In Valparaiso und anderswo

Aufzeichnungen

Wider und für die Religion

Denis Diderots Die Unterhaltung eines Philosophen mit der Marschallin de Broglie wider und für die Religion, aus dem Französischen übersetzt und mit Addenda versehen von Hans Magnus Enzensberger (Friedenauer Presse Berlin 2018) ist ein dünnes Heft und kommt in einem ungewöhnlichen, mich sehr ansprechenden Hochformat daher, hebt sich also schon gestalterisch von der Masse der Bücher ab und erscheint jetzt zum ersten Mal auf Deutsch.

Die Marschallin und der Philosoph Crudeli sind sich einig, etwas Gutes ohne Nachteile gibt es genau so wenig wie etwas Schlechtes ohne Vorzüge. „Schlecht ist, was mehr Nachteile als Vorzüge, gut dagegen, was mehr Vorzüge als Nachteile hat“, meint die Marschallin und Crudeli geht mit ihr einig. Ja mehr, er will ihr anhand dieser Definition darlegen, dass die Religion ein Unheil und keinen Vorteil darstellt.

Die Marschallin verwirrt, wie ruhig Crudeli in seinem Unglauben zu sein scheint. Und macht damit auch implizit klar, dass ihr selber der Glaube Orientierung und Sicherheit gibt. „Ihr Gott versteht keinen Spass“, sagt Crudeli einmal. Die Marschallin stimmt zu. Selten war mir deutlicher, dass der Religion die Leichtigkeit fehlt, von der Ironie gar nicht zu reden.

Geschrieben wurde dieses kurze Werk in Holland. „Ich habe einen kleinen Dialog zwischen der Marschallin von *** und mir skizziert. Ein paar Seiten, die halb ernst, halb heiter sind“, schrieb Diderot 1774 an Zarin Katharina II. Dass er den Italiener Thomas Crudeli als angeblichen Verfasser angibt (der bereits im Jahr 1745 das Zeitliche gesegnet hatte; die Schrift wurde 1977 zum ersten Mal veröffentlicht), mag einerseits der damals herrschenden Zensur geschuldet sein, hat aber vermutlich auch damit zu tun, dass er die Leute gerne hinters Licht führte.

Die Unterhaltung eines Philosophen mit der Marschallin de Broglie wider und für die Religion ist eine höchst amüsante und anregende Schrift, die charmant fürs eigenständige Denken plädiert. „Wer fähig ist, sich von seinen Vorurteilen zu befreien, der hat es nicht nötig, sich aufklären zu lassen.“

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Über Interkulturelles

Vieles, das unter Kultur beziehungsweise Kulturellem abgehandelt wird, hat weniger mit kulturellen Eigenarten als mit Geld und Macht zu tun. Begüterte in Singapur, Johannesburg und Genf haben ähnliche Probleme. Und diejenigen ohne viel Geld, wo auch immer auf diesem Planeten, haben auch ganz ähnliche Sorgen. Kulturelle sind es nicht, materielle sind es. Meistens jedenfalls. Anders gesagt: die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede zwischen den Menschen sind meines Erachtens eher ökonomischer als kultureller Art.

Dina Nayeris Drei sind ein Dorf (mare Verlag, Hamburg 2018) handelt laut Pressemitteilung des Verlags von Fragen wie: „Ist Heimat ein Ort, ein Mensch, ein Gefühl? Lässt sich Heimat neu erschaffen – und zu welchem Preis?“ Mich interessieren solche Fragen, daher mein Interesse an diesem Roman. Nur eben: es sind rhetorische Fragen und werden nicht wirklich beantwortet, jedenfalls nicht auf den ersten zweihundert Seiten, denn weiter bin ich nicht gekommen. Das hat seine Gründe und von diesen soll hier die Rede sein.

Die Protagonistin Nilou ist als Kind mit ihrer Mutter aus dem Iran geflohen und in der amerikanischen Provinz gelandet. Der dem Opium verfallene Vater blieb zurück, er wollte von seiner Sucht nicht lassen. Nilou ist ehrgeizig, schafft es an eine Eliteuniversität, heiratet einen Juristen. Die beiden ziehen nach Amsterdam, wo sie auch auf eine Gruppe iranischer Exilanten treffen. Durch das Zusammensein mit ihnen erwacht in Nilou eine alte Sehnsucht: „nach einer Heimat, in der sie ganz einfach sie selbst sein darf.“

Nur eben: was als kulturelle Sehnsucht, als Bedürfnis nach kultureller Zugehörigkeit daherkommt, hat mit Kultur überhaupt nichts zu tun. Und auch mit Heimat hat das alles gar nichts zu tun, sondern mit Nilous sturem und rechthaberischem Charakter, den sie von ihrem sturen und rechthaberischen Vater geerbt hat. Alles muss nach ihrem Kopf gehen, bis ins letzte Detail. Dass eine dermassen egoistisch angelegte Person in fremden Kulturen Probleme haben wird, ist wenig überraschend – es werden ähnliche sein, die sie auch in ihrer Herkunftskultur haben würde.

Als ihr Mann vorschlägt, zu einer Zusammenkunft mit Exil-Iranern Pizza mitzubringen, ist sie dagegen. „Nein!“, sagt Nilou. „Unser Essen darf nichts Besonderes sein. Die Leute da sind bettelarm.“ Offenbar geht mir da die richtige Sensibilität ab, doch seit wann ist Pizza in Amsterdam etwas Besonderes? Wie auch immer: Offenbar geht es darum, dass sich die beiden den Exilanten anpassen sollen. Auch in Sachen Kleidung. So hat sich Nilou „ganz bewusst ein T-Shirt  mit ausgefranstem Saum und ihre älteste Jeans angezogen …“ und windet sich innerlich, weil ihr Mann einen Massanzug trägt. „Wenn Iraner es sich leisten können, schätzen sie das Mondäne und Protzige, deshalb ist es für sie eine Genugtuung, eine Amerikanerin aus dem Iran, also jemanden, der alles bekommen hat, was sie sich wünschen, in abgerissener Kleidung zu sehen. Es liefert ihnen etwas, womit sie Nilou necken können, und es ermöglicht Nilou, ihnen von Yale zu erzählen und dennoch gemeinsam mit ihnen über die Mieten zu schimpfen oder den Kurs des Euros. Sie findet es angemessen, ihre Lebensverhältnisse ein bisschen auszugleichen. In dem Kiosk kauft sie zwei broodjes, bescheidenen jungen Käse mit Butter auf pappigem Brot in Plastikverpackung, und zwei Dosen Erbsen.“

Iraner scheinen Menschen mit delikaten Egos zu sein. Da ich dafür weder Verständnis noch Sympathie habe, finde ich Nilous Anstrengungen nur ja niemanden vor den Kopf zu stossen, ganz und gar nicht angemessen, sondern anbiedernd und anpasserisch. Und darüber hinaus schwer zu vereinbaren mit ihrer alten Sehnsucht: „nach einer Heimat, in der sie ganz einfach sie selbst sein darf.“ Für mich jedenfalls bedeutet Rücksicht zu nehmen auf Ehre und Stolz von eitlen Zeitgenossen (von welcher Kultur auch immer) etwas anderes, als mich selber sein zu dürfen. Und überhaupt: sich aufplusternde Gockel (wie auch ihre weiblichen Pendants) können mir gestohlen bleiben.

