In Valparaiso und anderswo

Aufzeichnungen

Wen interessiert schon, was der Kopf sagt?

Von dem einstmaligen demokratischen Bewerber um die amerikanische Präsidentschaft, Adlai Stevenson, stammt die treffende Erkenntnis, dass die Qualitäten, die einen befähigen würden, einen erfolgreichen Wahlkampf zu führen auch die seien, die einen fürs Präsidentenamt disqualifizierten. Daran muss ich häufig denken, wenn die Medien jemanden als erfolgreich feiern. In mir denkt es dann immer: Gute Ellenbogen, charakterlich vermutlich ein Schwein.

Du bist ja nur neidisch, lässt sich gelegentlich eine andere Stimme in meinem Kopf vernehmen, in dem sich regelmässig ganz unterschiedliche Stimmen zu Wort melden. Auf die meisten höre ich natürlich nicht, denn mein Überlebenstrieb, der mit Komplexität wenig am Hut hat und alles auf eine angemessen simple Ebene bringt (Ja/Nein/Vielleicht mit der Tendenz zu Ja/Nein), die ich zu verstehen imstande bin, sträubt sich dagegen.

Selbstverständlich kann ich Neid nicht ausschliessen wie ich generell annehme, ich hätte so in etwa die selbe Art von Gefühlen, die andere auch haben. Die Frage ist, wie ausgeprägt beziehungsweise wie dominant ein Gefühl ist. Und ob ich ihm unbedingt nachgeben will. Von Neid und Ehrgeiz zerfressen bin ich nicht, die meisten Erfolgreichen hingegen schon. Woher ich das weiss? Ich verfüge über genügend reflektierte Lebenserfahrung, um bei dieser Frage zu merken, dass es keine wirkliche Frage ist, sondern der Versuch, mein Urteilsvermögen in Frage zu stellen.

Die Corona-Pandemie sei ein Weckruf, die Chance aufzuwachen, das Zivilisationsrad in vernünftige und uns allen zugute kommenden Bahnen zu lenken, lese ich bei Autoren, die ich schätze. So nötig und wünschenswert ich das fände, allein mir fehlt der Glaube, denn wir Menschen werden nicht von der Vernunft, sondern von Trieben regiert. Nur schon, dass wir leben, geschieht nicht aus Gründen der Vernunft (Wieso soll man sich eigentlich ein Haus bauen wollen, wenn man sowieso einmal stirbt?), sondern weil die Biologie es so will. Um es mit Woody Allen zu sagen: „Gut, gibt es eben keinen logischen Grund, sich ans Leben zu klammern, aber wen interessiert schon, was der Kopf sagt? Das Herz sagt: Hast du Lola in dem Minirock gesehen?“

Sich ins Leben zurück holen

Es geht um Leben und Tod, das ist in Corona-Zeiten offensichtlicher als wenn wir im üblichen Autopilot-Modus auf unser Ende zusteuern. Wenn nichts mehr läuft, wie wir es gewohnt sind und selbst bundesrätliche Pressekonferenzen unsere Aufmerksamkeit finden, fallen uns manchmal auch Dinge auf, die wir sonst achselzuckend einfach so hinnehmen, und jetzt schlicht nicht mehr ertragen. Ich zum Beispiel ertrage Talkshow-Schwafler und andere TV-Unterhalter inklusive Politiker nicht mehr. Ich mochte die zwar noch nie, angetan habe ich sie mir gleichwohl. Jetzt jedoch nicht mehr. Das Gleiche gilt für den nordamerikanischen Präsidenten-Darsteller, der täglich seine geballte Unwissenheit vor den Medien ausbreitet: „Ich kenne Südkorea besser als jeder andere. (…) Wissen Sie, wie viele Menschen in Seoul sind? Wissen Sie, wie gross die Stadt Seoul ist? 38 Millionen Menschen. Das ist grösser als alles, was wir haben.“ Fakt ist: In der Hauptstadt Seoul leben 9,7 Millionen Menschen – im ganzen Land sind es knapp 52 Millionen.

Es braucht seine Zeit, bis man die Ignoranz der Leute nicht mehr erträgt. Und sich zu wundern beginnt, wie man sie sich so lange hat antun können. Noch länger braucht man, bis man endlich begreift, dass es die eigene Ignoranz gewesen ist, die das möglich gemacht hat. Sowieso, ich rede von mir.

Die Wahrscheinlichkeit, dass einen die eigenen Einsichten zu einer Verhaltensänderung veranlassen können, halte ich für gering – die Einsichten anderer finde ich eigenartigerweise hilfreicher, auch wenn sie sich von den eigenen kaum unterscheiden. Eine Freundin, die mir erzählt, sie habe vier Stunden die Wohnung geputzt, ein Freund, der mich wissen lässt, er habe viele seiner Kleider weggegeben, motivieren mich, es ihnen gleich zu tun.

Be meinen ersten zaghaften Entsorgungsversuchen stosse ich auf Verblüffendes, etwa diese Notiz: „Immer hatte er gedacht, er wolle sein Leben ändern, bis er entdeckte, dass dem nicht so war.“ Oder diese: „Dein Problem ist, dass Du dauernd rennst“, hatte Yona vor Jahren gesagt. Oder: „Meine idealsten Pläne zeichnen sich immer dadurch aus, dass sie nie da verwirklicht werden können, wo ich gerade bin.“

Die Informationen, die quasi im Minutentakt auf einen einprasseln, erschöpfen und irritieren mich. Ihnen allen – den offiziellen über die kritischen bis zu den Verschwörungstheorien – ist gemeinsam, dass sie bestenfalls Vermutungen sind, denn es fehlen zuverlässige und aussagekräftige Daten. Ruhe zu bewahren, gehört nicht zu den menschlichen Instinkten.

