In Valparaiso und anderswo

Aufzeichnungen

Einfachheit ist der Schlüssel

Der 1957 in Oberösterreich geborene Leopold Federmair lebt seit Jahren in Japan und denkt in Die grossen und die kleinen Brüder Japanische Betrachtungen über das Leben an und für sich nach. Etwa anhand der Desillusionierungskunst Dazais, dem nicht Hoffnung, sondern fröhliche Hoffnungslosigkeit vorschwebte: „Es ist alles egal, also tun wir etwas, zumindest Bücher schreiben, Bilder malen, Karikaturen zeichnen, ‚Take Pictures‘.“

Bei mir steht seit einiger Zeit das ‚Take Pictures‘ im Vordergrund. Während vieler Jahre hatte ich über Fotografie nachgedacht und Essays publiziert, in denen ich mich mit der Dokumentar- und der Pressefotografie auseinandersetzte. Bei der Kombination von „Pictures with Words“ faszinierte mich vor allem die Geschichte hinter dem Bild. Heute ist das anders, heute interessiert mich das Bild, die Oberfläche.

Man müsse den Dingen auf den Grund gehen, lautet einer der Glaubenssätze der westlichen Kultur. Da, wo ein Grund auszumachen beziehungsweise zuzuordnen ist, macht das auch durchaus Sinn (etwa beim Versagen eines technischen Gerätes), bei allem andern jedoch nicht, So gibt es zum Beispiel keine Geschichte zum Bild, sondern immer ganz viele. „Er lügt wie eine Augenzeuge“, heisst das russische Sprichwort.

***

Die Angriffe auf Peter Handke, als er den Nobelpreis für Literatur zugesprochen gekriegt hatte, hatten auf mich fast nur einen Effekt: Was seine Kritiker geschrieben haben, werde ich nicht lesen. Weder was sie zu Handke geäussert haben noch anderes. Denn ich habe Handke gelesen, vieles von ihm, auch sein Buch über Serbien, Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien. Ich habe es verstanden als eine Gegenposition zu dem Einheitsbrei der westlichen Medien. Kriegshetze fand ich darin nicht. Überhaupt nicht.

Ich bin skeptisch, wenn sich alle einig sind. Es gibt in keinem Krieg die Guten und die Bösen, es gibt sie nie, gar nie. In uns allen gibt es immer alles und einmal kommt das Eine, ein anderes Mal das Andere hoch. Nein, das meint nicht, das alles relativ ist, das meint etwas ganz anderes: dass die Welt von der Ignoranz regiert wird.

Ich kenne Peter Handke nur aus seinen Büchern, finde ihn gelegentlich etwas sehr esoterisch, viel häufiger jedoch macht er mir bewusst, was auch mich umtreibt. Aus Mein Jahr in der Niemandsbucht:
„Ich lebte kaum mehr mit meiner Zeit, oder ging nicht mit, und da mir nichts je so zuwider war wie die Selbstzufriedenheit, wurde ich zunehmend gegen mich aufgebracht. Welch ein Mitgehen hatte sich zuvor ereignet, was für eine grundandere Begeisterung war das gewesen, in den Stadien, im Kino, auf einer Busfahrt, unter Wildfremden. War das ein Daseinsgesetz: kindliches Mitgehen, ausgewachsenes Alleingehen.
Ich freute mich an meinem Alleingehen und war doch bedürftig des Mitgehens; und füllte mich jene Freude einmal aus, entbrannte ich nach den Abwesenden: Ich sollte die Fülle, damit dies gelte, augenblicklich mit ihnen teilen und weiten. Die Freudigkeit in mir konnte nur heraus in Gesellschaft, freilich in welcher?
Indem ich für mich blieb, drohte ich zu verkümmern. Die neue Verwandlung wurde dringlich. Und anders als jene erste, die mich hinterrücks befallen hatte, würde ich sie diesmal selber in Gang setzten.“

***

„Versuche einfach, ein guter Mensch zu sein“, rät ein tibetischer Mönch einer aggressiven Fünfjährigen, die im Waisenhaus, dem er vorsteht, für Unruhe sorgt. Wer jetzt fragt, was ist das genau, ein guter Mensch, versteht denn nicht jeder darunter etwas anderes?, will diskutieren und nicht begreifen.

„Understanding is a feeling“, habe ich bei meiner Beschäftigung mit der Fotografie gelernt. Zu fühlen verlangt, sich Zeit zu nehmen. Wer sich für den Satz „Versuche einfach, ein guter Mensch zu sein“ Zeit nimmt und bereit ist, ihn auf sich wirken zu lassen, wird ihn verstehen. Das weiss ich, weil ich es erlebt habe.

***

„This day is the first day of the rest of your life.“

Ungarische Impressionen

Zalaegerszeg
Ungünstiger kann man kaum den Tag beginnen. Als ich aus der Duschkabine trete, hole ich mir einen blutenden Zeh und kurz darauf schneide ich mir beim Rasieren in die Nasenspitze …. eine Premiere.

Es ist ausgesprochen finster in meinem Hotel, die an der Flurwand angeheftete Information in Sachen Frühstückszeiten mangels Licht nicht lesbar. Die Rezeptionistin, die keine mir bekannte Sprache spricht, funktioniert ihr Handy zu einer Taschenlampe um und dann kann ich lesen, dass eine Stunde fürs Frühstück vorgesehen ist, von 8 bis 9.

Die Medien vermitteln mir den Eindruck eines  fremdenfeindlichen Ungarn. Dass man nur Leute mit Papieren ins Land lasse, findet der Hotelbesitzer in Ordnung. Besonders nationalistisch scheint mir dies nicht. Zudem schafft eine solche Haltung auch Arbeitsplätze – man denke an die Passfälscher.

Das man sich ausweisen soll, ist mir selbstverständlich, dass man wissen soll, wer ins Land kommt, ebenso. Soll man das echt diskutieren? Ich nicht.

Wie überall auf der Welt, werden Leute mit Geld gern willkommen geheissen. Für Geld tut man heutzutage alles; früher nannte man das Prostitution. Die Chinesen haben gerade wieder ein Hotel gekauft und in kürzester Zeit umgebaut. Bis auf zwei Ungarn seien alle Angestellten Chinesen, sagt der Hotelbesitzer.

Heute Sonntag um zehn treffe ich mich mit Kollegen im Café zum Ratschen, also zum Lügen, grinst er. Der Unterschied zu früher: Damals habe er jeweils am Sonntag seine Mutter auf dem Land besucht. Sie seien zusammen in die Kirche und anschliessend zum Essen gegangen. Heute greift man zum Handy und fragt, ob alles klar sei.