Vor allem aufgestossen ist mir jedoch, wie Dina Nayeri die Zusammenkunft mit den Exil-Iranern schildert. „Im Vergleich zu den extrem geselligen Umgangsformen im Iran pflegen die Holländer eine Kultur der Einsamkeit. Keine zwanglosen Gespräche mit Fremden, keine übertriebene Grossherzigkeit. Mam’mad erzählt ihr, dass er zwar schon Jahre hier wohnt, aber noch nie von jemandem eingeladen wurde, noch nicht mal zum Tee, noch nicht mal, nachdem er sein mageres Einkommen dafür verwendet hat, jedem seiner Nachbarn baghlava zu bringen. Die Holländer lieben ihre Hunde mehr als den Fremdling nebenan. Und das Schlimmste: keinen Respekt vor Intellektuellen.“

Diese Überheblichkeit geht mir auf den Keks (und natürlich weiss ich, dass nicht alle Iraner so denken; Dina Nayeri schildert übrigens auch andere), nicht zuletzt weil ich solche Gedanken, als ich noch ein junger Mann war, selbst gedacht habe. Über die Schweiz und die Schweizer. Heutzutage sehe ich das anders, ganz anders. Nicht weil die Schweizer inzwischen geselliger geworden wären, sondern weil mir die Anspruchsmentalität von Menschen, die in einem fremden Land aufgenommen werden wollen, zuwider ist. Und eingebildete, dünkelhafte Leute, wo auch immer, kann ich sowieso nicht ab. Zudem ist mir selbstverständlich, dass der Fremde in einem fremden Land (der ich oft selber bin) sich anzupassen hat.

Ausgesprochen gut gefallen hat mir hingegen die Schilderung von Nilous Vater Baba, insbesondere die Charakterisierung seiner Opiumsucht als ein Bedürfnis nach Vergessen, denn so habe ich Sucht noch nie gesehen.: „Im Badezimmer des Motels war mir klar geworden, dass er sich entschieden hatte, weit weg von mir zu leben, dass es etwas gab, dass er noch mehr liebte: nicht die Poesie oder die Medizin oder seine Familie, sondern das Vergessen.“

Frei nach Schopenhauer

„Wenn man auch noch so alt wird“, befand Schopenhauer, „so fühlt man doch im Innern sich ganz und gar als denselben, der man war, als man jung, ja, als man noch ein Kind war“, lese ich in Otto A. Böhmers Frei nach Schopenhauer (Verlag Karl Alber, Freiburg/München 2018), einem philosophischen Roman, dessen Hauptdarsteller Egidius Fitzroy eine Philosophische Praxis betreibt, wo er Menschen rät, die sich mit Sinn- und Lebensfragen an ihn wenden. „Der Mensch, war seine Überzeugung, ist ein Empfänger, kein Sendbote, er hat im Rahmen insgesamt bescheidener Möglichkeiten hellhörig zu sein, weil ihm sonst etwas entgehen könnte, das wichtig für ihn ist.“

Seien wir also so hellhörig wie möglich, denn es lohnt. Nicht nur weil Schopenhauer viel Schlaues, Hilfreiches und ausgesprochen Realistisches über den Menschen und die Welt geschrieben hat, sondern auch weil Otto A. Böhmer (wofür wohl das A steht? Ich entscheide mich für Aha) ein sehr differenzierter und ein sehr witziger Erzähler ist.

Frei nach Schopenhauer ist von einem ausgesprochen fantasievollen Mann geschrieben worden. Ich jedenfalls habe noch nie so anregend über eine Kreuzfahrt gelesen. „Das Meer war, höflich gesprochen, gänzlich unaufgeregt, der Wellengang bestenfalls zu ahnen, aber kaum zu spüren. Die Wolken, in undefinierbarer Ferne, konnte man für ein über Nacht entstandenes Gebirge halten, mit rauchigen Kegelköpfen, verschwimmenden Spalten und Schluchten, und die Entstehung dieser atlantischen Bergwelt war keineswegs abgeschlossen, sie zog weiter, pumpte sich auf, um gleich darauf an den Überhängen gekappt zu worden.“

Frei nach Schopenhauer ist ein äusserst vergnügliches und höchst lehrreiches Buch. So wird der Leser etwa über die Zeit aufgeklärt, „ohnehin ein relatives Phänomen, das womöglich kaum mehr als ein Assistenzmedium des Menschen ist, der damit mehr Möglichkeiten bekommen hat, sich unter Druck zu setzen …“.

Als die Internationale Schopenhauer Gesellschaft Egidius Fitzroy auf ein Kreuzfahrtschiff schickt, wo er philosophische Sprechstunden abhalten soll, ist er gezwungen zu fliegen, was ihm gar nicht behagt.  Zu seinem Bedauern wird  der Frankfurter Flughafen („Um ihn herum unerträglich gut gelaunte Urlauber, vorwiegend Familien mit verhaltensgestörten Kindern, dazu acht, neun muntere Greise und eine Ansammlung von Alkoholikern, die alle quergestreifte T-Shirts trugen, auf denen Werbung gemacht wurde für den  bekannten Männergesangsverein ‚Halbe-Lunge WAF‘.) nicht bestreikt und so muss er in die Luft („Fitzroy kam in die Mitte einer Dreierreihe zu sitzen, die für ihn allein schon zu eng war. Wer dachte sich bloss solche Diätbestuhlungen aus …“).

