In Valparaiso und anderswo

Aufzeichnungen

Nicht denken, schauen

Nichts beschreibt mein hauptsächliches Alterslebensgefühl besser als diese Sätze von C. G. Jung aus seiner Autobiografie Erinnerungen, Träume, Gedanken: „Ich bin ausserstande, einen definitiven Wert oder Unwert festzustellen, ich habe kein Urteil über mich und mein Leben. In nichts bin ich ganz sicher. Ich habe keine definitive Überzeugung – eigentlich von nichts. Ich weiss nur, dass ich geboren wurde und existiere, und es ist mir, als ob ich getragen würde.“ Gleichzeitig erfahre ich eine Kontinuität des Seins, die mich immer mal wieder dazu verleitet, die Realität als immerwährende Gegenwart zu begreifen.

Während des Jus-Studiums: Wir Tutoren für Strafrechtsübungen waren vom hoch geschätzten Professor Stratenwerth auf einen Umtrunk zu ihm nach Hause eingeladen worden. Ihn würden heutzutage die grossen Linien, die grösseren Zusammenhänge interessieren, führte er aus, als ich – immer kritisch, immer kritisch! – einwarf, der Teufel liege doch im Detail. Der „Strati“ schmunzelte wohlwollend, an mehr erinnere ich mich nicht, doch vor ein paar Tagen (ich bin jetzt so in etwa in des Professors damaligem Alter) ging mir durch den Kopf, dass mich seit einiger Zeit auch vor allem die grösseren Zusammenhänge interessieren.

Bildung stand bei mir seit je hoch im Kurs und so absolvierte ich ein mir selbst auferlegtes Pflichtprogramm, las auch viel, von dem ich weder etwas verstand noch Zugang dazu hatte. Es geschah selten, dass mich ein vielgepriesenes Buch packte und anschliessend begleitete. Einige Gedanken daraus, meine ich. Von den letzthin gelesenen: Sue Prideauxs Nietzsche Biografie, Clarice Lispectors Erzählungen, John Carreyrous Theranos-Thriller, Benjamin Mosers Susan Sontag Biografie und Maria Popovas Findungen.

Geduldiger bin ich im Alter nicht geworden, im Gegenteil. Wichtigtuer und Dummschwätzer habe ich zwar immer schon schlecht ertragen, doch heutzutage ertrage ich sie überhaupt nicht mehr. Es ist ist übrigens noch gar nicht so lange her, dass mir wirklich aufgegangen ist, dass intelligente Leute erstaunlich dumm sein können. Ja, dass man so recht eigentlich ausgesprochen dumm sein muss, um erfolgreich sein zu wollen. Denn Erfolg macht überheblich und süchtig – keine besonders intelligente Kombination.

Vom Schriftsteller Wolfgang Hildesheimer, damals in Poschiavo lebend, las ich einst, er habe das Schreiben aufgegeben, er wolle nur noch malen. Auch ich mag nicht mehr schreiben. Não pense, veja (Denke nicht, schau), hat ein brasilianischer Zen-Buddhist seine Sichtweise zusammengefasst. Das scheint mir angemessen fürs Alter.

Das Leben in den Griff kriegen?

Nach dem Aufwachen, der Film in meinem Kopf transportiert mich nach Santa Cruz do Sul. Dort: Sonnenschein, Vogelgezwitscher, der Jabuticaba-Baum. Hier: Sonnenschein, Vogelgezwitscher, der Apfelbaum.

Ich habe mir angewöhnt, nach dem Erwachen liegen zu bleiben und meine Gedanken zu beobachten – es ist völlig irre, unfassbar und faszinierend, was da abläuft: Rasant wechseln die Schauplätze an diesem Morgen. Gerade noch war ich in Oberschan und jetzt bin am Santa Monica Pier in Los Angeles. Dann tauchen Bilder vom Innern der Klosterkirche Disentis vor meinem inneren Auge auf, von meiner Mutter auf dem Sterbebett, von meiner Nichte, der Turnerin, von B, in die ich mich vor Jahren heftig verliebt hatte. Kurz darauf bin ich in Maienfeld, nehme den Weg durch Weinberge nach Landquart. Dann, übergangslos, wieder in Sargans bei der Tochter eines strengen Lehrers, die einen erfolgreichen Geschäftsmann geheiratet hat, dessen erste Frau mich einmal bei einem Spaziergang über ihn ‚aufklärte‘.