Ob mir die ungarischen Noten gefallen?, fragt die Bedienung im Café, die sich freut, wieder einmal Englisch zu sprechen. Sie hat einige Jahre in London gelebt, seit kurzen wieder zurück und malt. Sie zeigt mir auf ihrem Handy einige ihrer Bilder, die mich ansprechen, weil sie mich an meine Fotos gemahnen – einfach und ästhetisch. Ja, die ungarischen Banknoten gefallen mir. Ohne die Frage der jungen Frau hätte ich sie mir wohl gar nie richtig angeschaut.

Der Mann, mit dem ich am Bahnhof ins Gespräch komme, hat, sofern ich seinen melodiösen Mix richtig verstehe, 12 Jahre in Schottland verbracht, musste dann aber wegen Steuerproblemen von fünfeinhalb Millionen Forint nach Ungarn zurückkehren. Schon interessant, was einem gewisse Leute innert der ersten paar Minuten des Kennenlernens so alles erzählen, und dazu noch auf Schottisch-Ungarisch
___

Zu den wichtigeren Gründen im Alter zu reisen, gehört, dass die Zeit langsamer vergeht, wenn man aus den Routinen fällt.

Die eigene Unfähigkeit zur Geduld, die uns alle peinigt … Michael Naura, Pianist
___

Szombathely
Im zum Tagungszentrum umfunktionierten ehemaligen Karmelitenkloster kriege ich dasselbe Zimmer wie beim letzten Mal und wiederum bin ich der einzige Gast. Die Stille beruhigt .

Die Bedienung im Café hat nach eigenen Angaben einen langweiligen Sonntag hinter sich, kaum Gäste. Sie erzählt mir, sie habe vor einem Jahr, im Alter von 25, eine ‚to do‘-Liste erstellt, die alle Dinge beinhalten, die sie vor 30, also vor dem Ehemann/Kinder/Haus-Programm, machen wolle. Die ersten fünf sind: Ägypten, Tandem-Springen, River Rafting, mit einem Dodge über die Rennbahn und Las Vegas. Ob Sie immer schon so klare Vorstellungen gehabt habe? Ja, und sie ziehe diese Dinge dann auch immer durch. Sie zeigt mir Fotos, wie sie im Tandem aus dem Flugzeug sprang. Die beste Art, gesund zu bleiben, denkt es so in mir, ist herauszufinden, was einem Freude macht und das dann auch tun.

Sopron
Die Türe zum Schumacher Laden, der gemäss Schild durchgehend von 7 bis 16 Uhr geöffnet hat, ist geschlossen. „Um 13 Uhr zurück“ lese ich und komme um 13 Uhr wieder, stehe dann 10 Minuten vor der geschlossenen Türe, bevor ich mich wieder davon mache und auf Rache sinne. Der Gedanke streift mich kurz, der Schumacher liege wahrscheinlich mit einem Hangover im Bett oder habe womöglich einen Unfall gehabt. Das geht natürlich nicht, denn ich will jetzt meine Schuhe zurück, der Mann hatte schliesslich eine ganze Woche Zeit. Jetzt reg dich nicht auf, vielleicht ist er ja krank. So ein Schmarren, dann hätte er doch nicht eine Notiz hinterlassen, er werde um 13 Uhr zurück sein. Nun ja, aus irgendeinem Grund musste er weg. Schon komisch, dass mich meine Überlegungen emotional überhaupt nicht erreichen. Als ich um 13 Uhr 45 wieder vorbei schaue, sehe ich den Schumacher gerade die Tür aufschliessen. Er musste im Spital drei Stunden warten, sagte er, nur um dann gesagt zu kriegen, er solle morgen zu einer Ultraschalluntersuchung wieder zurückkommen.

„In Kürze erreichen wir Neufeld an der Leiter“, ertönt die Durchsage im Zug von Sopron nach Wien. Komische Namen haben die ja schon, die Österreicher, denkt es so in mir. Dann sah ich den Ortsnamen geschrieben: Neufeld an der Leitha.

Vom Üben

Bücher haben mich viel gelehrt. Klar, sie unterhalten mich auch (jedenfalls einige), doch in erster Linie erlebe ich sie als Fundgruben, die mich entdecken lassen, was eh schon in mir ist.

In Ilka Piepgras‘ Wie ich einmal auszog, den Tod kennenzulernen, und dabei eine Menge über das Leben erfuhr lese ich von der 84jährigen Künstlerin Mary Bauermeister, die das ganze Leben als Schulprogramm, als Gelegenheit zum Üben versteht, und den Rat gibt: „Tu immer das, was den grössten Mut erfordert. Geh darauf zu, wovor du Angst hast, und du wirst wunderbare Dinge erleben.“ Auch andere Gedanken in diesem hilfreichen Buch schätze ich sehr, etwa diesen der amerikanischen Kolumnistin Lucy Kellaway: „Der Tod konfrontiert dich mit der Frage, ob das, was du tust, auch das ist, was du tun willst. Seine Brutalität bringt alles Gewohnte durcheinander.“ Oder diesen des schwer kranken katholischen Theologen und Jesuiten Medard Kehl, der meint, dass es nicht darum geht, „was der Verstand für wahr hält, sondern darum, wonach man sein Leben ausrichtet. Um die Geisteshaltung.“

Das Leben als Gelegenheit zum Üben, dieser Gedanke hat es mir ganz besonders angetan. Nichts anderes hat mich interessiert, als ich in jungen Jahren begeistert Fussball spielte. Ich lief auch Ski, betrieb Leichtathletik, ja so recht eigentlich versuchte ich mich in fast jeder Sportart. Doch meine Passion gehörte dem Fussball. Im Regen und im meterhohen Schnee, auf schlammigem Boden und in der heissen Sonne. Ich wollte ein guter Fussballer sein, sonst nichts, dafür tat ich alles. Jeden Tag wurde trainiert, ob die Glieder schmerzten oder nicht.

Im Nachhinein scheint mir, es sei mir darum zu tun gewesen, meinen Körper und meinen Geist zu stählen, mich selber zu meistern. Diese Geisteshaltung steht mir nahe; ich bilde mir ein, sie mache mich aus. Nicht immer, doch manchmal. „Fauler Hund“ lachte mein Vater jeweils, wenn ich keine Lust auf Schulaufgaben hatte.