Die meisten verhalten sich weiterhin so wie sie sich schon immer verhalten haben. Lukas Bärfuss kritisiert wie immer schon die Schweizer Banken und den Schweizer Staat, der, man höre und staune, auf diese Pandemie nicht vorbereitet gewesen sei. Vermutlich im Gegensatz zu Lukas Bärfuss. Auch Anselm Grün und sein Verlag machen, was sie schon immer gemacht haben – sie profitieren so gut es eben geht, diesmal mit dem Buch zur Stunde „Quarantäne! Eine Gebrauchsanweisung“. Ich habe nicht vor, es zu lesen, ich nehme an, es handle sich um ein Plädoyer fürs Klosterleben und das fand ich immer schon attraktiv. Theoretisch jedenfalls.

Abgesehen davon, dass ich nicht mehr nach Lust und Laune reisen kann, hat sich für mich in diesen Corona-Zeiten nicht viel geändert. Obwohl: Es liegt so was in der Luft, in der Art einer schweren Decke, die mich eigenartig rastlos und gelegentlich apathisch macht. Mir fehlt ein Ziel. Wie schrieb doch Walter Mischel in Der Marshmallow-Test: „es sind die Ziele selbst, die uns motivieren und uns leiten. Und sie bestimmen massgeblich, ob wir mit unserem Leben glücklich und zufrieden sind.“

Also setze ich mir eins: Ich will Ordnung schaffen – im Schrank, den Schubladen und dem, was vor meiner Nase liegt. Das Umsetzen erweist sich als schwierig („Es könnte ja sein, dass ich das doch noch einmal brauchen könnte“, durchfährt es mich bei fast jedem Gegenstand, den ich seit Jahren zum ersten Mal bemerke), wie so recht eigentlich alles im Leben. Denn: „Es ist nicht genug, zu wissen, man muss auch anwenden; es ist nicht genug, zu wollen, man muss auch tun“, so Johann Wolfgang von Goethe in Wilhelm Meisters Wanderjahre.

Mein eigentliches Ziel ist natürlich nicht die äussere Ordnung – schliesslich war ich schon einige Male in wirklich aufgeräumten Wohnungen, deren Bewohner eine innere Leere ausstrahlten, die ich wenig erstrebenswert fand. Mir geht es vielmehr um das, was Jordan Peterson über Alexander Solschenizin geschrieben hat: „Er nahm sich selbst auseinander, Stück für Stück, verwarf, was unnütz und schädlich geworden war und holte sich so ins Leben zurück.“

Die Angst vor dem Leben

Frankly, I was horrified by life, at what a man had to do
simply in order to eat, sleep, and keep himself clothed.
So I stayed in bed and drank. When you drank the world
was still out there, but for the moment it didn’t have you by the throat.
― Charles Bukowski

„Ohne triftigen Grund und zwingende Notwendigkeit bewegen wir uns nicht vom Fleck“, schreibt Vincent Deary in seinem lebensklugen „Wie wir sind“. Weil das Vertraute uns Sicherheit gibt, wir selten Erkenntnis, sondern meist Bestätigung suchen. Und weil wir in hohem Masse Gewohnheitsmenschen sind.

Aus gutem Grund, denn etwas Unsichereres als das menschliche Leben ist schwer vorstellbar. Jederzeit ist alles möglich. Auch wenn man, so man denn wie ich in der Schweiz aufgewachsen ist, glauben mag, dass da, wo man selber ist, sich überhaupt nie etwas ändert. Und dass, was vielleicht andernorts möglich ist, hier gar nicht vorkommen kann. So sagte etwa Bundesrat Léon Schlumpf nach dem Reaktorgau in Tschernobyl, so etwas sei in der Schweiz nicht möglich. Einige haben diese Aussage vermutlich ziemlich absurd gefunden, aber eben irgendwie doch geglaubt. Ich zum Beispiel.

Was der Mensch zu wissen glaubt, erweist sich bekanntlich oft als Irrtum. Das ist wenig beruhigend. Noch weniger beruhigend ist, was die Wissenschaft über den Planeten, auf dem wir durchs Weltall düsen, herausgefunden hat, denn Wissen kann auch überfordern. Der Planet Erde – der gemäss neuen Forschungen 20 bis 90 Millionen Jahre jünger ist als vermutet und jetzt als zwischen 4,51 und 4,44 Milliarden Jahre alt gilt (so „Der Spiegel“ am 27. Mai 2010) – ist ein Teil der Milchstrasse, einer Galaxie, die aus Millionen von Planeten besteht. Behauptet die Wissenschaft. Mir kommt das zwar etwas eigenartig vor (Wie kann man das wissen, wer hat alle diese Planeten eigentlich gezählt?), ich glaube es trotzdem. Irgendwie. Shakespeare sagt es am besten: „So I have heard and do in part believe it“.

Ein klarer nächtlicher Sternenhimmel erfüllt mich jedenfalls mit Ehrfurcht. Auch wenn mir nicht wirklich klar ist, was genau ich da sehe. Vor Jahren, auf einem Parkplatz in der südkalifornischen Wüste, hatten Hobby-Astronomen ihre Teleskope aufgebaut und Interessierte eingeladen, einen Blick hindurch zu werfen. Ich sah zwar nur gelbe Punkte, fühlte mich jedoch gleichwohl bemüssigt, etwas Positives zu sagen. „Der dort bewegt sich aber sehr schnell!“ Nach einem kurzen Blick durchs Teleskop meinte der Besitzer: „Das ist ein Jet im Landeanflug auf LAX“, den Flughafen von Los Angeles.

1990 wurde das Hubble-Teleskop im Weltraum ausgesetzt und liefert seitdem Bilder, die zeigen, dass es neben der Milchstrasse noch Milliarden von weiteren Galaxien gibt. Vorstellen kann man sich bekanntlich vieles, aber das dann doch nicht. Jedenfalls ich nicht. Hingegen ist klar, was dies bedeutet: Wir sind nicht dazu gemacht, das Universum zu verstehen, sind so recht eigentlich schon ziemlich überfordert, mit dem Leben auf der Erde klarzukommen.

