In Valparaiso und anderswo

Aufzeichnungen

Lichte Momente

“Wear the world as a loose garment, which touches us in a few places and there lightly.“  Dieser Satz – er wird Franz von Assisi zugeschrieben – begleitet mich seit einigen Wochen recht intensiv und er geht mir auch während der Lektüre von Otto A. Böhmers schönem Buch Lichte Momente (DVA, München 2018) immer wieder durch den Kopf, denn dem Autor gelingt es, Philosophischem, dem meist Schweres und Schwieriges anhaftet, eine Leichtigkeit zu verleihen, die sowohl Herz wie auch Geist erfreut. Mein Blick auf den elitären und rechthaberischen Platon ist jedenfalls ab sofort wesentlich von diesen Sätzen geprägt: „Er galt nicht gerade als Erfinder des Frohsinns. Diogenes Laertius wusste zu berichten, dass der Philosoph in seinem ganzen Leben nie beim Lachen ertappt worden sei.“

„Wer in der Lage ist, sein Leben wie ein wohlwollender Beobachter zu betrachten, wird feststellen, dass es immer wieder Phasen des Neubeginns gibt, die, zumindest in der nachträglichen Wertung, als eminent wichtig erscheinen und einer Läuterung gleichkommen. Man ist sich fast sicher, dass eine andere Zeit begonnen hat – eine Zeit des fantastischen Gelingens, die auch mit Fehlschlägen auskommen kann.“ Diese lichten Momente – es muss betont werden – erschliessen sich einem so recht eigentlich erst im Nachhinein. Brigitte Kronauer formuliert es so: „Es gibt im glücklichsten Fall einen Kurzschluss wie in der Liebe zwischen zwei Individuen, die bisher ganz gut ohne einander ausgekommen sind und sich auf einmal fragen, wie sie das so lange geschafft haben. Noch in den scheinbar beliebigsten Abschweifungen und düstersten Assoziationen spüren wir eine Bezauberung, eine Zuversicht, die Fatalität des Lebens durch deren Formulierung besiegen zu können.“

Augustinus, Dante, Voltaire, Hume, Diderot, Nietzsche und Tschechow kommen unter anderen zu Wort, dreissig Dichter und Denker sind es insgesamt, von deren Lebens- und Werkgeschichten der geistreiche und humorbegabte Otto A. Böhmer berichtet. Die Augenblicke der Inspiration sind jedoch – entgegen dem Lichte Momente versprechenden Titel – nicht zentral, vielmehr sind es höchst aufschlussreiche Anekdoten und Zitate, die diesen Band zu einem Lesevergnügen machen. So schreibt er etwa von Sokrates: „Er schien nichts anderes zu tun zu haben, als seine Mitbürger in lästige Grundsatzgespräche zu verwickeln.“ Und seinen Text über Lessing leitet er wie folgt ein: „Es ist nicht einfach für einen Dichter, einfach zu schreiben; das Komplizierte macht mehr her. Von einem Dichter, der dunkle Satzgebilde strickt, nimmt man an, dass er schlauer sein könnte als andere, gerade weil man ihn nicht recht versteht. Wer einfach schreibt, muss zudem mutig sein: Er lehnt sich weit aus dem Fenster, alles, was er sagt, kann gegen ihn verwendet werden.“

Otto A. Böhmer promovierte über Fichte, über den er unter anderem zu berichten weiss, dass er mittellos bei Kant vorstellig wurde, der allerdings auf den Besuch eher reserviert reagierte. „Der Königsberger Philosoph war nicht mehr der jüngste; er hatte sein Lebenswerk nahezu beendet und wurde zum Dank dafür von allerlei Altersmalaisen geplagt.“ Wunderbar, wie des Autors feine Ironie die zuweilen abstrakt formulierenden und abgehobenen Philosophen ins richtige Leben zurückholt. Wie übrigens auch den Schriftsteller Thomas Mann, der „sich am liebsten über bedeutende Themen Gedanken“ machte; „es konnte daher nicht ausbleiben, dass er sich auch gern mit sich selbst beschäftigte.“

Unter den Dichtern und Denkern hat man so seine Favoriten. Zu den meinen gehören Henry David Thoreau, über den Nathaniel Hawthornes Fazit lautete: „… ein gedankenreicher und origineller Mensch, mit einer gewissen Starrheit in seinem Charakter, die an einen eisernen Schürhaken erinnert und interessant ist, aber bei näherem und häufigem Umgang ziemlich ermüdend wirkt.“ Ein ganz wunderbarer Fund! So habe ich über Thoreau noch nie gelesen. Am Rande: Die vielfältigen Funde (auch das Finden ist eine Kunst) allein machen dieses Buch für mich zu einem Muss!

Die grösste Entdeckung in diesem Buch der Entdeckungen war für mich Cioran, natürlich auch deswegen, weil mir ausser seinem Namen und seiner rumänischen Herkunft so recht eigentlich nichts von ihm bekannt war, der mit gerade einundzwanzig Jahren schrieb: „Ich habe damals Philosophie studiert, ganz ernsthaft. Philosophie ist sehr gefährlich für junge Leute, man wird dünkelhaft, man  bläht sich auf, man ist unglaublich von sich selbst eingenommen. Die Philosophiestudenten sind eigentlich unerträglich, überheblich, von einer provozierenden Eitelkeit …“. Als er mit 26 Jahren nach Paris ging, kommentiert Otto A. Böhmer das so: „Als Philosoph mochte sich Cioran noch immer nicht sehen, eher als ‚missglückten Buddhisten‘. An der Philosophie störte ihn ihr ausgeprägter Ordnungssinn, ein fast beamtenhaftes Bemühen das Chaos der Weltläufigkeit in Regelwerke zu kleiden, die nicht haltbarer sein konnten als die vom regen Zerfall bedrohten Körper ihrer Urheber.“ Solcher Sätze (und Erkenntnisse) wegen lese ich Bücher. Und wegen dieser hilfreichen Einsicht Ciorans: „Schreiben ist die einzige Behandlung, wenn man keine Arzneien nimmt. Dann muss man schreiben. Auch der Akt des Schreibens allein ist eine Genesung. … Formulieren ist Heilung, auch wenn man Unsinn  schreibt, auch wenn man kein Talent hat ..“.

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Schopenhauer: Aphorismen über Alter und Tod

Wenn, in meinen Jünglingsjahren, es an meiner Tür schellte, wurde ich vergnügt: denn ich dachte, nun käme es. Aber in späteren Jahren hatte meine Empfindung, bei demselben Anlaß, vielmehr etwas dem Schrecken Verwandtes: ich dachte: »da kommt’s.«

So lange wir jung sind, mag man uns sagen, was man will, halten wir das Leben für endlos und gehen danach mit der Zeit um. Je älter wir werden, desto mehr ökonomisieren wir unsere Zeit. Denn im späteren Alter erregt jeder verlebte Tag eine Empfindung, welche der verwandt ist, die bei jedem Schritt ein zum Hochgericht geführter Delinquent hat.

Erst im späten Alter erlangt der Mensch ganz eigentlich das horazische nil admirari, d.h. die unmittelbare, aufrichtige und feste Überzeugung von der Eitelkeit aller Dinge und der Hohlheit aller Herrlichkeiten der Welt: die Chimären sind verschwunden.

Der Grundcharakterzug des höheren Alters ist das Enttäuschtsein: die Illusionen sind verschwunden, welche bis dahin dem Leben seinen Reiz und der Tätigkeit ihren Sporn verliehen; man hat das Nichtige und Leere aller Herrlichkeiten der Welt, zumal des Prunkes, Glanzes und Hoheitsscheins erkannt, man hat erfahren, daß hinter den meisten gewünschten Dingen und ersehnten Genüssen gar wenig steckt, und ist so allmählich zu der Einsicht in die große Armut und Leere unsere ganzen Daseins gelangt.

Was einer »an sich selbst hat«, kommt ihm nie mehr zu gute, als im Alter. Die meisten freilich, als welche stets stumpf waren, werden im höheren Alter mehr und mehr zu Automaten: sie denken, sagen und tun immer dasselbe, und kein äußerer Eindruck vermag mehr etwas daran zu ändern oder etwas neues aus ihnen hervorzurufen. Zu solchen Greisen zu reden, ist wie in den Sand zu schreiben: der Eindruck verlischt fast unmittelbar darauf. Ein Greisentum dieser Art ist denn freilich nur das Totengesicht des Lebens.

Ein sehr langes Leben zu begehren, ist jedenfalls ein verwegener Wunsch. Denn: wer lange lebt, hat viel Leid zu ertragen, sagt das spanische Sprichwort.

Wenn was uns den Tod so schrecklich erscheinen läßt der Gedanke des Nichtseins wäre; so müßten wir mit gleichem Schauder der Zeit gedenken, da wir noch nicht waren. Denn es ist unumstößlich gewiß, daß das Nichtsein nach dem Tode nicht verschieden sein kann von dem vor der Geburt, folglich auch nicht beklagenswerter.

