In Valparaiso und anderswo

Aufzeichnungen

Warum wir unsere Zeit vergeuden

In den 1990ern lebte ich immer mal wieder während Monaten in Bangkok und ging regelmässig mit einem Amerikaner, der im selben Hotel ein long-term resident war, zum Abendessen in ein nahegelegenes Lokal, wo wir die Weltlage besprachen. Jim, wie der Ami hiess, regte sich ständig auf – über die Thais, das Hotel oder was auch immer. Ihm schien noch mehr auf die Nerven zu gehen als mir und das ist selten. Einerseits gefiel mir das, weil ich mich im Vergleich zu ihm dann eigenartig gelassen fühlte, andererseits nervte es mich, weil ich selber die Thais und Thailand sehr schätzte. Ein wiederkehrendes Thema waren die Medien, die Jim sich ganz anders wünschte, nämlich auf seine Bedürfnisse zugeschnitten. Im Internetzeitalter, in dem wir uns schon seit einiger Zeit befinden, ist nun seine Vorstellung von personalisierten Nachrichten möglich geworden – er lässt sich also nur noch mit dem füttern, was Algorithmen für ihn ausgesucht haben. Für mich ist das die absolute Horrorvorstellung, denn ich lasse mich gerne überraschen. Und im Übrigen hat sich für mich meist das am spannendsten erwiesen, von dem ich gar nicht wusste, dass es mich interessierte.

Weder Jim noch ich haben entschieden, wie wir unsere Zeit verbringen wollen. Unser beider Aufmerksamkeit wurde von den Medien gesteuert – und denen geht es darum, Geld zu machen. Die sogenannte Aufmerksamkeitsökonomie ist eine gigantische Maschine, die uns mit grossem Erfolg ruhigstellt. Natürlich wissen wir, dass wir manipuliert werden, doch es stört uns nicht wirklich, denn es ist ja so bequem und wir zudem faul. Bis wir gelegentlich aufwachen – alle haben wir solche Momente – und uns fragen: Was will ich eigentlich wirklich tun?

Nur eben: Diejenigen, die wissen, was sie wirklich wollen, tun das deswegen noch lange nicht. So gehört zu meinen verblüffendsten Erfahrungen, dass ich auch Dinge nicht tue bzw. auf die lange Bank schiebe, von denen ich überzeugt bin, dass ich sie wichtig finde und gerne tun würde.

Doch wie kommt es, dass wir uns nicht gerne mit Dingen befassen, die wir für wesentlich halten, und es vorziehen uns abzulenken, uns also mit Dingen abzugeben, auf die wir uns nicht wirklich konzentrieren wollen? Weil wir uns nicht mit unserer Endlichkeit beschäftigen wollen. Auf diesen Gedanken bin ich durch einen schlauen Zeitungsartikel gestossen; er leuchtet mir ein.

Wir lenken uns unser Leben lang ab. Mit Geld verdienen, Karriere machen, die Nachbarn beeindrucken – mit was auch immer. Damit ist gewährleistet, dass wir nicht an die wenig willkommene Tatsache unserer Finalität denken müssen. Nur eben: Wer den Tod verdrängt, verdrängt auch das Leben. Ausser natürlich die, welche glauben, Geld verdienen, Karriere machen, die Nachbarn beeindrucken, sei das Leben.

„Mein“ Wittgenstein

Zu den Denkern, mit denen ich eigentlich nur Positives verbinde – was bestimmt auch daran liegt, dass ich mir von ihnen einfach das nehme, was mir zusagt – , gehört Ludwig Wittgenstein. Mit seinem Tractatus habe ich mich in jungen Jahren beschäftigt und erinnere nur noch „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. “ Doch es ist noch nicht lange her, dass ich mir Joachim Schultes Wittgenstein. Eine Einführung vorgenommen habe, wovon sich mir unter anderem dieser Satz eingegraben hat: „Es gibt Probleme, an die ich nie herankomme, die nicht in meiner Linie oder in meiner Welt liegen.“