Sagt die Mutter zu der kleinen Marie: „Wenn ich nach Hause komm, hast du dein Zimmer aufgeräumt, hörst mi?“ Als das Zimmer dann doch nicht aufgeräumt ist und die Mutter sich aufregt, erwidert die Kleine zerknirscht: „Ja, Mama, das tut mir ja selber so leid, dass i net megn hab.“

***

„Fascination is the true and proper mother of discipline“, heisst es in Michael Murphys Golf in the Kingdom.

Was einen fasziniert, springt einen nicht immer unvermittelt an, doch manchmal liegt es in einem verborgen und harrt der Entdeckung. Während des Schreibens meiner Magisterarbeit über Dokumentarfotografie (ich zählte damals 46 Jahre), begeisterte mich unter anderem Preisen will ich die grossen Männer von James Agee und Walker Evans, ein Werk, das sich schon über zwanzig Jahre in meinem Besitz befand, ohne dass ich mich gross mit ihm befasst hätte. Zu Bewusstsein kam mir damals auch, dass ich im Alter von siebzehn hatte Fotograf werden wollen.

Mein Schreiben über Fotografie hielt viele Jahre an, bis es von einer anderen Thematik abgelöst wurde (Sucht und Verhaltensänderungen). Doch auch diese erschöpfte sich. Was nun? Ich begann selber zu fotografieren, rahmte ein, was meinen Augen gefiel. Das tat zwar gut, doch es genügte nicht.

„Der Tod verwandelt das Leben in Schicksal“, schrieb einst André Malraux. François Cheng kommentiert in seinen Fünf Meditationen über den Tod und über das Leben: „Demzufolge ist das Universum nicht bloss ein Haufen von Entitäten, die sich blind bewegen, es besteht aus einer ausserordentlichen Vielfalt von Wesen, von denen jedes, getrieben vom Wunsch zu leben, einer gerichteten Bahn folgt, einer Bahn, die ausschliesslich ihm eigen ist.“ Sich dies zu vergegenwärtigen, lässt einen (zugegeben, ich spreche von mir) das Leben auch „als ein unglaubliches, heiliges Geschenk“ sehen – und für Geschenke sollten wir dankbar sein.

Dankbar sein kann man üben. Der Perspektivenwechsel, den François Cheng vorschlägt, hilft dabei: „Anstatt den Tod von dieser Seite des Lebens aus wie ein Schreckgespenst anzustarren, könnten wir den Tod in unsere Sicht einbeziehen und das Leben von der anderen Seite, nämlich von unserem Tod aus betrachten …“.

Lebenshilfen

Die hier aufgeführten Zitate drücken Wahrheiten aus, die mir teuer sind und mich leiten. Damit ich sie nicht vergesse, habe ich sie aufgeschrieben (in der Sprache, in der ich auf sie gestossen bin): Als Gedankenstützen, auf die ich immer wieder zurückkomme, denn sie konfrontieren mich mit der Realität und machen mir so das Leben erträglich und gelegentlich auch leicht.

Leben ist nur ein wandelnd Schattenbild:
ein armer Komödiant, der eine Stunde lang
sich spreizt und fuchtelt auf der Bühne, dann
nicht mehr gehört wird; eines Toren Fabel nur,
voll Schall und Wahn, jedweden Sinnes bar.
William Shakespeare
Macbeth, V. Akt, 5. Szene

Existence with all its horrors is endurable only as an aesthetic fact.
Richard Rorty

Im Grunde sind alle Ideen falsch und absurd. Es bleiben nur die Menschen, so wie sie sind.
Émile Michel Cioran

Caminante, son tus huellas
el camino y nada más;
caminante, no hay camino,
se hace camino al andar.
Antonio Machado

Wenn Du hervorbringst, was in Dir ist, wird das, was Du hervorbringst, Dich retten. Wenn Du nicht hervorbringst, was in Dir ist, wird das, was Du nicht hervorbringst, Dich zerstören.
Thomas Evangelium

Wear the world as a loose garment, which touches us in a few places and there lightly
St. Francis of Assisi

Was Sie nämlich wirklich glauben (nicht, was Sie zu glauben meinen), wird man nur herausfinden, wenn man sich ihr Verhalten ansieht. Davor wissen Sie selbst nicht, was Sie glauben. Sie sind viel zu komplex, um sich selbst zu begreifen.
Jordan B. Peterson
12 Rules for Life

Quelle que soit la durée de votre séjour sur cette petite planète, et quoi qu’il vous advienne, le plus important c’est que vous puissiez– de temps en temps – sentir la caresse exquise de la vie.
Jean-Baptiste Charbonneau
Avis de Passage (1957)

Spezialität ist mir unmöglich. Ich werde belächelt. Sie sind kein Dichter. Sie sind kein Philosoph. Sie sind weder Geometer noch sonst etwas. Sie betreiben nichts gründlich. Mit welchem Recht sprechen Sie von dieser Sache, da Sie sich ihr nicht mit Ausschliesslichkeit widmen? Ach ja, – ich bin wie das Auge, welches sieht, was es sieht. Es braucht sich nur ein klein wenig zu bewegen, und die Mauer verwandelt sich in eine Wolke; die Wolke in eine Uhr; die Uhr in Buchstaben, die sprechen. – Vielleicht ist das meine Spezialität. Meine Spezialität, das ist mein Geist.
Paul Valéry

Liberdade é pouco. O que eu desejo ainda não tem nome.
Clarice Lispector

Erst im späten Alter erlangt der Mensch ganz eigentlich das horazische nil admirari, d.h. die unmittelbare, aufrichtige und feste Überzeugung von der Eitelkeit aller Dinge und der Hohlheit aller Herrlichkeiten der Welt: die Chimären sind verschwunden.
Arthur Schopenhauer
Aphorismen über Alter und Tod

Die Welt ist ein Betätigungsfeld und weiter nichts.
Hans Albrecht Moser
Vineta

… the emphasis falls less on knowing than on imagining, more on freeing oneself up than on getting something right.
Richard Rorty

Wie kann man sich selbst kennen lernen? Durch Betrachten niemals, wohl aber durch Handeln. Versuche, deine Pflicht zu tun, und du weisst gleich, was an dir ist. Was aber ist deine Pflicht? Die Forderung des Tages.
Johann Wolfgang von Goethe
Maximen und Reflexionen