Arthur Schopenhauer: Aphorismen über Alter und Tod

Der exotische Alltag

Der Flug von Zürich nach São Paulo war das übliche Geschüttel über dem Äquator gewesen, weniger heftig als bei früheren Malen, doch seit vor Jahren eine Air France Maschine in den Atlantik gestürzt war, war Harry auf dieser Strecke regelmässig noch mulmiger zumute als ihm beim Fliegen eh schon war. Doch wie bei Ängsten generell, der Kopf hatte da selten eine Chance, Das Einzige, was half, war aufzugeben, sich gegen die Angst zu wehren. Es gelang ihm eigentlich nur, wenn er so erschöpft war, dass sein Bewusstsein kapitulierte.

Die Schlange vor der Passkontrolle liess wenig Gutes für seinen Anschlussflug erhoffen, doch dann wurden mehrere bis dahin nicht besetzte Schalter geöffnet und plötzlich ging es zügig voran. Gepäck abholen und weiter zum Check-in für Inlandflüge, wo wenige Leute anstanden, doch alle mit riesigen Mengen von Gepäck. Offenbar waren mehrere Grossfamilien gerade dabei, mit ihrem gesamten Hausrat zu verreisen. Zahlreiche LATAM Angestellte bemühten sich dieser Herausforderung logistisch beizukommen, wirkten jedoch wenig motiviert. Es zog sich hin, ging kaum voran.Vermutlich fehlten irgendwelche Dokumente, doch es interessierte ihn nicht wirklich, er wollte nur einfach bald an die Reihe kommen. In Zürich hatte er für die Gepäckaufgabe nur gerade ein paar Minuten gebraucht. Aha, jetzt war er an der Reihe. Ob er Portugiesisch spreche? Er verzichtete auf eine ausbalancierte Antwort (sein Portugiesisch war eine Mischung aus Spanisch, Portugiesisch und Italienisch, meist im Infinitiv und ohne dass er wusste, welcher Sprache die Worte, die er benutzte, zuzuordnen waren) und sagte Ja. Der Angestellte kontrollierte die beiden Gepäckscheine und erklärte ihm dann, wie er zum Terminal 2 finde. Nunmehr guter Dinge machte sich Harry auf den Weg, er hatte ausreichend Zeit. Zwanzig Minuten später war er immer noch nicht an seinem Zielort angekommen und entschieden weniger guter Dinge. Ob er eigentlich auf dem richtigen Weg sei, erkundigte er sich bei einer Flughafenangestellten,. Ja, da vorne müsse er durch die Handgepäck-Kontrolle. Schon wieder eine lange Schlange. Es dauerte.

Geduld war keine von Harrys hervorstechendsten Charakterzügen und dass man sie als Tugend bezeichnete, na ja, man behauptete viel. Dachte man allerdings an Donald Trump (und an den dachten viele oft, dafür sorgten die Medien), der so ziemlich gar keine Geduld hatte, wenn es nicht um ihn persönlich ging, leuchtete einem jedoch sofort ein, dass sie durchaus erstrebenswert sein konnte. Nicht für Trump, der war hoffnungslos, für einen selber.
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Am Sonntag erwachte er mit dem Morgengrauen. Der Blick aus dem dreizehnten Stock des Apart-Hotels, in dem er untergebracht war, liess ihn die Stadt, die ihm seit Jahren vertraut war, neu sehen. Grüner und ausgedehnter, die Hügelkette am Horizont nahm er zum ersten Mal so bewusst wahr. Die Vögel zirpten, gelegentlich hörte er ein Auto vorbeifahren. Bilder von frühen Morgenstunden aus Bangkok, Nong Khai und Lat Krabang tauchten in seinem Kopf auf, gefolgt von Szenen aus New Mexico und aus Kalifornien. Während er dies aufnotierte, wanderten die Bilder bereits weiter zu San Franciscos Geary Street und einigen der anderen Strassen, auf denen er von Richmond zum Green Apple, dem Laden mit dem besten Billig-Buch-Angebot der Stadt, häufig zu Fuss unterwegs gewesen war. Schliesslich landete er mental in einem vietnamesischen Restaurant, das der Journalist und Autor Stan Sesser, dessen The Lands of Charm and Cruelty: Travels in Southeast Asia er vor Jahren gefressen hatte (und sich jetzt nur noch daran erinnerte, dass das in Bangkok gewesen war), in einem Interview empfohlen hatte. Mit seinem jüngeren Bruder, der im nahen Mill Valley lebte, hatte er das einfache und unscheinbare Lokal einmal besucht – es hatte sich gelohnt, er dachte gerne daran.

Wie kam es zu diesen Kopfreisen? Woher kamen diese Bilder? Konnte es sein, dass ein sonniger und warmer früher Morgen als Auslöser genügte? Die Zeit gebe es nicht, alles geschehe gleichzeitig, hatte er einmal gelesen. In diesen frühen Morgenstunden glaubte er das manchmal genau so zu erleben.

Abseits des vertrauten Alltags verging die Zeit langsamer. Bis man sich an die neuen Umstände gewöhnt hatte und der Autopilot wieder das Steuer übernahm. De-automatize, hatte er bei Osho gelesen, sich den ungewohnten Ausdruck in grossen und gut leserlichen Buchstaben auf eine Karte notiert und diese auf seinem Schreibtisch platziert. Er nahm sie selten war und wenn, dann flüchtig.

Es war das Simple und Alltägliche, das er an fremden Orten so schätzte. Zum Schuhmacher zu gehen. Zur Schneiderin, zum Einkaufen, zum Haareschneiden. Ihm zu Hause Vertrautes, dem er kaum einmal Aufmerksamkeit schenkte, wurde in der Fremde zu Staunenswertem. Wer staunt, versteht. Jedenfalls manchmal. Auf einer der tieferen Ebenen, doch selten auf der alltäglichen, dachte es so in ihm, als er kurz darauf mit seiner Stirn gegen den Dampfabzug über dem Herd stiess. Welcher Vollidiot hatte den bloss so saublöd konstruiert! Dass ihn selber kein Fehler traf, war ihm auch ohne Nachdenken klar. Am nächsten Tag stiess er von Neuem mit seiner Stirn gegen den Dampfabzug.

Schuhmacher sind eigensinnige Leute. Meist alt und verrunzelt. Jedenfalls die, die Harry in Erinnerung geblieben waren. Der Mann im brasilianischen Cascavel etwa, der sehr, sehr gerne redete (das tun Brasilianer generell, ob man zuhört oder nicht – eine Frau aus Bahía hatte ihm einmal erzählt, in Lima war das gewesen, ihr Sohn sei der Meinung, sie würde auch mit einer Wand reden) und derart in der griechischen Philosophie bewandert war, dass Harry nur das Zuhören blieb – er genoss es. Und dann der auf die achtzig zugehende Nixon-Fan (Alan Greenspan, der einstige US-Notenbankchef, bezeichnete Richard Nixon und Bill Clinton in einem Fernsehinterview als die beiden intelligentesten Präsidenten, mit denen er zu tun gehabt hatte) im argentinischen Mendoza, dessen Detailwissen an Fanatismus grenzte. Und nicht zuletzt der Schuhmacher an einer vielbefahrenen Strasse (seine Werkstatt bestand aus einer Kiste mit diversen Werkzeugen) im kolumbianischen Barranquilla, ein mundfauler Typ, der seine Sandalen regelrecht kaputt riss, dann aber so geschickt wieder zusammenflickte, dass Harry aus dem Staunen gar nicht mehr herauskam. Weniger Glück hatte sein holländischer Bekannter in Bangkok, der seine exquisiten Lederstiefel von einem Strassenschuhmacher besohlen lassen wollte, der sie mit ’no good‘ kommentierte, den Schaft von der Sohle trennte und schliesslich, da er nicht weiter wusste, es dabei beliess. Der Holländer blickte entgeistert auf das, was gerade noch sehr schöne Stiefel gewesen waren … und brach in kaum mehr zu bändigendes Lachen aus.

Bangkoks Strassen sind überhaupt gewöhnungsbedürftig. Das merkt man spätestens dann, wenn einem auf dem Gehsteig ein Motorrad entgegen gebraust kommt oder man von wild in der Gegend hängenden Kabeln fast stranguliert wird. Robert Hein hat in The Bangkok Survivor’s Handbook empfohlen, sich für diese Stadt die richtige Einstellung zuzulegen, die im Wesentlichen darin besteht, seinen Aufenthalt als Abenteuer zu begreifen und sich mit ganz viel Geduld, Toleranz und gutem Willen zu wappnen, denn die Thais glauben an Karma und Reinkarnation. Konkret: Man stirbt erst, wann seine Zeit gekommen ist. Und man wird wiedergeboren. Diese Zuversicht zeigt sich auch in ihrem Fahrstil. Karma. You are where you are supposed to be or you wouldn’t be there … If, when crossing a street, a vehicle passes within inches of you, don’t get angry at the driver. He’s long gone and thought of you as only an obstacle. Instead, feel grateful that you weren’t hit. When you are crossing a street, anger is a luxury not a survival instinct.