In Lanzarote besteigt er dann zusammen mit dem Ehepaar Gantenbein ein Taxi, „dass etwas altersschwach aussah, was aber durch die vertrauenserweckende Erscheinung des Taxifahrers wettgemacht wurde, der seine Fahrgäste mit absolut treuherzigem Blick anschaute und in einer Sprache begrüsste, die sich als weitgehend unverständlich erwies. Spanisch war dabei, ein paar Brocken Englisch, dazu kam aus dem deutschen Sprachraum ‚Grüss Gott‘ und ‚gerne‘ sowie, ein wenig überraschend, ‚Sie mich auch‘; der Rest gehörte wohl einer einheimischen Mundart an, die nicht ganz zu Unrecht vom Aussterben bedroht war.“

Immer wieder wird, es versteht sich, bei diesem Buchtitel, auf Schopenhauer Bezug genommen. Dabei erfahre ich unter anderem auch, dass Schopenhauer eher ein Mann des unnachgiebigen Dialogs war, als dass er auf Diskussionen aus gewesen wäre. „In seinen Schriften steckt vielleicht auch deswegen ein Quantum Weisheit, wie es die allermeisten seiner Kollegen nicht zusammenbekommen haben.“ Und ich lese, dass der Dichter Miguel de Unamuno seinerzeit angeblich Deutsch gelernt hatte, um Schopenhauer im Original lesen zu können.

Höchst aufschlussreich auch, dass Schopenhauer offenbar dem Blick in den Spiegel nicht über den Weg getraut hat. „Warum“, so schrieb er, warum trotz allen Spiegeln, weiss man eigentlich nicht, wie man aussieht und kann daher nicht die eigne Person wie die jedes Bekannten, der Phantasie vergegenwärtigen?, eine Schwierigkeit, welche dem ‚Erkenne dich selbst‘ schon beim ersten Schritte entgegensteht. Ohne Zweifel liegt es zum Teil daran, dass man im Spiegel sich nie anders als mit gerade zugewendetem und unbeweglichem Blicke sieht, wodurch das so bedeutsame Spiel der Augen, mit ihm aber das eigentlich Charakteristische des Blickes, grossenteils verlorengeht.“

Fitzroy bezeichnet sich „auch aufgrund der ihm zugeteilten Denkfaulheit“ als Realist und Pragmatiker, den es nicht, wie einige Kollegen, danach drängt, „das Undenkbare zu denken“ und der deshalb auch nicht „heilloser Verwirrung anheimgefallen“ ist, „die durch psychotherapeutische Behandlung, in die man sich anschliessend begab, nur noch grösser wurde.“ Treffender kann man kaum für eine gesunde Bodenhaftung plädieren, zu der auch diese Feststellung gehört: „Fitzroy war traurig. Intellektuelle Einwände gegen ein solches Gefühl, das einfach nur da war und zu Herzen ging, standen ihm nicht zur Verfügung.“

Ein ganz wunderbares Buch! Ich habe Tränen gelacht und viel gelernt – glänzender Witz und auf die Lebenspraxis ausgerichtete philosophische Gedanken, meine absolute Ideal-Kombination! Otto A. Böhmer beherrscht sie meisterhaft. Frei nach Schopenhauer ist intelligente Unterhaltung vom Feinsten!

In Slowenien

Der Landeanflug würde starker Winde wegen holprig werden, liess sich der Pilot vernehmen, doch das Rütteln und Schütteln hielt sich dann in Grenzen. Ich guckte aus dem Fenster, sah die ausgefahrenen Räder etwa zwei, drei Meter über der Landebahn und erwartete das Aufsetzen, als der Flieger beschleunigte und wieder aufstieg. Das war für mich eine Premiere, mein erster Durchstart, ich hatte mir einen solchen immer laut und mit röhrenden Motoren vorgestellt, doch dieser war fast lautlos und unspektakulär.

Mein vom Hotel geschickter Taxifahrer hielt ein handgemaltes Schild mit meinem Namen in Händen und entpuppte sich als Sozialwissenschaftler, der dem herrschenden kapitalistischen System so wenig abgewinnen konnte wie ich auch und nebenbei als Coach arbeitete (wie ich gelegentlich auch) – der Gesprächsstoff ging uns nicht aus.

Nach dem Einchecken im Hotel machte ich mich zu Fuss in Richtung Innenstadt auf. Sie liege etwa eine halbe Stunde entfernt, wurde mir gesagt, doch mit den Distanzen und Zeitangaben haben es die Slowenen nicht so, wie ich in der Folge noch mehrmals feststellen musste – mein Fussmarsch dauerte eine gute Stunde.

Auf meinem Weg sehe ich auch ein Schild, das auf einen  Bahnhof verweist. Da mir Zugfahrten in fremden Ländern schon immer gefallen haben, mache ich mich kundig – das Land ist reich an Zugstrecken und am nächsten Tag fahre ich in das eine halbe Stunde entfernte Kranj, einer schmucken, auf  einem Hügel gelegenen Kleinstadt. Die Fahrt dauerte doppelt so lang wie vorgesehen, weil der Zug, in dem die Fahrgäste bereits Platz genommen hatten, zwei Minuten vor Abfahrt geräumt werden musste, damit er gereinigt werden konnte. Bis der Ersatzzug eintraf dauerte es wiederum eine ziemliche Weile, über die sich ausser mir niemand wunderte.

Da ich eine halbe Stunde Zugfahrt ideal finde (meine Aufmerksamkeitsspanne ist begrenzt), fahre ich tags darauf nach Litija. In Wikipedia lese ich, dass das Grab von Carlos Kleiber in der Nähe (in Konjšica) liegt. Da mich dieser begnadete Dirigent und das Wenige, das ich von ihm weiss – er war mit der  slowenischen Tänzerin Stanislawa Brezovar (genannt Stanka) verheiratet und widersetzte sich der Musikindustrie. Er dirigierte nur, so Herbert von Karajan, wenn sein Kühlschrank leer war  – seit langem fasziniert, spiele ich mit dem Gedanken, sein Grab aufzusuchen, lerne dann aber, dass der öffentliche Verkehr Konjšica nicht erreicht. Später lese ich, dass der Weiler aus etwa 20 Häusern besteht und nicht wenige Trauergäste bei der Beerdigung von Kleiber, der ein halbes Jahr nach seiner Frau starb, den Weg nicht fanden.

Was also könnte ich mir stattdessen ansehen? Im nächsten Dorf, in Smartno, gäb’s eine schöne Kirche, sagt die Bedienung im Cafe beim Bahnhof und zeigt mir den Weg. Zwanzig Minuten, vielleicht eine halbe Stunde, dauere es zu Fuss. Da ich die slowenischen Distanz- und Zeitangaben mittlerweile kenne, frage ich unterwegs (ich bin bereits eine gute Viertelstunde gegangen) von Neuem. Zwanzig Minuten, vielleicht eine halbe Stunde, lautet die Auskunft des jungen Mannes, der anbietet, mich mit dem Auto hinzufahren. Die Fahrt dauert zehn Minuten. Sein Vater stelle Krippen her, sagt der junge Mann. Vermutlich soll ich eine kaufen, denkt es so in mir. Na ja, anschauen kann ich sie mir ja. Eine riesige Weihnachtskrippen-Anlage erwartet mich. In zwei Monaten soll sie fertig sein, informiert mich der Vater des jungen Mannes, er mache das jedes Jahr, die Leute kämen von weither, um das (wirklich prächtige) Bauwerk zu besichtigen.