„Ich suche Helden und nicht langweilige Durchschnittstypen mit Bauch.“

Robert P. Siglo, der Konsalik von Papua Neu Guinea, im Interview.
F: Wie sind Sie denn, wenn ich fragen darf, zum Schreiben gekommen, verehrter Meister?
A: Durch Zufall.
F: Aha, interessant.
A: Ja.
F: Könnten Sie unseren Lesern vielleicht etwas über diesen Zufall sagen?
A: Ja, schon.
F: Also?
A: Also. Ich bin immer schon ein grosser Leser vor dem Herrn gewesen.
F: Wieso vor dem Herrn?
A: Das sagt man so.
F: Aha, und was bedeutet es?
A: Weiss ich nicht. Spielt auch keine so grosse Rolle. Auf jeden Fall – und bitte unterbrechen Sie mich nicht dauernd, Sie unterbrechen ständig meinen Gedankenfluss. Das ist übrigens auch so ein Wort, Gedankenfluss. Als ob Gedanken fliessen. Meine jedenfalls nicht. Meine hopsen und springen – egal. Auf jeden Fall: Ich habe immer schon viel gelesen. Bücher, Zeitungen, Magazine. Alles, was mit dem geschriebenen Wort zu tun hat, interessiert mich. Auch mir dem gesprochenen Wort. Mit Sprache halt. Komischerweise – ich sage komischerweise, weil man allgemein, so scheint mir wenigstens, der Auffassung ist, dass ‚über ein Buch zu lesen‘ lange nicht so interessant sei, wie das Buch selber zu lesen – habe ich immer lieber gelesen, was man über Bücher sagte. Und noch viel viel mehr haben mich die Menschen interessiert, die Bücher schreiben. Im Laufe der Jahre liess mein Interesse immer mehr nach, was auch damit zu tun hatte, dass man Schriftsteller bei Lesungen oder im Fernsehen sehen konnte. Leider. Das hat mir viele Illusionen genommen.
F: Inwiefern?
A: Ja, schauen Sie sich die doch mal an!
F: Ich verstehe nicht. Was meinen Sie bloss?
A: Ich suche Helden und nicht langweilige Durchschnittstypen mit Bauch. Am schlimmsten jedoch finde ich die Kritiker vom Typ Klassenbester. Einer, der auch im Fernsehen erzählt, welche Bücher er gerne gelesen hat und welche nicht, ist mit mir zusammen in dieselbe Klasse gegangen. Der war schon damals ein ehrgeiziger Langweiler, der beim Aufstellen der Fussballmannschaft fast immer als letzter übrigblieb. Der Liebling des Deutschlehrers natürlich. Und wer wird schon Deutschlehrer? Eben. Und da habe ich beschlossen, selber zu schreiben und zwar Bücher, die garantiert kein Kritiker liest.
F: Und das ist Ihnen ja zweifellos gelungen.
A: Das kann man wohl sagen. Dafür lesen mich jetzt ein Haufen Leute, mit denen ich genauso wenig zu tun haben möchte wie mit den Kritikern.
F: Das klingt ziemlich arrogant.
A: Ist es auch.
F: Und das kümmert Sie nicht?
A: Nur am Sonntag, in der Kirche.

Mein tägliches Nebeneinander

Am Bahnhof Sargans kaufe ich Fahrkarten. Eine nach Sopron und zurück, eine nach Genua. Für jede Fahrt brauche ich eine Platzreservierung. Als ich nach Hause komme, klingelt das Telefon. Frau Grünenfelder vom Bahnhof Sargans teilt mir mit, sie habe mir fünf Franken zu viel berechnet. Ich gehe zurück zum Bahnhof, er liegt nur ein paar Minuten von meiner Wohnung, wo ich nicht nur meine fünf Franken wiederbekomme, sondern auch noch ein Glas Honig. In solchen Momenten liebe ich die Schweiz!

„Alle Menschen sind sterblich, aber für jeden Menschen ist der Tod ein Unfall, ein unverschuldeter Gewaltakt.“
Simone de Beauvoir.

Zu Fuss auf dem Weg von Zernez nach Susch schaue ich gelegentlich auf die Uhr. Werde ich den Zug um 13 Uhr 37 schaffen? Mich stört, dass mich diese Frage beschäftigt, schliesslich geht um 13 Uhr 58 bereits der nächste und ich habe Zeit, ich bin pensioniert, und doch lässt mich diese Frage nicht los. Oder lasse ich sie nicht los? Ich konzentriere mich auf den Weg, setze einen Schritt vor den andern, langsam. Kurz vor Susch kommt mir eine Frau entgegen, ich kenne sie, wir sind uns vor einem halben Jahr an fast genau derselben Stelle begegnet. Sie ist 84 und erzählt mir – ich beschliesse, den späteren Zug zu nehmen – , als ich ihr meine Fotos zeige, wie sie einmal eine Krähe fotografieren wollte, die einen Wurm im Mund hatte. Langsam griff sie zur Kamera, behutsam setzte sie zum Schuss an, doch die Krähe war weg, in einer offenen Wasserabflussröhre des nahegelegenen Hauses verschwunden. Die Frau wartete, die würde doch wieder heraus kommen. Nach dreieinviertel Stunden tauchte die Krähe wieder auf, ohne Wurm im Mund, doch begleitet von ihrem piepsenden Nachwuchs.

„… und ich war in Gedanken ganz bei ihr, dadurch, dass ich nicht ein Mal an mich dachte, war ich voll und ganz ich selber.“
Stig Sæterbakken: Durch die Nacht.

Bei der Fahrt mit dem Zug von Sargans nach Wien fällt mein Blick oft auf die vorbeiziehende Landschaft, die bis etwa Salzburg auch nicht anders ausschaut als die in der Schweiz. Hügel, Berge, Täler. Dann wird sie weiter, die haben hier im Gegensatz zur Schweiz Platz, geht mir durch den Kopf. Die Einwohnerzahl ist in etwa dieselbe (achteinhalb Millionen), die Fläche jedoch mehr als doppelt so gross. Wieder einmal wird mir bewusst, wie eingeklemmt wir Schweizer leben, kein Wunder, kommt da so was Verwürgtes raus.