Das Fahrverhalten der Brasilianer ist damit verglichen recht zivilisiert, doch wer annimmt, ein brasilianischer Zebrastreifen sei mehr als bloss eine farbige Markierung, liegt eindeutig falsch. Für ihn sei der kanadische Verkehr ein regelrechter Kulturschock gewesen, berichtet einer von Harrys Schülern. Er sei vor einem Zebrastreifen gestanden, habe nach links und rechts geschaut, als ein Wagen angehalten habe. Was war denn das? Sollte/Konnte er vielleicht die Strasse überqueren? Er traute der Sache nicht und blieb stehen. Weitere Autos hielten, es bildete sich ein ansehnlicher Stau und er begann sich vage schuldig zu fühlen, denn ihm dämmerte, dass das etwas mit ihm zu tun hatte. Und so nahm er schliesslich seinen ganzen Mut zusammen, spurtete so schnell er konnte über den Zebrastreifen und, zu seinem grenzenlosen brasilianischen Erstaunen, überlebte er unverletzt.

Nichtrechthabenwollen

„Mein Faible für das Nichtrechthabenwollen beruht nicht auf dem Glauben, Rechthaben und Rechtfertigung seien von Übel. Es beruht auf dem Glauben, dass es im Denken und Schreiben auch anders geht“, schreibt Martin Seel, Professor für Philosophie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, in Nichtrechthabenwollen (S. Fischer, Frankfurt am Main 2018). Da ich mit Rechthaben Besserwisser assoziiere und mir diese auf die Nerven gehen, begegne ich diesem  schmalen Band, der im Untertitel mit Gedankenspiele bezeichnet wird, mit Sympathie – auch natürlich, weil ich Spielerisches, das ich mit Leichtigkeit in Verbindung bringe, schätze.

Es sei gleich gesagt: es gibt ganz vieles, was ich an diesem Buch mag. Etwa dass er Literaten, Philosophen, Maler und Musiker sowie Filmszenen nicht nur zitiert, sondern sich mit ihnen beziehungsweise ihren Ideen auseinandersetzt. Und dass er englische Sätze nicht übersetzt (also nicht so tut, als seien seine Leser alle einsprachig).  Doch vor allem dies: was der Mann da schreibt, lässt sich nirgendwo zuordnen, ich jedenfalls kenne keine Kategorie dafür. Gedankenspiele trifft es sehr schön.

Das Erzählen hält die Möglichkeit bereit, ohne Rechthabenwollen auszukommen. Warum sich also nicht dafür entscheiden? „Weil ich es nicht kann. Aber ich möchte weiter schreiben können. Warum? Weil ich nichts anderes kann.“ Okay. So weit so gut. Und durchaus einleuchtend. Doch schon kommt die Relativierung: „Das stimmt nun auch wieder nicht.“ Weil er auch anderes kann. Staubsaugen, Auto fahren, Verträge abschliessen und anderes mehr, was viele können. Doch nur auf Schreiben kann er nicht verzichten. Die Relativierung hätte er sich sparen können, wenn es denn eine gewesen wäre. Es war keine, er erzählte eine Geschichte. Und doch: „So unschätzbar die Meriten des Erzählens sind, auch sie kann man überschätzen.“ Man denke an die traditionelle Struktur, die einen Anfang, einen Mittelteil und ein stimmiges Ende verlangt. Diese Vorhersehbarkeit kann auch langweilen.

Auch argumentieren lässt sich ohne recht haben wollen, for the sake of argument. So argumentiert er. Und hat recht damit. Was er unter anderem will, ist dies: „Ich möchte bloss keine Texte mehr machen, die um Zustimmung betteln,.“ Ein Satz, den er sogleich relativiert („Aber habe ich das je getan?“). Ohne die Relativierung hätte ich mich darin erkannt. Als ob es Professor Seel darum gehen würde …

Erfreulich ist auch, dass der Autor sich nicht hinter seinem Fach versteckt, Das Schreiben bezeichnet er als seine Religion. „Etwas machen, von dem man während der Arbeit – Arbeit ist es ja schon – nicht weiss, wie es zustande kommt, und dessen Zustandekommen im Nachhinein vollends rätselhaft ist: näher komme ich dem Numinosen nicht.“ (Genau so kenne ich das Schreiben auch, obwohl es für mich eher Selbsttherapie als Religion ist). L’idiot de la famille sei die Rolle, „die einem Nichtrechthabenwollenden auf den Fluren der scientific community zufällt.“ Mit einer festen universitären Anstellung und einem Professorengehalt müsste das auszuhalten sein, dachte es so in mir.

Nichtrechthabenwollen ist ein höchst anregendes Werk, gekennzeichnet nicht zuletzt durch wunderbar formulierte Folgerungen „Wenn wir allen gefallen wollen, können wir uns nicht gefallen – und werden fallen“ oder „Schreibende sind Leser, die in Worte zu fassen versuchen, was sie selber gerne gelesen hätten. “ Doch nicht alle haben mich überzeugt. „Man singt für sich selbst, spielt für sich selbst, lebt und liebt für sich selbst, aus Impulsen, die man nur teilweise kennt, und kommt so den anderen nahe.“ Und kommt so den anderen nahe? Vielleicht einigen wenigen, den meisten jedoch nicht. Jedenfalls gemäss meiner Erfahrung.

Von den Gedichten schreibt er, sie seien Sätze ohne das überflüssige Drumherum. Ein Gedanke, der sie mich völlig neu sehen lässt. Auch was er über die Tugend schreibt „… die Umkehrung eines für eine Tugend gehaltenen Lasters macht allein noch keine Tugend“ … finde ich überaus treffend. Wie überhaupt ganz vieles in diesem schmalen Band, den ich hier nicht rekapitulieren will … ich könnte es auch gar nicht.

„Im Vorwort seines Buchs über Wittgenstein on Rules and Private Language schreibt Saul Kripke, er habe nicht vor, Wittgensteins Auffassung zu präsentieren, sondern ‚Wittgenstein’s argument as it struck Kripke‘. So darf, so soll, so muss es sein.“ Ich selber gehe mit Seels Nichtrechthabenwollen noch einmal anders um und will damit nicht recht haben. Ich lasse diese Gedanken einfach auf mich wirken. Dabei ist mir völlig entgangen, dass das Buch, wie ich im Klappentext lese, in drei Teile gegliedert ist. Auf mich wirkte es als Dokument vielfältigster Interessen, der Lust am Denken sowie dem Zwang, Pointen zu produzieren.

Die Belesenheit sowie das differenzierte Lesen des Martin Seel spricht mich auch deswegen so sehr an, weil es nicht nur ihm, sondern auch mir die Sinne schärft. Aus Robert Walsers Geschwister Tanner schliesst er unter anderem: „Wie andere Süchtige kennt er kein Mass. Nicht Religion, Pflichtversessenheit ist das Opium des Volkes.“ Und das Geschehen an Bahnhöfen charakterisiert er so: „Ein von unsichtbarer Hand inszeniertes Happening mit realen Protagonisten bietet sich hier überall.“

Er stellt Verbindungen her, die wohl den meisten (okay, ich spreche von mir) entgehen – etwa zwischen Proust und Tarantino. Weist auf einen ironischen Kant hin, stellt klar, was Philosophen als das gute Leben preisen: es „ist nichts weiter als ein Sichtnichtunterkriegenlassen, günstigenfalls unterlegt mit grundloser Gelassenheit.“ Und er erkennt die Weisheit auf einer Zigarettenreklame: „Such nicht den Sinn, such den Geschmack.“

Ein genuin Neugieriger und Wissensdurstiger ist hier unterwegs, fantasievoll, hoch differenziert und wunderbar inspirierend.

Ansichten und Einsichten

Aufzeichnen wollte er, was ihm durch den Kopf ging. Keine Stream-of-Consciousness Geschichte. Beschreiben, was er wahrnahm, unvollständig und subjektiv, so subjektiv wie möglich. Nicht den unablässigen Gedankenfluss zu fassen suchen, nicht danach trachten, das Leben in den Griff zu kriegen. Die ihm gemässe Form, so beschloss er, waren die Tupfer, das Nebeneinander von ganz Unterschiedlichem, Anekdoten neben Ratschlägen, Einsichten neben Ansichten. Nach Lust und Laune? Einfach so, wie es ihm gerade beliebte? Sowieso. Und mit dem Ziel, so oft wie möglich gegenwärtig zu sein.