Dass mich Wittgenstein beeindruckt, hat auch mit seinem Leben zu tun – dass er sich in die norwegische Einsamkeit zurückzog, dass er als Volksschullehrer tätig war, erweckt in mir Sympathie. Zu Letzterem lese ich bei Joachim Schulte: „Er hatte sich diese Arbeit offenbar als eine Art Medizin verordnet, um ein ‚anständiges‘ Leben zu führen. (‚Anständig‘ war ein Wort, das Wittgenstein immer wieder mit besonderer Betonung gebrauchte; in diesem speziellen Fall wollte er wohl vor allem selbstlos handeln, er wollte sich müde arbeiten und der ‚Eitelkeit‘, die er fürchtete, vorbeugen.)“

Als ich nun vor Kurzem sah, dass ein Verlag, dessen Bücher ich sehr schätze und auch recht oft besprochen habe, eine neue Wittgenstein-Biografie veröffentlichte, bemühte ich mich unverzüglich um ein Rezensionsexemplar, erhielt jedoch weder eine Antwort noch das Buch. Das beschäftigte mich ein paar Tage – sollte ich nochmals fragen? – , doch dann erinnerte ich mich, auch in Otto A. Böhmers Lichte Momente über Wittgenstein gelesen zu haben. Und so nahm ich es wiederum zur Hand und stiess auf eine Szene aus dem Theaterstück Die Kreuzelschreiber von Ludwig Anzengruber, das sich Wittgenstein im Jahre 1910 als Einundzwanzigjähriger angeschaut harre. Otto A. Böhmer, mit seinem Händchen für Wesentliches, zitiert den Wittgenstein Biograph Brian McGuiness:

„Wittgensteins religiöses Erwachen steht zweifellos im Zusammenhang mit der Szene, in der eine Figur die ‚etwaige Offenbarung‘ oder ‚Eingebung‘ beschreibt, die sie gehabt hat. Dieser Mensch hat bisher in schrecklichem Elend gelebt; eines Tages wirft er sich, als die Sonne scheint, ins Gras und denkt, er werde sterben. Als er abends aufwacht, wird ihm ‚inwendig so wohl, als wär’s hell Sonnenlicht von vorhin in mein‘ Körper verblieb’n … und da kommt’s über mich, wie wann eins zu eim’m andern red’t: Es kann dir nix g’schehn! Selbst die grösst‘ Marter zählt nimmer, wenn’s vorbei ist! Ob d’jetzt gleich sechs Schuh tief da unterm Rasen liegest oder ob d’das vor dir noch viel tausendmal siehst – es kann dir nix g’schehn! – Du g’hörst zu dem all’n, und dös alles g’hört zu dir! Es kann dir nix g’schehn!’“

„Wittgenstein machte diese Gewissheit zu seiner eigenen“, kommentiert Otto A. Böhmer. Darum will ich mich auch bemühen. Gut, denkt es so in mir, hat mir der Verlag die neue Wittgenstein-Biographie nicht zukommen lassen, ich hätte sonst wohl kaum Böhmers Lichte Momente konsultiert. Ich bin froh drum, denn mehr als “ Du g’hörst zu dem all’n, und dös alles g’hört zu dir! Es kann dir nix g’schehn!“ gibt es, jedenfalls was mich angeht, nicht zu verstehen.

Das Suchen Aufgeben

In ziemlich regelmässigen Abständen erfassen mich Neid-Schübe. Etwa wenn ich von zwanzig Jahre Jüngeren lese, die offenbar zielgerichtet studiert und anschliessend eine ambitionierte Karriere hingelegt haben, Wieso habe ich das nicht gemacht, nicht geschafft? Wollte ich es nicht? Konnte ich es nicht? Fehlte mir die Disziplin? Bin ich zu wenig Kämpfer? Letzteres bestimmt nicht, nur interessiert mich das, wofür diese Leute kämpfen, einfach nicht, ich finde es nur eitel. Und der Eitelkeit nachzugeben, macht abhängig. Jeder, absolut jeder, der eine konventionelle Karriere macht, ist ein Dummkopf, denn er widmet seine ganze Energie der Stärkung seines Ego. Und das ist so mit das Dümmste, was man machen kann. Ausser natürlich, man will leiden. Davon bin ich überzeugt. Und trotzdem lassen sich die Neid-Schübe nicht vertreiben.