„Ich würde eine Welt lieben, in der es gar kein Kriterium gäbe, keine Form und keinerlei Prinzip, eine Welt der absoluten Unbestimmtheit. Denn in unserer Welt sind alle Kriterien, Formen und Prinzipien schal.“
E.M. Cioran

In Salzburg kostet mein erster (grosser) Cappuccino 4 Euro 80, das Croissant 1 Euro 70. Es sei die teuerste Stadt Österreichs sagt mir eine Einheimische, die sich überlegt, nach Linz zu ziehen. Auch Wien sei wesentlich billiger. Es wimmelt von Touristen, „mein“ Hotel ist voll. Um Mitternacht schrillt der Feueralarm, der darauf folgende Exodus geht unaufgeregt vonstatten und nach ein paar Minuten können wir wieder rein. Vermutlich hat irgendein Idiot (oder eine Idiotin) im Zimmer geraucht.

„ … wie abrupt und unnatürlich der Tod doch ist, zumindest in unserer Wahrnehmung – immer unterbricht er etwas, bleibt Unvollendetes zurück.“
Katie Kitamura: Trennung

Als ich in Innsbruck das Hotel verlasse, komme ich mit zwei Paaren aus Brasilien ins Gespräch, die an Österreich vor allem beeindruckt, wie alt die Häuser sind und dass diese immer noch stehen.

„Es war nichts Erstaunliches daran, dass Dinge nicht funktionierten und zerfielen. Versagen und Verfall waren der natürliche Zustand der Welt. Erstaunlich war eher, dass überhaupt etwas wie beabsichtigt funktionierte, für wie lange auch immer.“
Lionel Shriver: Eine amerikanische Familie

Im bayerischen Landtag, es liegt schon einige Zeit zurück, wurde über die Prügelstrafe in der Schule gestritten. Dabei fiel auch das Argument, sie sei auch deswegen beizubehalten, da sie sich bis hinauf zu den Polizeihunden bewährt habe, Angesichts der primitiven Rechthabereien und hinterfotzigen Unerbittlichkeiten, die uns die Politiker täglich vorführen, besteht in der Tat kein Zweifel, das eine Hinaufentwicklung Richtung Tier sich aufdrängt. Wenn es nicht anders geht, auch durchaus mit Prügel.

„Schale nicht zum Verzehr“ werden die an Orangen interessierten Konsumenten bei SPAR in Salzburg gewarnt …

Eva Behrendt in ihrer Besprechung von „Lauren Groff: Florida“ in ‚Die Zeit‘: „Worin ein Trost liegt: Denn wer sich der Natur, dem Leben in all seinen Erscheinungsformen und also dem Tod ausliefert, wer bereit ist, sich als Teil dieser Kreisläufe und nicht als ihnen überlegen zu begreifen, verliert womöglich die Angst.“

Der kleine Schirm, der früher in der Schweiz als Knirps bekannt war, den ich mir bei Tesco im ungarischen Eger erstehe, trägt auf der Schutzhülle die Bezeichnung „happy rain“. Als ich das auf mich wirken lasse (Werbeleute leben schon in einer sehr eigenen Welt), geht mir eine junge Frau aus Vancouver Island durch den Kopf, die, als es auf einem Ausflug unseres Spanischkurses in Costa Rica zu regnen anfing, träumerisch erklärte: „ I just love weather!“ Nein, sie stand nicht unter Drogen.

Merken will ich mir, was Ina Hartwig in „Die Zeit“ notiert hat: „So schreibt Handke einmal, es sei schon viel wert, wenn er an einem Tag nicht Fernsehen geschaut oder kein Geld ausgegeben habe. Im Lesen und Gehen hingegen sei er ganz bei sich selbst.“

Shunryu Suzuki: That we are here means we will vanish.

Heute, Hier & Jetzt

Ende Oktober, morgens um acht, der Himmel ist bedeckt, alles grau in grau. Keine Lust zur gar nichts und gleichzeitig diese eigenartige Erkenntnis: Das ist Dein Leben. Plötzlich wusste ich das nicht nur, ich spürte es. Nicht lange und schon gar nicht anhaltend, für ein paar Sekunden nur. Beim Gang zum Bäcker dann erneut: Das gerade Jetzt, das ist Dein Leben.

Ich kann mich nicht erinnern, das schon einmal erlebt zu haben. Sicher, das kann an meinem Gedächtnis liegen, doch so recht eigentlich tickte ich mein Leben lang meist so wie Eric Ambler einmal auf die Frage, wo er am liebsten lebe, geantwortet hat: Immer gerade da, wo ich gerade nicht bin. Nein, nicht immer und schon gar nicht, wenn ich verliebt war. Also so ziemlich fast immer.

Klar ist mir schon lange, dass es darauf ankommt, in der Gegenwart zu sein. Doch dass mir etwas klar ist, bedeutet nicht viel, denn Gedanken sind nicht nur flüchtig, sondern auch nicht zu fassen. Entscheidend ist nicht, was ich weiss, sondern was ich tue. Auch dieses Wissen hilft wenig.

Wobei: Ich gebe mir durchaus Mühe. Zwei bis dreimal die Woche fahre ich mit dem Zug in die Berge, wo ich mich regelmässig eine gute Stunde in Walking Meditation übe. Und dabei vor allem merke, dass mein Kopf offenbar ganz andere Vorstellungen hat und mich meist weit weg führt von da, wo ich gerade bin.

Am ehesten ist es mir im April in Japan gelungen nicht nur physisch, sondern auch gedanklich vor Ort zu sein. Wobei: Auch während meiner Zeit dort war ich oft in Brasilien, der Schweiz und wer weiss noch wo. Trotzdem erlebte ich mich nie präsenter als beim stundenlangen Flanieren auf japanischen Strassen.

Mir wäre lieb gewesen, das hätte angehalten. Leider war dem nicht so. Zurück in der Schweiz liess ich mich wieder einlullen von BBC-Diskussionen über Brexit und Berichten über den Durchgeknallten, den die Amerikaner Mister President nennen.

An dem nebligen Morgen im Oktober antwortete ein Fernseh-Experte auf die Frage, was er seinen Kunden in Sachen Brexit rate: Auf alles gefasst zu sein, meinte er. Das erinnerte mich an John Clancys “The Teeth of the Tiger“, das ich vor Jahren in einem B&B im chilenischen Valparaíso gelesen habe und worin der Autor das amerikanische Fernsehen so beschreibt: „They endlessly repeated the hard facts they had managed to gather, and hauled in ‚experts‘ who knew little but said a lot. It was good for filling airtime, at least, if not to inform the public.“

„Understanding is a feeling“ hat mich meine Auseinandersetzung mit der Fotografie gelehrt. Und Gefühle lassen sich auch herbeiführen. Etwa indem man das Richtige tut. Ich schaltete den Fernseher aus, machte mir ein Sandwich, ging zum Bahnhof und bestieg den Zug in die Berge. Heute, Hier & Jetzt, das ist mein Leben.