Am Morgen meiner Abreise trinke ich – wie schon an meinem Ankunftstag – mit der jungen Hotelmanagerin und dem vermutlich so auf die Mitte 40 zugehenden Taxifahrer Kaffee. Und wir reden und reden und reden. Über Gott und die Welt. Und mich verblüfft wieder einmal, dass weder Alter, Ausbildung noch Herkunft fürs Einander-Verstehen wesentlich ist. Die Bereitschaft, sich aufs Leben einzulassen, genügt.

Die Vereindeutigung der Welt

Der Einstieg in Die Vereindeutigung der Welt (Reclam Verlag, Ditzingen 2018) könnte gelungener und packender gar nicht sein, denn „Alles so schön bunt hier“, wie Nina Hagen einst gesungen hat, ist es ja heutzutage wirklich, aber eben nur, wenn man nicht genau hinschaut. Tut man das, entpuppen sich etwa die zahllosen Fernsehprogramme, auf die sich Hagen in ihrem Song „TV-Glotzer“ bezog, als ziemlicher Einheitsbrei, als Scheinvielfalt. Der Untertitel „Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt“ bringt auf den Punkt, worum es in diesen differenzierten und gelehrten (Thomas Bauer, der Autor, ist seit 2000 Professor für Islamwissenschaft und Arabistik an der Universität Münster) Ausführungen geht.

Die Vielfalt nimmt ab. Auch in der Natur ist sie in gewissen Bereichen weit geringer als wir gemeinhin annehmen. So ist der Vogelbestand seit 1800 bis heute um 80 Prozent zurückgegangen, werden von den einstmals 30 000 Maissorten nur noch ein Dutzend davon in grösserem Stil angebaut und auch die Sprachen gehen zurück. „Die Gesellschaft für bedrohte Sprachen stellt fest, dass fast 1/3 der ca. 6500 weltweit gesprochenen Sprachen ‚innerhalb der nächsten Jahrzehnte aussterben‘.“

Das menschliche Gehirn ist binär unterwegs, unterteilt automatisch in Gut und Böse, Oben und Unten, Schwarz und Weiss. Kurzum: es reduziert Komplexität, spiegelt Eindeutigkeit vor, wo Uneindeutigkeit herrscht. „Menschen sind ständig Eindrücken ausgesetzt, die unterschiedliche Interpretationen zulassen, unklar erscheinen, keinen eindeutigen Sinn ergeben, sich zu widersprechen scheinen, widersprüchliche Gefühle auslösen, widersprüchliche Handlungen nahezulegen scheinen. Kurz: Die Welt ist voll von Ambiguität.“

Automatisch kommt mir Janet Malcolms Zitat eines Geschworenen, das ihrem Iphigenia in Forest Hills vorangestellt ist, in den Sinn: „Everything is ambiguous in life except in court.“ Wir versimplifizieren, weil die Komplexität der Welt uns überfordert. Das Problem ist nur, dass „es eine Welt ohne Ambiguität gar nicht geben kann.“ Wie unterschiedlich Kulturen und Religionen im Laufe der Geschichte damit umgegangen sind, zeigt Professor Bauer an zahlreichen erhellenden Beispielen und begrüsst dabei, wie unter Akademikern üblich, auch Kollegen. „Was wir heute erleben, lässt sich, um einen Ausdruck des Kunsthistorikers Hans Sedlmayr zu gebrauchen, als Verlust der Mitte bezeichnen, und dies ist schlicht das Resultat eines drastischen Verlustes an Ambiguitätstoleranz.“ Für eine solche Erkenntnis braucht es nun wahrlich keinen Kunsthistoriker.

Ganz wunderbar dann das Kapitel Kunst und Musik auf der Suche nach Bedeutungslosigkeit (treffender kann ein Titel kaum sein!), worin der Autor aufzeigt, was Propaganda, Kapitalismus und Gleichgültigkeit heutzutage alles zustande bringen. Nicht wenig gestaunt habe ich, dass die CIA Künstler wie Jackson Pollock und Mark Rothko (ohne deren Wissen) gezielt förderte. So organisierte und finanzierte die CIA Ausstellung um Ausstellung, nahm Einfluss auf Museen und lancierte Zeitschriftenartikel, um dem Abstrakten Expressionismus zum Durchbruch zu verhelfen. Und weshalb tat die CIA das? Weil bedeutungsarme Kunst zur Waffe im Kalten Krieg wurde. Und mit dem Abstrakten Expressionismus, dessen Kunstwerke als solche nichts bedeuteten, war das ideale Gegenstück zum Realistischen Sozialismus gefunden, der sich, wie Ideologien generell, durch Eindeutigkeit auszeichnet.

„Wenn sich Qualitätsunterschiede nicht mit eindeutigen Kriterien feststellen lassen, dann scheint es einfacher zu sein zu sagen, es gebe gar keine Qualitätsunterschiede, als über nicht leicht zu präzisierende, aber dennoch vorhandene Qualitätsunterschiede nachzudenken. Hier sei dagegen daran festgehalten, dass es Qualitätsunterschiede gibt, dass etwa ein Schlager-Tralala nicht dieselbe Qualität hat wie der eingangs erwähnte Punksong der Nina Hagen und dass beide wiederum andere Qualitäten haben als etwa ein Streichquartett von Alban Berg.“ Völlig einverstanden, doch auf welchen (auch uneindeutigen) Kriterien gründet jetzt dieser Qualitätsbegriff?

Höchst anregend auch des Autors Ausführungen zum Authentizitätswahn, der vor so ziemlich gar nichts mehr Halt macht und vom authentischen Wein bis zur authentischen Politik reicht. „Aber passen Authentizität und Demokratie überhaupt zusammen? Tatsächlich können Politiker in Demokratien gar nicht authentisch sein. Sie müssen Kompromisse schliessen, sie müssen im Interesse des Gemeinwesens oder der Partei auch Positionen vertreten, die nicht ihre Herzenspositionen sind, diplomatisch auftreten und Dinge sagen und tun, die sie ausserhalb ihrer Rolle als Politiker nicht sagen oder tun würden.“ Obwohl ich diese Auffassung teile, halte ich sie angesichts des gegenwärtigen gesellschaftlichen Klimas für lebensfremd. Vielleicht war Politik ja einmal so (jedenfalls wurde sie uns so vermittelt), wirklich sicher bin ich mir da jedoch nicht. Heutzutage ist sie jedenfalls garantiert nicht so. Und auch Thomas Bauer konstatiert: „Es kann aber kaum Zweifel darüber geben, dass Authentizität immer mehr als höchstes Ideal geglaubt wird.“ Das Resultat sind authentische Trottel in Ämtern, die nicht für sie gedacht sind.