Dieser ständige Strom von Bildern und Emotionen, die sich (vermutlich) in Millisekunden abwechseln, lässt mich zwar staunen, doch hinterlässt er auch ein Gefühl von Hilflosigkeit. Die Vorstellung, wir könnten das Leben in den Griff kriegen, gehört angesichts dessen, was wir beobachten, erleben und erfahren können, zu den absurdesten, die wir zu denken imstande sind. Kein Wunder, suchen wir bei diesem ständigen Wirbelwind Halt, und das Gehirn, unser Illusionen-Produzent, liefert ihn. Thomas Mann meinte im Zauberberg: „Während er den versilberten Hobel über seine mit parfümiertem Schaum bedeckten Wangen führte, erinnerte er sich seiner verworrenen Träume und schüttelte nachsichtig lächelnd, mit dem Überlegenheitsgefühl des im Tageslicht der Vernunft sich rasierenden Menschen den Kopf über so viel Unsinn.“

Konzentriert euch, fordert der Lehrer in der Schule. Was er nicht sagt, ist: Vergesst alles, was euch durch Kopf und Herz geht. Nehmt nicht wahr, was ist, nehmt nur wahr, was ihr wahrnehmen sollt. Kein Wunder, fragen wir uns hin und wieder, worin der Sinn eines solchen Lebens liegen könnte.

Aus: Hans Durrer: Gregors Pläne. Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern (work in progress)

Schreiben als Therapie

Das Buchmanuskript, das ich vor Kurzem fertiggestellt habe, wird wohl mein letztes gewesen sein. Das liegt weniger an meinem Alter – ich bin 67 – als daran, dass Schreiben für mich, abgesehen von den Anfängen, wo die Eitelkeit der Antrieb war, immer mehr zur Therapie geworden ist und ich diese scheinbar nicht mehr brauche, sie mir im jetzigen Lebensabschnitt geradezu im Wege steht.

Therapie, wie ich sie verstehe, ist wesentlich Auseinandersetzung mit sich und der Welt, wobei bei mir das Ego im Vordergrund stand und die Welt in der Kategorie ‚ferner liefen‘ figurierte. Bis ich – und dies war das Resultat meiner Schreib-Therapie – mir selber zu viel wurde, ich nur noch aus meinem Kopf raus, das Gefängnis meiner Gedanken verlassen wollte.

Als Jugendlicher war mir nichts wichtiger als Sport. Und ganz speziell Fussball. Auch wenn der Schnee sich meterhoch türmte, auch wenn der Boden vom Regen in Schlamm verwandelt wurde, hielt mich das nicht vom Trainieren ab. Sport bedeutete mir Haltung – das Beste geben, mit Anstand und Würde sich den Herausforderungen des Lebens stellen.

Und da war der Zen-Gedanke: Der Verstand taugt für die alltäglichen Dinge, also zuerst links und dann rechts schauen, bevor man die Strasse überquert (vorausgesetzt man lebt nicht in England), für alle anderen und speziell für Sinn-Fragen eignet er sich hingegen nicht.

Sowohl die sportliche Haltung als auch den Zen-Gedanken habe ich die längste Zeit meines Daseins hintangestellt. Jetzt habe ich sie wieder hervorgeholt.

Eine Begegnung in Havanna

Als er das Hotel verlassen hatte und sich wieder auf dem Weg Richtung Paseo befand, dabei den Kopf in alle Richtungen drehend, der Frauen wegen, deren Outfit die Vermutung nahe legte, sie kämen gerade vom Strand oder seien dorthin unterwegs, bemerkte er eine junge Frau, die etwa dreissig Meter vor ihm in dieselbe Richtung wie er zu gehen schien.

