerald Hüthers Würde. Was uns stark macht – als Einzelne und als Gesellschaft (Pantheon, München 2019). Mir gefällt das, sehr sogar, und viele der Gedanken in diesem Buch finden meine Zustimmung. Andererseits: Der Autor, über den ich im Klappentext lese, er zähle zu den bekanntesten Hirnforschern Deutschlands, wird kaum ohne Effizienzdenken und Erfolgsstreben dahin gekommen sein. Dass er darüber hinaus Politiker und Unternehmer berät und regelmässig zu Gast in Rundfunk und Fernsehen ist, ist vor allem ein Ausweis für Angepasstheit an den Zeitgeist.

Doch zum Positiven: Viele der aufgeführten Erkenntnisse sind höchst einleuchtend und so recht eigentlich Ausdruck des gesunden Menschenverstands, der auf Englisch common sense heisst, aber eben nicht sehr common ist. Und genau deswegen tut dieses Buch Not. So weist der Autor unter anderem (man erfährt auch einiges über die Funktionsweise des Hirns) darauf hin, dass die Ansammlung von immer mehr Wissen uns nicht wirklich bei der Frage geholfen hat, woran wir uns orientieren sollen. „Wer irgendwann verstanden hat, was ihm in seinem Leben wirklich wichtig ist, kann nicht mehr so weiterleben wie bisher.“

Das meint Grundsätzliches: Eine Regierung auszuwechseln bringt nichts beziehungsweise meist nicht das Erhoffte oder Befürchtete. Weshalb denn auch die Kernthese dieses Buches lautet: „Wer sich seiner eigenen Würde bewusst wird, ist nicht mehr verführbar.“ Das sagt und schreibt sich leichter als es ist, denn: „Wir beschäftigen uns mit mehr Dingen, als wir verarbeiten können.“ Es gilt also, uns auf Wesentliches zu besinnen. Und dazu leistet dieses Buch einen hilfreichen Beitrag.

Wie gemeinhin üblich, wirft auch Würde einen Blick zurück und die Geschichte zeigt, „dass es in jeder Epoche Personen gab, die nach einer Antwort auf die sehr grundsätzliche Frage suchten, was es bedeutet, ein Mensch zu sein.“ Mit der Zeit kristallisierte sich heraus, dass die Vorstellung von der Würde, die der Mensch besitzt, so recht eigentlich „die entscheidende Voraussetzung jeder demokratischen Gesellschaft“ ist.

Nur eben: auch die demokratische Gesellschaft hat uns bisher nicht davon abgehalten, uns würdelos zu verhalten, also unseren Planeten zu plündern und unsere Lebensgrundlagen zu zerstören. Wie also wäre es möglich, den Menschen zur Umkehr zu bewegen? Gerald Hüther weist auf zwei Möglichkeiten hin: Das Scheitern sowie die Begegnung mit anderen Menschen, denn dabei machen wir die für uns wichtigsten Erfahrungen. „Aus diesen positiven wie auch negativen Erfahrungen, die wir in unseren Beziehungen zu anderen Menschen machen, entsteht im Gehirn ein inneres Bild, eine Vorstellung davon, wie Menschen ihre Beziehungen und ihr Zusammenleben gestalten müssten, damit uns derartige leidvolle Erfahrungen im Umgang mit anderen erspart bleiben. Wenn es uns gelingt, diese Vorstellung mit der Vorstellung unserer jeweiligen Identität zu verknüpfen, entsteht in unserem Hirn dieses besondere Metakonzept, dieses innere Bild, das wir mit dem Begriff und der Vorstellung unserer Würde verbinden.“

Die  Würde, so Gerald Hüther, ist mehr als ein ethisches Postulat, sie ist ein neurobiologisch verankerter innerer Kompass. Er hat erlebt, dass sich Menschen ihrer Würde bewusst werden, wenn diese angesprochen und zum Thema gemacht wird. Dann merken sie auch, „wie bereitwillig sie ihre Würde den Erfordernissen ihres Alltagslebens unterordnen.“ Dem eigenen Wohlbefinden zuträglicher und dem Menschsein angemessener wäre, sich stärker an seinem inneren Kompass auszurichten und die Würde, die in uns allen steckt, ins Zentrum unseres Lebens zu stellen.