Zugegeben, nicht alle. Als Stellvertreter für viele möge das Denken des Autors von „Kein schönes Land in dieser Zeit“ dienen, über den im Klappentext zu lesen steht: „Dr. Mehmet Gürcan Daimagüler MPA, geboren in Siegen als Sohn türkischer Gastarbeiter, studierte Jura, VWL und Philosophie in Bonn, Kiel, Witten-Herdecke, Harvard und Yale. Er ist ‚World Fellow‘ der Yale University und ‚Littauer Fellow‘ der Harvard University. Er war Berater der Boston Consulting Group und ist als Rechtsanwalt und Strategieberater in Berlin tätig. Das ‚World Economic Forum‘ in Davos kürte Mehmet Daimagüler im Jahr 2005 auf Initiative des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder zum ‚Young Global Leader’“, dessen Haltung – „Strukturiert vorgegangen ist jedes noch so grosse Problem rasch lösbar, nicht nur in Jura, sondern überall“ – von einer Zuversicht geprägt ist, die sensibleren Menschen etwas arg simpel vorkommen mag. Wie heisst es doch bei Ludwig Thoma: „Der königliche Landgerichtsrat Alois Eschenberger war ein guter Jurist und auch sonst von mässigem Verstand.“

Hans Durrer
Wie geht das eigentlich, das Leben?
Anregungen zur Selbst- und Welterkundung
neobooks, München 2017

Alles ist gut, alles

Zu seinen Gewohnheiten gehörte, Unangenehmes so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Die Idee dahinter – wenn es denn überhaupt eine Idee war, so war es keine bewusste, von der ihm klar war, dass sie sein Verhalten leitete, sondern eine nachgereichte – war, anschliessend das machen zu können, wozu er mehr Lust hatte. Leider ist es nun aber so, dass, kaum hatte er die eine unangenehme Sache (meist Problem genannt) hinter sich gebracht, schon die nächste vor seiner Nase stand. Mit anderen Worten: Er räumte ständig so schnell wie möglich Probleme aus dem Weg, deren Anzahl sich deswegen jedoch nicht zu verringern schien.

Wer sich ändern wollte, musste sich anstrengen, hatte er sein Leben lang geglaubt. Neues zu wagen, erforderte Mut. Das war zwar nicht falsch, doch es umschiffte, worum es wirklich ging – man musste nicht ändern, was man tat (sicher, das war manchmal notwendig – wenn man dem Suff verfallen war, zum Beispiel), sondern wie man es tat. Dass das Leben schwierig war, war nicht das Problem, sondern dass man nicht akzeptieren wollte, dass es schwierig war.

Hehre Worte, doch seine Praxis war anders und bestand wesentlich darin, darauf zu warten, dass alles sich ganz plötzlich perfekt anfühlte. Das war sein Muster und er war unfähig, es zu brechen. Und dann, er merkte es erst im Nachhinein, ging er auf einmal anders durch den Tag als zuvor, haderte er nicht mehr mit seinen ständig misslingenden Versuchen, ein neues Leben zu beginnen. Es war ihm, als ob er endlich begriffen hätte, dass er ohne sein Scheitern nicht aufgegeben hätte und dass Aufgeben (surrender, wie es im Englischen zutreffend heisst) die Voraussetzung für die andere Art von Leben war, die ihm vorschwebte. Scheitern war notwendig, war Vorbereitung für das, was ultimativ zählt – die Hingabe ans Leben. Schon etwas esoterisch, dachte er so bei sich, doch was zählte waren nicht die Worte, sondern die Erfahrung zu machen.

Alles ist gut, alles. Für alle die ist es gut, die da wissen, dass alles gut ist. Wenn sie wüssten, dass sie es gut haben, dann hätten sie es gut, aber so lange sie das nicht wissen, so lange werden sie es auch nicht haben. Das ist der ganze Gedanke, der ganze Sinn, einen weiteren gibt es überhaupt nicht.
Fjodor M. Dostojewski: Die Dämonen

Hans Durrer
Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn
Ansichten und Einsichten
neobooks, München 2019

Geschenkte Momente

Sonntagmittag, Anfang März. Die Sonne scheint, als ich am Bahnhof von Valendas aus der Rhätischen Bahn steige. Ich will zu Fuss nach Sagogn, die Strasse führt durch den Wald. Das durch die Blätter scheinende Sonnenlicht bringt Farbmuster hervor, die mich bezaubern und zum Fotografieren bewegen. Die Kamera lehrt mich zu sehen.

Im fast leeren Postauto, das mich von Sagogn nach Ilanz bringt, überkommt mich ganz unvermittelt das Gefühl: Was für ein Geschenk dieser Moment doch ist. Ich fühle mich leicht und mit allem einverstanden und staune, dass es gibt, was es gibt – das Postauto, den Chauffeur, die Strasse, die grünen Wiesen, das Dorf, das wir gerade durchfahren. Martin Heidegger geht mir durch den Kopf, der gemeint hat, es sei ein Wunder, dass es überhaupt etwas gebe und nicht einfach nichts.

Am nächsten Morgen beim Aufwachen wiederum dieses Staunen darüber, dass wir die Wirklichkeit erfahren dürfen: dass ich aufwache, meine Augen das allmähliche Heller-Werden des Tageslichts durchs Fenster sehen, meine Hände das über die Bettmatratze gespannte Leintuch spüren können. Und mir wird bewusst: Nichts anderes gilt es zu tun, als zu lernen, mich mit diesen Momenten zufriedenzugeben – und nicht mehr, nichts anderes, nur gerade das, was ist, zu wollen.