Henri beschleunigte seinen Gang und holte die Frau, die gemächlich dahinschlenderte, gerade ein, als sie eine Rechtsdrehung vollzog und die Stufen zu einem Paladar hoch ging. Er folgte ihr. Eine Bedienung erschien, reichte der jungen Frau eine Karte und verschwand wieder. Als sie nach ein paar Minuten wieder auftauchte, bestellte die junge Frau in Englisch. Eine Touristin also.

Er sprach sie an und sie lud ihn an ihren Tisch ein. Sie kam aus Amsterdam. Was ihr zuerst einfalle, wenn sie Havanna und Amsterdam vergleiche? In Amsterdam, sagte sie, käme es niemandem in den Sinn mit einer wildfremden Person an einer Bushaltestelle ein Gespräch anzufangen und dann mitten im Satz einfach wieder davonzugehen. Weil der Bus gekommen ist? Nein, einfach so.

Sie kannte offenbar ein paar Leute und wollte im Herbst wiederkommen, um an der Uni einen Spanischkurs zu belegen. Ob Sie eine Wohnung wisse? Ja, am Paseo. Ob Sie sie ihm zeigen könne? Ja, sie sei sowieso auf dem Weg dorthin.

Die Wohnung gefiel ihm und war zu haben. Henri beschloss gleich am folgenden Tag einzuziehen. Als sie wieder auf die Strasse traten, redete die junge Frau ununterbrochen auf ihn ein. Da sie holländisch sprach, verstand er nicht allzu viel, versuchte jedoch nicht, sie zu unterbrechen, weil er fasziniert war und sich wunderte, was wohl in ihr vorgehen mochte. Als sie schliesslich zu einem Ende gefunden hatte, wies er sie darauf hin, dass sie die ganze Zeit holländisch gesprochen hatte. Wirklich? Sie war fassungslos.

Von der Achtsamkeit

Heute habe ich mich in Walking Meditation geübt. Eine Einführung dazu erhielt ich in Bangkok, im World Fellowship of Buddhists, auf der Sukhumvit, ein paar Schritte von meinem Hotel. Ich stand am einen Ende eines längeren Ganges. „Stellen Sie sich gerade hin, nehmen sie das Ziel ins Auge, prägen Sie es sich ein. Jetzt konzentrieren Sie sich auf Ihre Füsse. Heben Sie sie. Senken Sie sie. Lassen Sie sie abrollen. Einen nach dem andern. Gehen Sie mit der Bewegung mit. Nichts anderes, nur das. Nach kurzer Zeit tauchen Gedanken auf und lenken Sie ab. Verscheuchen Sie sie nicht, doch geben Sie ihnen auch keine spezielle Aufmerksamkeit. Lassen Sie sie ruhig kommen, wenn Sie sie nicht festhalten, gehen sie auch wieder.“

Diese Anleitung begleitet mich seither. In letzter Zeit setze ich sie sogar gelegentlich um, meistens auf meinen Lieblingsstrecken zwischen Paspels und Scharans, Lavin und Susch, Sankt Moritz und Pontresina sowie Saas und Küblis. Nirgendwo ist es mir bisher besser gelungen als in japanischen Städten, in denen ich stundenlang unterwegs gewesen bin. Und an Sonntagen, auf den menschenleeren Strassen im brasilianischen Santa Cruz do Sul.

Am Bahnhof von Cinuos-chel-Brail habe ich einmal etwas anderes versucht. Ich traf zwanzig Minuten vor Zugabfahrt ein. Mein Warten verkürze ich mir normalerweise mit einem Buch, meinem Handy oder der Suche nach einem Kaffee. Doch diesmal, es war Winter, wollte ich das nicht. Es musste doch möglich sein, dass ich zwanzig Minuten lang nichts tat, einfach nur dastand. Und genau das tat ich dann auch. Meine Augen betrachteten die schneebedeckten Bäume, Tannenzapfen und vereinzelte kleine Äste auf dem gefrorenen Boden. Ich schaute nur. Und gab mir Mühe, gerade zu stehen. Während fünfzehn Minuten. Eine Premiere! Mich einfach nur auf das einzulassen, was gerade ist, erlebte ich als völlig neue Erfahrung.