Vom Schreiben und Lesen

Im Januar 2019 stellte mich eine Professorin der Universität von Santa Cruz do Sul in einem Cafe einem Journalisten der Gazeta do Sul als Autor vor. Das anschliessende Gespräch mit dem Journalisten war sympathisch und anregend und fand auf Deutsch statt. Kurz darauf fragte der Journalist an, ob ich bereit zu einem Zeitungsinterview wäre. Ich sagte zu, nahm an, dieses würde auf Deutsch geführt werden, und war dann ziemlich überrascht, dass der Journalist, von einem Fotografen begleitet, völlig selbstverständlich auf Portugiesisch drauflos redete. Und noch mehr erstaunte mich, dass ich, der ich bislang noch nie längere Gespräche auf Portugiesisch geführt hatte, auf Portugiesisch antwortete und offenbar verstanden wurde – die Ungenauigkeiten, die ich später im gedruckten Text entdeckte, sind im Journalismus normal.

In der Folge war ich für kurze Zeit berühmt, im Supermarkt und beim Friseur wurde ich auf den Artikel angesprochen („Ich habe Sie in der Zeitung gesehen“). Der Journalist lud mich ein, mich dem literarischen Zirkel der Stadt anzuschliessen. Ein paar Literaturinteressierte würden sich regelmässig so gegen 14 Uhr im Cafe zu ungezwungenen Gesprächen treffen. Ich ging ein paar Mal hin, merkte jedoch schnell, dass ich mit Literaturinteressierten wenig gemein habe. Sie waren auf eine Art belesen, die ich von der Uni kannte – sie wussten viel, verstanden es, Texte und Autoren einzuordnen. Mir selber waren die Kategorien, in denen sie zu denken schienen, fremd. Ja, ich merkte, dass mich Literatur, wie sie sie betrieben, nicht wirklich interessierte – ich war auf der Suche nach Einsichten, die mir halfen, besser zu leben. Diese fand ich in Krimis, Sachbüchern und, ja klar, auch in literarischen Werken. Mein eigenes Schreiben  war (und ist) mir Therapie.

Das war nicht immer so gewesen. Mein erster veröffentlichter Text war eine Buchkritik, viele Jahre später, als ich ernsthaft zu schreiben begann, waren es Essays und Reiseerzählungen, die der Welt zeigen sollten, dass ich etwas zu sagen hatte. Die damalige Motivation war wesentlich ein Mich-Beweisen-Müssen. Ich merkte schnell einmal, dass nicht die Qualität eines Textes für die Veröffentlichung entscheidend war, sondern ob man einschlägig vernetzt war, also die richtigen Leute kannte. Das missfiel mir nicht nur, das war (und ist) mir wesensfremd.

Eines Tages erzählte mir der literarisch bewanderte Journalist aus Santa Cruz do Sul, der zu meiner Verwunderung auch zahlreiche Schweizer Autoren kannte, dass er einmal ein ganzes Jahr in Italien verbracht hatte. Nicht physisch, im Kopf – in der Gesellschaft von Italo Svevo und Elio Vittorini, wenn ich mich recht erinnere. Es waren noch andere, mit deren Büchern er sich ein Jahr lang beschäftigt hatte und die ihm Italien näher gebracht hatten. Für ihn bedeuteten Bücher Kopfreisen, Horizonterweiterungen, das Eintauchen in fremde Welten. Nie war mir intensiver bewusst gewesen, dass das Bücherlesen einem fremde Kulturen näher bringen konnte – seine Begeisterung war ansteckend. Ich stelle mir vor, sein Lesen ist auch eine Form der Therapie.