Doch Zufälle gibt es ja nicht

In Szombathely, morgens um halb acht klingelt mein Telefon. Ich kenne die Nummer nicht, am andern Ende ist Laurence aus Choulex, von der ich seit mehr als einem Jahr nichts gehört habe. Sie hat sich verwählt und lacht „Il n’y a pas de hazard“. Ich sehe das auch so. Nicht etwa, weil ich alles für vorbestimmt halte, sondern weil alles genau so ist wie es ist. Und alles kommt wie es kommt. Nein, das ist nicht offensichtlich, schliesslich verleiten uns unsere Hoffnungen und Wünsche ganz anders zu denken, doch es ist wahr, tief wahr. Es bedeutet, die Dinge zu akzeptieren wie sie sind, alle, sie anzunehmen, mit ihnen zu leben.

Eine halbe Stunde nach Laurences Anruf: Ob ich eine offizielle Rechnung brauche? Nein, sage ich, worauf die Rezeptionistin (die einmal ein Jahr als Au Pair in Founex verbrachte und Französisch mit mir sprach) mir eine in dreifacher Ausführung ausdrückt, die ich alle drei unterzeichnen musste. Hören sich Menschen eigentlich überhaupt einmal zu?

Hätte ich letzten Sommer nicht sechs Wochen lang mit einer Ungarin zusammengearbeitet, wäre ich wohl nie nach Ungarn gefahren, hätte kaum zwei Nächte in einem ehemaligen Kloster zugebracht und vermutlich nicht verstanden, dass es keine Zufälle gibt. Denn was einem zufällt ist nicht zufällig. Das heisst nicht, dass unser Schicksal vorgegeben ist (andererseits: wer weiss das schon?) oder unseren Vorstellungen gemäss Sinn macht. Es heisst nur, dass das, was ist, nichts anderes ist und sein kann, als was es ist.

Sie mache keine Fotos mit der Kamera, sie mache ihre Bilder im Kopf, sagt die junge Frau, die mir in Sopron die Nägel macht. Viele der Bilder, die mich schon lange begleiten, existieren auch nur im Kopf und haben da ihren festen Platz – die alte Frau mit einem Bündel Brennholz auf dem Rücken in den Bergen bei Santa Cruz do Sul – , doch die vielen, die mir nicht mehr präsent sind, sind mir ebenso ein Rätsel wie warum einige noch immer locker abgerufen werden können. Das Gedächtnis gehört eindeutig mit zu den eigenartigsten Dingern, die es gibt. Bei den Fotos die ich heute gemacht habe, waren zwei dabei, die ich bereits vor sechs Wochen gemacht habe, als ich zum ersten Mal hier war. Gemerkt habe ich es erst im Nachhinein, als ich anschaute, was ich fotografiert hatte. Dabei waren eine Strassenlaterne und ein Türschloss, die ich ich genau so schon einmal eingerahmt hatte. Dass ich’s im Nachhinein bemerkt habe, spricht zwar für mein Gedächtnis, dass ich es nicht schon vorher merkte, eher nicht.

Auf dem Hauptplatz von Salgótarján steht ein unbewohnter Wolkenkratzer, unser ‚Ghost Hotel‘, sagt meine Bekannte. Seit 15 Jahren steht es jetzt leer, niemand weiss, wem es gehört. Eine Englischlehrerin gesellt sich zu uns. Früher sei dieser Platz an Freitagabenden voller junger Leute gewesen, die seien alle weggezogen, es gebe hier keine Arbeit mehr. In den 1950er und 1960er Jahre sei das eine ganz andere Stadt gewesen, Avantgarde, viele Fabriken, modernste Gebäude. Als dann 1989 der Regimewechsel kam, sei alles zusammengebrochen.

Auch 12jährige Buben seien in der Braunkohle-Mine eingesetzt worden. Und Pferde, die untertags blind geworden und nach vier Jahren gestorben seien, sagt der Museumsführer der Mine (eine von damals insgesamt 44 in der Gegend). Es ist mehr als nur bedrückend in diesen engen Tunnels unter der Erde diesen Geschichten zuzuhören.

„No, I do not need a ticket, I’m sixtysix“, sage ich zur Frau am Fahrkartenschalter der Busstation und halte ihr meine Identitäskarte entgegen, worauf sie in fast nicht mehr zu bändigendes Lachen ausbricht – worüber entzieht sich mir, wir verfügen über keine gemeinsame Sprache. Auch mit der Mutter meiner ungarischen Bekannten kann ich mich auf unserem Ausflug in die Slowakei in keiner der mir mehr oder weniger geläufigen Sprachen unterhalten. Die Verständigung klappt trotzdem. „Panorama problem“, sagt sie und mir ist problemlos klar, wovon sie spricht – der Nebel auf der Burg ist dermassen dicht, dass wir kaum etwas von der Landschaft sehen können.

Am Fahrkartenschalter. Reden Sie Deutsch? Kopfschütteln. Englisch? Kopfschütteln. Das passiert mir regelmässig und so rede ich im Infinitiv und mit gelegentlichen Substantiven weiter. Die Verständigung klappt.

Am Bahnhof von Vezprém hatte ich das Gefühl, ich hätte nicht her kommen sollen. Zwei zahnlose Säufer stolperten aus einer wenig einladend wirkenden Kneipe, die Busse sahen aus wie kurz vor oder kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und wo die Stadt war beziehungsweise wie ich da hinkommen sollte, war mir ein Rätsel. Die Frau am Fahrkartenschalter war ausgesprochen freundlich und empfahl mir ein Taxi, doch als ich die Nummer der Taxizentrale wählte, ertönte eine Ansage ab Band, nur auf Ungarisch, wie in Ungarn üblich, vermutlich zur Stärkung des Nationalbewusstseins, dem Steckenpferd der gegenwärtigen Regierung. Gott sei Dank für Messenger – meine Anlaufstelle für alles Ungarische in Salgótarján half weiter, das Taxi kam, der Fahrer war freundlich und sprach etwas Deutsch, die gebuchte Unterkunft superb und die Innenstadt eine Augenweide.

Der Kirgise, der mich am nächsten Tag anspricht, hält mich für einen Professor der hiesigen Uni, wo er im zweiten Jahr für sein PhD ist. Wir unterhalten uns über Linguistik (das Fach, in dem er dissertiert) und landen irgendwie bei der Migration. Als ich sage, die Gesetze eines Landes zu respektieren, hielte ich für selbstverständlich, egal was für einer Religion jemand anhänge, fragt er: Und was, wenn es keine Gesetze gibt beziehungsweise alle sie brechen? Ob er von Kirgistan rede? Er lacht.