Übrigens: Die Thais seien in ihrer überwiegenden Mehrheit Buddhisten, lese ich vielerorts. Und die Schweizer Christen. Der Buddhismus lehrt, dass man nicht einfach glauben solle, was Buddha angeblich gesagt haben soll, sondern für sich prüfen, ob das Gesagte Sinn mache und es verwerfen, wenn dem nicht so sei. Das Christentum bzw. deren Vertreter fordern einen hingegen auf zu glauben, was die Kirchenvertreter predigen. Etwa die Dreifaltigkeit, die mir unverständlicher nicht sein könnte. Das Resultat? In Thailand herrscht der Aberglaube, in der Schweiz die Skepsis. Mir scheint, wir haben jeweils die Religion, die wir am meisten brauchen.

Hans Durrer: Gregors Pläne. Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern (work in progress)

Sara Paretskys V.I. Warshawski

Ein Waschbär blieb stehen und starrte mich eine volle Minute lang an, dann tappte er, scheinbar achselzuckend, ins Gebüsch zurück.

Ich umrundete noch einmal das Haus, wobei ich mir am selben losen Ziegel den Fuss anstiess wie bei den ersten beiden Rundgängen.

Was trieb Penelope wirklich in den zwanzig Jahren, in denen Odysseus mit Kalipso schlief und gegen die Zyklopen kämpfte? Nur ein Mann konnte die Vorstellung hegen, dass sie die ganze Zeit webte und alles wieder auftrennte. Wahrscheinlich legte sie sich Liebhaber zu, unternahm selbst grosse Reisen und war genervt, als der Held nach Hause zurückkam.

Von meiner Mutter hatte ich gelernt, dass man gewöhnlich Kaffee trinkt, bei Krankheiten aber zu Tee übergeht.

Die Gewohnheiten geliebter Menschen vermitteln einem das Gefühl, dass sie bei einem sind.

„Hab die Mittagsnachrichten gehört, Schätze mal, der Junge ist der Araber, den die im DuPage draussen gesucht haben. Glauben Sie, er ist Terrorist?“
Ich verzog das Gesicht. „Ich glaube nicht, aber ich kann nicht behaupten, dass ich wüsste, woran man einen erkennt.“

Ich kutschierte die Ninety-fifth Street entlang, Richtung Westen zur mautpflichtigen Autobahn, und zwar auf die denkbar übelste Art: das Lenkrad zwischen die Knie geklemmt, in einer Hand das Handy, in der anderen einen Himbeershake, den ich statt Mittagessen zu mir nahm. Als ich bremsen musste, weil ein Sattelschlepper abrupt die Seite wechselte, liess ich den Shake fallen. Ich fluchte, fuhr an den Rand und tupfte die rosa Flüssigkeit von meiner grün gestreiften Hose. Als ich damit fertig war, war Amy nicht mehr dran. Ich stellte die Verbindung wieder her (…) Ich hatte beide Hände am Steuer und fühlte mich wie der perfekte Verkehrsteilnehmer, der all den Gestalten mit Büchern auf dem Lenkrad, Handys am Ohr oder Hamburgern im Mund haushoch überlegen war. Als Belohnung dafür kam ich von der Kedzie bis zur Mautstrecke prima durch und war noch lange vor der Rushhour an der Ausfahrt Warrenville Road …

Wäre ich einer der Superhelden von Clancy oder Ludlum gewesen, hätte ich mir jetzt zwei Strassenzüge lang die Autonummern eingeprägt und gewusst, welche gestern früh noch nicht da waren. Da ich mir mit Mühe meine eigene Autonummer merken kann, achtete ich stattdessen auf Lieferwagen, in den man Abhöranlagen verstauen konnte, und Autos, in denen jemand bei laufendem Motor sass. Letzteres war ein Streifenwagen der Chicagoer Polizei, der gegenüber von meinem Haus auf der anderen Strassenseite stand. Sehr dezent.