I got the blues thinking of the future, so I left off and made some marmalade. It’s amazing how it cheers one up to ’shred oranges and scrub the floor. D. H Lawrence

Zen pur. Tue was du tust und tue es ganz. Hier und Jetzt. Einem Kind ist das selbstverständlich, auch als Harry ein junger Mann war, musste ihm das niemand erklären. Lange Zeit hatte er sich mit der Frage herumgeschlagen, wieso ihm dieses intuitive Wissen abhanden gekommen, was passiert war. Bis er anfing zu ahnen, dass dieses Problematisieren das eigentliche Problem war.

Was den Menschen fehle, hat Joseph Campbell gesagt, seien nicht Antworten auf Warum-Fragen, sondern the experience of being alive. Diese Erfahrung ist jederzeit und überall möglich. Für jeden und jede.

Be aware, moment to moment, paying attention to what’s happening in a total way. There’s nothing mystical about it, it’s so simple and direct and straightforward, but it takes doing. Joseph Goldstein: The Experience of Insight
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Nichts dünkte Harry befremdlicher, als dass er vor ein paar Tagen siebzig geworden war. In unregelmässigen Abständen tauchte in seinen Gedanken der Satz von  Balzac auf, der ihm immer wieder als Nachweis eines gänzlich misslungenen Lebens gegolten hatte. „Der Siebzigjährige sehnte den Augenblick herbei, da er leben könne, wie es ihm behagte.“ Behagte? Keine Ahnung, was ihm wirklich behagte. Einmal das, dann wieder was anderes. Andererseits wusste er ganz genau, wie er leben wollte, doch aus ihm unerfindlichen Gründen tat er es nicht. Wobei: So unerfindlich waren sie ihm eigentlich gar nicht, nur passte es ihm hinten und vorne nicht, dass er sich auf eine bestimmte Art anstrengen sollte, jedenfalls dann, wenn sein Leben gelingen sollte. Das müsste sich doch ganz natürlich, gleichsam organisch ergeben, überzeugte er sich.

Kein Mensch wollte sich ändern, auch Harry nicht. Er redete lieber darüber. Und weil er so viel darüber redete und dabei auch viel Gescheites, das er sich angelesen hatte, von sich gab, merkte er meist gar nicht, dass er sich genauso verhielt wie alle anderen auch. Allerdings mit einem Unterschied, beruhigte er sich sofort: Ich weiss es! Ich habe darüber nachgedacht! Und das ist schon wertvoll an sich und ganz besonders angesichts der vielen ausschliesslich von Impulsen gesteuerten Trottel, die diesen Planeten bevölkern. Wenn nur diese blöden Zweifel nicht wären.

Es war ihm zur Gewohnheit geworden, in unregelmässigen Abständen Bücher aus dem Regal zu nehmen und für künftige Lektüre herauszulegen. Er griff zu Ionescos Tagebuch heute und gestern, gestern und heute, blätterte darin, begann zu lesen. „Diese Todesangst, die immerwährende, schnürte mir die Kehle zu. Warum habe ich immer noch Furcht vor dem Tode, wie kommt es, dass ich ihn nicht glühend herbeiwünsche?“ Und im darauf folgenden Abschnitt: „Ich habe immer versucht, an Gott zu glauben. Nicht naiv, nicht subtil genug. Gewissermassen eine metaphysische Unzulänglichkeit. Doch ich habe noch nicht alle Brücken zu Gott abgebrochen.“ Genau so empfand Harry. Er war mit siebzehn auf Ionesco gestossen, und auf Zen Buddhismus. Immer wieder, in ganz unregelmässigen Abständen, war er zu diesen beiden zurückgekehrt, hatten sich Gedanken bei ihm gemeldet, die er mit diesem Rumänen in Paris und Zen-Ideen, in Verbindung brachte.

„Wir haben Angst, kein Etwas mehr zu sein, keine Identität zu haben, sich einfach im Nichts aufzulösen. Wir haben Angst, dass etwas anderes ‚ist‘ und nicht wir“, notierte Alexander Poraj in ALLEIN. Zen oder die Überwindung der Einsamkeit. Einverstanden, und was jetzt? Innehalten, aus der Gewohnheit fallen, sich der Gegenwart hingeben. Er habe immer gemeint, schrieb Masaoka Shiki kurz vor seinem Tod, das Erwachen, von dem im Zen-Buddhismus die Rede ist, bedeute, mit Gleichmut zu sterben. „Welch ein Irrtum: Erwachen bedeutet, mit Gleichmut zu leben.“ Möglicherweise war das auch ein gutes Rezept gegen die eher düstere Erkenntnis in Richard Flanagans Der Erzähler: „Die Leute haben keine Angst vor dem Tod, Kif, sagte er. Sie fürchten das Leben. Sie fürchten sich davor, im Augenblick des Sterbens einsehen zu müssen, dass sie nie gelebt haben. Der Tod führt uns unser Versagen vor Augen: Niemand hat so gelebt, wie er hätte leben sollen.“

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Am Flughafen in Zürich. Die Frau auf dem Sitz neben ihm, las in einem Kindle. Was sie lese? Phillip Roth, I married a communist, erwiderte die Frau. Es war eines der wenigen von Roths Büchern, die er gelesen hatte. An den Inhalt erinnerte er sich jedoch nicht. Das ging ihm bei den meisten Büchern so. Balzacs Verlorene Illusionen hatte er mindestens zwei Mal gelesen, ohne Erinnerung an den Inhalt oder spezifische Szenen. Beide standen mit eigenhändigen Anmerkungen versehen nebeneinander im Regal. In jungen Jahren hatte er geglaubt, man lese, um sich zu bilden, doch was, wenn man kaum etwas von dem vielen Gelesenen abrufen konnte?

Sie sei pensionierte Anglistin, sagte die Frau, und habe viele Roth-Bücher gelesen. Welches sie ihm empfehlen würde? Schwer zu sagen, sie habe so ihre liebe Mühe mit Roth, schätze ihn aber auch. Weil er autobiographisch schreibe? Nein, nein, nicht alles sei autobiographisch, das liesse sich durchaus unterscheiden. Die Frau hatte offenbar eine andere Vorstellung von Autobiographischem als Harry, für den alles, wirklich alles, autobiographisch war. Wie hätte es auch anders sein können? Bei allem, was man sagte oder schrieb, gab man immer nur Auskunft über sich selber. Wie man etwas wahrnahm und beurteilte. Etwas anderes war gar nicht möglich, schliesslich kannte man nur sich selber, wenn auch höchst unvollständig.

Die Anglistin sah das anders und zwar so, wie sie es studiert hatte. Wenn man auf Ereignisse in seinem Leben Bezug nimmt, ist das doch nicht mit dem zu vergleichen, was man sich ausdenkt, sagte sie. Schon, erwiderte Harry, doch beides existiert in diesem Moment nur im Kopf und etwas anderes als diesen Moment können wir doch nicht erleben. Die Dinge so zu betrachten, bedeute, jegliche Form der Kommunikation zu verweigern, gab sie ungehalten zurück. Nicht jegliche, nur ihre.

Als Hemingway in Paris Fiesta schrieb, setzte er sich jeden Morgen vor seine Schreibmaschine, platzierte seine Finger über die Tasten, schaute gen Himmel und sagte: Tu peux venir. Sie war nicht beeindruckt. „Ach der Hemingway, der sagte viel.“ Er fühlte sich bemüssigt, darauf hinzuweisen, die Geschichte habe er von Cormac McCarthy gehört, was sie mit „Drei Bücher habe ich von ihm gelesen“ konterte. Harry, der weder den Zusammenhang verstand noch Lust auf einen Wettbewerb über gelesene Bücher hatte, verabschiedete sich und eilte viel zu früh zum Gate.

Hans Durrer: Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten. (Work in Progress).

Kleine Geschichte der Fotografie

Die industrielle Entwicklung ist von der Normierung, der Massenfertigung und der Geschwindigkeit gekennzeichnet. Letztere, zusammen mit der Genauigkeit, verhalf der Fotografie zum Massenmedium. „Die ganze Erde liess sich nun fotografisch festhalten und nach Hause tragen. Das Wissen um fremde Kulturen würde sich vervielfachen, und manch überzeugter Humanist träumte bereits von einer besseren Welt, in der das genaue Verständnis des Fremden zu mehr Frieden und Miteinander führen würde“, schreibt Boris von Brauchitsch in Kleine Geschichte der Fotografie (Reclam, Ditzingen 2018). Das erinnert an die Anfänge des Internets und generell an des Menschen Glauben an die Segnungen der Technik, die ja wirklich vieles gebracht hat, nur nicht das, was den Humanisten gemeinhin vorschwebt.

In der Fotografie zeigt sich unser „unverwüstliches Grundvertrauen in das Sichtbare“, auch wenn wir heute nicht mehr davon ausgehen, dass uns Fotografien die Welt zeigen wie sie ist, sondern wie der Fotograf (oder die Fotografin) sich entschieden hat, sie uns zu zeigen (mit oder ohne Nachbearbeitung). Doch obwohl wir  um die Subjektivität von Fotos wissen, vertrauen wir eben doch oft in ihre Wahrhaftigkeit (man denke an Passfotos). Der Mensch ist ein rätselhaftes Wesen.