Schon klar: Schwierigeres gibt es nicht. Wenn ich es zu fest will, geht es nicht, stellen sich solche Momente nicht ein. Und ob man Nicht-Wollen wollen kann, bezweifle ich. Irgendwie und sowieso. Sich damit abfinden, dass das Leben nicht so funktioniert wie ich denke, dass es so recht eigentlich müsste, geht es darum? „Das Leben gehört uns nicht, wir gehören ihm“, schreibt François Cheng in Fünf Meditationen über den Tod und über das Leben. Denn uns sei aufgegeben, uns der heiligen Ordnung des Lebens rückhaltlos anzuvertrauen, damit „die Entwicklung des Lebens zu einem gewaltigen Abenteuer voller bemerkenswerter Erfolge und unvorhersehbarer Gefahren“ werden kann.

Erica Jongs gescheiter und witziger Roman Angst vorm Sterben geht mir durch den Kopf: „Hingabe ist der Schlüssel zu allem. Hingabe ist alles. Hingabe ist Frieden. Mein ganzes Leben lang wollte ich immer nur Mehr-Mehr-Mehr. Nichts war mir je genug. Ich steckte voller Neid und Missgunst. Ich glaubte, alle hätten mehr als ich. Inzwischen weiss ich, dass diese ganze Sucht nach dem Mehr-Mehr-Mehr eine Krankheit ist, eine Täuschung. Wir haben alle schon genug. Wir wissen es nur nicht.“

Wenn er sterbe, gebe er die Grundbausteine des Lebens, die ihm zur Verfügung gestellt worden seien, wieder zurück, so der 1929 geborene Werner Arber in Ausleben. Gedanken an den Tod verschiebt man gerne auf später von Mena Kost & Annette Boutellier. Diese könnten dann zu etwas Neuem beitragen, möglicherweise auch zu einer Pflanze oder einem Wurm. „Ich finde es sehr befriedigend zu wissen, dass ich diese Grundbausteine wieder abgebe. Das ist für mich die Auferstehung. In dieser Betrachtungsweise fühle ich mich geborgen.“

Schweizer Begegnungen

Melchtal. Ich weiss nicht mehr, wo ich darüber gestolpert bin, doch am nächsten Tag nehme ich den Zug und fahre hin. Sargans – Zürich – Luzern – Sarnen, und dann mit dem Bus über Kerns – St. Niklausen nach Melchtal, wo mein Grossvater väterlicherseits herstammt. Er ist nach Zürich ausgewandert und hat sich dort einbürgern lassen, weshalb ich Bürger von Zürich und Kerns/OW bin. Melchtal erlebe ich als ein paar Häuser entlang der Hauptstrasse, eine junge Frau mit einem Kind kommt mir entgegen, sonst sehe ich niemanden. Ein Kloster gibt es noch und zwei Hotels, deren Parkplätze leer stehen. Schulkinder besteigen das Postauto nach St. Niklausen, ein Mädchen setzt vis-à-vis von mir. Sie heisst Vanessa Durrer und stammt aus St. Niklausen. Als ich in deinem Alter war, war ich auch einmal in St. Niklausen, sage ich. Woher weisst du, wie alt ich bin? Du hast doch gesagt, du seist in der zweiten Klasse, also bist du sieben. Sie nickt. Woher kommst du?, will sie wissen. Aus Sargans. Sie guckt ratlos. Drei Stunden von hier. Sie schaut zum Fenster hinaus. Morgen gehen wir in die Bibliothek nach Kerns. Liest du gerne? Ja, sehr. Was denn gerade? Sie zählt vier Bücher auf, darunter Asterix und Obelix, das sie super findet, weil es lustig ist.

In Sarnen gehe ich auf einen Cappuccino in ein Café beim Bahnhof. Es dauere aber sieben Minuten, wird mir erklärt, weil es ein speziell schaumiger Cappuccino sei – und er ist es, es dauert bestimmt eine Minute bis ich durch den hoch aufgetürmten Schaum zum exzellenten Kaffee vorstosse. Sarnen habe 10’000 Einwohner und 40 Restaurants, erzählt ein Mann an der Theke, der perfektes Obwaldnerisches redet und, wie er sagt, ursprünglich aus der Türkei stammt. Wo ich her sei?, fragt der Geschäftsführer und leuchtet auf, als ich es ihm sage, denn in Sargans, also genauer im Liechtenstein, habe er einmal eine Freundin gehabt. Ich hätte gerade Melchtal besucht, sage ich, ob das Kloster noch in Betrieb sei? Nein, das sei ein Frauenkloster gewesen und die ehemaligen Nonnen lebten nun im Kloster in Sarnen.

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Zurück in Sargans von einem Spaziergang zwischen Bever und Samedan, treffe ich auf eine Bekannte, die ich sehr mag und selten sehe. Wir reden über Gott und die Welt, was meint, ich lasse sie an meinen neuesten Erkenntnissen teilhaben, die ich bereits wieder vergessen habe, doch ich erinnere mich, dass ich irgendwann bei der Angst lande (das tue ich ständig) und sie sagt, sie habe letzthin mit einem Bauern geredet, der behauptete, überhaupt keine Angst zu haben, vor gar nichts. Als sie ihn darauf hin fragte, warum er ihr dann nicht in die Augen sehen könne, gab er klein bei und sagte, ja, sie habe recht.

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Der Buschauffeur nach Weisstannen fährt erst seit zwei Jahren Bus, vorher war er zwanzig Jahre Büroangestellter. Der Hauptunterschied sei, dass er heutzutage gerne zur Arbeit gehe, sagt er.