Aus: Sara Paretsky: Blacklist

Das Vorstellungsgespräch

Raus aus der Schweiz, international unterwegs zu sein, etwas Nützliches tun und dabei anständig zu verdienen. Das war es, was mir so in etwa vorschwebte. Die internationale Hilfsorganisation, bei der ich mich beworben hatte, lud mich zu einem Vorstellungsgespräch ein.

„Was erachten Sie als das bisher Wichtigste in Ihrem Leben?“
„Dass ich zu saufen aufgehört habe.“
„Und wie haben Sie das geschafft?“
„Ich weiss es nicht. Ich habe einfach eines Tages nicht mehr getrunken.“
„Was ist denn diesem Tag vorausgegangen?“
„Eine Nacht des Kotzens.“
„Könnte ja sein, dass dies dazu beigetragen hat, dass Sie am nächsten Tag nichts tranken?“
„Gut möglich. Andererseits: Es war nicht meine erste solche Nacht.“
„Hat Ihr Wille eine Rolle gespielt, dass Sie aufhören konnten?“
„Vermutlich auch. Ich denke, da ist viel auf einmal zusammengekommen. Und dann hat es einfach gereicht. Die Anonymen Alkis, bei denen ich drei Wochen nach diesem Tag Hilfe suchte, haben es meines Erachtens am besten gesagt: Ich war ganz einfach so sick and tired of being so sick and tired. Und das meint: Ich konnte und wollte so nicht weiterleben. Ich gab auf oder besser: ich ergab mich und kapitulierte vor meiner Vorstellung wie das Leben zu sein hatte. Ich war bereit, mich neu und anders aufs Leben einzulassen. Davonrennen – und das ist Alkohol im Wesentlichen – war auf einmal keine Option mehr.“
„Eine Wiedergeburt?“
„Ja, so könnte man das nennen.“
„Und wovor sind Sie davongelaufen.“
„Ich wollte nicht so fühlen wie ich fühlte. Ich empfand eine grosse Sinnlosigkeit. Weshalb sollte man sich anstrengen, wenn man sowieso einmal starb. Ich fand das Leben schlicht inakzeptabel.“
„Und heute empfinden sie anders?“
„Nein.“
Die Personalbereichsleiterin lachte. „Nein?“
„Von Henry David Thoreau stammt der Satz: ‚Lasst uns unser Leben begreifend verbringen.‘ Das war und ist mein Lebensmotto. Doch ich verstehe ihn heute anders als zur Zeit, wo ich gesoffen habe.“
„Könnten Sie das bitte ausführen?“
„Früher dachte ich, man müsse verstehen, wie die Gesellschaft tickt, was die Menschen dazu bewegt, sich zu verhalten wie sie sich verhalten. Deshalb habe ich auch Jura studiert.“
Die Personalbereichsleiterin lachte erneut. „Menschen, die solche Fragen umtreiben, studieren in der Regel Psychologie oder Philosophie und nicht Jurisprudenz.“
„Nun ja, auf mich wirkten diejenigen, die Psychologie studierten so als ob sie selber der Hilfe bedurften, die Philosophiestudenten arrogant und die Juristen von einer bornierten Zuversicht. Die Psychologinnen und Philosophen konnte ich nicht wirklich ernst nehmen, die Juristen hingegen hatten Macht, verstanden also etwas von der menschlichen Natur. Anders gesagt: Juristen bewegten sich in der realen Welt, ihre Arbeit hatte konkrete Folgen. Psychische, soziale und materielle.“
„So sahen Sie die Welt als Alkoholiker. Wie sehen Sie sie denn heute?“
„Heute kann ich die Juristen auch nicht mehr ernst nehmen. Es fällt mir sogar zunehmend schwer, mich selber ernst zu nehmen. Wir wissen so wenig und verstehen noch weniger.“
„Was wissen Sie denn von der Arbeit für die Sie sich beworben haben?“
„Dass man den Opfern kriegerischer Auseinandersetzungen hilft, sie zu schützen versucht.“
„Was motiviert sie dazu?“
„Der Sohn des amerikanischen Schriftstellers Kurt Vonnegut, der Psychiater Mark Vonnegut, der in jungen Jahren mit Schizophrenie diagnostiziert wurde, hat es für mich am besten gesagt: ‚We are here to help each other getting through this thing, whatever it is.’“
„Das gefällt mir. Wenn Ihr Französisch genau so gut ist wie Ihr Englisch, steht von meiner Seite her einer Anstellung nichts im Wege.“