Dieses Buch lohnt schon allein der Bildauswahl wegen, zeigt sie doch eine Palette (schwarz/weiss und in Farbe), die eindrücklicher kaum demonstrieren könnte, dass der Blick auf Bilder den Blick auf die Welt verändert. Vor allem natürlich dann, wenn man auch weiss, was man anschaut. Mit anderen Worten: Die ungemein vielfältigen Informationen, die dieses Werk bietet, macht mir die Fotografie noch wertvoller als ich sie eh schon gefunden habe.

Eine der ersten Auswirkungen des neuen Mediums betraf die Maler – eine Reihe von ihnen wurden arbeitslos. Zudem gab es schon von Anfang an Bestrebungen, mehr als nur Reproduktionen der realen Welt zu liefern. Das führte zu ziemlich absurden Auswüchsen. „Während sich die Maler zunehmend direkt in die Natur begaben, um eine Unmittelbarkeit der Natur einzufangen, rekonstruierten Robinson und Rejlander gegen den Trend die Natur artifiziell im Atelier …“.

Fotografieren war Mitte des 19ten Jahrhunderts eine etwas andere Sache als heute, Ausrüstungen waren bis zu 250 kg schwer, was jedoch die Jäger und Sammler ferner Welten nicht davon abhielt, Bilder vom Montblanc, den Rocky Mountains oder vom Nil nach Hause zu bringen. Dabei kam es auch vor, dass Fotografien Illusionen zerstörten. Konnte man zuvor von einem Griechenland schwärmen, das man nie mit eigenen Augen gesehen hatte, so zeigten die Aufnahmen derer, die vor Ort gewesen waren, das eher bescheidene Befinden des Landes.

Dankenswerterweise erschöpft sich diese Kleine Geschichte der Fotografie nicht in einer Chronologie sogenannt bedeutsamer Ereignisse, sondern schält heraus, was die Fotografie ausmacht. „Das Besitzergreifen der Träume und Legenden, der Mythen und geheimnisvollen Kulturen … ist die Triebfeder der Fotografie. Und sie erweitert und verändert darüber hinaus unsere ‚Vorstellungen von dem, was anschauenswert ist und was zu beobachten wir ein Recht haben'“, wie Susan Sontag meint. Neben der Aneignung der Welt dienen Fotografien auch als Beweismittel. Man denke an Muybridge, der zeigen konnte, dass bei einem galoppierenden Pferd immer mal wieder alle vier Beine ohne Bodenberührung sind.

Boris von Brauchitsch widmet sich den Themen, welche die Fotografen und die Foto-Theoretiker immer wieder umgetrieben haben und so recht eigentlich nach wie vor umtreiben. Wie etwa das Verhältnis von Malerei und Kunst, Farbe und Schwarz/Weiss, Reportagefotografie. Kunst und Fotografie und und und. Ganz besonders gefallen hat mir, dass ich dabei auch auf Texte aufmerksam gemacht wurde (anhand von Auszügen), die ich nicht kannte, von Johann Peter Hebbel (ein toller Text, der die Fotografie beschrieb, bevor es sie gab) über Ernst Kallal, der sich zu Malerei und Fotografie Gedanken machte, zu Henri Cartier-Bresson, dessen Text ich zwar ganz wunderbar finde (eine Art Zen in der Kunst des Fotografierens), auch wenn er mit dem wirklichen Cartier-Bresson wenig zu tun hat. Mir geht es so wie Henri Leuzinger, der in fotointern schrieb: „«H C-B» selbst gab am Filmende beiläufig preis, dass er beim Portraitieren seine Leute immer wieder übertölpelte, indem er sagte, jetzt sei Schluss, um gleich danach noch ein paar Mal abzudrücken, im Film mit fiesem Grinsen und entsprechend zupackend-triumphierender Geste illustriert, wie eine Schlange, die blitzschnell zubeisst. Kein angenehmes Gefühl.“

Mit der Digitalisierung hat sich die Fotografie immer stärker ins Reich des Fiktiven begeben. „Das neue Medium neigt dazu, nicht mehr menschliches Sein zu reflektieren, sondern Visionen zu projizieren.“ Und so stellt sich natürlich die Frage: Was wollen wir von der Fotografie? Das ist natürlich unterschiedlich, doch was uns zunehmend geliefert wird, sind die Bilder, die wir sehen wollen. „Die Nachfrage wird durch ein ausgeklügeltes System der Rezeptionskontrolle, durch die Orientierung an Auflagenhöhen, Einschaltquoten, Marktanteilen und Internet-Besucherzahlen geregelt.“ Auch die Fotografie unterliegt den Gesetzen des herrschenden Konsumirrsinns und dieser will geplant werden und berechenbar sein.

„Nichts ist antiquierter als das Unerwartete, das Spontane, die unmanipulierte subjektive Wahrnehmung des Realen. Nichts ist antiquierter als die Fotografie, die diese Qualitäten in sich vereint. Sie bedarf keiner Prognosen, sondern öffnet sich dem Moment, der überraschenden Wahrnehmung im Sekundenbruchteil und trifft keine Aussagen über diesen Moment hinaus, denn: ‚Wer voraussagt, sieht nicht, was auf ihn zukommt'“.

Warum ich schreibe oder Ich bin immer schon ein guter Anfänger gewesen

Nur Idioten schreiben gerne.

So oder ähnlich habe ich das einmal von Herta Müller, Nobelpreis für Literatur 2009, gehört. Der Satz hat mir gefallen. Weil auch andere Sätze von Herta Müller mir gefallen haben. Zum Beispiel die, welche sie in einer Fernsehsendung zur Multikulti-Frage äusserte. Dies ist, was ich erinnere: In Rumänien, wo sie aufgewachsen war, lebten neben den Rumänen unter anderen auch Deutsche, Ungarn und Roma. Eher nebeneinander, als miteinander. Speziell füreinander interessiert hätten sie sich nicht. Man sei vielleicht mal zu den Ungarn gegangen, wenn die was gefeiert hätten. Diese wiederum hätten den Deutschen einen Besuch abgestattet, wenn es einen besonderen Anlass gegeben habe. Und wie das eben bei Besuchen so sei, man sei erwartungsfroh und neugierig hingegangen, dann aber auch gerne wieder nach Hause zurückgekehrt.

Nobelpreisträger nötigen mir Respekt ab. Auch dann, wenn ich sie nicht gelesen habe. Und sogar, wenn ich mich für ihr Schreiben nicht unbedingt erwärmen kann.

Für mich waren Autoren (ja, auch Autorinnen) die längste Zeit meines Lebens Götter. Leicht geändert hat sich das, als ich nach dem Jurastudium einige Jahre in Buchverlagen arbeitete und dabei auch eine Buchreihe mit renommierten Journalisten aus der Bundesrepublik Deutschland, Österreich und der Schweiz herausgab – nicht alle diese begabten Schreiber hatten menschliche Grösse (und das war und ist mir das Wichtigste überhaupt). Mir gefiel die Herausgeberrolle, ich ging ganz darin auf und als dann noch einer der Autoren mich im Vorwort zu seinem Buch in den höchsten Tönen lobte (ich hätte seine Text nicht einfach zusammengestellt, sondern sein Werk so recht eigentlich komponiert), war ich im siebten Himmel.

Nachdem ich dem Verlagsgeschäft Adieu gesagt und nach Thailand gezogen war, ermunterte mich ein von mir hochgeschätzter Autor: „Schreiben Sie doch mal über Bangkok!“ Auf mich hatte diese, womöglich nur so dahin gesagte Aufforderung mannigfaltige Auswirkungen – sah ich mich einerseits bereits als den Verfasser der absolut ultimativen Bangkok-Reportage überhaupt, so wollte mir andrerseits bei der konkreten Umsetzung partout nichts einfallen.

Die Latte hatte ich mir hoch, ja sehr hoch, gesetzt. Der Mann, der mich ermuntert hatte über Bangkok zu schreiben, war schliesslich nicht irgendwer, sondern ein berühmter Autor. In der Folge konzentrierte ich meine Bemühungen also darauf, meinen schreiberischen Vorbildern so nahe wie möglich zu kommen, respektive sie zu übertreffen, was mir auch ganz gut gelang, doch leider nur in meiner Vorstellung. Es war und ist mir bis heute gänzlich unverständlich, weshalb meine im Kopf (ich gestehe dies ohne die geringste Scheu) zum Teil geradezu hinreissend formulierten Gedankengänge auf dem Papier aussahen, als stammten sie von einem Mann ohne jegliches Sensorium für Sprache, Sinn, Dramatik, Logik und was der Dinge noch alle sind, die aus dahingewürfelten Buchstaben erst einen Text machen. Meine schreiberischen Ambitionen kamen zu einem Stillstand, einem vorläufigen.