Die Vereindeutigung der Welt ist ein eloquentes Plädoyer für Ambiguitätstoleranz, das nicht zuletzt deswegen überzeugt, weil es viele überraschende Zusammenhänge aufzeigt und vorführt, wie man auch mit Komplexität umgehen kann: Indem man genau hinschaut, sich Zeit nimmt und nachdenkt.

Öl und Blut im Orient

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 gibt es fünf Anrainerstaaten am Kaspischen Meer: Russland, Turkmenistan, Kasachstan, Aserbaidschan und Iran. „Jetzt gibt es eine Einigung: Auf ihrem Gipfeltreffen im kasachischen Küstenort Aktau haben sich die Staatschefs im Grundsatz auf eine Aufteilung des rohstoffreichen Sees geeinigt – sie unterzeichneten eine entsprechende Übereinkunft. Damit ist der Weg frei für eine stärkere Förderung von Erdöl und Gas in der Region“ berichtete die Deutsche Welle am 12. August 2018.

Unter dem Kaspischen Meer lagern grosse Mengen von Gas und Öl und um diese wird schon lange gerungen. Wie heftig, brutal und rücksichtslos es im Ölgeschäft zu und her geht, darüber gibt Essad Beys Öl und Blut im Orient (Die Andere Bibliothek, Berlin 2018) Aufschluss, das in der Zeit um den Ersten Weltkrieg in Baku, Aserbaidschan, spielt. Es handelt sich um einen „autobiografischen“ (die Glaubwürdigkeit, informiert die Pressemitteilung des Verlages, sei zurecht angezweifelt worden) Bericht, der die damaligen Zustände ungemein farbig schildert und mich zum Staunen und zum Lachen brachte und wiedereinmal die Einsicht verstärkte, dass es sich beim Menschen um eine wenig erfreuliche Spezies oder drastischer gesagt, um ein nur schwer zu bändigendes Tier handelt.

Das Ölgeschäft, dachte es so in mir, ist wohl ähnlich dem Baugeschäft in New York, Chicago, Moskau oder São Paulo, und vermutlich weniger von der Liebe zur Literatur und anderem Schöngeistigen geprägt als von den primitivsten Instinkten, die vornehmlich den Menschen eigen zu sein scheinen. „Unter russischen Kaufleuten gibt es das Sprichwort: ‚Wer ein Jahr unter Bakus Ölbesitzern lebte, kann nie wieder ein anständiger Mensch werden'“. Essad Bey war der Sohn eines solchen Ölbesitzers, floh im Alter von 16 Jahren vor den Bolschewisten nach Berlin, konvertierte dort zum Islam und schrieb mit Öl und Blut im Orient einen aberwitzigen, informativen und meinungsstarken Text, der mich einerseits dauernd zum Losprusten brachte und mir andererseits Einblick in eine Weltgegend gab, die mir bis anhin ebenso unbekannt war wie das Ölgeschäft. „Man scheute vor nichts zurück, man brauchte sich auch vor nichts und niemandem zu scheuen, man war ja im Orient, wo Recht und Unrecht seit jeher dehnbare Begriffe sind. Auch untereinander hielt man Fairness nicht für angebracht. Den Begriff ‚fair‘ gab es überhaupt nicht, vielleicht noch bei den Grössten, die sich auch diese Marotte mitunter leisteten.“

Nicht nur auf den Ölfeldern Aserbaidschans, sondern auch auf den mexikanischen und venezolanischen und genau so in den Goldminen von Alaska und bei den Diamantensuchern Südafrikas „herrschten dieselben Verhältnisse, dieselbe Brutalität, Betrug und List, mit denen ein Häuflein Abenteurer ihren eben errafften Reichtum zu schützen wusste.“ Befreit man sich von ideologischen Scheuklappen und Wunschdenken, so beschreibt das auch die heutige Welt trefflich.

Von den Jassaien im Norden Aserbaidschans berichtet Essad Bey, bei denen die Hände der Männer keine Arbeit verrichten dürfen und die deshalb den ganzen Tag ausgestreckt unter grossen Nussbäumen verbringen, zum Himmel emporblicken und über die Weisheit ihrer Vorfahren nachdenken, die ihnen die Arbeit verboten haben. Oder dass in Südaserbaidschan „die bekannte Hörnerfrisur“ getragen wird, “ das heisst, die Haare werden in der Mitte des Schädels von der Seite bis zum Nacken in einer geraden, breiten Linie ausrasiert und hängen rechts und links ungeschnitten herab. Sie werden oft so gekämmt, dass sie nach vorn hängen und unter dem kleinen, schwarzen Fez, der den rasierten Schädel bedeckt, wie zwei gebogene Hörner aussehen.“

Gänzlich unbekannt war mir auch, dass in den unendlichen Sandwüsten Turkestans und Persiens der Karawanenführer, der ‚Tschalwadar‘, der Herrscher ist, denn „mit seinem fast tierischen Instinkt kann der Führer auf weite Entfernungen hin das Vorhandensein von Wasser buchstäblich riechen.“ Und von Persien erfahre ich, dass es „die üppigsten Gärten, Felder und Wälder, tropische Palmen und unendliche Wüsten und dazu die ältesten Ruinen der Menschheit“ besitzt, jedoch praktisch unbewohnt ist. (Das Land zählte damals 10 Millionen Einwohner, heute über 80 Millionen).

Als ich lese: „Der Orient kennt Massaker, blutige Tage, tierische Grausamkeit, die sich sozusagen explosionsartig entlädt, aber bald wieder dem angeborenen Phlegma der Bevölkerung Platz macht“, geht mir Raphael Patais The Arab Mind (Erstveröffentlichung 1973) durch den Kopf, der die Beduinen (und allgemein die Araber) ganz ähnlich beschrieb. Explosive Eruptionen, gefolgt von phlegmatischen Phasen – keine wirklich beruhigende Kombination.

Öl und Blut im Orient wurde erstmals 1929 veröffentlicht. Schön, dass es dieses Buch in dieser tollen Aufmachung (Hardcover mit Buchschlaufe, bedruckter Einband, Vor- und Nachsatzpapier, Fadenheftung) wieder gibt.

Über Autobiographien

Aus der Hirnforschung wissen wir, dass bewusste Entscheide selten sind, wir meist auf Autopilot durchs Leben gehen und uns dann im Nachhinein Geschichten erzählen, die uns unser eigenes Leben erklären – und zwar so, dass es Sinn macht. Wir geben unseren Leben Sinn. Mit anderen Worten: Autobiographien gehören für mich in die Abteilung Fiktion. Und ich mag Fiktion, besonders die gut erzählte. Und von einer solchen will ich hier berichten.