Hans Durrer: Gregors Pläne. Ein Monolog über Sucht, Fotografie und das Loslassen (work in progress)

Eigenartig

So recht eigentlich finde ich alles eigenartig. Dass ich gehen, atmen, sehen, schlafen und aufwachen kann, der Boden mich trägt, Wasser meinen Durst löscht und Curry-Reis meinen Hunger stillt. Dass Pflanzen blühen und verblühen, es regnet und schneit, es Tag und Nacht wird. Je mehr ich das Staunen darüber, dass überhaupt etwas ist, zulasse und willkommen heisse, desto eigenartiger berührt mich diese Existenz von ganz Vielem – Menschen und Tieren, Bäumen und Geröll, Luft und Wasser.

Ganz besonders eigenartig scheint mir jedoch, dass der Mensch in diesem Unbegreiflichen (die, denen alles klar ist oder dies zumindest vorgeben, kann ich schlicht nicht ernst nehmen) existieren kann. Am Verstand kann es nicht liegen, da selbst aussergewöhnlich Gescheite sich oft ausgesprochen dumm verhalten und auch die wirklich Cleveren eher von ihren Gefühlen als von ihren Einsichten geleitet werden.

Letzthin bin ich in Maria Popovas Findungen auch auf die 1810 in Cambridge, Massachusetts geborene Journalistin und Frauenrechtlerin Margaret Fuller gestossen, die im Alter von 21 Jahren schrieb: „Ich erkannte, dass es kein Selbst gibt; dass Selbstbezogenheit bloss Torheit ist, das Ergebnis der Umstände; dass ich nur deshalb litt, weil ich das Selbst für real hielt; dass ich nur in der Idee des All zu leben brauchte, und all war mein.“

Den Gedanken, dass es kein Selbst gibt, kenne ich aus dem Buddhismus Und speziell dem Zen, der mich seit meiner Jugend begleitet, doch erst als ich den obigen Text las, glaubte ich zu verstehen, was damit gemeint sein könnte.

Stelle ich mir vor, ich betrachte den Planeten Erde aus der Distanz des Weltraums, sehe ich nur ganz viele ganz unterschiedliche Teile, die sich permanent verändern und miteinander austauschen. Die Aussensicht verändert meine Wahrnehmung – ich bin Zeuge und staune über das, was ist.

Stelle ich mir vor hingegen vor, ich sei der Mittelpunkt alles Geschehens (jedes Menschen Standardeinstellung), wird mein Leben zum Problem – ich liebe und leide, bin zufrieden und unzufrieden, mutiere zum Opfer meiner Gefühle.

Um auf Margaret Fullers Lösung zurückzukommen. „dass ich nur in der Idee des All zu leben brauchte, und all war mein.“ Mir leuchtet das ein. Theoretisch. Meine Gefühle, die kommen und gehen wie es ihnen passt (und mir oft nicht), sind trotzdem da und bestimmen mein Dasein entschieden mehr als mir lieb ist. Schon eigenartig.

In unseren Zeiten der Lüge oder Die Wahrheit des unsicheren Lebens

Es ist lange her dass ich über den Realisten und Zyniker Konrad Adenauer lachen konnte, der über seinen damals potentiellen Nachfolger Ludwig Erhard sagen konnte: Der Mann ist gänzlich ungeeignet, Bundeskanzler zu werden, der glaubt war er sagt.

Der gegenwärtige amerikanische Präsident, dem so viele Lügen nachgewiesen wurden, dass sie gar nicht mehr zu zählen sind, und dessen Verlogenheit uns seit Jahren von den Medien die genauso Opfer der Aufmerksamkeitsquoten sind wie all die anderen Wirtschaftszweige, auf dem Präsentierteller dargeboten wird, haben das Fundament der menschlichen Beziehungen nachhaltig (so ist zu befürchten) geprägt – fast die Hälfte der wählenden nordamerikanischen Bevölkerung nimmt mittlerweile sein Lügen schulterzuckend hin.