Doch ich war schon immer ein guter Anfänger gewesen und so dauerte es nicht lange, bis ich einen neuen Anlauf wagte, doch wiederum liessen sich die Gedanken nicht einfangen, bis auf ein paar wenige, die jedoch, als sie endlich zu Papier gebracht waren, ihre ganze Frische verloren hatten. Ich füllte Blatt um Blatt mit immer neuen Anfängen, die selten über ein, zwei Sätze hinauskamen. So ging das über Jahre.

Eines Tages dann las ich einen Roman, der in der Karibik spielte und, laut Klappentext, ungeschminkt und realistisch vom dortigen Leben erzählt. Es war die Geschichte eines in die Jahre gekommenen Deutschen, der sich saufend durch die Gegend vögelt und ab und zu ein paar Zeilen schreibt. „Vermutlich hatte dieser Planet ihm ohnehin nicht mehr viel zu bieten. Schliesslich war er achtundvierzig. Schliesslich hatte er ziemlich gründlich gelebt. Schliesslich hatte er sich ein paar Spässe gegönnt, von denen andere nicht einmal träumen“ (Henky Hentschel: Die Häutung).
Ich habe einmal ähnlich empfunden, und ähnlich gedacht, und auch ähnlich geschrieben. Damals war ich fünfunddreissig, lebte in Bangkok und nahm die Welt aus der Perspektive eines Barhockers wahr. So wollte ich, das war mir klar, nicht über diese Stadt schreiben.

Es muss Anfang der Neunziger Jahre gewesen sein, als ich von einem Journalisten las, der, wie so ziemlich alle anderen Journalisten auch, die über Bangkok schreiben, ausschliesslich über die Patpong, wo sich eine GoGo-Bar an die andere reiht, berichtete und deshalb des Landes verwiesen wurde. Er sei zu einseitig gewesen, habe nur Negatives hervorgehoben und Positives völlig ausser Acht gelassen, lautete die offizielle Begründung.

Natürlich wünschte man sich ein ähnliches Vorgehen der Behörden auch für Schreiber der Abteilung Kultur, die ein dermassen positives Bild vom Leben auf dem thailändischen Dorf zeichnen, dass man sich fragt, wo denn, ums Himmels Willen, die das bloss alles gesehen haben. Regelmässig versammelt sich da, in aller Herrgottsfrüh, das ganze Dorf im Tempel, wo gerade hinter der Buddhastatue die Sonne aufgeht – die Welt ist hier so intakt, wie man sie sich als spiritueller Tourist wünscht; mit der Realität der Thais hat sie herzlich wenig zu tun. Pom, die Lehrerin in Nongkhai, die nur gerade wenige Meter vom Tempel wohnt, geht jedenfalls kaum einmal da hin. Bei Hochzeiten und Beerdigungen halt, sonst sei das doch eher was für die Alten und die ganz Jungen, die eben mitmüssten, sagt sie. Das erinnert dann doch sehr daran, wie in der Schweiz das Christentum praktiziert wird.

Wenn ich also nicht wie die anderen über Prostitution und/oder Tempel schreiben wollte, worüber wollte ich dann schreiben? Eben.

Doch nicht nur das Thema war das Problem. Ich wusste auch gar nicht, ob mir das Schreiben überhaupt gefiel. Und da war noch etwas: Mich trieb nichts an, ich hatte keine Botschaft und schon gar nicht interessierten mich die aufgeblasenen Wichtigkeiten des Tages.

Norman Mailers Aquarius beschreibt in Auf dem Mond ein Feuer gute Journalisten als solche, die eine ungeheure Neugier besitzen mussten, „die sie nicht ruhen liess, ehe sie nicht das Geheimnis herausgefunden hatten, das sich noch hinter dem kleinsten Ereignis verbarg.“ Und er fährt fort: „Da Aquarius schon seit langem seine philosophische Welt auf der festen Überzeugung aufgebaut hatte, dass es schliesslich und endlich nichts gab, was man wirklich wissen konnte … interessierte ihn das kleine Geheimnis hinter dem kleinen Ereignis so gut wie überhaupt nicht. (Hinter ihm verbarg sich mit Sicherheit nur wieder ein weiteres Geheimnis).“ Besser hätte ich es selber nicht sagen können!

Trotzdem habe ich viele Jahre auch journalistisch geschrieben, habe mich mit unverlangten Artikeln bei diversen Redaktionen gemeldet und mir – obwohl auch immer mal wieder Texte veröffentlicht wurden – vor allem Ablehnungen eingehandelt. Und auch wenn ich kein Journalist sein wollte, gekränkt fühlte ich mich gleichwohl. Mir waren gut vernetzte Schreiber zuwider.

Doch gibt es ja nicht nur das journalistische Schreiben. Oder das akademische. Ich fand ein anderes, ein sehr persönliches. Es ist der Versuch, mich auf der Welt zurechtzufinden. Meine Gedanken zu ordnen. Selbsttherapie. Dazu gehört auch das Lesen, bei dem mich nicht interessiert, was der Autor hat sagen wollen und vielleicht auch gesagt hat (oder auch nicht), sondern wie das, was er geschrieben hat, auch mich wirkt. Ob es dazu beiträgt, ja, mir hilft, qualitativ besser zu leben.

Achtsamkeit, Aufrichtigkeit und Selbstprüfung zählen zu den wichtigsten Wegen zu einer vertieften Selbsterkenntnis und zur Vergewisserung des eigenen Selbstverständnisses. Damit ist nicht einfach Wahrnehmen und Nachdenken gemeint, denn dabei schweifen wir allzu oft ins Unbewusste ab, weichen wir allzu oft unangenehmen Wahrheiten aus. Eine Selbstprüfung, um wirksam zu sein, sollte schriftlich erfolgen.

Doch weshalb sollte man sich eigentlich ständig selbst prüfen? Könnte es nicht auch sein, dass sich dauernd mit sich selber zu beschäftigen ungesund, ja kontraproduktiv ist und der eigenen Person eine Wichtigkeit zumisst, die nicht nur unangemessen, sondern ziemlich lächerlich ist?

Seit je her haben mich Fragen zu Leben und Tod umgetrieben. Und beunruhigt. Da können Therapeuten, die an das glauben, was sie an der Uni gelernt haben, nicht helfen. Da muss man selber durch, grösstenteils alleine, gelegentlich mit Hilfe Gleichgesinnter.

Schreiben hilft mir. Weil es mich zwingt, mich klar auszudrücken. Wer sich nicht klar ausdrücken könne, habe nicht klar gedacht, hat einmal ein in der Schweiz berühmter Juraprofessor gesagt. Ich weiss bis heute nicht, ob das wirklich stimmt. Doch ich bin davon überzeugt. Und geprägt.

Ich stelle mir vor, dass das Schreiben mir hilft, Illusionen zu verlieren. Mir weniger vorzumachen, realistischer zu werden, mehr da zu sein. Denn so recht eigentlich geht das Leben ständig an mir vorbei, entgleitet mir, verflüchtigt sich, kriege ich es nicht zu fassen.

Schreiben ist für mich vor allem der Versuch, das Leben irgendwie wirklicher werden zu lassen.

Baikal – Amur

Es ist jedes Mal eine Freude, ein Buch der Verlagsbuchhandlung Liebeskind in Händen zu halten, denn ein schön gestaltetes Buch ist auch eine Freude für die Sinne. Mit anderen Worten: Olivier Rolins Baikal – Amur (liebeskind, München 2018) ist ein Buch, das ich auch aus ästhetischen Gründen gerne lese. Und umso mehr als mich dieser Reisebericht sofort in seinen Bann zieht.

Fünftausend Kilometer Bahnfahrt liegen vor ihm. Vieles an dieser Zugfahrt erinnert an vergangene Zeiten und das macht ihren Charme aus. „Langsam zieht die typische sibirische Landschaft vorbei, zutiefst melancholisch, dazu das Stakkato der Räder über den Schraubverbindungen der Schienen, und manchmal wird alles überdeckt von einem der endlosen Güterzüge, die entgegenkommen (auch das sieht man kaum noch, auch das erinnert an die Kindheit,).“ Starke Bilder, mir ist, als sei ich vor Ort mit dabei.

Olivier Rolin reist mit seinem Übersetzer und Freund Waleri, einer unerlässlichen Hilfe in diesem riesigen Land, wo uns vertraute Worte wie ‚Land‘, ‚Provinz‘ oder ‚Region‘ nicht ‚funktionieren‘. „Der Raum verlangt nach Worten, die wir nicht haben. Selbst der Begriff ‚Wald‘, bei dem man an Picknick und Pilzsammler denkt, ist keine angemessene Bezeichnung für die unermessliche Weite der Taiga.“ Elfmal so gross wie Frankreich ist sie und man könnte die Vereinigten Staaten einschliesslich Alaska und Westeuropa reinpacken und hätte dann immer noch Platz.