Von der Wut

Im Zug, auf der Rückfahrt von Magliaso nach Sargans, überkam mich eine heftige Wut, kurz nach Bellinzona war das (hat das damit zu tun, dass ich da einmal gewohnt habe? – gibt es eigentlich auch Dinge, die das Hirn nicht zu kontextualisieren versucht?), die mich an diese Sätze denken liess: „Ich war wütend auf das Leben, auf viele Menschen und überhaupt auf diese ganzen Lebensumstände. Ich war wütend, dass ich überhaupt geboren worden bin und deshalb eines Tages sterben muss. Ich fand das einfach unfair! Ich war auch wütend, weil meine Mutter so früh starb, also ich noch so klein war … Auch heutzutage bin ich immer noch auf mich selbst wütend, wenn ich an alle die Versuche denke, meine innere Wut zu verleugnen und zu verdrängen, nur weil ich soviel Angst vor dieser Wut hatte …“. Auch wenn meine Lebensgeschichte eine andere ist als die dieses Therapeuten der psychosomatischen Klinik Bad Herrenalb, diese Wut, die kenne ich. Und die Offenheit dieses Mannes (zitiert in Jacqueline Lairs „Mein weiser Narr“) hat dazu beigetragen, dass ich einmal in Bad Herrenalb eine Hospitanz gemacht habe, dort allerdings niemanden traf, der ähnlich aufrichtig von seinen Gefühlen sprach.

„… nimm einfach diese gewaltige Energie wahr, die sie auslöst … man muss lernen, diese Energie und die innere Unruhe, die sie mit sich bringt, auf konstruktive Art und Weise auszudrücken, das ist alles.“ Für mich heisst das: Meine Aufmerksamkeit und mein Handeln darauf zu lenken, was ich wirklich tun will. Ernst machen mit meinen Vorsätzen.. Die eigene Bequemlichkeit bekämpfen.  Zu lernen, das Leben als das zu nehmen, was es ist: eine Gelegenheit zum Üben. Wozu denn das, wenn man ja doch einmal stirbt? Weil ich mich jetzt, Hier und Heute, wohl in meiner Haut fühlen will.

Procrastination can get to be a disease stand viele Jahre an der Innenseite meiner Wohnungstür, der Effekt war gleich Null. Dann las ich beim Sozialwissenschaftler Dan Arieli: „Das Auf-die-lange-Bank-Schieben lästiger Aufgaben ist ein nahezu universelles Problem …“, nun ja, es half auch nicht. Und vor allem:  ich schiebe nicht nur lästige Sachen auf, ich schiebe vor allem die wichtigen Dinge auf oder genauer: die, von denen ich mir  einbilde, ich halte sie für wichtig. Dass mein früherer Nachbar noch schlimmer war – er zog seinen besten Anzug so viele Jahre nicht an (er wollte ihn schonen), dass er ihm zu klein geworden war, als er sich dann doch traute – , beruhigte mich immer nur kurz. Die Wende brachte ein Wutanfall, dem, wenn ich mich recht erinnere, die erneute Lektüre von Hans Albrecht Mosers gescheitem Satz aus „Vineta“ vorangegangen war: „Ist es nicht ein verhängnisvoller Irrtum zu glauben, wir könnten unser Ziel erreichen und damit unsern Sinn erfüllen, indem wir wissentlich leben, wie wir nicht leben sollten?“ So mache ich nicht mehr weiter, brach es aus mir heraus. Auf keinen Fall, auf gar keinen Fall!

Ich entsorgte ein paar Kleider, ein paar Schuhe, den schon lange nicht mehr funktionstüchtigen Drucker (der mir nur noch als Ablage-Schemel diente) sowie den Fernseher, ein uraltes Gerät (das ich einst in Bellinzona erstanden hatte und das mich an glückliche Zeiten mit Yonalkis erinnerte – Gründe für mein ständiges Aufschieben finde ich immer), bei dem vor einigen Wochen eine Röhre geplatzt sein musste und das seither, wenn überhaupt, nur noch ein  rotes Bild (der Ton war einwandfrei) lieferte. Was bei den meisten wohl nichts Anderes als das Normale gewesen wäre (unbrauchbar Gewordenes schmeisst man weg), war bei mir, so überzeugte ich mich, ein radikaler Neuanfang!