Es versteht sich: Das Lügen ist nicht erst durch den quotensüchtigen Egomanen im Weissen Haus akzeptabel geworden, wie Michiko Kakutani in Der Tod der Wahrheit überzeugend nachweist. Wunderbar, wie sie den postmodernen Theoretiker Jacques Derrida auf den Punkt bringt: „Indem er sich auf die möglichen Widersprüche und Mehrdeutigkeiten eines Textes konzentrierte (und seine Argumentation absichtlich in verworrener, hochtrabender Prosa formulierte), leistete er einem extremen Relativismus Vorschub, der in seinen Auswirkungen letztlich nihilistisch war: Alles konnte alles bedeuten; die Absicht eines Autors spielte keine Rolle, ja, man konnte sie eigentlich nicht einmal erkennen; so etwas wie eine offensichtliche oder dem gesunden Menschenverstand entsprechende Lesart konnte nicht existieren, weil alles eine unendliche Zahl von Bedeutungen hatte. Kurz gesagt, so etwas wie Wahrheit gab es nicht.“

Wenn alles nur noch Meinung ist, verschwindet die objektive Realität. Und wenn Loyalität und Gruppenzugehörigkeit als wichtiger bewertet werden als Fakten, heisst das letztlich, dass man nicht bereit ist, das Leben zu akzeptieren wie es ist (unsicher und sich stetig wandelnd). Sicher, das haben wir noch nie, haben uns immer schon in vermeintliche Sicherheiten geflüchtet.

Und dann kam Corona und damit die Unsicherheit, der wir in gewohnter Weise (unseren Impulsen folgend) begegneten – indem wir nach Schutz und Sicherheit suchten (Verschwörungstheorien inklusive). Es ist zwar unwahrscheinlich, doch vielleicht wäre es an der Zeit, radikal umzulernen und Wege zu erkunden, wie wir besser mit Unsicherheiten leben können.

Übrigens: Die Wahrheit, die gibt es. Es ist die Wahrheit der Geburt und des Todes, der Freude und der Schmerzen. Und die Wahrheit des unsicheren Lebens.

Meine Weltreise

Als ich zwischen Jura-Abschluss und Beginn des Medienstudiums ein halbes Jahr um die Welt gereist bin, kam ich auf der Überfahrt nach Ko Samui mit einem Briten ins Gespräch, der sich für mein Dafürhalten etwas gar stark für mich interessierte (klar, ich habe so Momente, in denen ich mich toll finde – aber so toll wie der Brite mich fand, dann auch wieder nicht), sodass ich die Initiative ergriff und sagte: Übrigens, ich bin ganz klar hetero. Er selber sei noch unentschieden, grinste er.

Zu den grössten Schwierigkeiten bei meiner Weltreise-Vorbereitung gehörte der Entscheid, welche Bücher ich mitnehmen sollte. Gebildet zu sein, gehört zu den Werten, die ich hochhalte. Stosse ich auf einen Bücher-Kanon, von dem irgendeine bekannte Grösse behauptet, dass diese Autoren gelesen zu haben ein kulturelles Muss sei, fühle ich mich eingeschüchtert, so ähnlich wie früher als Ministrant beim Hochamt (dabei bin ich auch einmal hingefallen, was der Pfarrer ohne jegliches Wohlwollen aufnahm, ganz im Gegensatz zu meinem Vater, der grinste). Das mir selbst auferlegte Bildungspensum für die Weltumrundung bestand aus Montaignes Essais, Fontanes Effi Briest, Shakespeares Hamlet, Goethes Faust, Sophokles‘ Antigone und und und … Klar, ein paar Dinge habe ich dabei vermutlich schon gelernt, obwohl, ich habe keine Erinnerung daran, auch wenn ein Satz aus Shakespeares Hamlet zu meinem Leitgedanken geworden ist: The readiness is all. Ich habe ihn aus The Prince of West End Avenue von Alan Isler, einem Werk, das ich bewundere.