Felix Mitterer war mir nicht bekannt, Michael Forcher, der das Geleitwort zu Mitterers Autobiographie, Mein Lebenslauf, geschrieben hat, genauso wenig. Aus dem Klappentext erfahre ich, dass Felix Mitterer ein „erfolgreicher Theater- und Drehbuchautor“ sei. Mein Interesse an Theater und Film ist gering. Wie komme ich also dazu, mir die Autobiographie eines mir unbekannten Mannes vorzunehmen, dessen berufliche Tätigkeiten mich nicht wirklich interessieren?

Nun ja, ich schreibe unter anderem auch Buchbesprechungen und werde deswegen routinemässig von Verlagen darüber informiert, was sie nächstens auf den Markt bringen. In Felix Mitterers Mein Lebenslauf (Haymon Verlag, Innsbruck 2018) habe ich reingelesen, bin hängengeblieben und habe mich nach einem Besprechungsexemplar erkundigt.

Es war die Sprache – einfach und klar – , die es mir angetan hatte. Und ich staunte, woran sich der Mann alles erinnerte, denn ich selber weiss von meiner Jugend, geschweige denn von der meiner Eltern, fast gar nichts. Ganz anders Felix Mitterer, der beschreibt recht ausführlich sogar Details. Nicht, dass ich ihm abnehmen würde, dass er das alles wirklich so im Gedächtnis hat. Da muss er viel nachgeforscht haben, dieses Buch ist auch eine eindrückliche Fleissarbeit.

Felix Mitterer wurde 1948 geboren als dreizehntes Kind einer Kleinbäuerin,, wächst in ärmlichen Verhältnissen bei einer Adoptivmutter auf. Über seine leibliche Mutter notiert er: „Adelheid war sehr schön und vielbegehrt. Am 6. Februar 1948 kam ich infolgedessen zur Welt. Zur Auswahl standen drei Väter. Einer wollte es unbedingt sein, und so liess ihm Adelheid den Willen.“ Jahre später stellte sich dann heraus, dass keiner der drei möglichen Väter seiner war.

Mein Lebenslauf ist wunderbar anschaulich geschrieben und gibt unter anderem Einblicke ins ländliche Tirol der 1950er Jahre. Der Bub liest, was ihm zwischen die Finger kommt, wird von seinem Lehrer gefördert, nach dem Kino ist er geradezu süchtig. Und wie das eben so ist bei Autobiographien, sie geben auch immer mal wieder Gelegenheit zur Identifikation. In meinem Falle nicht mit der Filmsucht, sondern mit einer Erfahrung, vor der ich annehme, dass sie Buben weltweit teilen. „… war ich dreizehn und unsterblich verliebt in eine Schülerin, die das natürlich nie erfuhr.“

Ich lese das Buch nicht am Stück, überspringe Filme und Theaterstücke sowie offenbar zur Veröffentlichung verfasste Tagebucheinträge. Hängen bleibe ich vor allem bei seinen Jugendjahren und der Schilderung seiner irischen Zeit und, ganz besonders, von Chryseldis‘ Leben, bevor sie Mitterers Frau wurde, auch weil ich mich wunderte, dass er und nicht sie davon erzählt, doch da er das wirklich gut macht und mich gefesselt hielt, hat sich mein Wundern schnell verflüchtigt. Sehr berührend auch wie er von ihrer Alkoholsucht (und ihrem tragischen Tod) berichtet. „Wenn Chryseldis ihr Alkoholproblem nicht gehabt hätte, wären wir wahrscheinlich heute noch zusammen. Und sie hatte das Problem seit ihrer Kindheit, das sagte sie mir eines Tages selbst. Der arme, traurige Vater ein Alkoholiker, sie folgte ihm nach. Nun ist es so, dass Menschen auf Alkohol ganz unterschiedlich reagieren. Manche werden still, manche werden lustig, manche werden aggressiv. Bei Chryseldis war es der Dr.-Jekyll-Mr.-Hyde-Effekt. Der Alkohol veränderte sie vollkommen, sie wurde zuerst lustig und schlagfertig, dann aber schrecklich böse.“

Mein Lebenslauf ist ein  Buch, das ich im Laufe der letzten Wochen immer mal wieder zur Hand genommen, aufs Geratewohl aufgeblättert und darin gelesen habe. Diese recht zufällige Art des Hinein-Lesens war neu für mich, denn ich verspüre Büchern gegenüber die Verpflichtung, ja den Zwang, sie von Anfang bis zum Ende zu lesen. Bei den meisten, vermute ich, geht es auch gar nicht anders, weil man sonst den Faden verliert, doch bei Mein Lebenslauf hat das funktioniert. Warum, interessiert mich nicht (ich mag nicht immer rätseln), es war einfach eine bereichernde Erfahrung und das genügt.

Arme Leute

In der Einführung zu seinem Essay über Arme Leute (Suhrkamp, Berlin 2018) nimmt William T. Vollmann auch Bezug auf ein Werk, mit dem ich mich eingehend beschäftigt, doch noch nie so wahrgenommen habe wie er es tut. Er bezeichnet Preisen will ich die grossen Männer von James Agee und Walker Evans als „elitärer Ausdruck elitärer Neigungen.“ Zur Erinnerung: Zur Zeit der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren verbrachten der Autor James Agee und der Fotograf Walker Evans einige Monate im Süden der Vereinigten Staaten, um die Lebensumsstände der dortigen Baumwollpflücker zu dokumentieren.

Vollmann attestiert James Agee, dass er sich einlässt. „Er will, dass wir alles fühlen und riechen, was die von ihm Beschriebenen fühlen und riechen müssen, und kommt dieser Wirkung so nahe, wie es möglich ist, wenn einem als Mittel nichts als das Alphabet zur Verfügung steht; also scheitert er und verachtet sich und uns dafür, dass es nicht anders sein kann, entschuldigt sich bei den Familien mit so absurd prachtvollen Unterwerfungsgesten, dass nur die Reichen die Musse haben werden, sie zu verstehen – und wie viele von ihnen werden das wollen?“ Ich verstehe das in wesentlichen Zügen auch als Selbstporträt von Vollmann.