An der Haltestelle in Mels will ein alter Mann, der am Stock geht, mein Alter wissen. Als er mich zehn Jahre jünger schätzt, tu ich ihm den Gefallen und frage ihn, wie alt er sei. Er ist neunzig. Was das Wichtigste im Leben sei? Gesund und zufrieden zu sein, meint er. Und wie das gehe, zufrieden zu sein? Also wenn mich einer „aseicht“, dann sage ich dem, er solle „in de Egge dört änä seiche“.

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Die Frau neben mir auf der Wartebank am Bahnhof Grüsch ist 87 und stammt aus Seewis. Wie heisst noch einmal diese beeindruckende Felswand, die man von Seewis aus sieht?, frage ich. Sie wisse es nicht mehr, sie habe Mühe mit dem Gedächtnis seit sie fünfzig sei. Und eigentlich bereits in der Schule, doch sie habe einen guten Lehrer gehabt, der gemerkt habe, wie sie ticke und das akzeptiert habe. Ob sie mir ein Beispiel geben könne? Beim Vorlesen habe sie jeweils einen Satz gelesen und dann gesagt, ich gebe weiter, und dann habe die nächste Schülerin übernommen.. Der Lehrer habe das respektiert. Schön, dass es solche Lehrer gibt, sage ich. Ja, deswegen konnte ich später auch Schneiderin lernen, antwortet sie.

Ich bin ausgesprochen angetan von der Farbqualität, die meine Kamera liefert und zeige ihr die Fotos, die ich zwischen Schiers und Grüsch aufgenommen habe. Das sind sehr schöne Bilder, sagt sie. Danke, dass Sie sie mir gezeigt haben.

Im Zug nach Landquart komme ich neben eine junge Frau zu sitzen, die hoch konzentriert ihre Hose glatt streicht. Scheint eine ziemliche Herausforderung zu sein, kommentiere ich. Sie sei heute zum zweiten Mal an exakt der gleichen Stelle hingefallen, lacht sie. Und erklärt mir dann im Detail, wo in Grüsch das passiert ist (wohl in der Annahme, ich kenne mich im Ort aus, was ich jedoch nicht tue) und so sage ich: Dann wissen Sie ja jetzt, wo Sie beim nächsten Mal aufpassen müssen. Sie grinst zustimmend.

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Im Bus von Furna nach Schiers komme ich mit einer Ukrainerin ins Gespräch, die im Winter in Furna und im Sommer auf einer Walliser Alp als Käserin arbeitet. Wie sie dazu gekommen sei? Sie habe im Internet einen deutschen Käser in der Schweiz kennengelernt, geheiratet, sich wieder getrennt, doch das Käsen sei ihr geblieben. Im Wallis arbeite sie immer mit drei Männern zusammen, meist Schweizern, doch letztes Jahr seien zwei Rumänen dabei gewesen; die Chefin sei sie und ihr Raclette übrigens berühmt.

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In Klosters habe er lange gelebt, sagt der Mann, der im Werkhof Sargans die Aufsicht hat. Ob er mir einen schönen Wanderweg empfehlen könne? Monbiel, antwortet er. Am Bahnhof von Klosters frage ich bei den Postautos, wie ich da  hinkomme. Mit diesem Bus hier, sagt einer der Chauffeure, und so steige ich ein und erkundige mich beim Fahrer, wo ich am besten aussteige, wenn ich etwa eine Stunde durch die Gegend wandern wolle. Nicht nur erhalte ich umfassend Antwort, er rät mir überdies, bis zur Endstation mitzufahren, weil ich von dort den besten Überblick hätte. Auf der Rückfahrt werde er mir dann zeigen, wo ich eine gute Strecke finde.

Manchmal ist es von Vorteil, Schaf zu spielen, und so lasse ich mich von dem Mann leiten, der nicht nur vom Prättigau begeistert ist, sondern auch ausgesprochen redselig. Seit 1991 fahre er jetzt Postauto, früher sei er Metzger gewesen, in der Innerschweiz und dann im Liechtenstein. Wegen des Rückens habe er umsatteln müssen. Er gehe viel wandern, mit Feldstecher und Znüni, er nehme sich Zeit. das sei das Wichtigste. Immer wieder bricht seine Freude am Leben durch und ich lasse mich gern davon anstecken.

Einfachheit ist der Schlüssel

Der 1957 in Oberösterreich geborene Leopold Federmair lebt seit Jahren in Japan und denkt in Die grossen und die kleinen Brüder Japanische Betrachtungen über das Leben an und für sich nach. Etwa anhand der Desillusionierungskunst Dazais, dem nicht Hoffnung, sondern fröhliche Hoffnungslosigkeit vorschwebte: „Es ist alles egal, also tun wir etwas, zumindest Bücher schreiben, Bilder malen, Karikaturen zeichnen, ‚Take Pictures‘.“

Bei mir steht seit einiger Zeit das ‚Take Pictures‘ im Vordergrund. Während vieler Jahre hatte ich über Fotografie nachgedacht und Essays publiziert, in denen ich mich mit der Dokumentar- und der Pressefotografie auseinandersetzte. Bei der Kombination von „Pictures with Words“ faszinierte mich vor allem die Geschichte hinter dem Bild. Heute ist das anders, heute interessiert mich das Bild, die Oberfläche.

Man müsse den Dingen auf den Grund gehen, lautet einer der Glaubenssätze der westlichen Kultur. Da, wo ein Grund auszumachen beziehungsweise zuzuordnen ist, macht das auch durchaus Sinn (etwa beim Versagen eines technischen Gerätes), bei allem andern jedoch nicht, So gibt es zum Beispiel keine Geschichte zum Bild, sondern immer ganz viele. „Er lügt wie eine Augenzeuge“, heisst das russische Sprichwort.

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Die Angriffe auf Peter Handke, als er den Nobelpreis für Literatur zugesprochen gekriegt hatte, hatten auf mich fast nur einen Effekt: Was seine Kritiker geschrieben haben, werde ich nicht lesen. Weder was sie zu Handke geäussert haben noch anderes. Denn ich habe Handke gelesen, vieles von ihm, auch sein Buch über Serbien, Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien. Ich habe es verstanden als eine Gegenposition zu dem Einheitsbrei der westlichen Medien. Kriegshetze fand ich darin nicht. Überhaupt nicht.