Bangkok war der erste Stopp auf meiner Reise rund um die Welt. Ich verliebte mich sofort in eine junge Thai und sie sich in mein Geld. Ich hatte schon einige solcher Geschichten gehört, glaubte, bei mir sei das anders, schliesslich war ich ein gebildeter, anständiger und ansprechend aussehender junger Mann und keiner dieser bierbäuchigen, hirnlosen und unattraktiven Barbesucher, die zuhause keine Frau kriegen konnten. Dass ich selber viel Bier trank, in meinem Herkunftsland auch nicht mit einer Frau zusammen war und „meine“ junge Thai in einer Bar kennengelernt hatte, entging mir zwar nicht, doch etwas flüchtig zu streifen, bewirkt selten viel.

Genaues Hinschauen fordere ich von allen, mit denen ich über Gott und die Welt debattiere. Mir selber gelingt es erst, wenn ich es nicht mehr vermeiden kann. Dieser Moment kommt dann auch – ein deutscher Bangkok-Bekannter schreibt mir nach Bali, er habe „meine“ wieder in der Bar anschaffen sehen, obwohl ich ihr doch reichlich Geld für eine Ausbildung gegeben hatte. Ich gehöre halt zu diesen hoffnungslosen Romantikern, glaube ich zwischen den Zeilen zu lesen. Er hat Recht.

Erstaunlich, wie wenig mir von dieser Weltumrundung geblieben ist. Eine Busfahrt in Neuseeland, auf der ich eine junge Maori fragte, wie sie Rotorua, das bekannt für seine Schwefelquellen ist, beschreiben würde – „it stinks“, sagte sie; Bilder aus Hawaii, wo ich jeden Tag in dasselbe Restaurant ging, wegen der hübschen Bedienung, die ich mich jedoch nicht anzusprechen traute; von einem Lokal beim Santa Monica Pier in Los Angeles, wo jeder sich auf der Bühne produzieren durfte und ein Schwarzer dermassen falsch sang, dass ich mich vor Lachen kaum mehr erholen konnte (ich war bis dahin der Meinung gewesen, alle Schwarzen hätten Musik und Rhythmus im Blut), von der Beaconsfield Parade in Melbourne, wo ich bei B untergekommen war, die in einem vegetarischen Lokal kochte; von einer Hochhauswohnung nahe beim Bondi Beach in Sydney, wo die Freundin einer Zufallsbekanntschaft mit ihrem Freund wohnte.

Schon eigenartig, das Gedächtnis. Dass mir die Dinge bleiben, die mir wichtig sind, kann ich nicht sagen. Auch das Gegenteil stimmt nicht. Vielmehr ist es ein ziemliches Durcheinander, abhängig von Stimmungen, die ich kaum beeinflussen kann. Und sowieso: Unangenehmes verdränge ich bewusst. Und vermutlich auch unbewusst. Diejenigen, die das Unbewusste interpretieren, halte ich für Scharlatane. Ich bin nicht so gutgläubig, dass ich auf sie hereinfalle.

Reisen bedeutet für mich Weite. En Suiza, nunca se ve el horizonte, sagte meine Ex, die aus Havanna stammt, einmal. Gut möglich, dass es mich deshalb in die Ferne zieht. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich finde die Schweiz sensationell schön. Ich habe lange gebraucht, bis ich das richtig wahrgenommen habe, obwohl mir immer schon klar war (jedenfalls kommt es mir so vor), dass es so recht eigentlich überall schön ist und man an jedem Ort glücklich sein kann. Nur glaube ich es nicht; meine Gefühle folgen meinem Kopf nicht, sie haben andere Ideen.

Wo er am liebsten leben würde, wurde der englische Autor Eric Ambler, der damals in Clarens oberhalb Montreux wohnte, einmal gefragt. Immer da, wo er gerade nicht sei, antwortete er. Kein Wunder, geht mir dieser Satz nicht mehr aus dem Kopf

Aus: Hans Durrer: Gregors Pläne. Ein Monolog über Sucht, Fotografie und das Loslassen (work in progress)