„Du bist zu streng, denn eitel sind wir doch alle. Und in Massen finde ich das auch ganz okay.“, sagt L, der wenig kunstvoll über Kunst schreibt und mir zu selbstgefällig ist. Wenn ich Lust auf ein Gespräch habe, bei dem keiner auf den andern eingeht, treffe ich mich mit ihm zum Mittagessen.

„Klar doch, ich bin auch eitel. Und ich merke, dass mir das nicht gut tut. So erkläre ich mir auch meine gelegentlichen Neid-Schübe.“

„Man kann das doch auch locker nehmen.“

„Du vielleicht. Ich nicht. Doch wie so oft geht es mir um Grundsätzliches: Ich denke nämlich, dass dieses ständige Personalisieren, das wir betreiben, ein Problem ist, weil es uns in eine völlig falsche Richtung führt.“

„Ich verstehe nur Bahnhof.“

„Nimm den Journalismus. Der versteht sich zu einem grossen Teil als Geschichten-Erzählen. Und damit eine Geschichte funktioniert, wird sie an Personen und an Persönlichem aufgehängt. So kriegen wir die Komplexität der Welt in den Griff. Vermeintlich, denn wir kontrollieren gar nichts, wir leben in einer völligen Illusion.“

„Das ist mir viel zu abgehoben. Ich sehe mich als Pragmatiker, bin froh, dass ich meine Nische gefunden habe. Und pflege mein Gärtchen.“

„Da ist nichts dagegen einzuwenden. Überhaupt nichts.“

Und in mir denkt es: Wieso gelingt es mir nicht auch, mein Gärtchen zu finden und zu pflegen? Bis ich irgendwann erschöpft aufgebe. Und zu begreifen beginne, dass es nichts zu suchen gibt und mein Gärtchen nichts anderes ist als was ich tue. Vielleicht muss ich ja nur das Suchen aufgeben?

***

Das Personalisieren ist ein Grundübel unserer Zeit. Umso erfreulicher, wenn zwei Interviewte für einmal Gegensteuer geben:

Die BBC hat Nobelpreisträger der verschiedensten Disziplinen zum Gespräch gebeten. Den Preis für Physik teilen sich ein Amerikaner und ein Japaner, der wie ein Sumo-Ringer aussieht, und auf die Frage, ob er stolz sei auf ihre Entdeckung, zur Antwort gibt. Nicht wirklich. Was sie beide entdeckt hätten, sei eben zu entdecken gewesen und früher oder später von irgendwem auch entdeckt worden.

Ein Interview mit dem Tontüftler Brian Eno, der zum Tod von David Bowie befragt wird. Worin er das Aussergewöhnliche von Bowie sehe? Nun ja, er habe ganz einfach verkörpert, was in vielen von uns vorhanden sei.

Aus: Hans Durrer: Gregors Pläne. Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern, neobooks, 2021

Auf Autopilot

So recht eigentlich bin ich ständig auf Autopilot – so ziemlich alles, was ich tue, tue ich automatisch. Wenn ich zu Fuss gehe, überlege ich nicht zuerst, welche Bewegungen ich dazu machen muss; wenn ich spreche, purzeln die Worte in einer Reihenfolge aus meinem Mund, die ich mir nicht zuvor zurecht gelegt habe, und wenn ich träume, geschieht das auch ohne meinen bewussten Input. Alles geschieht automatisch – das Atmen, das Schauen, das Hören. Mein Körper weiss, was zu tun ist – es ist ein Wunder.

Gleichzeitig kriege ich von meinem Leben gar nichts richtig mit. Und auch wenn das vielen noch so recht ist, mir passt es nicht. Jedenfalls nicht immer. Ich schätze nämlich diese Momente, in denen ich auch geistig da bin, wo mein Körper ist. Das ist selten, sehr selten. Heute morgen war ich zum Beispiel schon kurz nach dem Aufstehen in Kalifornien, in Brasilien, in München, in Mérignac und in Grabs. Im Kopf und für den Bruchteil einer Sekunde nur.