Ich bin skeptisch, wenn sich alle einig sind. Es gibt in keinem Krieg die Guten und die Bösen, es gibt sie nie, gar nie. In uns allen gibt es immer alles und einmal kommt das Eine, ein anderes Mal das Andere hoch. Nein, das meint nicht, dass alles relativ ist, das meint etwas ganz anderes: dass die Welt von der Ignoranz regiert wird.

Ich kenne Peter Handke nur aus seinen Büchern, finde ihn gelegentlich etwas sehr esoterisch, viel häufiger jedoch macht er mir bewusst, was auch mich umtreibt. Aus Mein Jahr in der Niemandsbucht:
„Ich lebte kaum mehr mit meiner Zeit, oder ging nicht mit, und da mir nichts je so zuwider war wie die Selbstzufriedenheit, wurde ich zunehmend gegen mich aufgebracht. Welch ein Mitgehen hatte sich zuvor ereignet, was für eine grundandere Begeisterung war das gewesen, in den Stadien, im Kino, auf einer Busfahrt, unter Wildfremden. War das ein Daseinsgesetz: kindliches Mitgehen, ausgewachsenes Alleingehen.
Ich freute mich an meinem Alleingehen und war doch bedürftig des Mitgehens; und füllte mich jene Freude einmal aus, entbrannte ich nach den Abwesenden: Ich sollte die Fülle, damit dies gelte, augenblicklich mit ihnen teilen und weiten. Die Freudigkeit in mir konnte nur heraus in Gesellschaft, freilich in welcher?
Indem ich für mich blieb, drohte ich zu verkümmern. Die neue Verwandlung wurde dringlich. Und anders als jene erste, die mich hinterrücks befallen hatte, würde ich sie diesmal selber in Gang setzten.“

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„Versuche einfach, ein guter Mensch zu sein“, rät ein tibetischer Mönch einer aggressiven Fünfjährigen, die im Waisenhaus, dem er vorsteht, für Unruhe sorgt. Wer jetzt fragt, was ist das genau, ein guter Mensch, versteht denn nicht jeder darunter etwas anderes?, will diskutieren und nicht begreifen.

„Understanding is a feeling“, habe ich bei meiner Beschäftigung mit der Fotografie gelernt. Zu fühlen verlangt, sich Zeit zu nehmen. Wer sich für den Satz „Versuche einfach, ein guter Mensch zu sein“ Zeit nimmt und bereit ist, ihn auf sich wirken zu lassen, wird ihn verstehen. Das weiss ich, weil ich es erlebt habe.

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„This day is the first day of the rest of your life.“

Ungarische Impressionen

Zalaegerszeg
Ungünstiger kann man kaum den Tag beginnen. Als ich aus der Duschkabine trete, hole ich mir einen blutenden Zeh und kurz darauf schneide ich mir beim Rasieren in die Nasenspitze …. eine Premiere.

Es ist ausgesprochen finster in meinem Hotel, die an der Flurwand angeheftete Information in Sachen Frühstückszeiten mangels Licht nicht lesbar. Die Rezeptionistin, die keine mir bekannte Sprache spricht, funktioniert ihr Handy zu einer Taschenlampe um und dann kann ich lesen, dass eine Stunde fürs Frühstück vorgesehen ist, von 8 bis 9.

Die Medien vermitteln mir den Eindruck eines  fremdenfeindlichen Ungarn. Dass man nur Leute mit Papieren ins Land lasse, findet der Hotelbesitzer in Ordnung. Besonders nationalistisch scheint mir dies nicht. Zudem schafft eine solche Haltung auch Arbeitsplätze – man denke an die Passfälscher.

Das man sich ausweisen soll, ist mir selbstverständlich, dass man wissen soll, wer ins Land kommt, ebenso. Soll man das echt diskutieren? Ich nicht.

Wie überall auf der Welt, werden Leute mit Geld gern willkommen geheissen. Für Geld tut man heutzutage alles; früher nannte man das Prostitution. Die Chinesen haben gerade wieder ein Hotel gekauft und in kürzester Zeit umgebaut. Bis auf zwei Ungarn seien alle Angestellten Chinesen, sagt der Hotelbesitzer.

Heute Sonntag um zehn treffe ich mich mit Kollegen im Café zum Ratschen, also zum Lügen, grinst er. Der Unterschied zu früher: Damals habe er jeweils am Sonntag seine Mutter auf dem Land besucht. Sie seien zusammen in die Kirche und anschliessend zum Essen gegangen. Heute greift man zum Handy und fragt, ob alles klar sei.

Ob mir die ungarischen Noten gefallen?, fragt die Bedienung im Café, die sich freut, wieder einmal Englisch zu sprechen. Sie hat einige Jahre in London gelebt, ist seit Kurzem wieder zurück und malt. Sie zeigt mir auf ihrem Handy einige ihrer Bilder, die mich ansprechen, weil sie mich an meine Fotos gemahnen – einfach und ästhetisch. Ja, die ungarischen Banknoten gefallen mir. Ohne die Frage der jungen Frau hätte ich sie mir wohl gar nie richtig angeschaut.

Der Mann, mit dem ich am Bahnhof ins Gespräch komme, hat, sofern ich seinen melodiösen Mix richtig verstehe, 12 Jahre in Schottland verbracht, musste dann aber wegen Steuerproblemen von fünfeinhalb Millionen Forint nach Ungarn zurückkehren. Schon interessant, was einem gewisse Leute innert der ersten paar Minuten des Kennenlernens so alles erzählen, und dazu noch auf Schottisch-Ungarisch
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Zu den wichtigeren Gründen im Alter zu reisen, gehört, dass die Zeit langsamer vergeht, wenn man aus den Routinen fällt.