Vom Festklammern

April 2019, Kamukura, Japan. Das junge Paar, bei dem ich zwei Nächte verbringe, hat eine neunmonatige Tochter, die nach Allem und Jedem greift und sich daran festhält, wie das eben kleine Kinder so tun. Dieses Festklammern an allem Möglichen gehört wohl zum Charakteristischsten eines Menschenlebens. Wir klammern uns an die Familie, den Beruf, unsere Meinungen und Voreingenommenheiten – und lesen Bücher übers Loslassen. Nicht alle, aber doch einige.

Dass wir uns klammern, ist einleuchtend – wir suchen und brauchen Halt und Orientierung. Angesichts der Tatsache, dass wir weder wissen, woher wir kommen und wohin wir gehen, noch was wir auf diesem Planeten, der inmitten von Millionen von anderen Planeten durchs Weltall saust, eigentlich sollen, ist das mehr als verständlich – es ist notwendig. Zumindest glauben wir das und was wir glauben, bestimmt, wie wir uns verhalten.

„It is possible to think this: Without a reference point there is meaninglessness. But I wish you’d understand that without a reference point you are in the real“, schreibt Sharon Cameron in Beautiful Work: A Meditation on Pain. Sich diesem Realen auszusetzen, so oft wie möglich, ist das Hilfreichste, was ich kenne. In meinem Fall bedeutet das: ohne bewusste Gedanken gegenwärtig sein. Am Häufigsten erlebe ich es beim Gehen.

Ich weiss nicht, weshalb mir der Glaube an Beruf, Karriere, soziales Ansehen oder eine bestimmte Identität fehlt. Nicht etwa, dass mir solche Bedürfnisse fremd wären, nur eben: sie überzeugen mich nicht. Doch vor allem: mein Leben hat sich ihnen nicht untergeordnet. Was man glaubt und denkt, zeigt sich darin, wie man lebt.

Jordan B. Peterson, der ganz im Gegensatz zu mir an seine eigene Kompetenz glaubt, hat es in 12 Rules for Life auf den Punkt gebracht: „Was Sie nämlich wirklich glauben (nicht, was Sie zu glauben meinen), wird man nur herausfinden, wenn man sich ihr Verhalten ansieht. Davor wissen Sie selbst nicht, was Sie glauben. Sie sind viel zu komplex, um sich selbst zu begreifen.“

Im Vorwort zu Petersons Buch weist der Arzt und Neurowissenschaftler Norman Doidge auf Fundamentales hin, das nicht immer gern gehört wird: Das Leben ist gleichbedeutend mit Leiden. Nicht, weil die falschen Leute an der Regierung sind oder weil der Chef ein Depp ist. Klar, deswegen auch, doch das ist nicht das Entscheidende. Es geht um Grundsätzlicheres: „Wir leiden, weil wir als Menschen zur Welt gekommen sind und allein dadurch Kummer genug mitgebracht haben. Und selbst wenn Sie oder eine Ihnen nahestehende Person zufällig einmal nicht leidet, die Aussicht, dass es in Zukunft so bleibt, steht eher schlecht – falls sie nicht unverschämtes Glück haben. Denn eigentlich ist alles schwer. Kinder grosszuziehen ist schwer. Arbeit ist schwer. Alter, Krankheit und Tod sind schwer. Laut Peterson würde es sogar noch schwerer, wenn man all dies allein durchstehen müsste, ohne Liebe, ohne Weisheit, ohne die Weisheit der grossen Psychologen.“

Einverstanden, doch noch wichtiger scheint mir, die Weisheiten umzusetzen. Nur dann natürlich, wenn die alten Wege sich als unbefriedigend und hinderlich erwiesen haben. Loslassen lässt sich üben. Jederzeit und überall. Mein Vorbild dabei ist der Krieger, der im Gleichgewicht und bereit ist, für was immer auch kommt. Joseph Goldstein hat über ihn in The Experience of Insight geschrieben: „It’s inspiring to become a warrior. There’s no one else who can do it for us. We each have to do it for ourselves.“

Japanisches (1)

Bahnhof Hashimoto, Ticketschalter. Der junge Beamte bedient sich eines kleinen Übersetzungsgeräts, das die Sätze, die er sagt, ins Englische überträgt und meine englischen ins Japanische.