Auch was er vom Fotografen Walker Evans schreibt, könnte er fast genau so gut von seinen eigenen (am Schluss dieses Bandes versammelten Fotografien) und von Fotos generell schreiben. „… Evans flüchtet sich in die enthüllende Einsilbigkeit der Fotografie. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, gewiss, aber als welche tausend? Ist deine Bildunterschrift die gleiche wie meine? Ein armer Mann starrt dich von der Buchseite an. Du wirst ihm nie begegnen. Ist er hart, bedrohlich, traurig, abstossend, entschlossen, zermürbt, unbeugsam, stolz, oder alles zusammen? Was kann man aus einem Gesicht wirklich ablesen? Was den Fotografen angeht, der muss sich nie wirklich einlassen.“ Das ist die Art von Auseinandersetzung mit der Fotografie, die ich mir gerne gefallen lasse. Weil es eine Auseinandersetzung ist mit dem, was man sehen kann und nicht mit dem, was man zum Bild bringt. Am Rande: Die Bildunterschriften in diesem Band sind so wenig aussagekräftig („Zwei Kinder“, „Grosser Berg “ und so weiter), dass man bestens ohne hätte auskommen können.

Die erste Geschichte spricht mich nicht zuletzt deswegen an, weil ich Klong Toey (auf der gleichen Seite einmal Khlong Toei und Klong Toey geschrieben!), den wohl bekanntesten Bangkoker Slum, aus eigener Anschauung kenne und mir das Gehabe betrunkener Thais geläufig ist. Gefragt habe ich mich jedoch, weshalb der Autor dem recht inkohärenten Geschwafel einer betrunkenen 40Jährigen eine Plattform gibt. Andererseits: Warum auch nicht? In einer besoffenen Welt klingen Besoffene oft ziemlich normal. Dazu kommt, dass er Sunee, wie die Frau heisst, nicht nur besoffen, sondern auch nüchtern zu Wort kommen lässt.

Schicksal, ist die Erklärung vieler Thais für ihr Schicksal und dieses verstehen sie als das Resultat ihres früheren Lebens. „Dann hast du in einem früheren Leben als etwas Böses getan? Nein, sagte das Mädchen langsam, die Beine höflich untergeschlagen, und stützte sich auf den Händen ab. Und warum bist du dann arm? Es lächelte und legte den Kopf schief, kratzte sich am Mückenstich. –  Vielleicht war ich im letzten Leben sehr reich, und diesmal muss ich arm sein.“

Was ich an der Klong Toey-Geschichte (und an diesem Buch insgesamt) so faszinierend finde, ist, dass da einer genuin neugierig unterwegs ist, interessiert an Menschen und ihren Leben. Und er will helfen, doch das ist schwierig, er berichtet davon detailliert und nachvollziehbar. Gelegentlich hört er auch auf seine Dolmetscherin. Und seinen Dolmetscherinnen verdankt er einiges, der Leser weiss davon, weil der Autor davon erzählt. Kurz und gut: Er schildert einen Prozess und macht damit klar, dass einfache Lösungen nicht zu haben sind, denn das Leben ist schwierig und komplex, für alle. Und überall

William T. Vollmann berichtet auch deswegen so berührend von seinen Begegnungen, weil er nicht einfach eine lineare Geschichte erzählt, sondern mal gedanklich hier, mal dorthin springt. Das geht von Montaignes Auffassung, „dass Menschen aus Angst vor Verarmung oft grössere Qualen leiden als die Armen selbst“ zu Thoreau und Dostojewski und den Auswirkungen von Tschernobyl, bis man allmählich zu realisieren beginnt, dass das nicht wirklich ein Buch über arme Leute ist, sondern ein anteilnehmender Bericht darüber, wie arme Leute und er selber miteinander und mit dem Leben zurechtzukommen versuchen.

Ob in Thailand oder Sibirien, Hanoi oder im Jemen, Kabul oder Tokio, Armut (nicht einfach nur ein Mangel, sondern ein Elend, wie Vollmann schreibt) wird meist als Schicksal verstanden. Doch Vollmann fragt sich auch, „ob es nicht zu den Kennzeichen der Armut gehörte, dass man sich der Niederlage ergab.“ Zudem: ein Massstab für Armut ist auch die Unfallanfälligkeit. Wie auch der Schmerz ein Kennzeichen ist, aber nicht unbedingt der Hunger.

Armut fällt natürlich nicht von Himmel, sie wird auch gemacht. Und durch die allüberall regierende Gehorsamskultur ermöglicht. So wurden etwa in China wegen eines Strassenumbaus siebenhundert Menschen enteignet, in Japan landen Büroangestellte, die ihre Arbeitsstelle verlieren, immer mal wieder obdachlos auf der Strasse. Und ich wundere mich dass in Kolumbien ein Slum  Nueva Esperanza heisst

Vor allem spannend an diesen Geschichten ist, dass der Autor nicht nur die Situationen, in denen er sich befindet und seine Gespräche wiedergibt, sondern auch aufnotiert, was ihm im Nachhinein so alles durch den Kopf geht (und auch dabei von hier nach da springt, ihm also plötzlich eine Szene in Mexicali und dann wieder eine andere in Madagaskar durchs Hirn rast – genau wie im richtigen Leben).

Arme Leute ist ganz vieles in Einem: Reportage, Bericht, Essay, Erzählung und soziologische Studie. Vor allem ist es jedoch eine sehr realistische und sehr praktische Auseinandersetzung mit der Frage, wie man am unteren Ende der sozialen Skala mit dem Leben klar kommt.

Was französische Eltern besser machen

Pamela Druckerman ist Amerikanerin und lebt mit ihrem englischen Ehemann und ihren drei Kindern in Paris. Und sie schreibt, freiberuflich. Ideale Voraussetzungen also, um die Franzosen zu erleben, zu beobachten und darüber nachzudenken inwiefern sie anders sind beziehungsweise die Dinge anders angehen. Denn dass sie mit den Dingen der Welt anders verfahren, als man das etwa in Amerika tut, ist nicht nur klar, sondern auch reizvoll. Warum würde Frau Druckerman sonst in Paris wohnen?

Es versteht sich: Französische Eltern sind keine homogene Gruppe, amerikanische genauso wenig. Bei den 100 Erziehungstipps aus Paris, wie der Untertitel zu Was französische Eltern besser machen (Goldmann Taschenbuch, München 2018) heisst, handelt es sich um Verallgemeinerungen – und ich liebe Verallgemeinerungen, besonders dann, wenn man sie als das versteht, was sie im besten Fall sein können: Intelligente Verknappungen, die nicht allzu ernst genommen werden sollten, doch einen wahren Kern haben.

„Die ‚100 Erziehungstipps aus Paris‘ sind mein Versuch, die klügsten und wichtigsten Prinzipien herauszuarbeiten, die ich von französischen Eltern und Experten gelernt habe“, schreibt Pamela Druckerman. Ein Beispiel, das ihr  zunächst radikal erschien: „Wenn sich das Familienleben ausschliesslich um die Kinder dreht, dann tut das niemandem gut, nicht einmal den Kindern selbst.“ Studien über amerikanische Familien der Mittelklasse legen zwar nahe, dass solche Gedanken auch diesen nicht fremd sind, aber die Praxis ist dann eben doch häufig eine andere.