Die eigene Unfähigkeit zur Geduld, die uns alle peinigt … Michael Naura, Pianist
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Szombathely
Im zum Tagungszentrum umfunktionierten ehemaligen Karmelitenkloster kriege ich dasselbe Zimmer wie beim letzten Mal und wiederum bin ich der einzige Gast. Die Stille beruhigt .

Die Bedienung im Café hat nach eigenen Angaben einen langweiligen Sonntag hinter sich, kaum Gäste. Sie erzählt mir, sie habe vor einem Jahr, im Alter von 25, eine ‚to do‘-Liste erstellt, die alle Dinge beinhalten, die sie vor 30, also vor dem Ehemann/Kinder/Haus-Programm, machen wolle. Die ersten fünf sind: Ägypten, Tandem-Springen, River Rafting, mit einem Dodge über die Rennbahn und Las Vegas. Ob Sie immer schon so klare Vorstellungen gehabt habe? Ja, und sie ziehe diese Dinge dann auch immer durch. Sie zeigt mir Fotos, wie sie im Tandem aus dem Flugzeug sprang. Die beste Art, gesund zu bleiben, denkt es so in mir, ist herauszufinden, was einem Freude macht und das dann auch tun.

Sopron
Die Türe zum Schumacher Laden, der gemäss Schild durchgehend von 7 bis 16 Uhr geöffnet hat, ist geschlossen. „Um 13 Uhr zurück“ lese ich und komme um 13 Uhr wieder, stehe dann 10 Minuten vor der geschlossenen Türe, bevor ich mich wieder davon mache und auf Rache sinne. Der Gedanke streift mich kurz, der Schumacher liege wahrscheinlich mit einem Hangover im Bett oder habe womöglich einen Unfall gehabt. Das geht natürlich nicht, denn ich will jetzt meine Schuhe zurück, der Mann hatte schliesslich eine ganze Woche Zeit. Jetzt reg dich nicht auf, vielleicht ist er ja krank. So ein Schmarren, dann hätte er doch nicht eine Notiz hinterlassen, er werde um 13 Uhr zurück sein. Nun ja, aus irgendeinem Grund musste er weg. Schon komisch, dass mich meine Überlegungen emotional überhaupt nicht erreichen. Als ich um 13 Uhr 45 wieder vorbei schaue, sehe ich den Schumacher gerade die Tür aufschliessen. Er musste im Spital drei Stunden warten, sagte er, nur um dann gesagt zu kriegen, er solle morgen zu einer Ultraschalluntersuchung wieder zurückkommen.

„In Kürze erreichen wir Neufeld an der Leiter“, ertönt die Durchsage im Zug von Sopron nach Wien. Komische Namen haben die ja schon, die Österreicher, denkt es so in mir. Dann sah ich den Ortsnamen geschrieben: Neufeld an der Leitha.

Vom Üben

Bücher haben mich viel gelehrt. Klar, sie unterhalten mich auch (jedenfalls einige), doch in erster Linie erlebe ich sie als Fundgruben, die mich entdecken lassen, was eh schon in mir ist.

In Ilka Piepgras‘ Wie ich einmal auszog, den Tod kennenzulernen, und dabei eine Menge über das Leben erfuhr lese ich von der 84jährigen Künstlerin Mary Bauermeister, die das ganze Leben als Schulprogramm, als Gelegenheit zum Üben versteht, und den Rat gibt: „Tu immer das, was den grössten Mut erfordert. Geh darauf zu, wovor du Angst hast, und du wirst wunderbare Dinge erleben.“ Auch andere Gedanken in diesem hilfreichen Buch schätze ich sehr, etwa diesen der amerikanischen Kolumnistin Lucy Kellaway: „Der Tod konfrontiert dich mit der Frage, ob das, was du tust, auch das ist, was du tun willst. Seine Brutalität bringt alles Gewohnte durcheinander.“ Oder diesen des schwer kranken katholischen Theologen und Jesuiten Medard Kehl, der meint, dass es nicht darum geht, „was der Verstand für wahr hält, sondern darum, wonach man sein Leben ausrichtet. Um die Geisteshaltung.“

Das Leben als Gelegenheit zum Üben, dieser Gedanke hat es mir ganz besonders angetan. Nichts anderes hat mich interessiert, als ich in jungen Jahren begeistert Fussball spielte. Ich lief auch Ski, betrieb Leichtathletik, ja so recht eigentlich versuchte ich mich in fast jeder Sportart. Doch meine Passion gehörte dem Fussball. Im Regen und im meterhohen Schnee, auf schlammigem Boden und in der heissen Sonne. Ich wollte ein guter Fussballer sein, sonst nichts, dafür tat ich alles. Jeden Tag wurde trainiert, ob die Glieder schmerzten oder nicht.

Im Nachhinein scheint mir, es sei mir darum zu tun gewesen, meinen Körper und meinen Geist zu stählen, mich selber zu meistern. Diese Geisteshaltung steht mir nahe; ich bilde mir ein, sie mache mich aus. Nicht immer, doch manchmal. „Fauler Hund“ lachte mein Vater jeweils, wenn ich keine Lust auf Schulaufgaben hatte.

Sagt die Mutter zu der kleinen Marie: „Wenn ich nach Hause komm, hast du dein Zimmer aufgeräumt, hörst mi?“ Als das Zimmer dann doch nicht aufgeräumt ist und die Mutter sich aufregt, erwidert die Kleine zerknirscht: „Ja, Mama, das tut mir ja selber so leid, dass i net megn hab.“

***

„Fascination is the true and proper mother of discipline“, heisst es in Michael Murphys Golf in the Kingdom.