In der Corona-Pandemie hat es immer mal wieder Momente gegeben, wo ich dachte: Schön, dass es nicht mehr so weiter geht wie bis anhin. Endlich gibt es die Möglichkeit für einen radikal-gesunden Kurswechsel. Naive Anwandlungen, zugegeben. Dabei habe ich mich immer für einigermassen nüchtern gehalten, also mir weder von Kapitalisten noch von Politikern viel erwartet. Von kulturell Tätigen hingegen … aber auch die verhielten sich so wie sie sich schon immer verhielten: Eitel und selbstbezogen. Und die Medien sowieso: Immer die Gleichen kommen zu Wort.

Der Mensch will sich nicht ändern, er tut es nur, wenn er muss. Oder wenn sich etwas erschöpft hat. Mich haben meine Routinen ausgelaugt, mich drängt es zu de-automatize, wie es Osho genannt hat. Indem ich langsamer werde, Geduld mit mir habe. Slow down time nennen es die Buddhisten. Das ist schwieriger als man meinen könnte. Jedenfalls für mich. Doch die Zeit zum Üben will ich mir nehmen, schliesslich möchte ich von meinem Leben etwas mitbekommen.

Von der Bildung

Was für einen Zweck es haben soll, insofern man damit nicht sein Brot verdienen muss, möglichst viele Bücher zu lesen, alle berühmten Kunstwerke zu kennen, zu wissen, was sich jeder Philosoph über die Welt ausgedacht hat, ist mir bis auf den heutigen Tag nicht klar geworden. Aber unsere Bildungsstätten leben von der den Menschen eingeredeten Meinung, dass man alles kennenlernen müsse. Nun laufen die Menschen in die Theater, Konzerte, Museen, besuchen Vorträge, lesen Bücher, machen Reisen, ohne je zu bedenken, ob dieser ungeheure Bildungskonsum ihren geistigen Bedürfnissen wirklich entspricht. Täten sie es, so würden sie gewahr, dass ein ganz bescheidener Ausschnitt dessen, was sie aufnehmen, durchaus genügte. Wir haben gar nicht für so viele Dinge Sinn und bedürfen nicht einer so gigantischen Geistesnahrung. In einem zweistündigen Symphoniekonzert geniessen wir vielleicht zehn Minuten lang. Die übrige Zeit verbringen wir damit zu, dass wir, insofern uns nicht andere Dinge beschäftigen, auf das Ende des Stücks oder Konzerts warten. In einer Ausstellung, in der hundert Bilder hängen, erfreuen wir uns vielleicht an fünf. Man muss nur die gelangweilten Gesichter der Konzertbesucher betrachten und zuschauen, wie sich die Leute in den Ausstellungen müde von einem Bild zum andern schleppen, um den grossen Unsinn unseres Bildungsbetriebes einzusehen.

Hans Albrecht Moser: Vineta

Plötzlich sehe ich …

Früher, sagt der Vierzigjährige in der Selbsterfahrungsgruppe, habe er alle für Vollidioten gehalten. Heutzutage finde er alle nur noch Idioten. Ein Fortschritt, zweifellos; die vollständige Genesung in Reichweite, so scheint es.

Eine Diskussionsrunde im Schweizer Radio: Drei Alt-Nationalräte, denen man nicht zuzuhören braucht, da man aufgrund ihrer Parteizugehörigkeit bereits weiss, was sie sagen werden.

„Die Politik war in ihren Augen eine Tätigkeit für Rentner oder Snobs, ein Hobby, irgendwo zwischen dem Sammeln von Briefmarken und Golf angesiedelt. Man muss viel Zeit haben, sagte sie, um sich für Männer zu interessieren, die sich einen Dreck um andere scheren. Und Marie hatte viel zu wenig Zeit, um sie mit Diskussionen über Dinge zu vergeuden, die sowieso nichts brachten.“ (Jean-Paul Dubois: Ein französisches Leben).