Die französische Weisheit, so Frau Druckerman, orientiere sich in erster Linie am gesunden Menschenverstand. In Bezug aufs Essen bedeutet das „moderat, aber ohne Entsagung“, in Bezug aufs Lernen, dass selbst Neugeborene als vernünftige Wesen behandelt werden, „die verstehen, was man ihnen sagt, und Dinge lernen können (sofern man diese behutsam und in ihrem eigenen Tempo lehrt).“

„In Frankreich glaubt man, dass Eltern ihren Kindern schon von klein auf helfen können, mit schwierigen Situationen fertigzuwerden, einfach indem sie ihnen die Lage erklären.“ Und sie glauben an gute Manieren. „Für vorbildliches Verhalten in Bezug auf gute Manieren ist es einfach nie zu früh.“ So dürfen Kinder nicht einfach an den Kühlschrank gehen und sich nach Belieben bedienen, sondern müssen zuerst die Eltern fragen.

Es versteht sich: Pamela Druckermans ‚100 Erziehungstipps aus Paris‘ sind zuallererst eine Aussage über französische Erziehungsideale und das meint, über französische Werthaltungen und Lebensvorstellungen. Mit anderen Worten: es handelt sich um Ideale. Und solche sind wichtig, denn sie leiten uns an. Oder sollten dies zumindest.

„Vor allem glauben Franzosen, dass man in der Erziehung mit Gelassenheit am meisten erreicht.“ Das meint natürlich auch, dass man nicht auf jeden Heuler reagiert, nicht jedem Furz Aufmerksamkeit schenkt und nicht jeden Tweet beachtet. „Entdramatisieren Sie“, lautet die französische Botschaft.

Eine Heldengeschichte

Eine Heldengeschichte, lautet der Untertitel von Erich Hackls Am Seil (Diogenes Verlag, Zürich 2018) und ganz automatisch regt sich in mir Widerstand, denn mit Helden habe ich’s generell und überhaupt nicht. Und mit dem Zitat von Samuel Moser auf der vierten Umschlagseite schon überhaupt gar nicht. „Hackl ist nicht hinter der historischen Faktizität her. Sein Wahrheitsbegriff ist ein anderer. Wahr ist sein Text, wenn in ihm steht, was und wie es ihm die Menschen erzählten.“ Schon etwas esoterisch, das NZZ-Feuilleton. Mir selber steht E.W. Heines Ansatz näher: „Menschliche Eindrücke lassen sich widerlegen, nicht so die Fingerabdrücke des Angeklagten auf der Tatwaffe.“  (New York liegt im Neandertal, Diogenes Verlag, Zürich 1984).

„Er war der beste Freund ihres Vaters, zu einer Zeit, in der Männer noch beste Freunde und Frauen beste Freundinnen hatten, vor einer halben Ewigkeit also.“ So beginnt Erich Hackls Am Seil. Neben der sehr schönen  zeitlichen Einordnung ist es vor allem der Sprachrhythmus, der mich für diesen Text einnimmt, doch worum geht’s?

Die Jüdin Regina Steinig, Doktor der Chemie und arbeitslos wie viele zur Zeit des Naziterrors in Wien, Mutter der achtjährigen Lucia, doch ohne Ehemann (der Kindsvater, den sie durchaus schätzte, kam für sie, obwohl er wollte, dafür nicht in Frage) muss sich vor den Nazis in Sicherheit bringen. Der Kunsthandwerker und passionierte Bergsteiger Reinhold Duschka, der zu ihrem halb pazifistischen, halb kommunistisch gesinnten Freundeskreis gehört, nimmt sie und ihre Tochter bei sich auf.

Detailliert und einfühlsam beschreibt Erich Hackl, auf Lucias Erinnerungen gestützt, wie die drei in Duschkas Werkstätte ihre Tage verbrachten. Wie Lucia und ihre Mutter in der Werkstatt mithalfen, Essen zubereiteten, sich vor Besuchern in Deckung brachten, sich davor fürchteten, krank zu werden. Man wähnt sich vor Ort mit dabei, glaubt nachfühlen zu können, wie die Angst vor dem Entdecktwerden ihr Leben bestimmte.

Die drei bemühen sich, soviel Normalität wie möglich aufrecht zu erhalten. Regina versucht ihre Tochter zu unterrichten, doch das gestaltet sich schwierig, geht dieser doch „alles beim einen Ohr rein, beim andern raus.“ Was auch nicht half, erinnert sich die Tochter gegenüber Erich Hackl, dass ihre Mutter auch „von eher ungeduldigem Naturell war.“

Es ist die Fähigkeit des Autors, Vergangenheit und Gegenwart lebendig werden zu lassen, die dieses Buch prägt. „Besonders schaurig hörte sich für Lucia das durchdringende Heulen der Sirenen an, das ihr noch heute, als Feierabendsignal jeden Samstagmittag, durch Mark und Bein geht, dabei die anderen todankündenden Geräusche in Erinnerung ruft: das Brummen der Flieger, das Bellen der Flak, das Zischen und Jaulen der vom Himmel stürzenden Bomben, ihr betäubendes Krachen.“

Bomben fallen auf ihre Bleibe, zerstören das Haus, sie müssen einen neuen Unterschlupf finden. Dann kommen die Russen. „Wir hatten beim Einmarsch die Deutsche Wehrmacht marschieren gesehen. Gezirkelte Bewegungen, stramm, straff. Das Knallen der Stiefel auf dem Pflaster. Die Russen dagegen sind nicht marschiert, sondern gegangen. Geschlendert! Sie hatten weiche Filzstiefel and und trugen statt Stahlhelmen Pelzmützen.“ Meine Vorstellungen von Russen sind anders und genau deshalb ist die Schilderung der erlebten Wirklichkeit so wesentlich.

Am Seil ist eine Würdigung des wortkargen und schwierigen Reinhold Duschka und vor allem deswegen so gelungen, weil der Autor vorführt, wie Komplexität in einfacher Sprache vermittelt werden kann. Und damit klar macht, dass bestenfalls eine Annäherung an das, was vorgefallen ist, möglich ist. „Lucia wollte alles, was sie sah, in ihrem Gedächtnis speichern, aber der Wunsch selbst vereitelte das Vorhaben, weil sie vor angestrengtem Hinschauen gleich wieder vergass, was ihr eben noch erinnerungswürdig erschienen war.“

Am Seil ist ein berührendes und zutiefst menschliches Buch.