Was einen fasziniert, springt einen nicht immer unvermittelt an, doch manchmal liegt es in einem verborgen und harrt der Entdeckung. Während des Schreibens meiner Magisterarbeit über Dokumentarfotografie (ich zählte damals 46 Jahre), begeisterte mich unter anderem Preisen will ich die grossen Männer von James Agee und Walker Evans, ein Werk, das sich schon über zwanzig Jahre in meinem Besitz befand, ohne dass ich mich gross mit ihm befasst hätte. Zu Bewusstsein kam mir damals auch, dass ich im Alter von siebzehn hatte Fotograf werden wollen.

Mein Schreiben über Fotografie hielt viele Jahre an, bis es von einer anderen Thematik abgelöst wurde (Sucht und Verhaltensänderungen). Doch auch diese erschöpfte sich. Was nun? Ich begann selber zu fotografieren, rahmte ein, was meinen Augen gefiel. Das tat zwar gut, doch es genügte nicht.

„Der Tod verwandelt das Leben in Schicksal“, schrieb einst André Malraux. François Cheng kommentiert in seinen Fünf Meditationen über den Tod und über das Leben: „Demzufolge ist das Universum nicht bloss ein Haufen von Entitäten, die sich blind bewegen, es besteht aus einer ausserordentlichen Vielfalt von Wesen, von denen jedes, getrieben vom Wunsch zu leben, einer gerichteten Bahn folgt, einer Bahn, die ausschliesslich ihm eigen ist.“ Sich dies zu vergegenwärtigen, lässt einen (zugegeben, ich spreche von mir) das Leben auch „als ein unglaubliches, heiliges Geschenk“ sehen – und für Geschenke sollten wir dankbar sein.

Dankbar sein kann man üben. Der Perspektivenwechsel, den François Cheng vorschlägt, hilft dabei: „Anstatt den Tod von dieser Seite des Lebens aus wie ein Schreckgespenst anzustarren, könnten wir den Tod in unsere Sicht einbeziehen und das Leben von der anderen Seite, nämlich von unserem Tod aus betrachten …“.

Lebenshilfen

Die hier aufgeführten Zitate drücken Wahrheiten aus, die mir teuer sind und mich leiten. Damit ich sie nicht vergesse, habe ich sie aufgeschrieben (in der Sprache, in der ich auf sie gestossen bin): Als Gedankenstützen, auf die ich immer wieder zurückkomme, denn sie konfrontieren mich mit der Realität und machen mir so das Leben erträglich und gelegentlich auch leicht.

Leben ist nur ein wandelnd Schattenbild:
ein armer Komödiant, der eine Stunde lang
sich spreizt und fuchtelt auf der Bühne, dann
nicht mehr gehört wird; eines Toren Fabel nur,
voll Schall und Wahn, jedweden Sinnes bar.
William Shakespeare
Macbeth, V. Akt, 5. Szene

Existence with all its horrors is endurable only as an aesthetic fact.
Richard Rorty

Im Grunde sind alle Ideen falsch und absurd. Es bleiben nur die Menschen, so wie sie sind.
Émile Michel Cioran

Caminante, son tus huellas
el camino y nada más;
caminante, no hay camino,
se hace camino al andar.
Antonio Machado

Wenn Du hervorbringst, was in Dir ist, wird das, was Du hervorbringst, Dich retten. Wenn Du nicht hervorbringst, was in Dir ist, wird das, was Du nicht hervorbringst, Dich zerstören.
Thomas Evangelium

Wear the world as a loose garment, which touches us in a few places and there lightly
St. Francis of Assisi

Was Sie nämlich wirklich glauben (nicht, was Sie zu glauben meinen), wird man nur herausfinden, wenn man sich ihr Verhalten ansieht. Davor wissen Sie selbst nicht, was Sie glauben. Sie sind viel zu komplex, um sich selbst zu begreifen.
Jordan B. Peterson
12 Rules for Life

Quelle que soit la durée de votre séjour sur cette petite planète, et quoi qu’il vous advienne, le plus important c’est que vous puissiez – de temps en temps – sentir la caresse exquise de la vie.
Jean-Baptiste Charbonneau
Avis de Passage (1957)

Spezialität ist mir unmöglich. Ich werde belächelt. Sie sind kein Dichter. Sie sind kein Philosoph. Sie sind weder Geometer noch sonst etwas. Sie betreiben nichts gründlich. Mit welchem Recht sprechen Sie von dieser Sache, da Sie sich ihr nicht mit Ausschliesslichkeit widmen? Ach ja, – ich bin wie das Auge, welches sieht, was es sieht. Es braucht sich nur ein klein wenig zu bewegen, und die Mauer verwandelt sich in eine Wolke; die Wolke in eine Uhr; die Uhr in Buchstaben, die sprechen. – Vielleicht ist das meine Spezialität. Meine Spezialität, das ist mein Geist.
Paul Valéry

Liberdade é pouco. O que eu desejo ainda não tem nome.
Clarice Lispector

Erst im späten Alter erlangt der Mensch ganz eigentlich das horazische nil admirari, d.h. die unmittelbare, aufrichtige und feste Überzeugung von der Eitelkeit aller Dinge und der Hohlheit aller Herrlichkeiten der Welt: die Chimären sind verschwunden.
Arthur Schopenhauer
Aphorismen über Alter und Tod

Die Welt ist ein Betätigungsfeld und weiter nichts.
Hans Albrecht Moser
Vineta

… the emphasis falls less on knowing than on imagining, more on freeing oneself up than on getting something right.
Richard Rorty

Wie kann man sich selbst kennen lernen? Durch Betrachten niemals, wohl aber durch Handeln. Versuche, deine Pflicht zu tun, und du weisst gleich, was an dir ist. Was aber ist deine Pflicht? Die Forderung des Tages.
Johann Wolfgang von Goethe
Maximen und Reflexionen