Im Zug von Innsbruck nach Sargans komme ich bis Sankt Anton am Arlberg mit einer Malerin ins Gespräch, die vom Nebel schwärmt (man sehe da die Dinge nur ansatzweise und dürfe sich dann vorstellen, wie sie weitergehen) und ausschliesslich den Schnee malt, der ja in vielerlei Gestalt daherkäme (man denke an die Eskimo und ihre dreissig Worte für Schnee). Jetzt im Nachhinein gehen mir beim Blick in den Morgennebel einige ihrer Ausführungen durch den Kopf – dass der Schnee zudecke, es ganz viele Weiss gäbe und er gewaltig, ja auch bedrohlich sei. Eigenartig und berührend, wie einige Begegnungen nachhallen.

Was ich immer schlechter ertrage

Vor ein paar Tagen war ich bei einem Book Launch: Ein Buchverlag stellte das neue Buch eines Fotografen vor. Anwesend waren der Verleger, ein Journalist, eine Kunstkritikerin und der Fotograf. Und natürlich das Publikum, zu dem auch ich zählte, für eine halbe Stunde, denn dann hatte ich bereits genug. Der einzige der Runde, der wirklich etwas zu sagen hatte, war der Fotograf; die drei anderen waren aufgeblasene Wichtigtuer und solche ertrage ich immer schlechter. Früher dachte ich (manchmal), mir fehle das nötige Wissen, heute weiss ich, dass die eitlen Selbstdarsteller schlicht hohl sind. Ich vermute, meine Einschätzung hat mit meinem fortschreitenden Alter zu tun. Aber nicht nur, denn letztendlich kann sich nur zeigen, was in einem bereits angelegt ist.

Älter werden bedeutet auch, dass sich Charaktereigenschaften deutlicher zeigen. Altersmilde mag vorkommen, Altersradikalität ist häufiger. Und dann gibt es ja auch noch die Altersstarrheit, der die Demenz vorzuziehen ist. Zudem: Die Vorstellung man werde im Alter geduldiger ist ein Mythos. Ich jedenfalls werde ungeduldiger, ertrage Unsinn immer schlechter und Deppen gar nicht mehr.

Was ich darüber hinaus immer schlechter ertrage sind intellektuelle Langweiler. Blöd ist nur, dass ich auf die immer wieder hereinfalle. Genauer: Ich falle auf meine Hoffnungen und Sehnsüchte herein. Als da zum Beispiel wären: neue hilfreiche Erkenntnisse, um das Leben und die Welt besser zu verstehen.

In jüngeren Jahren glaubte ich an den Wert der Bildung. Sich in der Weltliteratur, der Geschichte und der Philosophie auszukennen, war mir nicht nur Gebot, sondern Notwendigkeit. Irgendwann stellte ich dann fest, dass mir von dem, was ich gelesen hatte, kaum mehr etwas präsent war. Ja, ich nahm Bücher aus dem Regal in der Absicht, sie jetzt endlich einmal zu lesen, nur um dann festzustellen (ich hatte mir mich wichtig dünkende Passagen markiert), dass ich sie bereits gelesen hatte.

Eigenartigerweise hinderte mich das jedoch nicht, auch weiterhin an den Wert der Bildung zu glauben. Zumindest theoretisch, praktisch funktionierte es hingegen immer weniger. Ein Buch über den Typus des Tyrannen, das mir laut Pressemitteilung auch den gegenwärtigen amerikanischen Präsidenten erklären sollte, entpuppte sich als gelehrte Studie über die Stücke Shakespeares; ein Buch darüber, wie die Literatur die Geschichte der Menschheit formte, erwies sich als eine (wiederum gelehrte) Spurensuche zu den Grundlagentexten unserer Zivilisation wie das Gilgamesch-Epos und Homers Ilias; und ein (wiederum gelehrtes) Buch über die Odyssee war nichts anderes als eine Einführung ins Fachgebiet des Autors. Kurz und gut: auf die Fragen, die mich bedrängen, haben sogenannt anerkannte und respektierte Professoren, die mich einmal (und aus heutiger Perspektive nicht nachvollziehbaren Gründen) beeindruckt haben, definitiv keine Antworten.

Seit ich mal über den Satz gestolpert bin, wer wissen wolle, wie ein Zen-Meister wirklich sei, solle dessen Frau fragen, hält sich meine Hochachtung auch vor Zen-Meistern in Grenzen. Übrigens: Etwas Nützlicheres als carpe diem ist bis jetzt noch niemandem eingefallen.

Die Bedeutung des Gesprächs

Wenn ich Buchverlage um Besprechungsexemplare anfrage, lasse ich mich von meinen Interessen leiten und da diese mannigfaltig sind und ich selber masslos bin, laufe ich regelmässig Gefahr, von Bücherstapeln erschlagen zu werden, was mir übrigens schon vor vielen Jahren, ich war damals Anfang zwanzig, eine mittlerweile berühmte Schauspielerin prophezeit hat. Gelegentlich geschieht es auch, dass ein Rezensionsexemplar in meiner Post landet, um das ich mich gar nicht bemüht hatte und worauf ich selber wohl nicht gekommen wäre. Und manchmal ist das ein echter Glücksfall und von einem solchen soll hier die Rede sein.

Ernst Jünger
Gespräche im Weltstaat
Interviews und Dialoge 1929-1997
Hrsg. von Rainer Barbey und Thomas Petraschka
Klett-Cotta, Stuttgart 2019

Und so beginnt dieses Werk. „Ich glaube“, schreibt Ernst Jünger am 4. März 1920 an seinen Bruder Friedrich Georg, „dass im Gespräch unsere bedeutendste Leistung liegt; leider lässt sie keine Denkmäler zurück wie die Literatur oder Malerei. Immer werden die gesamten Elemente einer Zeit in unzähligen Gesprächen bis in ihre feinsten Einzelheiten durchdrungen, in Gebilden, die so leicht und unbestimmt sind wie die Wolken, und die doch alles Wasser in sich enthalten, das dann in Strömen die Mühlen treibt und die Schiffe trägt.“ Wie wahr!, durchfährt es mich. Und gleichzeitig: Wie eigenartig, dass mir dieser Gedanke noch nie gekommen ist!