Ich bin jeweils der einzige Nicht-Japaner in den Hotels, in denen ich in den letzten drei Wochen abgestiegen bin. Ein mitunter etwas eigenartiges Gefühl. Beim Frühstück staunte mich ein kleines Mädchen mit derart grossen Augen an, dass ich mich als Quasi-Ausserirdischer fühlte. Sie strahlte, als ich ihr meine Hand hinstreckte und noch mehr, als sie sie dann ergriff.

Happy Hour bei der Hotelkette Kuretaki bedeutet, dass man sich zwischen 18 und 20 Uhr mit Reiscurry bedienen sowie ein Getränk genehmigen kann.

Verblüfft war ich, in den meisten japanischen Hotelzimmern einen Bademantel/Schlafanzug vorzufinden. Üblich ist auch das Bereitstellen von Zahnbürste, Zahnpasta und Rasierer.

Das Frühstück ist von Hotel zu Hotel verschieden, vom üppigen Buffet mit Nudeln, Gemüse und Reis (das ich eher mit Mittagessen assoziiere) zu der kargen Schweizer-Variante mit Gipfeli, Butter und Konfitüre. Miso-Suppe fehlt nie (und ist ganz unterschiedlich gut).

Schlangestehen allüberall, vor dem Ticket-Schalter am Bahnhof bis zur Bäckerei. Das geschieht weitestgehend sehr diszipliniert, doch natürlich gibt es auch hier ärgerliche Ausnahmen. Rücksichtsnahme als Notwendigkeit, das System würde ohne sie kollabieren. Auch dass Japan ein stilles Land ist (im Zug wird man aufgefordert, sein Handy auf lautlos zu stellen und Telefongespräche zu unterlassen), ist eine Notwendigkeit, das Zusammenleben so vieler Menschen auf engstem Raum sonst kaum möglich.

Japaner sähen keinen Sinn darin, anderen gegenüber ihre Seele auszuschütten, habe ich einmal gelesen. Was mir damals ein einleuchtendes Argument gegen die Über- Psychologisiererei der westlichen Welt erschien, empfinde ich mittlerweile als wenig überzeugende Rechtfertigung des Verleugnens von Gefühlen. Unter der freundlichen Oberfläche brodelt es, das spürte ich immer mal wieder. Unter anderem zeigte es sich darin, wie ein junger Hotelmanager seinen älteren Angestellten (ein fliessend Englisch sprechender pensionierter Bankkader, der sich im Hotel in untergeordneter Stellung etwas dazu verdiente) zurechtwies –  scharf, entschieden und unbarmherzig.

Mit dem Shinkansen, dem japanischen TGV, unterwegs zu sein, hatte ich mir anders vorgestellt – die Überraschung war gross, dass ich mehr in die Weite und von der Landschaft sehen konnte als in Lokalzügen, bei denen ich nur Häuser vor der Nase hatte. Was sich dann änderte, als ich irrtümlicherweise von Chiba nach Choshi fuhr und zum ersten Mal die, in dieser Gegend flache, japanische Landschaft sehen konnte.

Als Kontaktlinsenträger kam ich aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, als eine junge Frau im total vollen Tokio-Zug sich im Stehen ihre Linsen einsetzte – ich selber brauche dafür Stuhl und Tisch und vor allem keine (womöglich unfreiwillig) schubsenden Leute um mich rum.

Was mich nach Hashimoto gebracht habe? wollte eine Frau in meinem Alter wissen, da kämen Fremde doch kaum einmal hin. Ein relativ günstiges Hotel, erwiderte ich, denn in der jetzigen Ferienwoche seien die Zimmerpreise enorm gestiegen. Diese Angebot und Nachfrage Schmarren-Theorie, die wir den „Wissenschaftlern“ abgekauft haben, ist nichts als primitivste kapitalistische Abzockerei.

Ein Konsumwahnsinn sondergleichen, eine Emsigkeit, die mich an Ameisen denken lässt, eine aufgesetzte Freundlichkeit, die mir bei weitem lieber ist, als die authentische Rüpelhaftkeit anderer Nationen und eine Stille, die ich so noch nirgendwo wahrgenommen habe und die mich ruhig werden lässt – so erlebe ich Japan.