Russland ist kein „normales“ Land, die Menschen dort haben Katastrophen erlebt, „von denen wir uns keine Vorstellung machen und die es uns einfach nicht erlauben, sie nach unseren bequemen Gewissheiten zu beurteilen.“ Gewöhnungsbedürftig sind auch die Hotels, in denen die beiden Reisenden absteigen. „Es sind Luxus-Zimmer, richtige Suiten. Aber nach sowjetischem Geschmack eingerichtet: orangefarbener Teppichboden, gelbliches Sofa mit geometrischem Muster, gelbliche Vorhänge, dunkelbraun furnierte Möbel, an der Decke eine spärlich beleuchtete Glaskugeltraube als Lampe, ein golden schillernder Bettüberwurf, Schwäne mit ihren Küken beim Schwimmen schmücken die Wand (fast hätte ich geschrieben ‚beim Stillen‘). Die riesigen Heizkörper stehen auf Ziegelsteinen, die das Gewicht tragen, die Steckdosen sitzen schief und hängen so weit aus der Wand, dass man sie, typisch sowjetisch, beim Ziehen des Steckers vollends herausreisst.“

Dass die Russen mit den Zuständen rundum zufrieden seien, lässt sich schlecht behaupten. Doch auch wenn die Dinge selten so sind, wie sie sein sollten  „In Sewerobaikalsk führte beispielsweise eine Betontreppe von beiden Seiten auf eine Fussgängerbrücke über die Bahngeleise, die unser Hotel, das in der Nähe des Sees lag, vom Stadtzentrum trennte. Doch keine der Stufen, und ich meine wirklich keine, hatte dieselben Masse, weder in der Höhe noch in der Breite: Jede war gewissermassen eine Originalschöpfung, wodurch die Treppen nachts für einen Betrunkenen zu einer halsbrecherischen Herausforderung wurden (eine Situation, in der ich mich, darauf lege ich Wert, nie befunden habe; doch Betrunkene in der Nacht, die gibt es in Russland wie anderswo, und vielleicht sogar ein wenig häufiger).“ – , nicht wenige trauern den sowjetischen Zeiten nach, denn alle hatten damals Arbeit, es gab Schulen, Renten und jeder hatte ein Dach über dem Kopf.

Wie jede Reise so bietet auch diese eine Gelegenheit, sich mit Land und Leuten (und mit sich selber) auseinanderzusetzen. Dabei macht Olivier Rolin vor allem deutlich, dass unsere bequemen westlichen Wertvorstellungen weit weg von der russischen Realität sind, wo es um einiges wilder zu und her geht, als man sich das im Westen gewohnt ist. Und auch wesentlich emotionaler, leidenschaftlicher.

Unterwegs zu sein, bedeutet ja auch immer, auf andere Reisende zu treffen und sich mit ihnen auszutauschen. Ein Norweger, der sechsundneunzig Länder bereist hat, ohne ein Flugzeug zu nehmen, auf die Frage nach der schlimmsten Zugstrecke: Dakar–Bamako. „Kein Bettzeug, vierhundert Kakerlaken. Die schlimmsten Scheisshäuser, fügt er hinzu, gab es von Livingstone nach Kapiri Mposhi in Sambia: kein Fenster, kein Licht, nur ein Loch im Boden, den Türgriff musste man vom Schaffner erbitten und bloss nicht die Taschenlampe vergessen.“ Übrigens: die langsamen (ein Glück, wer will den bloss durchs Leben rasen?) russischen Züge verfügen über einen Samowar und in den Liegewagen gibt es gestärkte, tadellos weisse Bettwäsche.

Baikal – Amur ist auch eine Reise in die russische Vergangenheit. Eine der mir liebsten Geschichten stammt von den drei heroischen Fliegerinnen Walentina Grisodubowa, Polina Ossipenko und Marina Raskowa, die 1938 den weiblichen Rekord im Fernflug brachen, über der unbewohnten Taiga abstürzten und überlebten. Wiederholt weist Rolin auch auf die Lager und Massengräber hin, die die russische Landschaft unter ihrer Oberfläche birgt. Er tut seinen Teil dazu, dass das System des Gulags, das „für Generationen die Verrohung der Verhaltensweisen, die Achtlosigkeit gegenüber anderen in die Menschen einpflanzte“, nicht aus dem Gedächtnis verschwinden und um „einige Bilder dieser Geschichte aus der Nacht unserer selbst gewählten Blindheit ans Licht zu bringen und zu vergegenwärtigen.“

Fazit: Eine lebensphilosophische Zeitreise, witzig, differenziert und engagiert.

Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn

Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien. Niklas Luhmann hat das geschrieben. Und dass wir, obwohl wir diesen Massenmedien nicht wirklich trauen, trotzdem unser Weltbild auf ihnen aufbauen. Von Journalisten, die älter waren als er selber, hatte Harry sich in früheren Jahren bereitwillig informieren lassen. Dass er jedoch jemanden ernst nehmen sollte, der mit ihm zusammen die Schulbank gedrückt hatte, einfach weil der jetzt in Talkshows auftrat (ein Zeichen für stromlinienförmige Angepasstheit), schien ihm absurd.

Es sind die Werte, auf die unser System – in der Praxis, nicht in der Theorie – aufbaut (Gier und Selbstvermarktung), die immer mal wieder denkbar schlecht Geeignete, seien es Rücksichtslose, seien es Rückgratlose, in Führungspositionen hieven. Das sind Ausnahmen? Eher die Regel. Es gehört zu Donald Trumps (womöglich ungewollten) Verdiensten, der Welt in einem noch nie dagewesenen Mass vor Augen zu führen, wie krank unser System ist, wie sehr wir uns alle in die Tasche lügen. Der Mann macht nämlich genau das, was Politiker eben tun: seine Interessen vertreten. Nur viel viel offensichtlicher.

Wenn die Massenmedien einen so offenkundig Gestörten (niemand würde ein Flugzeug besteigen, das von so einem Mann gesteuert würde) behandeln, als ob er zurechnungsfähig sei (Wird das Amt ihn verändern? Macht er gerade eine steile Lernkurve durch? Ist sein Lügen eine Strategie? Hat er nicht mit vielem auch Recht? Etc. etc.), liefert das zwar interessanten, unterhaltenden und aufschlussreichen Gesprächsstoff, ist jedoch auch ziemlich besorgniserregend. Denn von einem, der nicht alle Tassen im Schrank hat, vernünftiges Verhalten zu erwarten beziehungsweise zu fordern, lässt die Tassen im eigenen Schrank nicht allzu gut aussehen. Vernünftiger wäre, wenn die Medien sich selber ändern und ihre Aufmerksamkeit fortan ausschliesslich auf die, die von den Handlungen der Politiker betroffen sind, richten würden.

Natürlich machte er sich diesbezüglich keine Illusionen. Von privaten Institutionen und Organisationen etwas anderes als Profitdenken zu erwarten, schien ihm nachgerade absurd, denn schliesslich war Geld zu machen ihre raison d’être. Überhaupt, so dachte es immer öfter in Harry, sollte man den richtig Gutverdienenden (nein, das ist nicht relativ) eigentlich nie zuhören. Aus Prinzip. Denn die meinten es nur gut mit sich selber. Kaum hatte er diesen Satz notiert, tauchte eine Stelle aus Jean-Paul Dubois‘ Ein französisches Leben in seinem Bewusstsein auf. „Die Politik war in ihren Augen eine Tätigkeit für Rentner oder Snobs, ein Hobby, irgendwo zwischen dem Sammeln von Briefmarken und Golf angesiedelt. Man muss viel Zeit haben, sagte sie, um sich für Männer zu interessieren, die sich einen Dreck um andere scheren. Und Marie hatte viel zu wenig Zeit, um sie mit Diskussionen über Dinge zu vergeuden, die sowieso nichts brachten.“

Eigenartig und faszinierend, wie die Gedanken durch die Gegend sprangen. Fast nie war er geistig und seelisch da, wo sich sein Körper befand. Und wie das Hirn ihn dann zur Besinnung rief, ihm eine Geschichte erzählte, die er verstehen konnte, Halt und Orientierung gab. Deshalb musste eine Geschichte auch einen Anfang, einen Mittelteil und ein Ende haben. Doch so ist das Leben nicht.

He didn’t answer. He rather said: ‚It is possible to think this: without a reference point there is meaninglessness. But I wish you’d understand that without a reference point you’re in the real.‘ Sharon Cameron: Beautiful Work: A Meditation On Pain

Nein, Nein, Harry war es nicht darum zu tun, das Leben abzubilden, wie es ist; er fand ein solches Unterfangen überheblich und grotesk, denn wir sind nicht geschaffen, das Leben zu verstehen. Wir versuchen es natürlich trotzdem, denn Einsichten helfen bekanntlich selten – und wenn doch, dann wenig.