Ein Leben lang hatte ich geglaubt, wider besseres Wissen, in der Bücherwelt, ja, in der Kunst generell, gehe es anders zu als im „normalen“ Leben – aufrichtiger, genuin unprätentiös, an der Sache interessiert. Ich glaubte das, weil ich es glauben wollte. In Petra Morsbachs Opernroman lese ich: „Theaterkunst vollzieht sich im Ablauf. Um diesen Ablauf zu koordinieren, wird geprobt. Es geht da um Technik, Metrik, Choreographie; um Können, Konzentration, Kondition. Die Künstler aber sind Menschen mit Leidenschaften. Angst, Ehrgeiz und Neid sind oft stärker im Spiel als die Vision des Kunstwerks, die schwieriger zu erschliessen ist und sowieso nicht allen zugänglich; deshalb wird oft schlecht geprobt. Damit wird Zeit vergeudet, die alle dringend für die eigentliche Aufgabe bräuchten, es ist also wie im richtigen Leben.“

Plötzlich sehe ich, was ich nie wirklich habe sehen wollen. Dass die Welt der Bücher und Ideen kein Ausweg, sondern Ablenkung ist. Wie fast alles im Leben. Die einzigen, die sich ernsthaft, wie ich mir vorstelle, ums Leben bemühen, sind die, die sich dem Hamsterrad entziehen und dem Konsumwahnsinn (wozu der Kulturbetrieb genauso gehört wie der Sport) entsagen.

Wie ich die Fotografie entdeckte – und was sie mich gelehrt hat

Als ich in den Jahren 1999/2000, während meines Magisterstudiums an der School of Journalism, Media and Cultural Studies der University of Wales in Cardiff, vermeinte, die Fotografie zu entdecken, hatte ich vollkommen vergessen, dass ich als Sechzehnjähriger hatte Fotograf werden wollen. Ein Wunsch, der offenbar ernster gewesen war als es mir im Nachhinein schien. Vor Kurzem entdeckte ich nämlich eine Notiz, gemäss welcher Pater Martin, ein mit meinem Vater befreundeter Benediktiner Mönch des Klosters Disentis, wo ich damals die Schule besuchte, meinen Vater darauf hinwies, dass ich ernsthaft daran interessiert sei, Fotograf zu werden. Mein Vater bot mir in der Folge an, im Keller des Hauses, in dem wir zur Miete wohnten, eine Dunkelkammer einzurichten, was mich jedoch nicht im geringsten interessierte, verband ich doch mit Fotografie den Schauspieler David Hemmings, der in Antonionis Blow Up einen ständig von schönen jungen Frauen umgebenen Fotografen spielte. Chemische Lösungen und Dunkelkammern spielten in meinen Fantasien keine Rolle.

Mein Fotografie-Interesse war ein Hirngespinst gewesen, so hatte ich lange gedacht. Doch dann, in Cardiff, gepackt von der Dokumentarfotografie, wurde Let Us Now Praise Famous Men von James Agee und Walker Evans, welches das Los der Baumwollpflücker in Amerikas Süden in den 1930er Jahren dokumentierte, zu meiner Bibel. Daniel Meadows, der Supervisor meiner Magisterarbeit, hatte mich darauf neugierig gemacht, doch erst als ich mich intensiver damit zu befassen begann, erinnerte ich mich, dass ich die deutsche Fassung dieses Werkes, Preisen will ich die grossen Männer, vor Jahren erstanden hatte. Davon geblieben waren mir weniger die Walker Evans‘ Fotos als James Agees Text, und insbesondere eine Stelle, die zum Ausdruck bringt, was seit je meine Lebenshaltung gewesen ist.

„Jede Wut auf Erden ist mit der Zeit in der einen oder anderen Form als Kunst oder als Religion oder als Autorität aufgesaugt worden. Der vernichtendste Schlag, der der Feind der menschlichen Seele führen kann, ist, der Wut Ehre zu erweisen. Swift, Blake, Beethoven, Christus, Joyce, Kafka, nennt mir einen, der nicht auf diese Weise verstümmelt wurde. Offizielle Billigung ist das eine unverkennbare Symptom, dass das Heil wieder Schläge einsteckt, und ist das sicherste Zeichen für ein fatales Missverständnis, und ist der Judaskuss.“

Zu entdecken, dass nicht nur diese Haltung mir seit je eigen war, sondern auch die Fotografie mich schon lange begleitete, verblüffte mich nicht nur – Jahre später, in Santa Cruz do Sul, begann ich Bäume zu fotografieren und glaubte, dass dies etwas völlig Neues für mich war, bis ich, beim Durchsehen alter Aufnahmen, bemerkte, dass Bäume schon seit Jahren zu meinen bevorzugten Fotoobjekten gehörten – , sondern liess mich auch das Leben neu sehen: Alles ist schon da, ist immer schon da gewesen, man muss es nur sehen.