Doch first things first: Ernst Jünger ist mir nur dem Namen nach geläufig. Ich weiss, dass er „In Stahlgewittern“ geschrieben hat und bei einigen als Kriegsverherrlicher gilt. Und auf einem meiner ungelesenen Stapel liegt sein „Annäherungen. Drogen und Rausch“. Mit anderen Worten: Ich gehe die Lektüre dieses Bandes fast gänzlich unbeschwert an und gebe hier einfach einige meiner Eindrücke dieser Interviews und Dialoge wieder, wobei mir der Kontext (welcher auch immer, jeder Kontext ist artifiziell und willkürlich) unwesentlich ist. Mich interessiert allein, ob etwas hilfreich für mein Leben ist. Jünger sagt es in einem Gespräch mit Julien Hervier so: „Kierkegaards Roman ‚Tagebuch des Verführers‘ hat mich sehr interessiert. Doch bei Kierkegaard, genau wie bei anderen, bei Baader und Hamann, schlendere ich gleichsam auf einer Wiese herum, pflücke manchmal eine Blume, die mir besonders gefällt, aber ich identifiziere mich nicht mit dem Ganzen.“

„Ich glaube, dass meine Bücher ein Teil von Deutschlands moralischem und geistigem Rüstzeug für den nächsten Krieg sind“, verlautbarte Jünger 1929, im Alter von 34 Jahren. An Selbstbewusstsein fehlte es dem Mann offenbar nicht. Krieg findet er notwendig und hat „das grösste Vergnügen an einem Kampf um die Macht, wo auch immer er stattfindet und egal wer gewinnt.“ Mir ist das fremd und „dass ein Mann höchsten Wert erlangen könne, wenn er sich freiwillig opfere“ finde ich eine ganz furchtbare Haltung. Dass Jünger hingegen nach Goslar gezogen ist, weil er da die Möglichkeit weiter Spaziergänge hat, sagt mir sehr zu. „Ich muss in einer Landschaft spazierengehen können, die den Menschen weder vergewaltigen noch erdrücken.“ Eine hellsichtige Bemerkung!

Ich lese mal hier und mal dort rein und bin höchst angetan von der Gedankenschärfe dieses Mannes, seiner Fähigkeit, Wesentliches herauszuschälen. In einem Gespräch mit Jacques Le Rider aus dem Jahre 1982 bezeichnet er die neuen mechanischen Uhren als eine der wichtigsten Entwicklungen des 20. Jahrhunderts. „Diese Uhren erweitern ihren Machtbereich und werden immer furchterregender, sie sind es, die die modernen Waffen einstellen, steuern und zur Explosion bringen. Sie messen die Zeit nicht, sie stellen sie her. Sie erlauben dem Menschen nicht, die Zeit zu beherrschen, sondern unterwerfen ihn ihrem Automatismus.“ Es ist dem Menschen eigen, die Auswirkungen seiner Erfindungen nicht abschätzen zu können. Obwohl: Er könnte mittlerweile wissen, dass sich vieles, das er einstmals als nützlich empfand, sich gegen ihn wendet. Mehr noch: in seinem Bestreben, sich von Zwängen frei zu machen, schafft er neue, schlimmere. Und wird zum Sklaven. Man denke etwa an Handys.

Auch seine patente und gescheite Frau, Liselotte Jünger, wird gelegentlich ins Gespräch einbezogen. „Der Gauleiter von Hannover, wie hiess er doch, Liselotte?“ fragt ihr Mann einmal. Worauf sie antwortete: „Keine Ahnung, damals kannten wir uns noch nicht.“

Auf André Müllers Frage, was ihm Hoffnung mache, antwortet Jünger, 1989 war das: „Ich studiere den Mythos, und da erfährt man, dass der Titanismus, in dem wir uns augenblicklich befinden, immer gescheitert ist. Nietzsches Übermensch hat versagt. Ich setze auf den musischen Menschen, auf die Verbindung zum Göttlichen überhaupt.“ Es ist diese Fähigkeit zur Distanznahme, die das Leben als eine Art Schauspiel betrachtet, die den Büchermenschen („Ich bin auch nur von Büchern umgeben, und diese Bücher, die lassen sich ja auf vierundzwanzig Buchstaben zurückführen, und diese vierundzwanzig Buchstaben erzeugen auch ein gewisses Medium. Man fühlt sich doch zu Hause, wenn man von Büchern umgeben ist.“) Ernst Jünger, der auch von Insekten sowie von Betrachtungen zu Ordnungsvorgängen fasziniert ist, unter anderem auszeichnet.

Ganz besonders die Ausführungen zur Natur haben mich angesprochen. „Das Verhältnis zur Natur ist heute nicht nur für mich, sondern auch für viele andere Menschen eine Leidensbeziehung. Die Urwälder des Amazonas werden zerstört, die Meere werden überfischt, die Atmosphäre, nun man sieht ja, in welchem Zustand sie ist; mit einem Wort, wir gehen direkt gegen die Elemente an.“ Und seine Überlegungen zu Drogen. „Alkohol ist die Droge für die Armen, das, was Bibliotheken und Museen für die anderen sind. Einen kurzen Augenblick ahnt man das Unbegrenzte.“ Er glaubt auch an ein Weiterleben nach dem Tod. „Bei einer gewissen geistigen Höhe ist das eigentlich für jeden so.“

Gespräche im Weltstaat ist ein Buch reich an Lebensweisheiten – „Man kann Dummheiten begehen, die niemals wiedergutzumachen sind. Dagegen kann aber auch eine glückliche Begegnung über das ganze Leben entscheiden.“ – , ein Buch, das vielfältig anregt und sich nicht zuletzt zur Aufgabe des Schriftstellers äussert, der politisch keinen Anstoss, sondern ein Beispiel geben soll. „Ich sage gerne, dass ich es vorziehe, eine Landschaft zu zeichnen, als die Rolle des Wegweisers zu spielen.“

PS: Bei der Beschäftigung mit diesem Buch bin ich auch (Zufälle gibt es ja nicht, ausser im eigentlichen Sinne des Wortes: Was einem zu fällt) auf ein Zitat aus Jüngers Tagebuch Siebzig verweht gestossen, das ich ganz wunderbar beobachtet finde. Sylvain Tesson gibt es in In den Wäldern Sibiriens wieder: „Je weniger wir auf die Unterschiede achten, desto stärker wird die Ahnung; wir hören nicht mehr den Baum rauschen, sondern den Wald, der dem Wind antwortet.“