Er hatte nichts gegen Geschichten mit Anfang, Mittelteil und Ende. Im Gegenteil, er mochte solche Geschichten. Doch so sehr ihm das ihnen zugrunde liegende Konzept auch einleuchtete und so begeistert er Bücher von den Meistern dieser Denkweise verschlang (Sollte er auch Meisterinnen hinzufügen? Nein, ganz klar Nein, dieses politisch Korrekte, das ja mal als vernünftige Idee gestartet war, ging ihm so was von auf den Keks, er würde es lassen, mit den vagen Schuldgefühle müsste klar zu kommen sein), er störte sich daran. Ihm waren diese Vorgaben zu artifiziell, konstruiert und ja, lebensfeindlich. Akademiker dachten so, in Kategorien und Systemen. Sein Leben war nicht mit einer Geschichte zu fassen, die nach den Gesetzen der gängigen Logik funktionierte. „Aber es wäre wahrlich ein Narr, wer annähme, dass irgendein Leben einer schlichten Folgerichtigkeit gehorcht, oder verdient wäre, oder selbstverständlich.“ (Robert Creeley: Autobiographie).

Das Leben war mühsam, ein Krampf. Toujours négatif, hein? Klar, es gab auch tolle Momente, am liebsten waren ihm Orgasmen. Doch einfach so zu sagen Das Leben ist schön, das war nicht sein Ding, denn allzu vieles war eindeutig nicht schön. Dass man sterben musste zum Beispiel.

Woody Allen on Death: I’m strongly against it.

Damit konnte Harry was anfangen. Ja, möchtest du denn ewig leben? Was so recht eigentlich keine Frage war, denn die Antwort wurde ja gleich implizit vorgegeben. Konnten diese Leute denn nur in Entweder/Oder denken? Er jedenfalls würde liebend gerne ewig leben, wenn das Leben so schön wäre, wie diese Leute behaupteten. Du unterliegst da einem Denkfehler, wies er sich zurecht, denn schön ist das Leben ja genau deswegen, weil es endlich ist. Das leuchtete ihm zwar ein, überzeugt war er trotzdem nicht. Und überhaupt konnte man sich ja auch etwas wünschen, von dem sehr unwahrscheinlich war, dass es eintrat.

Die uns liebsten Geschichten haben ein Happy End und kommen aus Hollywood, aus Filmstudios, die man eigenartigerweise auch als Traumfabrik bezeichnet. Ganz so, als ob Träume nichts anderes als Wunschvorstellungen seien. Harrys Träume waren anders, sie gehörten zur Albtraum-Variante. Schon seit längerer Zeit wachte er des Morgens mit einem Klumpen im Magen auf. Und ohne Bedürfnis, seine Träume zu analysieren. Traumdeuter hielt er für eingebildete Scharlatane, noch verblendeter als jene, die glaubten, aus der Geschichte könne man etwas lernen, obwohl er spannend und anregend fand, wie das Hirn im Nachhinein Sinn herstellte. Alles im Dienste des Überlebens, denn ohne Sinn und Zweck war der Mensch am Arsch und so machte das Hirn ihm eine Realität plausibel, von der dieser Mensch so recht eigentlich wissen konnte, dass es sie gar nicht gab und nichts als eine Illusion war, jedoch eine ziemlich beständige, wie Einstein einmal gesagt hatte.

Die Medien berichteten vom Treffen der G20 in Buenos Aires, von sogenannten Leadern, von denen sich nicht wenige kaum von Mafia-Bossen unterschieden. Harry hielt wenig von der Demokratie, die setzte den mündigen Bürger voraus und der war schwer zu finden. Nicht, dass er sich diesbezüglich gross Gedanken gemacht hätte. Das taten die Wähler ja meistens auch nicht. Ihm genügte, sich das Ergebnis anzuschauen. Mundus vult decipi, hiess es bei den alten Römern, die Welt will betrogen werden.

Hans Durrer: Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten. (Work in Progress).

Kongo

Am 15. November 1884 begann in Berlin die Kongokonferenz – die europäischen Mächte wollten Afrika unter sich aufteilen, der belgische König Leopold wollte unbedingt sein Land vergrössern. Wie Eric Vuillard die Akteure sowie den Konferenzort schildert, lässt einen die Politik als das sehen, was sie in Wirklichkeit ist – die Durchsetzung des eigenen Vorteils um jeden Preis. Doch dieser originelle Autor tut noch einiges mehr – er macht auf ganz viele aufschlussreiche Details aufmerksam, die es lohnt, im Kopf zu behalten, wenn man sich der stromlinienförmigen Berichterstattung der Massenmedien aussetzt, denn die in Kongo geschilderten Verhaltensweisen sind sich in etwa gleich geblieben. Und auch die Interessen haben sich nicht wirklich geändert. So sind zum Beispiel nach wie vor diejenigen für den freien Handel, die von ihm profitieren.

Eingeladen hatte Bismarck, Kanzler eines Reiches ohne jegliche Kolonialerfahrung, dessen Name vielfältige Berühmtheit erfahren sollte. „Er, der seinen Namen einem Heringsgericht geben sollte, einem Farbstoff mit sensationellen chemischen Eigenschaften sowie der Pflanzengattung Bismarckia – ein Blätterfächer oben auf einem fasrigen Stamm, mit anderen Worten: die Bismarckpalme –, er, dem zu Ehren ein Archipel, mehrere Berge, ein Meer und sogar, weiss Gott warum, die Hauptstadt von North Dakota, ein trauriger Staat im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten, ein Kaff mit kaum mehr Einwohnern als Bourg-en-Bresse, auf seinen Namen getauft wurden, er also, dem zu Ehren all diese Dinge seinen Namen annehmen sollten oder bereits angenommen hatten, lud Frankreich, Grossbritannien, die Vereinigten Staaten, Portugal, Österreich-Ungarn, Belgien, Dänemark, Spanien, Italien, die Niederlande, Russland, Schweden und die Türkei nach Berlin ein; dazu die unzähligen Krankheiten, die ihn Tag für Tag begleiteten …“. Der Satz ist noch lange nicht zu Ende, doch man kann bereits unschwer erkennen, dass dem Autor Details wichtig sind und aus gutem Grund, denn auf diese kommt es an. Immer. Doch werden sie nur selten so hervorgehoben wie von Eric Vuillard in Kongo (Matthes und Seitz Berlin 2018).

Detailliert schildert er auch das Palais Radziwill, wo die Konferenz stattfindet, und ebenso einige der einflussreichsten Teilnehmer, denen vieles durch den Kopf geht, von dem weder ihre Gesprächspartner noch die Öffentlichkeit etwas weiss. „Hier also Alphonse Chodron de Courcel, eine der formschönsten Nasen der Welt! Der Mann geht äusserst langsam, von wer weiss welch tiefsinnigen Gedanken umweht. Doch in Wirklichkeit sieht man, wenn man sich über seinen Schädel beugt und ein kleines Loch hineinbohrt, sein rundum weisses Hirn und erfasst mit einem Blick das Grundmuster seiner Gedanken. Und plötzlich ahnt man, dass er gerade schlicht und einfach an die Pflege seines Parks denkt; er fragt sich, ob die Gärtner das Stutzen der Hecken, der kleinen, um die Rotunde gruppierten Buchsbaumpyramiden nicht ein bisschen nachlässig behandeln. Doch offen bleibt, ob er an den Park des Schlosses in Athis oder in Avaucourt denkt …“.

Ganz im Gegensatz zu dieser Schilderung des sogenannt zivilisierten Lebens präsentieren sich die Verhältnisse im Kongo. „Den Kongo, den gibt es nicht. Da ist nur ein Strom und ein grosser Wald. Das macht achtzig Mal Belgien, und sogar achtzig Mal nichts ergibt irgendwann etwas.“ In diesem riesigen Gebiet nun schwingen sich kleine Brüsseler Beamte zu Dschungelherrschern auf oder etwas weniger prosaisch: sie drehen durch, und zwar völlig. Zum Beispiel Léon Fiévez, der den Befehl erteilt, denen die Hände abzuhacken, die nicht genug Kautschuk ernten. „Die Bevölkerung nimmt ab. Es heisst, dass man Fiévez einmal an einem einzigen Tag 1 308 Hände brachte. 1 308 rechte Hände, 1 308 Menschenhände. Das musste komisch sein, dieser Haufen Hände. Erst einmal fragt man sich, was es ist, wie auf dieser Fotografie, mit der die Eingeborenen in Begleitung des Missionars John Harris etwas vor sich halten. Das Bild ist deplaziert, merkwürdig. Sie halten zwischen ihren Händen Hände.

Überzeugender kann man kaum zeigen, wie Worte Bilder im Kopf erzeugen. Starke Bilder, die einen begleiten. Weil diese Bilder Emotionen auslösen. Kongo ist ein eindrückliches Buch, das nachhallt.