Es dauerte lange, sehr lange, bis ich das zu begreifen schien. „Understanding is a feeling“, lernte ich in Robert Adams‘ Why People Photograph. Ein Gefühl, das es in Handlung umzusetzen gilt, möchte ich hinzufügen. Denn erst als ich nach gut zwanzig Jahren des Nachdenkens über Fotografie anfing, selber regelmässig zur Kamera zu greifen und einzurahmen, was meinen Augen gefiel, glaubte ich wirklich zu verstehen, was Dorothea Lange einst so ausdrückte: „The camera is an instrument that teaches people how to see without a camera.“

Não pense, veja (denke nicht, schau), hat es ein brasilianischer Zen Buddhist ausgedrückt. Mir scheint, das war genau so schon immer in mir – und bin ganz froh, dass ich das nicht nur entdeckt habe, sondern es so auch zu sein erlaube.

Welterklärungen

Hans Albrecht Mosers Vineta. Gegenwartsroman aus zukünftiger Sicht, das ich im März 1983 erstanden und von dem ich mehr als die Hälfte, 550 Seiten, um genau zu sein, gelesen habe, gehört zu den Büchern, deren Handlung mir zwar nicht mehr präsent ist, doch aus dem mich, seit ich es im Oktober und November 2005 in Istanbul gelesen habe, damals unterstrichene Passagen begleiten. Zu diesen gehört: „Mit unseren Welterklärungen wird uns mehr genommen als gegeben. Sie erklären nichts, setzen nur an die Stelle des Geheimnisses eine Gewohnheit zu denken.“

Daran musste ich denken, als ich letzthin zu Kirstin Breitenfellners Wir Opfer. Warum der Sündenbock unsere Kultur bestimmt griff, einer differenzierten Auseinandersetzung mit der heute weit verbreiteten Opfermentalität, denn sie geht das Thema genau so an, wie das alle anderen auch tun, wenn sie ein Thema, irgendein Thema, angehen. Versuch einer Definition, geschichtlicher Rückblick, Kontextualisierung etc. Das Übliche, das Typische eben. Wie man das halt so macht. Ich habe keine Einwände dagegen, ausser einem: Die Vorgehensweise langweilt mich, sie ist mir fad.

Ich habe mich für die übliche Art, Dinge zu betreiben bzw. strukturiert vorzugehen, noch nie richtig erwärmen können. Mich nach Plänen und Zielvorgaben auszurichten, war auch noch nie mein Ding und Leute, die an Fachdisziplinen glauben, halte ich für unter-komplex. Neutraler formuliert (als Schweizer ist man ja gleichsam neutral zur Welt gekommen): Ich erlebe alles gleichzeitig, finde jedoch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft durchaus hilfreiche Erfindungen, falls wir uns Illusionen hingeben wollen. Alles gleichzeitig meint übrigens auch: Meine Gefühle, Sehnsüchte und Hoffnungen sind noch genau die gleichen wie die, welche ich als Siebzehnjähriger hatte.

Doch ich schweife ab und gebe gerne zu, ein wenig strukturierteres Denken würde mir vermutlich gar nicht schlecht bekommen. Andererseits, wäre mir ein solches gegeben, wäre Kirstin Breitenfellners Wir Opfer schon längst aussortiert worden, denn es lag vergraben unter vielen anderen ungelesenen Büchern. Und das hätte ich bedauert, denn ich stosse in diesem Werk auf viele Gedanken, die mir ausgesprochen gut gefallen. Auch weil sie das Thema sehr breit angeht (vom christlichen Rückfall ins Sündenbockdenken zum Narzissmus der Opfer). Zudem werde ich daran erinnert, was mir an Natascha Kampusch immer Eindruck gemacht hat. „Dass sie sich bis heute nicht in das Klischee, um nicht zu sagen die Unterdrückungsformel des klassischen Opfers einfügt, ist für nicht wenige an diesem Fall das grösste Ärgernis.“

„Dadurch, dass es in Menschengruppen keine natürlichen Hierarchien gibt und der Mensch durch Nachahmung lernt, sind Konflikte, Rivalität und daraus resultierende Gewalt unvermeidlich.“ Der Gedanke wird René Girard zugeschrieben, der von Kirstin Breitenfellner aus für mich unerfindlichen Gründen als Aussenseiter beschrieben wird – der Mann ist Mitglied der Académie Française!

Und gerade noch ein Zitat von ihm, weil es Grundsätzliches an der heutigen Wettbewerbs-Ideologie klar benennt: „Sind die Primärbedürfnisse einmal gestillt – zuweilen sogar schon vorher – , ist der Mensch von intensiven Wünschen beseelt, weiss aber nicht genau, was er wünscht: Er begehrt das Sein – jenes Sein, das ihm seinem Gefühl nach fehlt und von dem ihm scheint, ein anderer besitze es.“ Kerstin Breitenfellner kommentiert treffend: „Heute scheint Wettbewerb das Erwünschte. Mit offenbaren Folgen: Konkurrenz auf allen Ebenen des menschlichen Lebens, von den intimsten Beziehungen bis zur globalen Wirtschaft.“

Wie in Sachbüchern üblich werden viele schlaue Leute mit vielen schlauen, doch selten praxistauglichen Gedanken zitiert. Kirstin Breitenfellner hingegen wird konkret: „Die Herstellung eines Sündenbocks ist ein gruppendynamischer Prozess, der auf einer Lüge beruht – nämlich jener, dass das Opfer schuldig ist und die Verfolger unschuldig. Er funktioniert nur, wenn alle mitmachen und niemand sich im Klaren über sein eigenes Tun ist. Wenn niemand den ersten Stein wirft oder das erste Wort abschiesst, kann dieser Prozess unterbrochen werden.“

Mit der nötigen Zivilcourage kann jeder Prozess unterbrochen werden. Dazu gehört auch der, welcher zur Zeit vor Covid-19 zurück und uns wieder zu Opfern des kapitalistischen Irrsinns machen will.

Im Zeitalter der Verkäufer

Ein Film über David Bowie auf Arte. „Keep your electric eye on me, babe“ packt mich noch genauso wie einst. Und „Ch-ch-changes, don’t want to be a richer man“ sowieso. Am Ende des Ziggy Stardust-Konzerts in den frühen 1970ern im Hammersmith in London, verkündet Bowie, dies würde das letzte derartige Konzert sein. Man ist überrascht, kann es nicht nicht glauben, dass jemand auf dem Höhepunkt aufhört, sagt der Kommentator. Bowies Bandkollege Mick Ronson sieht das anders: Bowie habe ein unheimliches Gespür dafür gehabt, was sich verkaufen lasse.

Vor Jahren, im Norden von Bangkok war ein Flugzeug abgestürzt. Die Polizei hatte die Unfallstelle gesichert, trotzdem gelang es einigen Dorfbewohnern sich der vom Himmel gefallenen Gegenstände zu bemächtigen. Ja, haben denn die überhaupt keine Scham, keinen Respekt vor den Toten?, fragten die Medien. Eine Frau, die einen Pelzmantel ergattert hatte, rechtfertigte sich mit den Worten: Hätte ich ihn nicht genommen, hätte ihn die Polizei genommen.

Kurz darauf berichtete die ‚Bangkok Post‘, es seien amerikanische Rechtsanwälte im Land eingetroffen, die auf der Suche nach Angehörigen der Opfer des Absturzes seien – sie wollten diese vertreten, also ihre Dienstleistungen verkaufen. Meine Bekannte, Filmemacherin aus Los Angeles, meinte: Kapitalismus pur, es geht nur ums Geld, furchtbar. Prostituierte seien verglichen mit diesen Aasgeiern moralisch anständig. Auch würden sie, im Gegensatz zu Anwälten, nach erfolgter Leistung regelmässig gute Gefühle zurücklassen.

Niemand, so scheint mir, ist heutzutage medial präsenter und besser bezahlt, als Verkaufstalente. Ja, so recht eigentlich dreht sich in der modernen Welt so ziemlich alles ums Sich-Verkaufen-Können. Eine Mentalität, die mir fremder kaum sein könnte und vermutlich mit ein Grund ist, weshalb ich mich dem stromlinienförmigen Lebenslauf weitestgehend entzogen habe.

Wohl fühle ich mich stattdessen auf Reisen und in der Welt der Bücher. Eigenartigerweise habe ich mich jedoch nie wirklich daran gestört, dass der Buchmarkt genau denselben Gesetzen unterliegt wie jeder andere Markt auch. Und dass so recht eigentlich alle Medien – die mich lange faszinierten – genau den gleichen Mechanismen unterliegen wie zum Beispiel die Banken: Bei beiden geht es in erster Linie ums Verkaufen.

Verkaufen zu können setzt Käufer voraus, also Menschen, die nicht mit dem zufrieden sind, was sie haben. Bei mir sind das hauptsächlich Bücher. Und da ich sie mit Bildung (einem hohen Gut, das ich bislang nie in Frage gestellt habe) gleichsetze, bringe ich sie nicht wirklich mit Verkauf und Konsum in Verbindung. Klar doch, theoretisch schon, gefühlsmässig hingegen nicht. Womit wieder einmal bewiesen wäre, dass der Kopf gegen Gefühle selten eine Chance hat.

Seit Neuestem frage ich mich zunehmend, wozu Bildung eigentlich gut sein soll? Das Gegenwärtig-Sein zu üben wäre definitiv sinnvoller.

Ablenkungen

Wir lenken uns ab. Ständig. So recht eigentlich tun wir nichts anders. Fast ein ganzes Leben lang. „Ganz entspannt im Hier und Jetzt“ lautet ein Buchtitel, zu dem ich einst gierig gegriffen habe. Ich habe keine Erinnerung mehr ans Buch (ein generelles Phänomen: auch an gerne gelesene Bücher erinnere ich mich, wenn überhaupt, nur sehr vage), doch im Hier und Jetzt bin ich nach wie vor selten. Und entspannt noch seltener.

„Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen“, klagte Blaise Pascal schon im 17. Jahrhundert. Warum sollte er das bloss wollen?, liesse sich da fragen, doch ich vermute, der französische Mathematiker und Philosoph meinte etwas anderes: Wir halten uns selber nicht aus. Was wir haben, genügt uns nicht. Ständig wollen wir mehr und anderes.

Probleme, zum Beispiel. Was wären wir ohne sie? Und so schaffen wir immer neue, berufen uns dabei auf die Komplexität der Welt, die angeblich nach immer grösserer Differenzierung verlangt. Das äussert sich etwa in neuen Fachdisziplinen, die den Vorteil haben, den darin Beschäftigten einen geregelten Tagesablauf und ein Auskommen zu verschaffen.

Vom Event Management zur Verhandlungsführung – nichts, das sich nicht (wissenschaftlich?!) studieren liesse. Der Mensch will beschäftigt sein und es ein Leben lang bleiben. Nicht nur die Arbeit, auch die Freizeit wird durchorganisiert. Nur keine Leere aufkommen lassen. Blaise Pascal: „Belustigung und Zeitvertreib“, hat keinen andern Zweck, „als die Zeit vergehen zu lassen, ohne sie zu fühlen, oder vielmehr ohne sich selbst zu fühlen.“

Vortrefflich ablenken kann man sich übrigens auch mit der Politik, von der Paul Valéry einmal gesagt, sie sei „die Kunst, die Leute daran zu hindern, sich um das zu kümmern, was sie angeht.“ In der Politik wird bekanntlich gestritten. Da der Streit jedoch nicht unbedingt ein positives Image hat, redet man von Streitkultur, was irgendwie nach zivilisatorischer Errungenschaft klingt, doch vor allem verschleiert, dass es ums Recht-Haben geht. Dass der Gescheitere nachgibt, glaubt heutzutage keiner mehr.

Da ich selber zum Recht-Haben neige, hat mich der Wettstreit ums bessere Argument lange fasziniert. Heute sehe ich darin nur noch Eitelkeit und Ablenkung von der Tatsache, dass alles verschwinden, einmal nicht mehr sein wird. Sich mit der Vergänglichkeit auseinanderzusetzen, hat das Potential, uns in einem positiven Sinne mitmenschlich zu machen.